Abzocken, ausbeuten, abkassieren
Heute wurde eine Inflationsrate von 2,5 Prozent berichtet. Das ist nicht unbedingt ein Grund zur Panik — nein, die Hyperinflation lugt noch nicht hinter der nächsten Ecke hervor. Sicher, 2,5 Prozent liegen einen halben Prozentpunkt oberhalb des Zielkorridors der EZB. Aber daß viele überrascht sind, liegt wohl vor allem daran, daß wir hier in Deutschland schon lange keinen richtigen Aufschwung erlebt haben, denn 2,5 Prozent sind mitten im Boom, bei gleichzeitig rapide sinkender Arbeitslosigkeit und damit steigender Konsumnachfrage nicht gerade ein böser Ausreißer. Und bei der Einordnung dieser Zahl hilft es auch zu berücksichtigen, daß ein beachtlicher Teil dieser Inflationsrate den Ölpreisen geschuldet ist und nicht etwa einer inflationären Politik der EZB.
Umso seltsamer sind die Aufmacher mancher Nachrichtensendungen heute. “Steigende Lebensmittelpreise — wer kassiert ab?” fragt man sich etwa beim Südwestdeutschen Rundfunk. Andere suchen gleich wieder nach den verantwortlichen “Abzockern“.
Was ist ist eigentlich los mit einem Land, in dem selbst die Berichterstattung über makroökonomische Kennziffern gleich ins Paranoide abgleitet? Hier wird niemand abgezockt, ausgebeutet oder abkassiert; hier erhöht sich schlicht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, und eine zentrale Ressource wird knapper und somit teurer. Ist das nicht sexy genug für öffentlich-rechtliche Nachrichtensendungen?







Wobei natürlich gerade die gestiegenen Öl- und Lebensmittelpreise den normalen Verbraucher schon mehr belasten, und er wird die “gefühlte” Inflation eher bei der Milch und an der Tankstelle suchen als bei einem Warenkorb.
Dieses Gefühl wird dann von der Presse bedient.
Da habe ich gleich mal eine Frage: Was ist eigentlich mit der Behauptung, mit dem Euro seien die Preise nicht wirklich gestiegen. Das wird und wurde ja immer wieder gerne von offiziellen Stellen behauptet (ich erinnere mich da an Stern TV, da war so eine Hausfrau die die Preise im Kopf hatte und jede Menge gestiegener Preise aufzählen konnte).
Sind die damals gestiegen (wie ich denke), wurde die Bevölkerung desinformiert, oder ist das alles nur “gefühlte” Inflation gewesen?
Beides stimmt, je nach Perspektive. In Deutschland gab es eine signifikante Preisniveauerhöhung, in anderen Ländern nicht. Unter dem Strich für die Eurozone insgesamt war der Effekt nicht wahnsinnig groß.
Ausführlich siehe hier:
http://ideas.repec.org/p/eea/boewps/wp2006-06.html
Im wesentlichen war es “gefühlte Inflation”. Im Einzelhandel gab es im wesentlichen dieselben Preise wie vorher, nur bei der Konstruktion der üblichen 9er-Endungen wurde mal auf-, aber auch mal abgerundet.
Ohne Erhöhung umgestellt wurden auch Mieten, Versicherungen, Wasser, Strom, Benzin usw.
Auffällig waren aber die Erhöhungen in der Gastronomie und einigen Dienstleistungen (Frisör …).
Da sahen diese Branchen wohl einen Nachholfbedarf, weil sie schon länger ihre gestiegenen Kosten nicht mehr durchreichen konnten. Gerade in der Gastronomie gab es aber eben durch die Preiserhöhung einen massiven Nachfragerückgang – die meisten Wirte haben das bereut.
Unterm Strich ist also nicht viel passiert (das zeigen auch die Statistiken), aber die Ausnahmen waren sichtbar genug, um das schwachsinnige Gerede vom “Teuro” hervorzurufen.
Wobei man sagen muss, dass die Lebensmittelpreise in Frankreich oder Italien um einiges höher liegen, und damit meine ich nicht nur die tolle Qualitätsware auf den Märkten.
Vielen Dank.
