Kostspielige Bestrafung?

23.09.2007 15:17 - Statler & Waldorf by Statler - 29 Kommentare

Es gab in den letzten Wochen aus allen möglichen politischen Ecken Kritik an der EZB, der amerikanischen Fed und der Bank of England. Diese Kritik richtete sich dagegen, daß diese Zentralbanken Liquiditätsprobleme im Bankensektor verhindert haben. Besonders der Fall von Northern Rock, der die britische Zentralbank unter die Arme griff, war in aller Munde.

Offensichtlich haben wir hier ein typisches Beispiel, in dem ein wie auch immer begründetes Gerechtigkeitsempfinden mit Effizienzüberlegungen in einen Konflikt gerät. Das Gerechtigkeitsempfinden sagt: “Los, laßt sie vor die Hunde gehen, selbst schuld, wenn sie sich verspekuliert haben“, während die Effizienzüberlegungen nahe legen, daß Liquiditätsspritzen eine gute Idee waren. In normalen Zeiten ist eine Bankenpleite kein großes Problem; in Zeiten, in denen viele Marktteilnehmer ohnehin schon übermäßig verängstigt sind und eine einzelne Bankenpleite eine Panik auslösen könnte, hingegen schon.

Also frage ich mich, wie sieht das mit der Motivation der Zentralbank-Kritiker aus? Welchen Preis wären sie bereit zu zahlen, damit ihr Gerechtigkeitsempfinden die Politik der Zentralbanken bestimmt? Ist es okay für Euch, den Preis einer Rezession zu zahlen, wenn man sich dafür an einer “gerechten” Bankenpleite erfreuen kann?

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29 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Oliver M.H., 23.09.2007 15:30

Danke, Statler. Den gleichen Gedanken hatte ich auch. Ein Schuss mehr Pragmatismus täte manchen Hütern der reinen Lehre nicht schlecht. Und gerade bei Northern Rock konnten Bank of England und Treasury eigentlich gar nicht anders handeln, wenn sie nicht einen Meltdown im britischen Bankensektor riskieren wollten. Vorwerfen könnte man beiden höchstens eine nicht ganz optimale Kommunikationspolitik.

 
dagny, 23.09.2007 15:37

Zum einen ist nicht gesagt, dass die Rezession nicht doch kommt und zum anderen bezahlen wir alle per Inflation diese ‘Rettung’. (Und ich dachte, S&W wären Ökonomen….)

Statler, 23.09.2007 16:18

Also, nach der Nachkommastelle der Inflationsrate, bei der sich diese sehr überschaubaren Liquiditätsspritzen in Europa quantitativ auswirken, wirst Du recht lange suchen müssen.

Und was den anderen Punkt angeht: Schonmal versucht, in Wahrscheinlichkeiten zu denken? Und einen Nutzen darin zu sehen, daß die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines sehr unangenehmen Ereignisses gerade drastisch abgenommen hat?

fpk, 23.09.2007 17:33

Wenn man nur diese “kleine” Intervention für sich nimmt ist der infaltionäre Effekt wohl zu vernachlässigen. Aber ich glaube auf was dagny raus wollte ist die grundsätzliche Tendenz des derzeitigen Systems zur Inflation, weil die Zentralbanken Geld aus dem Nichts erschaffen können.

 
 
 
jo@chim, 23.09.2007 17:11

Frage als Nichtökonom (aber Prozessanalytiker), Statler: Das Finanzsystem erfordert also in Abständen staatliche Eingriffe, wenn ich Dich recht verstehe. Ist es dann nicht grundfaul?

Statler, 23.09.2007 17:36

Zuerst mal würde ich Eingriffe einer unabhängigen Zentralbank ziemlich scharf von “staatlichen Eingriffen” unterscheiden, wie wir sie sonst diskutieren. Das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.

Aber wenn man sich einmal entschieden hat, den Goldstandard aufzugeben, Papiergeld zu drucken und eine Zentralbank die Geldmengenentwicklung kontrollieren zu lassen, dann sind zusätzliche Eingriffe dieser Zentralbank manchmal schon deshalb sinnvoll, um die Folgen früherer Fehlentscheidungen dieser (oder einer anderen) Zentralbank wieder abzumildern.

