Manchmal hat man ja doch das Gefühl, daß Übertreibungen weniger ein Problem der Finanzmärkte, als vielmehr der die Märkte beobachtenden Presse sind. Thomas Fischermann beispielsweise darf in dieser Woche auf der Titelseite der ZEIT behaupten, daß das amerikanische Wirtschaftswachstum der letzten Jahre doch eigentlich nur auf einem großen Trickbetrug beruhe, daß da ja eigentlich gar kein richtiges Wachstum stattgefunden habe, sondern sich der amerikanische Konsument nur hemmungslos auf Kosten argloser europäischer oder asiatischer Banken amüsiert habe. Ach, es ist schon bizarr, was dabei herauskommt, wenn klassischer, deutscher Antiamerikanismus und eine eklatante Unkenntnis der Entwicklung der amerikanischen Fundamentaldaten in den letzten Jahren, wie etwa der Arbeitsproduktivität, in der Feder eines Wirtschaftsjournalisten zusammenfließen.

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Aber schauen wir lieber in die Zukunft. Steht uns wirklich eine ernste Krise bevor? Der Grund für aktuelle journalistische Untergangsstimmung ist ein sinkender Wert des Dollars. Diese Wechselkursentwicklung als Krisenzeichen zu deuten ist aber arg gewagt, denn immerhin wird schon seit Jahren darüber spekuliert, wann denn nun endlich der Abbau des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits beginnen würde. Aber wie sollte so eine Korrektur vor sich gehen, ohne daß der Dollar an Wert verliert?

Kurz und gut, die Dollarentwicklung sagt noch überhaupt nichts darüber aus, ob den USA eine „weiche“ oder eine „harte“ Landung bevorsteht, ein langsamer Anpassungsprozeß hin zu einer weniger defizitären Leistungsbilanz mit hinreichend langer Reaktionszeit für Unternehmen und Privatleute, oder ein schneller krisenhafter. Noch unverständlicher wird die Untergangsstimmung, wenn sie gleich auf Deutschland übertragen wird. Natürlich würde unser Wachstum unter einer Rezession in den USA leiden, und natürlich impliziert schon ein stetig steigender Eurokurs für die exportierenden Unternehmen einen gewissen Handlungsbedarf. Aber dramatisieren sollte man das alles auf der anderen Seite auch nicht.

Es ist überhaupt nicht sicher, es ist nicht einmal wahrscheinlich, daß die USA in eine scharfe Rezession abgleiten. Eine Wachstumsschwäche, schlimmstenfalls Stagnation — ja, das ist wahrscheinlich. Aber als Auslöser für eine schwere Rezession ist die aktuelle Hypothekenkrise noch lange nicht mächtig genug. Dazu kommt eine Zentralbank, die unter konjunkturellen Gesichtspunkten ihre Arbeit gut macht — zwar um den Preis, mit weiterem billigem Geld die Inflation der Vermögenswerte weiter zu stützen, aber das sollte man in der aktuellen Situation wohl hinnehmen. Und man sollte nicht vergessen, daß die Abwertung des Dollars eine erhöhte Wettbewerbsfähigkeit der ohnehin schon produktiven amerikanischen Unternehmen im Ausland bedeutet. Das alles wirkt der Gefahr einer dramatischen Rezession in den USA entgegen, so daß Untergangsstimmung hier tatsächlich nicht angebracht ist.

Auch der steigende Wert des Euro sollte für deutsche Unternehmen insgesamt kein so großes Problem sein. Kurz- und mittelfristig, mit einem Zeithorizont von vielleicht zwei, drei Jahren sollten sich die Unternehmen gegen Wechselkursrisiken am Finanzmarkt weitestgehend abgesichert haben. Im Fall einer dauerhaften Aufwertung des Euro haben sie also eine längere Schonfrist, in der sie die notwendigen Anpassungen vornehmen können. Dazu kommt, daß die Exporte in die USA inzwischen den deutschen Außenhandel längst nicht mehr dominieren; der Außenhandel innerhalb der Eurozone ist viel quantitativ viel bedeutsamer. Selbst wenn wir demnächst 1,50 Dollar, oder auch 1,60 für einen Euro bekommen, was nicht so ganz unwahrscheinlich ist, wäre das für in die USA exportierende Unternehmen ein Kostenschock, an den man sich anpassen kann, an dem man aber sicher nicht zugrunde gehen muß.

Natürlich gibt es Einzelfälle, die dramatisch sein können. Nehmen wir beispielsweise Airbus: Eine Branche, der Flugzeugbau, in der nur in Dollar abgerechnet wird, und dennoch hat dieser Staatskonzern aus Gründen einer merkantilistischen Politik nicht eine einzige Betriebsstätte im Dollarraum. Das kann weh tun, das kann teuer werden. Aber von Airbus auf andere zu schließen, das würde nun wirklich ein verzerrtes Bild liefern. Und wer nicht gerade bei Airbus arbeitet, der muß auch nicht übermäßig pessimistisch sein.