Zynismus
In der aktuellen Folge von Bill Mahers Sendung Real Time: Ein demokratischer Kongressabgeordneter erklärt, wieso er dafür gestimmt hat, zusätzliche Mittel für den Irakkrieg bereit zu stellen. Diese Gelder seien dafür bestimmt, neue Geländefahrzeuge zu beschaffen, die besser gepanzert sind, als die aktuellen Humvees. Man hat in diesen Fahrzeugen eine realistische Chance, einen Bombenangriff im großen und ganzen unbeschadet zu überstehen. Die Logik ist also einfach: Unsere Jungs sind dort drüben, daran werden wir so schnell nichts ändern, dann sollten wir sie so gut wie möglich schützen.
Ein anderer Gast der Sendung, ein linker Hip-Hop-Aktivist, widerspricht. Seine Logik sieht so aus, und das sagt er auch ziemlich offen: Hätte der Kongress dieses Geld nicht bereitgestellt, dann würde der Krieg im Irak in den USA noch schneller an politischer Unterstützung verlieren. Wieso? Na klar, weil mehr amerikanische Soldaten in ungepanzerten, alten Humvees sterben würden. Man würde das amerikanische Engagement im Irak also schneller beenden, weil es politisch nicht mehr haltbar wäre.
Schön, mal in dieser Deutlichkeit zu hören, daß manch ein Gegner des Irakkrieges auch bereit ist, über die Leichen amerikanischer Soldaten zu gehen, um seinen politischen Willen durchzusetzen. So viel Ehrlichkeit gibt es nicht oft.




So sehr wie ich manche Beiträge hier schätze, aber allzu oft macht ihr deutlich, dass es eine zweite Seite der Medaille des Bush Derangement Syndrome gibt: wie durchgeknallt muss man als Bushbejubler sein um für Bomben, Mord und Folter mittlerweile rund 400 Milliarden Dollar zu verschleudern, aber 30 Milliarden Dollar für die Krankenversicherung für Kinder als ineffizient abzulehnen? Hätte der linke Hip-Hop-Aktivist die Soldaten überhaupt erst geschickt? No way!
Das immer wiederkehrende Thema des schlecht gepanzerten Humvees wird langsam langweilig. Dafür sollen dreistellige Milliardensummen investiert werden? ich bin mir nur weniger Dinge sicher, aber dass die Neocons sich einen Scheißdreck darum kümmern ist sicher, die Einschränkungen bei der Versorgung der Veteranen, bei MediCare und MedicAid und nun trotz der Kostenexplosion (die mir die Dumpfbacken die übers deutsche System lamentieren mal erklären sollten) im Gesundheitsbereich auch bei SCHIP zeugen davon.
Ihr wollt amerikanische Soldaten schützen? Dann gibt es nur eines: raus aus dem Irak. Nur hat man dann natürlich das Problem wie man tausende Tote und eine Rechnung über 400.000.000.000 Dollar rechtfertigt, wo man als positiven Aspekt nur darauf verweisen kann eine drittklassige Diktatur beendet zu haben deren militärische Möglichkeiten so grotesk aufgebauscht hat, dass ein Münchhausen blass würde.
Wie honkisch muss man eigentlich sein um sich jetzt darüber zu freuen dass die Amerikaner ihre “boys” durch bessere Humvees schützen wollen. Hätten sie doch mal bessere Humvees in den Krieg geschickt! Nach so langer Zeit drauf zu kommen dass man besseres Material braucht ist auch zynisch. Dass es “zusätzliche Mittel” sind wirft auch ein Licht auf die US-Militärphilosophie ihre Soldaten immer besser zu schützen, je stärker der innenpolitische Druck wird. Und die Bush-Administration soll hier auch mal erwähnt werden. Denen ist wohl vieles wichtiger als der Schutz der eigenen Soldaten wenn die stärkeren Bodenplatten der Zusatzposten im Budget sind. Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass man das schlecht ablehnen kann im Kongress.
Freilich nicht so sehr wie der Kommentar oben. Denn NATÜRLICH ist es der US-Soldat wert gerettet zu werden. Und NATÜRLICH hat das nichts damit zu tun, dass der Krieg für viele - mich auch - ungerechtfertigt und falsch war. Nicht ist, denn mittlerweile ist dort wirklich die Parole “Hier siegen oder alles verlieren” gegeben.
>>Unsere Jungs sind dort drüben, daran werden wir so schnell nichts ändern, dann sollten wir sie so gut wie möglich schützen.
Das spottet doch jeder Logik Hohn.
A beginnt einen Krieg, B muss der Finanzierung des Krieges zustimmen. B ist gegen den Krieg, also stimmt B der Finanzierung nicht zu. So sieht es doch aus.
Dieser kollektivistische “unsere Jungs” Quatsch war schon immer ein beliebtes propagandistisches Mittel selbstverliebter Herrscher. Es fehlt wirklich nur noch die Dolchstosslegende…
Ohne die Sendung gesehen zu haben - ich nehme an, der Hiphopper hat einfach seine vorbereitete Argumentation abgespult. Dabei stand das Ziel zuerst fest - “raus aus dem Irak” - und um das zu erreichen heiligt der Zweck die Mittel.
Hinsichtlich der Medienwirksamkeit war das allemal sinnvoller, als auf die vermutlich unerwarteten Argumente des Vorredners einzugehen und irgendwas zusammenstottern zu muessen. Dass diese Strategie funktioniert, zeigen die drei vorigen Kommentare.
Es ist doch ganz einfach:
Der Ausgang des Irak-Kriegs wird letztendlich von der ökonomischen Realität bestimmt werden und nicht von fanatischen Utopisten wie Herrn Statler.
