Widerstand ist zwecklos! Sie werden assimiliert!

30.08.2007 20:40 - Statler & Waldorf by Statler - 9 Kommentare

Also, was tut sich denn so in den Wirtschaftswissenschaften? Wenn man sieht, woran die großen Fische im Teich gerade arbeiten, dann drängt sich jedenfalls der Eindruck auf, daß die Öffnung für Einflüsse aus den Nachbardisziplinen in eine weitere Runde geht. Benabou entdeckt den mit psychologischen Kosten zu erklärenden Groupthink, wenn er sich fragt, wieso in so vielen Organisationen und in der Politik verfügbare Informationen einfach ignoriert werden und man sehenden Auges Entscheidungen auf der Grundlage von falschen Vermutungen trifft. Tabellini interessiert sich neuerdings für die Frage, ob formale politische Institutionen auf in der Bevölkerung verbreiteten Werten basieren, oder ob Werte erst durch formale Institutionen verbreitet werden — und greift dabei sogar auf Datensätze von Sprachwissenschaftlern zurück.

Werden also die Wirtschaftswissenschaften “weicher“? Weit gefehlt, Benabous formales Modell ist komplex wie eh und je, Tabellini macht weiterhin state-of-the-art Ökonometrie. Die Methoden bleiben erhalten, werden weiterhin geschärft, aber das Interessensgebiet dehnt sich aus. Vielleicht steht also doch eher eine neue Welle des ökonomischen Imperialismus an? In den angelsächsischen Top-Journals der Politologen kann man schon heutzutage kaum noch etwas veröffentlichen, wenn man nicht entweder ein Rational-Choice-Modell (wie in der ökonomischen Theorie) oder quantitative Empirie (mit ökonometrischen Methoden) vorlegt. Insofern: Zieht Euch warm an, in den Nachbardisziplinen!

Ob ich persönlich das gut finde, das ist eine andere Frage. Eigentlich gäbe es noch genügend offene, im engeren Sinne ökonomische Fragen, an denen wir uns abarbeiten sollten.

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9 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

David, 30.08.2007 21:35

“und greift dabei sogar auf Datensätze von Sprachwissenschaftlern zurück.

Werden also die Wirtschaftswissenschaften weicher’?”

Sprachwissenschaft ja nicht notwendigerweise “weich”, und Psychologie auch nicht, glaube ich…

 
David, 30.08.2007 21:36

Woran entscheidet sich eigentlich, ob meine Kommentare gleich durchkommen oder nicht?

David, 30.08.2007 21:37

Hm! Ganz komisch…

 
 
Gast, 30.08.2007 23:21

Zieht euch warm an in den Grenzbereichen sollte es heissen.Rational Choice wuerde ich in seiner reinsten form nicht mal den Wirtschaftswissenschaften zuordnen. Optimiert wurde dieser Approach in den social sciences und angewendet wird er schon lange nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften. Macht aber nichts. Wenn die Annaeherung dafuer sorgt das hoehere Qualitaets Massstaebe gesetzt werden profotieren Frau Sowohl und Herr Als Auch gleichermassen.

 
Diskus, 03.09.2007 22:55

Dürfte ich kurz erfahren, weshalb Ökonomie als “härter” zu klassifizieren ist als Linguistik und Psychologie? Ich bin weit davon entfernt, diese Disziplinen zu verunglimpfen, aber verglichen mit Naturwissenschaften sind alle drei weich, weil zwei Aspekte fehlen:

1. Ein Satz von Axiomen, ein mathematisches Fundament.
2. Strenge Falsifizierbarkeit durch ein Experiment.

Ich bin mir durchaus im Klaren, daß es seit Neuestem experimentelle Ökonomie gibt, aber sonderlich belastbar und wirklich objektiv im naturwissenschaftlichen Sinne scheinen mir solche Experimente nicht zu sein. Bin aber sehr gern bereit, dazuzulernen.

David, 03.09.2007 23:16

Naja, nicht ganz. Die Frage nach der vollständigen Axiomatisierung der Physik, Hilberts 6. Problem, ist bis heute nich beantwortet. Für die Linugistik kann ich sagen, daß der genaue Modus der Falsifikation und der Bewertung empirischer Daten tatsächlich z.T. zu wünschen übrig läßt, was vor allem dort der Fall ist, wo Sprache auf eher außergewöhnliche Weise verwendet wird, sozusagen in “Randgebieten” – die Frage ist dann, was man eigentlich von den Daten zu halten hat. Es gibt jedoch inzwischen exakte Formalismen und darin formulierte sehr brauchbare Theorien, die einiges an klar bewertbarem Datenmaterial exakt vorhersagen und gegen solches auch zu falsifizieren sind.
Daß natürliche Sprachen allerdings ein Gebiet voller Außergewöhnlichkeiten und Stolperfallen sind, kann (leider) auch nicht geleugnet werden; ebensowenig, daß leider nicht alle Linguisten um exakte Formulierung ihrer Theorien bemüht sind – der Grund, warum ich oben schrieb “nicht *notwendigerweise* weich”.