Technokraten sind halt auch nur Menschen mit beschränktem Wissen und lernen mit der Zeit dazu. Die amerikanische Hypothekenkrise kann man mit guten Gründen als unintendierte Folge einer etwas zu leichtfertigen Politik des billigen Geldes der Fed interpretieren. Die Hypothekenblase wird jetzt gerade korrigiert, und die Frage dabei ist nur: Wollen wir die Korrektur auf die harte Tour, mit Bankenpleiten, Bankenpanik und allem was dazu gehört — oder versuchen wir, die Anpassung zu managen?

Northern Rock zu retten bedeutet ja nicht, die Hypothekenblase vor dem Platzen zu bewahren. Die ist geplatzt, der Zug ist abgefahren. Die Frage ist, ob man ein paar Kollateralschäden während der Anpassung verhindern kann.

Gernot Kieseritzky, 24.09.2007 10:10

“Zuerst mal würde ich Eingriffe einer unabhängigen Zentralbank ziemlich scharf von ‘staatlichen Eingriffen’ unterscheiden, wie wir sie sonst diskutieren. Das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.”

Das sieht aber Alan Greenspan (ehemal. FED-Chef) anders:

-> http://blog.mises.org/archives/007187.asp

Statler, 24.09.2007 11:29

Mag schon sein, daß der das anders sieht, aber der ist ja auch kein politischer Ökonom. Für mich macht es einen Riesenunterschied, ob staatliche Eingriffe in einem demokratischen Prozeß beschlossen werden, mit all dem, was da dranhängt, oder von einer unabhängigen Zentralbank.

 
 
 
 
Michael Kastner, 23.09.2007 17:19

Effizienzkriterien, die von mehr oder weniger willkürlich ausgewählten Aggregaten basieren, helfen nicht weiter.

Das sind ja genau die Kriterien, die zur Krise geführt haben.

Einer solchen Krise kann man nur evolutionstheoretisch begegnen:

Jeder Eingriff in die Marktmechanismen erzeugt einen Entwicklungsstau. Jede verhinderte Anpassung sorgt dafür, daß sich der Druck steigert, eine noch größere Anpassung durchzuführen.

So ist das nunmal in der realen Welt, in der Knappheit herrscht.

“Los, laßt sie vor die Hunde gehen, selbst schuld, wenn sie sich verspekuliert haben“ ist eine zynische Haltung, die sich mir im Zusammenhang mit ökonomischen Krisen nicht erschließt.

 
SteffenH, 23.09.2007 17:44

Als Nicht-Währungsökonom stelle ich mir allerdings die Frage, ob wir da nicht den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Wir retten die Zuversicht der Marktteilnehmer mit dem Signal an die Banken, sie immer wieder aus dem (wenn auch nur zum Teil selbstverschuldeten) Schlamassel zu ziehen.

 
Michael Kastner, 23.09.2007 17:54

Zu behaupten, daß Zentralbankeingriffe keine staatlichen Eingriffe sind, ist ungefähr so sinnvoll, als würde man behaupten, ein Arzt hätte eine Operation nicht zu verantworten, weil er die linke anstatt der rechten Hand benutzt hat.

 
Rayson, 23.09.2007 18:16

Kann meinen Vorkommentatoren nur zustimmen.

Morphium mag zwar eine super Sache sein, um Schmerzen zu lindern, aber erstens verleitet es dazu, die vielleicht unangenehme Behandlung aufzuschieben und zweitens macht es abhängig.

Statler, 23.09.2007 18:29

Hier geht’s aber weniger um Morphium, als um einen Defibrilator.

Und ich glaube auch nicht, daß die Banken das hier als Signal interpretieren können, daß sie immer wieder aus dem Schlamassel gezogen werden. Wie gesagt, unter normalen Rahmenbedingungen hätte sich vermutlich niemand bemüht, die Liquidität einer einzelnen Bank zu sichern. Aber unter diesen unnormalen Rahmenbedingungen muß man halt abwägen, ob man eine breite Bankenpanik riskieren will. Und ich verstehe es voll und ganz, wenn man das nicht will.

jo@chim, 23.09.2007 19:27

Defibrilator. Gut. Wird wohl so sein. Es ist aber doch der Defibrilator, der an dem Morphinisten angewandt wird, der sich nun schon das x-te Mal fast totgefixt hat. Sollte man den Kerl nicht einmal sehr bestimmt darauf hinweisen, dass es Zeit für den Entzug ist?

