Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Neoliberalismus
jo@chim, 04.09.2007
Man kann sich mit der inzwischen fast vollständig gelungenen Wandlung des Begriffes Neoliberal von einer politischen Kategorie in eine gegen jeden Ansatz von Deregulierung verwendete linke Agitprop-Parole satirisch auseinandersetzen, so wie das unsere Freunde von neo.liberalismus.at tun.
Man kann doktrinär-libertär im Stil von alles Schlampen ausser Murray im historischen Neoliberalismus vor allem die etatistischen Illusionen einiger seiner Protagonisten sehen (und dabei in einem Aufwasch den Anarchismus als einzig konsequenten Liberalismus deklarieren), wie unsere marktanarchistischen Nachbarn von :paxx.
Man kann aber auch, wie Michael Wohlgemuth im Weblog Wirtschaftliche Freiheit, die Fakten über das Gespenst des Neoliberalismus zu einem wirklich lesenswerten und informativen Beitrag zusammenstellen:
Mögen die herrschenden Klassen vor einer neoliberalen Revolution zittern. Die Bürger haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Neoliberale aller Länder, vereinigt euch!
antibuerokratieteam.net





Die Bürger haben nichts zu verlieren als ihre Ketten.
Das ist mal eine gekonnte Finte. Sonst wird ja immer versucht, Angst unter den Leuten zu streuen, dass gerade die Mittelstandsbürger schnell zu den Verlierern eine voranschreitenden Liberalisierung und Arbeitsplatzverknappung werden können. Oder dass bei der Umverteilung von unten nach oben gerade die, die sich’s kuschlig im Mittelfeld gemütlich machen wollten, die Verlierer sind. Ja gut statistisch stimmt das vielleicht, aber rein lebensgefühlsmäßig ist der Spruch natürlich klasse und passt prima.
Es ist doch auch logisch, dass die Leute sich lieber überlegen, wo sie als nächstes in den Urlaub fliegen als wieviel Gramm CO2 sie dabei produzieren. Der Urlaub oder die gesprengten Ketten sind einfach positiver als diese ewige Bedenken-Kaltwälzerrei.
Das letzte Hemd hat keine Taschen und im Sarg ist CO2 das geringste Klimaproblem.
ich hab noch nie an Gespenster geglaubt.
Lol, das wäre mal ein guter Untertitel für unser Blog! ;)
Herr Wolgemuth nimmt für sich und seine Kollegen in Anspruch, Neoliberale im Sinne des Colloque Lippmann zu sein. Gleichzeitig empfiehlt er, die Werke der Neoliberalen zu lesen.
Ich lese Bücher und Texte dieser Neoliberalen, die zwischen 1930 und 1965 geschrieben wurden. Edler , gehe ich richtig in der Annahme, daß deine Kenntnis dieser Werke sehr übersichtlich ist?
Es wäre schön, wenn das damals Erdachte verwirklicht worden wäre oder sich verwirklichen liesse.
Die Frage ist, inwieweit waren die Grenzen der Verwirklichung nicht vorhersehbar? Einige Neoliberale dachten über den historischen Liberalismus kritisch nach, suchten die Ursachen der Fehlentwicklung nicht nur im Weg zur Knechtschaft, sondern auch im Weg zur Freiheit, andere nicht.
Kein Wunder, daß sich unter dem Label Neoliberal Menschen versammeln, die sich zutiefst uneinig waren, die mehr ungesellig statt gesellig waren und nicht die ungesellige Geselligkeit pflegten. Das Label Neoliberal verdeckte gravierende Meinungsverschiedenheiten und persönliche Feindschaften zwischen den Protagonisten, von denen die wenigsten in ihrem Sinne neoliberal war, manche es naiv waren und viele schlicht und einfach Altliberale waren. Abgestandenes Denken, das sich vom neuen Label einer Wiederbelebung erhoffte.
Sind die heutigen Liberalen Neoliberale?
Wohl eher nicht, sie stehen auch nicht in der Tradition eines Richard Cobden.
Was bleibt von den Neoliberalen?
Alexander Rüstow mahnte, den Neoliberalismus durch die Soziologie zu bereichern. Wilhelm Röpke sprach von säkularen Gemeinden und säkularen Heiligen.
Was vor allem bleibt, sind interessante Fragen und Beobachtungen in den Büchern von Walter Lippmann, Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow, die auf Antworten warten.
Antworten, die nicht von Liberalen wie Herrn Wolgemuth stammen werden, da er schon ihre Fragen nicht versteht. Die Antworten, die die Genannten anbieten, hat Nawroth kritisch bewertet. Sie werfen eher neue, eigentlich alte Fragen auf.
