“Mea culpa” oder: Mich kümmert mein Geschwätz von gestern
Oliver M.H., 17.09.2007
Schreiben ist gefährlich. Wenn man Dinge nur mündlich mitteilt und nicht gerade eine Kamera oder ein Mikrofon in der Nähe stehen, dann kann man es sich leisten, auch einmal gründlich mit seinen Einschätzungen daneben zu liegen und dann auf die Vergesslichkeit seiner Gesprächspartner zu hoffen. “Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?”, soll Adenauer einmal lakonisch gesagt haben.
Papier hingegen, und das Internet erst recht nicht, hat ein beängstigendes Gedächntnis. Schwarz auf Weiß ist dort nachzulesen, was man vor scheinbar ewigen Zeiten einmal gedacht und für richtig gehalten hat. Herausreden ist zwecklos. Ob man mit seinen Statements Recht hatte oder nicht, ist problemlos für jedermann herauszufinden.
Zwei jüngere Erfahrungen haben mir dies deutlich vorgeführt. Fange ich mit dem negativen Erlebnis an. Als ich mich hier jüngst über David Camerons “konservative” Partei lustig machte, merkte ein aufmerksamer Kommentator an, dass ich mich auch schon einmal anders angehört hätte. Das ist leider wahr. Es war im Oktober letzten Jahres, als ich für das Magazin Capital meinen ersten Beitrag schreiben durfte. Thema: Die Wiedergeburt der Tories. Und es sah alles so gut für sie aus. In den Umfragen lagen sie bei knapp vierzig Prozent, Cameron war beliebt und es bestand Anlass zur Hoffnung, dass seine Modernisierung der Partei vor allem eine Imagekampagne war, der programmatische Kern jedoch erhalten blieb. Im selben Artikel schrieb ich dann auch noch Angela Merkel ab, was aus damaliger Sicht – man denke nur an den endlosen Streit um die Gesundheitsreform – vielleicht verständlich war.
Doch heute, ziemlich genau ein Jahr später, stellt sich die Lage ganz anders dar. Camerons Partei ist nach links gerückt und in den Umfragen abgestürzt, während Angela Merkel nie gekannte Popularitätswerte erreicht, von denen allmählich sogar ihre Partei profitiert. Wenn ein Kommentator jemals in seiner Einschätzung völlig falsch lag, dann war ich es letztes Jahr. Zu meiner Verteidigung könnte ich höchstens anführen, dass Cameron und seine Team sich eine Reihe strategischer Fehlentscheidungen geleistet haben, die nun wirklich nicht vorherzusehen waren. Aber ansonsten war dies schon eine grandiose Fehleinschätzung meinerseits.
Gelegentlich liege ich mit meinen Einschätzungen allerdings auch nicht ganz so verkehrt. Seit mindestens zwei Jahren habe ich hier in England und auf dem Kontinent jedem, der es hören wollte (und allen anderen auch), gesagt, dass der angebliche englische Wirtschaftsboom auf tönernen Füßen steht. Viel zu sehr habe man sich auf private und öffentliche Verschuldung sowie steigende Hauspreise gestützt, so dass es irgendwann ein böses Erwachen geben würde. In einem Artikel für die NZZ schrieb ich im September 2006:
In der Tat wuchs die britische Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren stärker als andere europäische Länder, wenngleich sich jüngst das Wachstum etwa abgeschwächt hat. Dabei sollten aber zwei Faktoren beachtet werden: Einerseits hat der Staat in den letzten Jahren seine Aktivität massiv und zum Teil eben auch schuldenfinanziert ausgeweitet. Andererseits haben sich auch die Privathaushalte stark verschuldet. Ihre Gesamtverschuldung beläuft sich mittlerweile auf etwa eine Billiarde Pfund und wird nicht zuletzt auf die durch das Planungswesen künstlich aufgeblähten Hauspreise gestützt. Es ist aber zweifelhaft, wie lange sich ein solches schuldenfinanziertes Wachstum fortsetzen lässt. Fallende Hauspreise oder Eintrübungen der Weltkonjunktur könnten die britische Wirtschaft daher in Zukunft besonders hart treffen.
Nun erleben wir gerade exakt das Szenario, das ich damals befürchtet hatte. Gut, ich habe nicht vorhergesagt, was letztlich der Auslöser für einen britischen Abschwung sein wird (an die amerikanische Subprime-Krise hätte ich nie gedacht), aber es war für meine Kollegen bei Policy Exchange und für mich klar, dass die britische Wirtschaft extrem störanfällig ist. Weitaus störanfälliger etwa als die deutsche Wirtschaft, über die man alles mögliche sagen kann, aber nicht, dass sie an übertrieben steigenden Immobilienpreisen und enormer privater Verschuldung leide.