Und ich dachte immer, ein Boom wäre eine Steigerung des Outputs, was ja preissenkend wirken sollte. Es wäre ja auch nicht so, dass wir in Deutschland nun keine Arbeitslosigkeit mehr hätten. Nach Deiner Argumentation klingt es grad so, als würden die Arbeitskräfte knapp, die Löhne stiegen an und damit auch die Nachfrage. Bisher ist dies nicht der Fall. Also vielleicht nochmal nachdenken…
Das Inflationsproblem geht nicht weg, nur weil wir ganz feste die Augen vor seiner monetären Ursache verschliessen.
Nun, die Arbeitskräfte sind längst knapp. Nicht unbedingt, wenn Du einen Bierkistenstapler für den Getränkemarkt suchst, aber bei fast allem, was halbwegs qualifizierte Arbeitskräfte voraussetzt, gibt es bereits Engpässe.
Dazu kommt, daß wir schon länger relativ starke Anstiege bei den Produzentenpreisindizes sehen. Und das spricht schon sehr dafür, daß die teurer gewordenen Inputs in den Produktionsprozeß die Preissteigerung antreiben. Höhere Löhne für qualifizierte Arbeitskräfte, teurere Rohstoffe (wieder das Öl…) und so weiter.
Also: Ein ganz normaler Preisanstieg im konjunkturellen Aufschwung, so wie bei so ziemlich allen anderen konjunkturellen Aufschwüngen zuvor auch.
Die Energiepreise haben ja wenig mit der Nachfrage in Deutschland zu tun, und bei den Lebensmittelpreisen sind es wohl auch längst fällige Anpassungen, nicht eine gesteigerte Nachfrage (eher verknapptes Angebot). Es ist deshalb auch gar nicht gesagt, ob das von Dauer ist.
Wenn man mal Energiepreise und ähnliches ganz beiseite lässt, ergibt sich trotzdem ein irgendwie erschreckendes Bild. Zu mindestens dann, wenn von einer Lohnerhöhung von 179, 01 € Brutto lediglich 10,00 € Netto übrigbleiben(Hauptbrandmeister der Berliner Feuerwehr). Oder empfindet ihr selbiges als normal?
Tut mir leid: Aber an der Stelle auf den kleinen Mann zu verweisen der nichts in der Tasche hat, das ist in dem Tenor den Statler mit “nicht sexy genug” meinte. Weil in der Frage aber auch eine nicht-ökonomische Komponente steckt: Nein, das ist den Nachrichten nicht sexy genug. Weil es (a) keine Sau versteht und (b) genau solche Medienkonsumenten wie das Menschenkind über mir kopfschüttelnd vor dem Radio sitzen lässt. Das ist bei wirtschaftlichen Fragen noch nicht anders als bei politischen. Sobald die Komplexität des Sachverhalts mit dem verbreiteten Interessiertenwissen korreliert, wird es oft falsch.
Ich denke, es gibt eine grosse paranoide Grundschwinungung – und die zu appelieren ist ein Recht sicheres Geschäft. Ich war 6 Jahre bei eienr recht grossen Publikumszeitschrift und eigentlich war in jeder Ausgabe irgendwas mit “Abzocke”. Da es eine Computerzeitschrift war, ging es dann meistens um die Telekom, böse Hacker, Hersteller, Microsoft, oder alle zusammen. Die Artikel liefen immer ganz gut. Je einfallsloser der Aufmacher, desto besser die Verkaufe. Elend.
Objektiv betrachtet wird richtige Abzocke von Kunden schwieriger, weil alle immer besser informiert sind.
Noch eine Frage zu dem PDF, Statler:
Wenn ich die Tabellen richtig verstehe, dann gilt in Bezug auf Griechenland folgendes:
Es gab eine Preissteigerung.
Diese war jedoch nicht so hoch, wie sie gefühlt wurde. Richtig?
Ja, genau. Und ähnliche Muster findet man in anderen Ländern auch.
Dankeschön. Das mag natürlich daran gelegen haben, dass Menschen in Bezug auf ihr Geld besonders empfindlich sind, oder nicht?
Für mich als Laien klingt das ehrlich gesagt ein wenig perfide, was sich der gute Mann da zusammengeschrieben hat. Das wäre ungefähr so, als ob ich einem verprügelten Menschen sagen würde:
Sie haben zwar erhebliche Verletzungen davongetragen, doch
war es nicht so schlimm, wie es wehtat.
Naja, der Verprügelte hat aber auch nur sein subjektives Schmerzempfinden, an dem man objektiv kaum herumkritisieren kann.