David, 03.09.2007 23:26

Nachtrag:

“daß leider nicht alle Linguisten um exakte Formulierung ihrer Theorien bemüht sind”

Deswegen kann ich Statler auch prinzipiell verstehen; die Bemühung um mathematisch-logisch explizite Formulierungen dürfte in der Ökonomie durchaus verbreiteter sein als in der Sprachwissenschaft. Aber ich glaube, daß beide Wissenschaften gemein haben, bisher nur bruchstückhafte Fragmente des Ganzen beschreiben zu können (lasse mich da ja gerne von Ökonomen korrigieren) und vielleicht auch, daß es niemals viel mehr als das werden wird.
Es ist aber schon ein Vorteil, diese Fragmente zumindest *klar* beschrieben zu haben, um die Zugehörigkeit eines Datums zum Fragment stets beurteilen zu können – da ist die Ökonomie sicherlich oft disziplinierter.

 
 
Statler, 04.09.2007 09:38

So, jetzt habe ich endlich auch wieder Zugriff auf unser Blog.

Also, ich denke, was die Ökonomie auf der theoretischen Seite auszeichnet, das ist tatsächlich der relativ hohe Grad der Formalisierung. Indem man mathematisch theoretisiert, wird man gezwungen, seine Annahmen und die logischen Zusammenhänge zwischen diesen ganz klar offenzulegen. Man argumentiert rigoroser, das überträgt sich sogar auf den Stil rein verbaler Arbeiten, die man ja auch noch manchmal schreibt.

Und natürlich gibt es keine vollständige Axiomatisierung, aber zumindest einen Analyserahmen, dem fast alle Ökonomen zustimmen können, und der aus methodologischem Individualismus und einer einfachen Rationalitätsannahme besteht. Klingt simpel, eröffnet aber doch eine ganz bestimmte Perspektive, die wieder von Anfang an eine gewisse Stringenz in die Theorie bringt. Bei den Psychologen beispielsweise hat man das soweit ich weiß nicht, da wird viel mehr ad hoc postuliert.

Auf der empirischen Seite würde ich zustimmen, daß Laborexperimente bei uns nur begrenzte Aussagekraft haben, weil der Laborkontext das Handeln in irgendeiner Weise beeinflussen kann. Aber bei der Arbeit mit Felddaten hat die Ökonomik inzwischen ein Instrumentarium an ökonometrischen Methoden entwickelt, das glaube ich in anderen Sozialwissenschaften seinesgleichen sucht, bzw. inzwischen schlicht von diesen adaptiert wurde. Und das erlaubt dann zumindest die solide, quantitative Analyse von Datensätzen.

Diskus, 04.09.2007 14:30

Methologischer Individualismus als Analyserahmen:
Ist es tatsächlich so, daß dem methologische Individualismus von fast allen Fachleuten zugestimmt werden kann? Die Annahme, das Kollektiv die Summe seiner Einzelteile sei, scheint doch einem nicht unbeträchtlichen Teil als äußerst fragwürdig. Mir übrigens auch, obwohl ich kein Fachmann bin. Diese Herangehensweise ähnelt in meinen Augen der Konstruktion eines Moleküls aus den Einzelatomen, allerdings unter Vernachlässigung aller Kopplungsterme, womit sich die Konstruktion des Moleküls von selbst erledigt haben dürfte. Stimmt das in etwa?

Psychologie + ad hoc Postulate:
Die Aussage, die Psychologie stütze sich weit mehr als die Ökonomie auf ad hoc Postulate, kann ich nicht richtig nachvollziehen. Im Bereich der Kognitionswissenschaften und der experimentellen Psychologie ist die Überschneidung mit der Biologie bereits recht groß. An vielen Universitäten (beispielsweise in Göttingen) ist die Psychologie auch in der biologischen Fakultät angesiedelt. An anderen Unis (wie in Heidelberg) sucht man eher den Schulterschluß mit Kulturwissenschaften. Wie auch immer: ein Haufen psychologischer Studien verdient ob ihrer methologischen Exaktheit und des mathematischen Niveaus größten Respekt.

Das gilt sicherlich auch für einen Haufen wirtschaftswissenschaftlicher Studien. Ich sehe nur den Unterschied im “Härtegrad” nicht richtig, der hier diskutiert wird.

Laborexperimente:
Ich denke, der Grund für die Reproduzierbarkeit gut gemachter naturwissenschaftlicher Experimente ist, daß Atome, Moleküle und niedere Organismen nicht aktiv auf den Ausgang des Experiments Einfluß nehmen können. Wenn ich beispielsweise das IR-Spektrum eines Wasserclusters analysiere, darf ich davon ausgehen, daß auch ein Kollege in Südostasien das gleiche Spektrum erhält, wenn er gewisse Parameter beachtet. Aber ein Wassercluster ist eben leichter parametrisierbar als der homo oeconomicus. Das ist kein Fehler der Ökonomie, aber der Grund, weswegen noch eine Weile ins Land gehen wird, bis ich die Ökonomie als “hart” bezeichnen würde.

 
 
 

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