Wenn man heute britische Zeitungen liest, dann ist unser damaliger, gelegentlich belächelter Pessimismus inzwischen zum Mainstream geworden. In einem Interview sagt Alan Greenspan stark steigende Zinsen und fallende Hauspreise voraus, während die Politikberaterin Ruth Lea mit der wirtschaftspolitischen Bilanz der Labour-Regierung hart ins Gericht geht. Der Run auf die Hypothekenbank Northern Rock dürfte nur das erste Anzeichen einer sich eintrübenden Konjunktur sein (sage ich jetzt einmal voraus).
Eine geglückte und eine weniger geglückte Vorhersage, damit liege ich wahrscheinlich gar nicht einmal so schlecht. Und wenn man sich ansieht, wer auch schon alles ordentliche Fehlprognosen abgegeben hat, dann befinde ich mich sogar in guter Gesellschaft. Aber eigentlich hätte ich mich lieber bei der Wirtschaftsentwicklung geirrt und nicht bei David Camerons Konservativen.
antibuerokratieteam.net





Ha! Hättest Du das Zitat richtig im Kopf gehabt, hätte es Dir aus der Bredouille geholfen. Ich bin einer jener Zuhörer die gut zuhören und ein gutes Gedächtnis haben (Berufskrankheit).
Damals sagte Ollenhauer in der Haushaltsdebatte an die Adresse Adenauers: “Im letzten Jahr haben Sie das genaue Gegenteil behauptet!” Worauf Adenauer erwiderte: “Auch sie, meine Herren von d’r Opposizion, können mich nicht daran hindern, im Laufe eines Jahres klüjer zu werden.”
So war er, der Alte Fuchs. Obwohl er, wie Kritiker behaupteten, nur einen Wortschatz von 800 Worten hatte, war er ein brillanter Rhetoriker. Es war mir selbst als Junge schon eine Freude, die Bundestagsdebatten am Radio zu verfolgen (ganz anders als heute). Ollenhauer konnte er übrigens nicht leiden und redete ihn möglichst nie direkt an.
Mit anderen Worten, indem Du erklärst, seit Oktober schlauer geworden zu sein, bist Du aus dem Schneider ;-).
Danke! Das ist die Lösung: Ich irre mich nie, ich werde nur klüger!
Wie wär’s mit einem gängigen ‘Das kann doch jedem passieren!’? Adenauer habe ich zwar nicht so gut (wie mein Vorentlaster) in Erinnerung, wohl aber, dass Sie Cameron Zug um Zug ‘herunter’ geschrieben, ihn immer tiefer gehängt haben.
Insofern bleibt nur die Wirtschaftsprognose an Ihnen hängen, aber auch hier bin ich bereit, Sie von Jugendsünden frei zu sprechen, wenn Sie älter und klüger werden – was kein Problem sein dürfte…
Absolution also!
Außerdem war es doch nur ein kleiner Irrtum, zu mindestens wenn man sich die “Dumm gelaufen- Voraussagen von gestern” mal durchliest. Schon die Veränderungen des Klimas sind ein Witz ganz besonderer Art- Verödung, Versumpfung, Eiszeit und Erstickungstod der Menschheit da es keinen Sauerstoff mehr gibt. Von den anderen Irrtümern, welche in dieser Liste aufgeführt werden, mal ganz zu Schweigen. Eventuell sollte man Kopien dieser Liste dem IPPC zuschicken.
Aber ob die dadurch vorsichtiger in ihren Vorhersagungen bzw. Katastrophenszenarien werden wage ich zu bezweifeln.
“Ihre Gesamtverschuldung beläuft sich mittlerweile auf etwa eine Billiarde Pfund”
Echt jetzt? Ich hoffe mal schwer, dass da ein Fehler drinsteckt – also “1 trillion £” (und damit dann eine Billion) und nicht “1000 trillion £” – das wäre dann nämlich so handgelenk-mal-pie 500 Mal das BIP? Wäre dann doch ziemlich krass…
…oder so Nase durch Pegelstand etwa 17 Mio. Pfund pro Einwohner des Kingdoms. Wohl wirklich irgendwie drei Nuller zuviel mit durchgerutscht.
*Leicht zerknirscht*: Ja ja, Ihr habt ja vollkommen Recht. Das kommt davon, wenn man hier ständig von “trillions” spricht und dann plötzlich wieder einmal einen deutschen Artikel schreiben muss …
[...] ist, von dem ein Großteil auf Immobilienkrediten beruht, deren Besicherung – wie es im Blog vom Antibürokratieteam wunderbar nachzulesen ist – mit sinkenden Hauspreisen arg ins Wanken [...]