Hier haben wir eine feststellbare Preiserhöhung, die geringer ist, als die wahrgenommene. Und diese systematische Abweichung vom objektiven Maßstab ist schon eine Story wert.
Hmm. Da sich alle Ökonomen einig sind, wird es wohl keine so starke Preissteigerung gewesen sein.
Vielleicht lag es ja auch daran, dass die Leute noch nicht mit der neuen Währung umgehen konnten und das Geld daher gerade bei den Verbrauchern recht locker saß.
http://www.ideachannel.tv/includes/video3.php?id=9
Von Milton Friedman lernen, heißt Siegen lernen! =P
Klasse Video, das sich hier einige mal genau anschauen sollten.
Das Oel also und der Boom verursachen Inflation… na ja… was soll man da noch sagen.
Herrje Leute, aktuelle Empirie anhand von 30 Jahre alten Friedman-Videos diskutieren zu wollen — da ist die Grenze zur puren Heldenverehrung doch ein wenig zu deutlich überschritten.
Die Frage ob Inflation, wie Friedman meinte, immer monetär verursacht sein muß, ist übrigens derzeit offen wie lange nicht mehr.
Weiß zwar nicht was das Alter des Materials mit den Aussagen zutun hat.
Aber ich weiß, worauf du mit deinem letzten Satz anspielst. Ich finde es auch sehr spannend, dass bei jahrelang hohem Geldmengenwachstum sich bis jetzt nur die Vermögenspreise aufgebläht haben, eine Wirkung auf die Güterpreise aber ausblieb. Vielleicht beginnt dies ja jetzt?
Ich habe bis jetzt noch keine befriedigende Erklärung für diese Entwicklung gehört. Allerdings finde ich es vorschnell die Quantitätstheorie gleich über Bord zu werfen. Theorien in Sozialwissenschaften sind zwar zeitlich variant, aber ein so fundamentaler Zusammenhang hört nicht einfach auf zu bestehen, oder?
>>Die Frage ob Inflation, wie Friedman meinte, immer monetär verursacht sein muß, ist übrigens derzeit offen wie lange nicht mehr.
Kannst du das näher begründen? Nur weil die Zentralbanken aufgrund schwankender Geldnachfrage die monetäre Basis nicht mehr als geeignetes Lenkungsmass ihrer Politik empfinden, stellt das ja nicht die monetäre Verursachung von Inflation in Frage…
Werde ich Ende nächster Woche/Anfang übernächster Woche mal ausführlich machen. Bin allerdings gerade unterwegs und habe neben dem Zeitmangel noch das Problem, daß ich, solange der Bibliotheksproxy noch hängt, ohne Zugang zu den Journal- und Arbeitspapierarchiven bin.
Der voellig subjektive ‘Schnitzelindex’ mit dem ich Restaurants vergleiche, besagt, dass etwa vor 10 Jahren (97/98/99 so die hausnummer) ein Wiener Schnitzel mit Pommes und Salat 14 Mark gekostet hat (in einem von mir regelmaessig besuchten Restaurant), waerend ich dieses jahr fuer ein Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln und Preisselbeeren in einem vergleichbaren Restaurant rund 14 Euro bezahlt habe.
Inflation etwa 100% in 10 jahren = 7% p.a.
Du vergisst dabei, dass die Preise für Dienstleistungen, insbesondere in der Gastronomie, überproportional gestiegen sind. Was wohl durchaus berechtigt gewesen sein könnte: Ein befreundeter Wirt schwärmt heute noch von der Euro-Umstellung, die ihm den Kragen gerettet habe… bei uns hier in Franken hast Du ein Schnitzel Ende der 90er noch für 9-10 DM bekommen.
…ganz zu schweigen von den frühen 90er, als man im Bamberger Umland für 10 Mark noch ein Seidla zum Schnitzel dazu bekam und noch genügend fürs Trinkgeld über hatte…
Seidla ist so eine halbe Halbe Bier?
(Mehr würd ich dafuer auch wirklich nicht ausgeben, joachim ;)
Ja, Dagny – a Seidla is a Halbe :-) Das “Seidel” ist eine alte Masseinheit für den halben Liter (0,535l früher)… heutzutage tendiert das wohl auch mehr in Richtung 0,435l. Wobei der Begriff “Seidla” eher im Mittelfränkischen üblich ist. Hier in Oberfranken ist er nicht so gebräuchlich. Für fünf Euro kriegst Du heutzutage grad noch zwei Halbe oder einen grossen Salat. Seufz..