Ist das Bild vom Menschen und das Bild von der Gemeinschaft der freien Menschen der Neoliberalen geeignet, eine freie Gesellschaft aufzubauen und zu erhalten?
Ich glaube es nicht, vieles wird sehr vom Endzustand, dem angestrebten Zustand, dem Land der Wünsche, durchdacht. Der Weg, ihn zu erreichen, der Weg zur Freiheit wird selten kritisch durchdacht.
Es ist nicht nur ein Durchdenken des angestrebten, des reifen Zustandes, es ist ein Gesellschaft der reifen Menschen. Als reifer Mensch wird der Mensch nicht geboren. Die meisten sterben nicht einmal als reife Menschen. Dies fröhlich und naiv ignorierend, erhofft man sich von dem vergöttlichten Markt die wärmenden Strahlen, die ähnlich wie früher die vergöttlichte Sonne die menschlichen Trauben reifen lassen.
Das Reifen des Menschen wird nicht vom vergöttlichten Markt beeinflußt. Der vergöttlichte Markt ist Richter und Totengräber, mehr nicht.
Das Reifen des Menschen wird nicht nur durch sein eigenes Hinstreben, sondern durch Begegnung mit und Begleitung durch menschliche Vor-Bilder, die das, wohin man streben will, kann oder könnte, vor-leben, beeinflußt. Vor-Bilder sind leider alle Menschen, die älter sind als der Heranwachsende, auch die, die menschlich allzu menschlich nicht fehlerfrei, sondern reich an Fehler und Fehlentwicklungen ist. Es gibt nicht nur die Eigenverantwortung, sondern auch die Mitverantwortung für die Entwicklung anderer Menschen, der die wenigsten gerecht werden, weil viele einfach nicht ahnen, daß sie die Lebenswege von Menschen meistens unwissentlich beeinträchtigen könnten.
Wer will den Neoliberalismus verwirklichen?
Sind es nur die Vertreter des staatlichen Macht, die widerstreben? Oder nicht auch die Inhaber privater Macht, für die die Liberalen der verlorene Haufen sind, das Fußvolk, daß sie vorausschicken können, um für sie die staatliche Macht zu zertrümmern. Aber bestimmt nicht, um stattdessen eine Gesellschaft freier Menschen zu errichten
Lieben die privat Mächtigen den Wettbewerb? Ja den Wettbewerb ihrer Lieferanten, den Wettbewerb ihrer Kunden und den Wettbewerb ihrer Mitarbeiter, aber doch nicht den Wettbewerb der privat Mächtigen untereinander. Nur dann, wenn sie als Sieger feststehen. Sonst sind sie Wettbewerbsflüchter. Durch Tore, die sich hinter ihnen schließen und den Nachfolgenden verschlossen bleiben. Tore, die nicht offen stehen, um den Nachfolgenden willkommen zu heißen.
> Die Bürger haben nichts zu verlieren
> als ihre Ketten.
Das ist vielleicht doch etwas pathetisch.
Angemessener wäre “Die Bürger haben nichts zu verlieren als ihre Antragsformulare”.
Die sozialistische Politik von heute arbeitet Gott sei Dank nicht mehr mit Gefängnis und Folterkellern, sondern mit Bürokratie, Steuern und kleinlichen Durchführungsvorschriften.
Sie kann entsetzlich lästig sein, aber sie ist nicht wirklich gefährlich.
Da sollte man schon die Kirche im Dorf lassen.
Ja, klar :-) Schreibt ja auch MW in seinem Artikel.
Der Umverteilungsstaat von heute arbeitet in der Tat (meistens) nicht mehr mit Gewaltandrohung, zumindest gegenüber denjenigen nicht, die sich integrieren, das ist richtig. Das organisierte Abschieben von Verantwortung auf den fürsorglichen und bevormundenden Staat destabilisiert die sozialen Beziehungen allerdings nachhaltig und tötet damit zumindest mittelbar.
Und wenn man die Auswirkungen des Protektionismus (ohne den die wohlfahrtsstaatlichen Systeme schon lange nicht mehr funktionieren würden) auf die sog. 3.Welt betrachtet, sieht man, dass diese in der Tat lebensgefährlich sind, indem sie die Flucht aus der Armut dort zugunsten ihrer nationalen, sozialistischen, Klientel behindern.
Das organisierte Abschieben von Verantwortung auf den fürsorglichen und bevormundenden Staat destabilisiert die sozialen Beziehungen allerdings nachhaltig und tötet damit zumindest mittelbar.
