Therapieversagen
Die weltweiten Finanzmärkte funktionieren nicht! Sie müssen also reguliert werden, mehr Transparenz muss per Gesetz hergestellt werden, kurzfristig muss Liquidität zur Verfügung gestellt werden, von der Pleite bedrohte Banken müssen gerettet werden – besonders wenn es sich um öffentliche Unternehmen handelt. Man konnte vorausahnen, was im Anschluss an die Abwärtsbewegungen der letzten Wochen an den Weltbörsen folgt. Doch warum sind eigentlich Abwärtsbewegungen ein Zeichen für „Marktversagen“ (was immer das sein mag)? Warum nicht der Aufwärtstrend davor, der immerhin einige Jahre anhielt?
Die Intransparenz verschiedener Finanzderivate sei die Ursache für die Turbulenzen, so wird behauptet. Die Anleger können die Risikostruktur gar nicht mehr durchschauen, sie wussten gar nicht, welche Risiken einige Banken in ihren Büchern hatten. Außerdem hätten die Ratingagenturen versagt (und müssen auch irgendwie reguliert werden, wie Minister Steinbrück meint). Vielleicht haben die Ratingagenturen tatsächlich versagt, vielleicht haben viele Banken und Fonds zu riskant investiert. Wenn es also jetzt großes Misstrauen gegenüber Bankaktien gibt, so ist das nur gesund. Es spricht gerade dafür, dass die Märkte funktionieren. Wenn in den USA Banken und Fonds vom Markt verschwinden, die sich gründlich verkalkuliert haben, so ist das ebenfalls ein ganz normaler Prozess.
Viel gefährlicher als die Pleite von einigen Banken und sinkende Aktienkurse sind die Therapien, die dagegen angewandt werden oder geplant werden. Da wären zunächst einmal die Liquiditätsspritzen in Milliardenhöhe, die die Zentralbanken als Kredite zur Verfügung stellten. Sie nähren die Illusion, dass die Geldmenge und die Zinsen Stellschrauben seien, an denen Zentralbanken einfach so drehen können, um wirtschaftliche Problem zu lösen. Das hat leider viel zu lange scheinbar funktioniert – und letztlich zur Kreditblase in den USA und anderswo beigetragen. Das dahinter stehende Grundproblem ist das staatliche Geldmonopol.
Die Rettung von Banken und Fonds, die sich verspekuliert haben, ist kontraproduktiv und heizt Spekulationen auf Kosten Dritter an. Wenn immer ein Retter bereitsteht, kann man fast jedes Risiko eingehen. Das Bankrottrisiko ist dagegen die beste Risikovorsorge. Und eines ist klar: Der notwendigerweise extrem kurzsichtige Staat und seine Bürokratien sind denkbar ungeeignet, Risiken richtig abzuschätzen. Bei ihren Fehlspekulationen (von der Rente bis zu staatlichen Investitionen) gibt es immer einen Retter: den Bürger. Deshalb ist die Lernkurve von Staaten noch flacher als die von privaten und institutionellen Anlegern.













Die Rettung von Banken und Fonds, die sich verspekuliert haben, ist kontraproduktiv und heizt Spekulationen auf Kosten Dritter an.
Ich habe oft das Gefühl, es steckt 1. das Bestreben dahinter, Kapitalisten sollten in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt werden, 2. ein Missfallen gegenüber der Dynamik des Marktes - Unternehmen kommen und gehen, heute top morgen flop. Die Gegner des Kapitalismus od. zumindest der Börsen wollen es schön übersichtlich und statisch. Eine nichtstatische Wirtschaft bereitet ihnen Bauchschmerzen. Schade, dass so vor allem kontraproduktive Effekte das Ergebnis sind - wie beim oben zitierten Satz.
[...] Schreibt Sascha Tamm da gegenüber. [...]
Sehr gut auf den Punkt gebracht!
Die einzige Situation, in der Rettungsaktionen von Zentralbanken mir sinnvoll erscheint, ist ein Bankenrun. Wenn also gesamtwirtschaftlich das Vertrauen in die Sicherheit der Bankeinlagen verschwindet.