Nach zwei Halben sind die 5€ meiner Erfahrung nach meist schon weg, ohne Salat…
Ach ja FG, Du bist ja auch aus der Geengd. Danke für die freundlichen Wünsche von vor 10 Wochen übrigens (hatte vergessen darauf zu antworten). Ab Montag werde ich wieder das erste Mal die Sägeschäden an meinem Bürostuhl begutachten können :-)
Ich bin selbst Einzelhändler.
Und Hand aufs Herz:
Über unser ganzes Sortiment hinweg gab es in unserem Betrieb zur Euro-Umstellung keine Preiserhöhung.
Es gab aber sehr viele Kunden, die sich bei uns über unsere Preiserhöhungen beschwert haben. Die aber objektiv nicht da waren.
Woher diese “gefühlte Inflation” kam, weiß ich nicht.
Vielleicht eine Mischung aus allgemeiner Skepsis, Medien-Propaganda* und unglücklichem Umrechnungskurs.
Ein Artikel, der DM 1,99 kostete, müsste bei korrektem Umrechnen 1,02 Euro kosten. “Erwartet” wurde aber i.d.R. 0,99 Euro, als 3% weniger.
Wenn ich diesen Preis neu gesetzt habe, gab es faktisch also eine Preissenkung um 3%, der Kunde empfand das aber als lediglich unveränderte Preise.
* Was in unserem gesamten Sortiment übrigens seit Jahren am meisten im Preis steigt sind …. Zeitungen!
Die preisgebunden sind.
Ich krieg jedesmal einen Hals, wenn ich mal wieder in der Süddeutschen lese, wie schlimm die Konsumenten vom Handel “abgezockt” werden. Und gleichzeitig weiß, dass wir kaum Preiserhöhungen haben – und eine der stärksten Preissteigerungen ausgerechnet die Süddeutsche selbst hat (was uns der Verlag aber vorschreibt und was wir nicht beeinflussen können!).
> Über unser ganzes Sortiment hinweg gab
> es in unserem Betrieb zur Euro-Umstellung
> keine Preiserhöhung.
Und das war wohl allgemein so im Handel.
> Woher diese “gefühlte Inflation” kam,
> weiß ich nicht.
Meine Vermutung: Die meisten Leute merken sich Preise überhaupt nicht, bzw. nur für wenige Artikel, die sie vielleicht auch mal anderswo kaufen.
Ansonsten wird gerade beim täglichen Bedarf in den Wagen gepackt, was gebraucht wird.
Und erst wg. der Euro-Umstellung haben viele die Preise wieder bewußt angeschaut.
Und dann plötzlich festgestellt, daß die 100 g ihres Lieblingsschinkens mehr kosten als die 100 g Billigzeug, das sie vor 20 Jahren als armer Student gekauft haben …
Es gab zahlreiche Studien – meist im Auftrag verschiedener Medien – die den Inflationsschub durch die Euro-Einführung dokumentiert haben. Das war also keineswegs nur “gefühlt”.
Seltsamerweise kenne ich keine einzige dieser Studien.
Alle Studien die ich kenne, sagen im Gegenteil, dass die Inflationsrate in diesem Zeitraum ganz unspektakulär war.
Vielleicht kannst Du mir ja eine Studie benennen?
(Mit Studie meine ich etwas, dass über einen breiten Warenkorb hinweg geht. Also nicht der oben zitierte “subjektive Schnitzelindex”).
Noch Ende letzten Jahres ging die Meldung durch die Zeitungen, dass der Euro seit seiner Einführung etwa 16% seines Wertes verloren hat.
Interessant auch die Forschungsergebnisse der Uni Fribourg:
http://www.unifr.ch/stat/forschung/vortraege/Braching-Lisboa07.pdf
Der EURO ist eine konstitutionelle Weichwährung, eine Tatsache, die gerne übersehen wird, wenn man ihn am noch schwindsüchtigeren Dollar mißt.
Aber ob wir den Minimal-Staazis hier wirklich eine Papiergeld-ist-Verarsche-Diskussion aufdrücken können? Die haben doch nicht mal die Nerven, so weit zu gehen wie Hayek mit seinen (freilich unzureichenden) Entstaatlichungsvorschlägen.
[...] betrachtet hat Statler wohl recht, die Nachfrage steigt und der Preis steigt. Entsprechendes gilt auch für den Fall, [...]