, du erliegst dem Trugschluß, daß die Destabiliisierung der sozialen Beziehungen eine Folge des Wohlfahrtsstaates ist. Gäbe es also keinen Wohlfahrtsstaat, gäbe es keine Destabilisierung der sozialen Beziehungen? Diese Ansicht halte ich für falsch. Es gab immer Menschen, die in wenig stabilen sozialen Beziehungen lebten und die zum Beispiel von christlich denkenden Menschen aufgenommen wurden. Im Zeitalter schrumpfender Familien muß neben die Verwandschaft die Wahlverwandschaft treten. Das Christentum, aber auch der Sozialismus, sind Versuche der Wahlverwandschaft.
Ach Libero, ich habe doch nicht Verantwortungslosigkeit und Egoismus das Wort geredet, sondern davon geschrieben, dass der Nanny-State eben Verantwortung und Altruismus zerstört. Der Sozialismus ist eben kein “Versuch der Wahlverwandschaft”, sondern ein Zwangssystem. Der Anarchist Stefan Blankertz hat das in Die Therapie der Gesellschaft auf den Punkt gebracht:
Ach Libero, ich habe doch nicht Verantwortungslosigkeit und Egoismus das Wort geredet,
Wie kommst du darauf. Das würde ich dir nicht unterstellen.
dass der Nanny-State eben Verantwortung und Altruismus zerstört.
Das glaube ich nun wieder nicht. Es gab immer Menschen, die in verwahrlosenden Umgebungen, unabhängig von der Herkunft der Eltern, heranwuchsen. Man tradiert in der Regel das, was man sich selbst widerfuhr. Die heute von Kümmerern umsorgten werden doch deshalb nicht verantwortliche und altruistische Menschen, weil es keine Kümmerer mehr gibt
Der Sozialismus ist eben kein “Versuch der Wahlverwandschaft”
Es ist gescheiterter Versuch und ein falsches Verständnis von Wahlverwandschaft.
Herr Blankertz geht anscheinend davon aus, das ein zurückweichender Wohlfahrtsstaat aus gleichgültigen Menschen Altruisten macht. Da muß ich ihn enttäuschen. Das wird höchstens den Altruismus der Menschen anspornen und überlasten, die bereits altruistisch sind. Leider ist kein Großversuch möglich und der Großversuch, den ich miterlebte, ist vorbei. Gegenseitige Hilfe war in der DDR recht verbreitet. Als Reaktion auf eine Tyrannei. Du kennst sicherlich die Flucht von Kropotkin aus der Peter und Paul Festung durch Wahlverwandte, die ihn zu seinem Buch gegenseitige Hilfe inspirierte. Auch das Reich des Zaren war kein Wohlfahrtsstaat.
Die gegenseitige Hilfe ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ich fürchte, ja/nein Wohlfahrtsstaat ist kein entscheidender Parameter. Ich bedauere das sehr. Das würde die ganze Sache erheblich vereinfachen.
Doch, der Wohlfahrtsstaat spielt schon eine Rolle. Mindestens dann, wenn er so groß ist, dass die Menschen sich einer Leistungs- und Finanzierungsillusion hingeben.
@Rayson
es ging um eine andere ganz andere Frage. Ist der Wohlfahrtsstaat ein Parameter für gegenseitige Hilfe und Altruismus?
Was du meinst, ist etwas anderes
Die genannte Illusion bewog eine mir bekannte Rentnerin, ihre an Gleichgewichtsstörungen leidende Mutter ins Altersheim abzuschieben. Wie wäre sie mit ihr umgegangen, wenn ihre Mutter bei ihr geblieben wäre. Voll hochherziger Tochterliebe? Nie und nimmer, es gibt Methoden, lästige Eltern zu vernachlässigen und beschleunigt Altern zu lassen. Da gibt es im bäuerlichen Bereich sogar Begriffe dafür.
Die genannte Illusion bewegt aktuell ein arbeitsloses Elternpaar, die Betreuung für ihr mehrfachbehindertes Kind abzuschieben, aber trotzdem Pflegegeld zu kassieren. Das wird auch gebraucht, das Haus ist abzuzahlen. Die Eltern können sich nicht um ihr Kind kümmern, das zweite Kind kommt in die Schule. Wenn es all dieses nicht gäbe, dann bräche bei den Eltern bestimmt die Elternliebe aus. Rayson, ich wußte gar nicht, wie glaubensfest du bist
Soll ich fortfahren. en gros oder en detail? Im hundert billiger? Mit den Fällen der Gleichgültigkeit, die mir in meinem Leben über den Weg liefen, kann ich Seiten füllen.