 
 
 
Rayson, 23.09.2007 18:47

Ich brauch dir ja nichts von “moral hazard” zu erzählen…

Aber vielleicht kann man es differenziert sehen. Vielleicht sind die kurzfristigen Liquiditätsspritzen ja wirklich notwendige Signale, um irrationale Reaktionen zu verhindern. Diese Möglichkeit würde ich durchaus als gegeben sehen – aber dann ist kaum zu verstehen, warum sie aufs Monetäre beschränkt bleiben soll…

Jedoch, was die Zinssenkung der Fed angeht, fiele es mir wirklich schwer, nicht von Morphium zu reden.

Statler, 24.09.2007 00:08

Hmm, ich verstehe nicht ganz, was Du mit dem Halbsatz hinter dem Gedankenstrich genau meinst. Warum man dann nicht auch weitere Interventionen außerhalb des Instrumentenkastens der Zentralbanken in Betracht zieht?

Vielleicht schon deshalb nicht, weil sie wiederum kontraproduktiv wären. Das käme dem Eingeständnis gleich, daß die Zentralbank am Ende ihres Lateins wäre, und das wiederum würde die Verunsicherung noch verschärfen.

 
 
Christian Hoffmann, 23.09.2007 19:12

Inflationierung als Mittel der Wirtschaftspolitik ist genau so sinnlos, falsch und gefährlich, wie Subventionierung. Faktisch werden unschuldige Bürger enteignet, um unfähige Unternehmer zu bereichern. Dies abzulehnen, ist das 101 des Liberalismus. Die Forderung nach “Pragmatismus” ist daher in diesem Kontext die Forderung nach einer Verletzung liberaler und marktwirtschaftlicher Grundsätze. Das kann man fordern – aber dann nennt es wenigstens so wie es ist.

Ansonsten verweise ich gerne auf Greenspan: http://www.paxx.tv/?p=389

Statler, 24.09.2007 00:00

Wir haben es hier in Europa nicht mit Inflationierung zu tun, genauso wenig wie man es mit Verbrühungen zu tun hat, wenn man in einer mit wohltemperiertem Wasser gefüllten Wanne sitzt und für 1/4 Sekunde das Heißwasser aufdreht.

Was eine Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt in den USA an der Inflationsfront bringen wird, das ist ein anderes Thema.

Christian Hoffmann, 24.09.2007 00:51

Diese Differenzierung kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Ein bisschen Inflationierung ist also keine Inflationierung? Wurde das Geldmengenwachstum durch die EZB-Intervention angekurbelt, oder nicht? Die Finanzspritze der Zentralbank ist doch wohl der bewusste und gewollte Anstoss zur Kreditschöpfung…

 
dagny, 24.09.2007 01:15

Es wäre schoen, wenn wir in einer wohltemperierten Wanne saessen.

Dann koennte man in der Tat drüber reden, ob man kurz das Wasser aufdrehen kann oder nicht. Nur ist das Problem, dass wenn man einmal anfängt, heisses Wasser einzulassen, es immer wieder dazu kommen wird – deswegen bin ich auch so spektisch, denn der einmalige Sündenfall wird in der Politik IMMER zum Regelfall, das sollten wir doch mittlerweile gelernt haben.

 
 
 
Bisamratte, 23.09.2007 20:32

Stehen dieser Intervention auch ablehnend gegenüber. Es wird immer wieder zu solchen Krisen kommen wenn die Marktteilnehmer/Banken mit ihrem Verhalten nicht mal richtig auf die Schnauze fliegen. Den betroffenen Banken nicht zu helfen mag schmerzhaft sein, wird aber dazu führen, dass solche Krisen in Zukunft seltener werden, mglw. ausbleiben. Wenn man die Banken erstmal an die Unterstützung durch die Zentralbank/den Staat gewöhnt werden sie ihr Handeln darauf einstellen, ihre Risikobewertung ändern.

 
Michael Kastner, 23.09.2007 23:12

> Ist es okay für Euch, den Preis einer Rezession zu zahlen, wenn
> man sich dafür an einer “gerechten” Bankenpleite erfreuen kann?

Das liest sich für mich, als ob Herr Statler kurz davor gestanden hätte, die Kritiker des Staatseingriffs als kaltherzige Neoliberale zu bezeichnen.

Ich weiß nicht, woher seine Vorstellung kommt, es könne jemand der Vorstellung anhängen, eine Bankenpleite sei “gerecht” und man könne sich daran erfreuen.

