Gott aus der Verfassung streichen
In Deutschland sind es die Pläne für den Bau einer Zentralmoschee in Köln. In der Schweiz werden derzeit von der rechts-nationalen SVP Unterschriften für eine Initiative gegen den Bau von Minaretten gesammelt. Bis spätestens 1. November 2008 müssen 100.000 Unterschriften beisammen sein. Es steht ausser Frage, dass die Unterschriften für das “Nieder-mit-den-Minaretten-Volksbegehren” locker beigebracht werden.
Der Islam bringt mit seinem Menschen- und Staatsverständnis ein Konfliktpotenzial in die westlichen Gesellschaften.
Schreibt heute Peter Ruch, reformierter Pfarrer in Schwerzenbach im Kanton Zürich, in einem Kommentar in der NZZ am Sonntag (nur analog). Deshalb ist er der Meinung, dass „deshalb auch über ein Minarettverbot diskutiert werden soll.“
Weil Herr Ruch nicht nur Pfarrer ist, sondern auch Mitglied des Stiftungsrates des Liberalen Instituts, stellt er fest, dass „alle Religionen in einem gewissen Sinn totalitär sind“.
Doch was den Islam sowohl in seiner Gründung als auch in seiner Geschichte auszeichnet, ist die beharrliche Negation jeder Unterscheidung zwischen geistigem und weltlichem Bereich, zwischen geistlichem und weltlichem Recht.
Gut, könnten wir da sagen, Recht hat der Herr Pfarrer. Aber kann man als Säkularisierter gegen den Bau von Minaretten oder gar von Mulitfunktions-Häusern (Moscheen) sein und Sakralbauten wie Kirchen und Synagogen als „zum westlichen Kulturkreis gehörend“ hinnehmen und Neubauten mit Kirchtürmen bejahen?
Denn sowohl die Protestanten als auch die Katholiken verstehen ihre Kirchtürme schlussendlich auch als Manifestation ihrer Meinungshoheit über so ziemlich alle Fragen des Diesseits und des Jenseits sowieso.
Herr Stoiber unterstreicht den Anspruch der Christen auf Dominanz im Stadtbild mit der Forderung, dass deren Gotteshäuser immer grösser sein müssten als die moslemischen Neubauten.
Wir haben in der Schweiz in Beda Stadler einen dieser seltenen Querdenker. Er ist Professor für Immunologie und zum Glück für uns zu unserem Vergnügen hat ihm die NZZ am Sonntag eine Kolumne eingerichtet, wo er die Dinge auf den Punkt bringt. Eher selten ist er Gast in einer Diskussionsrunde. Zum Beispiel diese Woche im Schweizer Fernsehen, als es um die leidige Minarettfrage ging.
Herr Stadler ist im Prinzip nicht gegen den Bau von Türmen. Er will die Minarett-Frage anders angegangen wissen, nämlich mit einer Änderung der Verfassung:
Man sollte die Präambel unserer Bundesverfassung («Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung…») ändern in: «Im Namen des Humanismus! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Evolution…», dies zur Verhinderung unnötiger Konflikte.
Denn die gültige Verfassung, so Stadler, “gibt einigen Turmbauern einen unlauteren Vorteil.” Der Einstieg ins Grundgesetz lautet: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen etc.“
Unsere Verfassung soll nicht das Turmbauen an und für sich verbieten, sondern weiterhin dies allen Interessengruppen zugestehen, die ihren Turmbau philosophisch, künstlerisch und wissenschaftlich rechtfertigen können. Wer allerdings behauptet, unfehlbar zu sein, sollte keinen Turm kriegen. Die Wissenschaft macht ständig Fehler, aber sie ist wenigstens bereit aus ihren Fehlern zu lernen. Somit können Roche und die Banken weiterhin architektonisch gegen Himmel wachsen.
Macht irgendwie Sinn und zwar deshalb, weil das so ziemlich auf meiner Linie liegt.
PS: Siehe auch Religion ist Privatsache, Die Achse des Guten








Ach Herrjemineh, wenn denn eine antireligiöse Haltung schon ausreicht, um als “Querdenker” durchzugehen, dann sind die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland wohl so groß dann doch nicht.
Aber was den Gottesbezug angeht, so würde ich auch sagen, dass er nur da wirkt, wo er verstanden wird.
Dass eine gewisse Ignoranz heute als Fortschritt gilt, sollte Liberale nicht verwundern. Christliche Liberale sicher noch weniger.
Das Spektrum von Herrn Stadler ist breiter.
Immerhin hat die säkulare Welt jetzt auch einen ehrwürdigen Beda.
Im Übrigen bin ich der Meinung, daß Völker, die sich allen Ernstes zu sprechen bemüßtigt fühlen, das ausschließlich in Ihrem eigenen Namen tun dürfen sollten.
Im Namen des Humanismus ist auch schon viel Blödsinn gesagt und getan worden. Sehr gut gefällt mir der “Gottesbezug” übrigens in der polnischen Verfassung (Präambel):
In deutscher Übersetzung zu finden u.a. hier. Da kann sich jeder seine eigenen Türme draus bauen.
Der in der irischen gefällt mir besser. Wenn schon denn schon.
@ twex:
Da ich vor Jahren über Fragen der irischen Verfassung eine Arbeit geschrieben haben, kann ich nur sagen: exzellent pariert!
:-D :-D :-D