Zwischen Wohlfahrtsstaat und Altruismus gibt es leider keine Beziehung. Es gibt Familien, wo die gegenseitige Hilfe lebt und es gibt andere Menschen, die biologisch verwandt sind.
In meiner Familie war nur meine Mutter 10 Monate im Altenheim. Wachkoma, mein Vater war nach 6 Jahren aufopfernder Pflege schlicht und einfach am Ende. Mein Vater war vor seinem Tod wegen Dehydrierung eine Woche im Krankenhaus, meine Tanten und mein Onkel ebenfalls nur wenige Tage. Andere schieben ihre Alten bei den geringsten Belastungen ab. Was meinst du, wie manche mit ihre Hilfebedürftigen und Behinderten umspringen? Nicht sehr christlich, selbst wenn sie jeden Tag zum Beichten einfliegen.
Früher sprangen christliche Laien oder christliche Orden der Nächstenliebe oder einige Institutiionen der Bürger ein, wenn gleichgültige Verwandte ihrer Hilfebedürftigen vernachlässigten. Die Institutionen der Bürger findet du noch in den Regentenbildern der holländischen Maler.
Der Niedergang des Christentums hat trotz mancher Mißstände, zum Beispiel bei Waisen und unehelichen Kindern, schlimme Folgen für die Menschen, die auf Wahlverwandschaft angewiesen sind.
Ich meinte schon, nicht etwas anderes zu meinen.
Wenn nämlich die Leistungs- und Finanzierungsillusion besteht, wird die Hilfe für Schwache zu einem Verwaltungsakt, mit dem der Einzelne überhaupt nichts mehr zu tun hat. Niemand muss persönlich tätig werden – dafür gibt es ja entsprechende Institutionen, die auch noch von anderen bezahlt werden. Eine perfekte Rechtfertigung, sich von eigener Verantwortung zu befreien und sich ohne schlechtes Gewissen der Verfolgung des eigenen Wohls zu widmen.
Gegen den Umkehrschluss, dass ohne Wohlfahrtsstaat alle Menschen sich nur noch altruistisch verhielten, kannst du gerne weiter argumentieren – nur leidet das etwas darunter, dass keiner diese Position vertritt.
Vielleicht unterliegst du ja auch einer Illusion, einer anderen, aber ebenso zeitgemäßen: nämlich Gemeinschaft (meinetwegen auch “Wahlverwandtschaft”, obwohl es das m.E. nicht ganz trifft) nur als Staat realisierbar zu sehen.
Vielleicht unterliegst du ja auch einer Illusion, einer anderen, aber ebenso zeitgemäßen: nämlich Gemeinschaft (meinetwegen auch “Wahlverwandtschaft”, obwohl es das m.E. nicht ganz trifft) nur als Staat realisierbar zu sehen.
Auf einen solch albernen Gedanken komme ich selten. Aber danke für den Hinweis, wie aufmerksam du meine Texte liesst. Ähnlich wie Zettel gar nicht. Lieber Rayson, dir ist anscheinend nicht aufgefallen, auf welche Entwicklungen ich aufmerksam mache. Das sind alles Impulse, bei denen der Staat allenfalls finanziell unterstützt.
Wenn diese Rechtfertigung wegfiele, gäbe es eine andere Rechtfertigung. Oder gar keine, das ist denen eigentlich egal.
Berthold Leibinger: „Meine Kindheit prägten Pietisten und die Nazis“
http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~EF1DA9C045B454CCC82F2622D7BCDE0D1~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Berthold Leibinger hat viel erreicht. Auf ihn kann man stolz sein, auch wenn ich sein Unternehmen nur auf Ausstellungen bewundert habe, ich ihn nicht kenne und es nicht meine Leistung, sondern seine Leistung ist.
Jetzt interessiert mich, welchen Satz oder Absatz du zitieren würdest?
@Libero
Aber danke für den Hinweis, wie aufmerksam du meine Texte liesst. Ähnlich wie Zettel gar nicht.
Du hast mein vollstes Mitleid.
Lieber Rayson, dir ist anscheinend nicht aufgefallen, auf welche Entwicklungen ich aufmerksam mache.
Das ist einerseits richtig, hat aber andererseits mit der Kritik am Wohlfahrtsstaat auch nicht wirklich was zu tun.
Jetzt interessiert mich, welchen Satz oder Absatz du zitieren würdest?
Äh – woraus und wieso?
@rayson
was du liest oder nicht, ist mir ziemlich gleichgültig. Dann kommt es eben zu Wertungen, ich würde der Illusion erliegen, der Staat könnte Wahlverwandschaften zwischen Menschen ersetzen.
Den Rest erspar ich mir, unsere Antennen sind zu unterschiedlich