Fehlspekulationen und Blasen sind es nicht. Vor allem dann nicht, wenn die vergangene Geldpolitik ein Hauptverursacher dieser Krisen ist.
In den vergangenen Wochen haben wir aber gesehen, dass es nichtmal einer Zentralbank in allen Fällen bedarf, um Banken in solchen Situationen zu retten. Vor allem dann nicht wenn sie öffentlich-rechtlich getragen sind und es am Ende den Steuerzahler gibt, dem man in die Tasche langen kann.
Nebenbei bemerkt: Es ist doch sehr auffällig, wenn eine öffentliche Empörung über die Spekulationen staatlicher Großbanken völlig ausbleibt. Ich frage mich, was es für einen Aufruhr gegeben hätte, wenn zB stattdessen die private(böse,böse!) Deutsche Bank betroffen wäre.
Nun, so schön ein Marktmechanismus ist - diesmal hat er versagt. Und zwar nicht wegen der niedrigen Zinsen der Zentralbanken, über die noch vor gar nicht all zu langer Zeit vor allem die Freunde des Marktes jubelten, sie seien die Rettung vor einer Verschlimmerung der Dot-com-Krise.
Und weil sich jemand anderes schon die Mühe gemacht hat, zitiere ich hier mal den “Herdentrieb” und einige Vorschläge daraus zur Regulierung:
“Ist es nicht klüger von vorneherein eine Regulierung zu schaffen, die übermäßige Verschuldung untersagt? So wie Basel I, das den Banken „nur“ das 12fache Verleihen ihrer Einlagen erlaubt. Aber Basel II geht da schon wieder weiter, unterscheidet zwischen guten und schlechten Schuldnern. Ein Irrweg, wie die schwache Performance der Ratingagenturen zeigt (Die Ratingagenturen haben sich mal wieder so blamiert, dass ihre Macht gebrochen werden muss. Am besten, in dem sich jede Agentur Rate-Agentur nennen darf, die das möchte. Dann gibt es so viele Meinungen wie bei den Aktienanlysten und „der Markt“ hört auf niemanden mehr).
Nichts gegen Hedgefunds, die auch auf fallende Kurse setzen können. Aber bitte onshore und reguliert wie die anderen Fonds sowie mit einer Obergrenze für den Hebel. Nichts gegen Private Equity. Aber Eigenkapitalräuber braucht niemand. Nichts gegen hohe Renditen bei den Unternehmen, aber wenn sie nur durch Finanzmathematik zu Stande kommen und am Ende hoch verschuldete Bilanzen übrig bleiben, haben sie keine Berechtigung. Nichts gegen Carry Trades. Aber Zielzonen für die großen Währungen der Welt wie Dollar, Euro und Yen wären nicht schlecht, um die Übertreibung der Spekulanten einzudämmen.”
Regulierung der Finanz-Märkte muss sein, denn sonst versagen diese, wie derzeit zu beobachten. Und nur schnelle Interventionen der Zentralbanken haben schlimmeres bislang verhindert. Es geht dabei nicht um ein statisches Wirtschaftssystem wie in einem früheren Kommentar behauptet, sondern um die Eindämmung einer unserer nur allzu menschlichen, aber nicht gerade sehr vorteilhaften Eigenschaften: der Gier.
“Nun, so schön ein Marktmechanismus ist - diesmal hat er versagt.”
Inwiefern? Solange nur Institute Probleme haben oder insolvent werden, die im Sub-Prime- und ABS-Geschäft involviert sind, liegt ja keine negative Externalität vor. Erst wenn die Krise die gesamte Finanzwirtschaft mit ihren Teilnehmern erfasst, scheint mir der Eingriff von Zentralbanken sinnvoll.