Umso erstaunlicher ist dies, wo es doch die intervenitionistischen Vorstellungen sind, denen Herr Statler anhängt, die überhaupt zu Bankenkrisen in diesem Ausmaß führen.

Statler, 24.09.2007 00:12

Ja Herr Kastner, es tut mir leid, daß ich nicht gleich mit fundamentaler Systemkritik reagiere und eine sofortige Wiedereinführung des Goldstandards fordere. Es mag Sie überraschen, aber manche Leute halten es für sinnvoller, für tagespolitische Probleme erst einmal Lösungen zu suchen, die man auch implementieren kann, ohne zuvor eine anarchokapitalistische Revolution/Sezession oder was auch immer durchgeführt zu haben.

dagny, 24.09.2007 01:13

Es waere ja genauso Zwang, den Goldstandard einzuführen. Liberal wäre das Geldmonopol aufzuheben und die Zentralbank aufzulösen, den Geschäftsbanken zu erlauben, Geld/Gold herauszugeben und dann sieht man schon, was sich durchsetzt.

 
Michael Kastner, 24.09.2007 08:31

Anarchokapitalistischen “Revolution/Sezession” war in _dem_ Kommentar nicht mein Punkt.

Im Gegenteil, meine Argumentation ist eher bei Hayeks entwicklungstheoretischem Ansatz.

_Sie_ haben fundamentalistisch argumentiert, indem Sie all jene, die einen Eingriff ablehnen, pauschal als schadenfreudige Sadisten abgekanzelt haben.

_Nicht_ einzugreifen wäre, um es in Ihrem Duktus zu formulieren, durchaus eine “tagespolitische” Lösung gewesen.

Sie haben doch die Systemfrage gestellt, indem Sie über die sog. Tagespolitik hinaus den “Preis einer Rezession” als Hauptargument eingeführt haben.

Und dann stellen Sie die Frage nach der Ursachen und Folgen der Rezession als ” anarchokapitalistische Revolution/Sezession” hin?

So ganz kann ich da nicht folgen.

Statler, 24.09.2007 11:32

“Umso erstaunlicher ist dies, wo es doch die intervenitionistischen Vorstellungen sind, denen Herr Statler anhängt, die überhaupt zu Bankenkrisen in diesem Ausmaß führen.”

Und was ist das in diesem Kontext? Was ist die Kritik an “interventionistischen Vorstellungen” in diesem Zusammenhang, wenn nicht die Kritik an der Geldordnung, so wie sie sich derzeit darstellt?

Michael Kastner, 24.09.2007 12:04

> Was ist die Kritik an “interventionistischen Vorstellungen”
> in diesem Zusammenhang, wenn nicht die Kritik an der
> Geldordnung, so wie sie sich derzeit darstellt?

Wenn Sie in diesen Satz unbedingt die Fundamentalkritik an der Geldordnung hineinlesen möchten, dann soll Ihr Wille gerne Ihre Himmelreich sein.

 
 
 
 
 
SteffenH, 24.09.2007 09:54

Die Frage ist auch, ob die Nutzen der Bankenrettung und des gehaltenen Vertrauens der Finanzmarktakteure tatsächlich größer sind, als die Schäden die diese, wenn auch kleine, Inflationierung verursacht. Immerhin gibt es, egal wie groß die Geldmengenerhöhung ausfallen sollte, immer auch Geschädigte. So richtig kann ich an den Free Lunch nicht glauben, zumal so eine Rettungsaktion ja nicht gerade zu den unerwarteten Innovationen der Zentralbankpolitik zählt.

 
R.A., 24.09.2007 16:12

Man kann aus guten Gründen der Meinung sein, einer Bank in solchen Situationen Hilfen zu geben wäre sinnvoll.
Wie auch oft Firmen Überbrückungshilfen bekommen, um Arbeitsplätze zu retten und ein Übergreifen auf Lieferanten und Kunden zu vermeiden.

Was mich dabei aber immer stört ist, daß die Besitzer dafür keine Entschädigung zahlen.
In allen solchen Fällen (Finanzintervention des Staates, der LZB, Forderungsverzicht von Gläubigern, Lohnverzicht der Angestellten) sollte es so sein, daß die Eigentümer den Gegenwert der Hilfe in Form von Anteilsübereignung erstatten – denn diese Eigentümer haben ja den Hauptvorteil, und den kassieren sie derzeit völlig ohne Gegenleistung.

 

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