Übrigens die jetzige Krise könnte man umgedreht auf das Versagen staatlicher Institutionen zurückführen. Die expansive Geldpolitik der vergangen Jahre sorgte für eine Liquiditätsschwemme und historisch “abnormale” niedrige Volatilitäsraten. Das Zusammenspiel von strenger Regulierung auf nationaler Ebene und Bergen von Geld auf der Suche nach Rendite machte off-shore Hedge Funds, mit ihrem Versprechen einer absoluten Rendite in jeder Marktsituation, (böse, böse!) erst richtig attraktiv für institutionelle Investoren. Der erste HF wurde Ende der 40er im letzten Jahrhundert aufgesetzt. Richtige Renner und Global Player wurden sie aber erst in der letzten Dekade. Wobei angemerkt werden muss, dass hier die technologische Entwicklung auch eine Rolle spielt. Mit der heutigen Technik sind komplizierte finanzmathematische Modelle wesentlich einfacher zu berechnen. Was den Hedge-Funds-Markt beflügelte, führte in ähnlicher Weise zum rasanten Aufstieg des Markts für Verbriefungen.
Wie dem auch sei, die Risikoaversion von Investoren nahm auf Grund dieser Entwicklung weltweit enorm ab. Unter anderem auch, weil die Zentralbanken ihnen mit ihren Rettungsaktionen zeigten, dass Notfalls ihnen der geldpolitische Rettungsring zugeworfen wird. Moral Hazard at its best.
Vermögenspreisinflation war schließlich eine der Folgen. Dazu gehören auch Immobilienpreise. Und hier kommen wir zum Sub-Prime-Geschäft. Entgegen allgemeiner Auffassung ist dieses nämlich nicht über die gesamte USA gleichmäßig verstreut, sondern konzentriert sich auf bestimmte Regionen.
Thomas Sowell legte dazu dar, dass diese Regionen besonderen staatlichen Einschränkungen im Baugwerbe bzw. beim Bauland unterworfen sind. Die Verknappung von Bauland führt logischerweise zu höheren Preisen für Bauland. Viele Häuslebauer konnten sich das überteuerte Wohneigentum nur durch Hypotheken leisten. Die Hemmschwelle dies zu tun, war auf Seiten von Hypothekenbanken und Kunden gering, wegen den rasant steigenden Immobilienpreisen und der Annahme, das dies so weiterginge. Das viele Beteiligte die Gefahr von Zinserhöhungen, die das Bedienen der Hypotheken verteuern, anscheinend ausblendeten, kann ich mir nur durch die gesunkene Risikoaversion und die Euphorie bei allen Beteiligten (Häuslebauern, Hypothekenbanken, Verbriefungsgesellschaften, institutionellen Investoren etc) erklären.
Wie es mit den Hypotheken weiterging, brauch ich ja nicht weiterausführen:
Abtreten, Tranchieren, Raten, Verkaufen.
Ob meine verkürzte Darstellung der Zusammenhänge in allen Punkten zutreffend ist, will ich nicht behaupten. Mir erscheint es aber am plausibelsten.
Ich will auch nicht behaupten, dass es überhaupt keine Regulierung geben sollte. Zum Beispiel scheint mir die Praxis sogenannte Special Purpose Vehicle, die das Verbriefungsgeschäft betreiben, nicht in der Bilanz aufzuführen, gegen das Transparenzgebot zu verstoßen. Vielleicht hätten die Risiken damit früher erkannt werden können. Ob das die Krise verhindert oder abgeschwächt hätte, ist aber reine Spekulation( und die ist bekanntlich böse, böse! =P).
Allerdings bin ich strikt gegen weitere Eingriffe in den Markt und mehr Macht für Aufsichtsbehörden. Die Gefahr, dass dort Scheisse gebaut wird, ist erstens wesentlich größer und zweitens weil die Behörden der Entwicklung an den Finanzmärkten radikal hinterherhinken. Das regulatorische Monstrum Basel II ist praktisch schon veraltet, wenn es eingeführt wird (Die Übergangsphase geht jetzt langsam zu Ende). Ich bin mir außerdem nicht sicher, was man von einem Regelwerk für die Finanzwelt halten soll, dass für Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch keine Unterlegung vorsieht.
Mehr Regulierung ist nicht der richtige Weg. Schon allein, weil es eine weltweite einheitliche Regulierung nie geben wird (Zum Glück!!!). Off-Shore Hedge Funds sind der Beweis.
Es muss meiner Meinung nach bei der Geldpolitik der “unabhängigen” Zentralbanken angesetzt werden. Hier steckt mehr Präventionspotential.