Oder anders gesagt:
“Unsere Jungs” und other people’s money.
Herr Statler ist weder bei der kämpfenden Truppe, noch muß er dafür bezahlen.
Es ist billig eine Meinung zu haben, bei der man sicher sein kann, daß man die Konsequenzen nicht selbst zu tragen hat.
“Es ist billig eine Meinung zu haben, bei der man sicher sein kann, daß man die Konsequenzen nicht selbst zu tragen hat.”
Was so ziemlich für jeden hier gilt. Oder sitzen Sie gerade in einem schlecht gepanzerten Humvee.
“Der Ausgang des Irak-Kriegs wird letztendlich von der ökonomischen Realität bestimmt werden und nicht von fanatischen Utopisten wie Herrn Statler.”
Ne, aber vielleicht von fanatischen Utopisten im Irak oder Washington. Die bringen nämlich - wenn sie nur fanatisch genug sind - das nötige Geld auf.
> Ne, aber vielleicht von fanatischen Utopisten im Irak oder
> Washington. Die bringen nämlich - wenn sie nur fanatisch genug
> sind - das nötige Geld auf.
Du bestätigst doch lediglich mein Argument: man muß die nötigen Mittel aufbringen.
Fanatismus ohne Geld ist ziemlich!
@Klaus:
> Dann gibt es nur eines: raus aus dem Irak.
> Nur hat man dann natürlich das Problem
> wie man tausende Tote und eine Rechnung
> über 400.000.000.000 Dollar rechtfertigt
Nö.
Das ist das unwichtigere Problem.
Das eigentliche Problem ist es, die vielen zehntausend Tote zu rechtfertigen, die NACH dem Abzug Folge sein werden.
Aber das ist den Gutmenschen ja ziemlich egal. Sind ja bloß Araber.
Dein Argument würde ziehen wenn im Irak so etwas wie Frieden herrschen würde, aber die Realität ist eine andere: vermutlich mehr als 70000 tote Zivilisten und kein Ende des Blutvergießens abzusehen. Es ist vielmehr umgekehrt, die Kriegsbejubler sind es die allzu gerne die toten Zivilisten unter den Tisch fallen lassen.
Aber glaubst du - und das ist eine ehrlich gemeinte Frage - dass die Situation im Irak besser würde, wenn die USA, die Briten, et al. ihre Truppen jetzt sofort abziehen würden?
Steht nicht eher zu befürchten, dass das Resultat eine “humanitäre Katastrophe mit genozidalen Tendenzen” (ich glaube so euphemistisch drückte es Joschka Fischer mal im Bezug auf Dafur aus) stattfinden würde, in dem Moment in dem die Milizen komplett unkontrolliert handeln könnten? Gerade weil der Irak auf dem direkten Wege zum “failed state” zu sein scheint?
Nein, ich habe natürlich keine Pläne für eine Exitstrategie in der Schublade (muss ich das als Kriegsgegner?) und ein schneller Truppenabzug bedeutet nicht notwendigerweise eine Verschärfung der Situation im Irak. Ein Truppenabzug wäre zumindest eine Variable weniger in der komplizierten Irakgleichung.
Nein, das musst du natürlich nicht. Ich bin übrigens auch kein Freund des Irakkriegs, aber ich befürchte halt, dass die US Armee vielleicht die Variable in der komplizierten Gleichung sein könnte, die als einzige derzeit zwischen dem Irak und einem offenen Bürgerkrieg mit ethnischem Hintergrund steht. Wie du sagst, nicht notwendiger-, aber möglicherweise. Die Frage ist, ob man das Risiko eingehen soll, da es hier ja immerhin um Menschenleben geht. Fiese Situation…
Björn, Du hast Recht. Solange die Amerikaner da drin sind, ist Ruhe. Wenn die US-Truppen abziehen, dann geht es los.
Es war aber so gewollt. Das ist kein Unfall, sondern Plan.
Perfide, bestialisch, aber bestimmt nicht die Schuld der Amerikaner. “Schuld” sind die Menschen, die nicht friedlich miteinander leben wollen. Steinzeitliche Auffassungen von gesellschaftlichen Normen, die jedes friedliche Miteinander unmöglich machen. Diese Menschen müssen das erst noch lernen und da sie zu einer Bedrohung unserer Gesellschaften werden, müssen sie es eben auf die ganz harte Tour lernen. Wahrscheinlich können Menschen die Aufklärung durch durch Gewalt erlernen.
Mir wäre es auch lieber gewesen die arabischen Staaten würden über Nacht dazu übergehen die Menschenrechte zu gewähren, pluralistische Demokratien zu werden und auf den Staat Israel zugehen und Frieden anbieten.
Das alles wird ohne einen großen Bürgerkrieg niemals geschehen.
> ich habe natürlich keine Pläne für
> eine Exitstrategie in der Schublade
> (muss ich das als Kriegsgegner?)
Als Kriegsgegner von damals muß man das nicht.
Aber als Abzugsbefürworter von heute muß man das sehr wohl.
> und ein schneller Truppenabzug
> bedeutet nicht notwendigerweise
> eine Verschärfung der Situation
> im Irak.
Im Vollsuff mit 180 durch den Ort zu fahren bedeutet nicht notwendigerweise, daß es zu einem schweren Unfall kommt.
Aber man wird völlig zu Recht für solche Fahrlässigkeit verknackt.
Nicht nur (uns) Gutmenschen. Sondern auch dem amerikanischen Steuerzahler der es nicht einsieht, dass Millionen im (höhö) Millionengrab Irak verschwinden. Nur weil dort die Unterschicht im Krieg steht. Das ist leider die Krux an Demokratien im Krieg: Sie können nicht verlieren weil jeder tote Soldat im Fernsehen eine nationale Krise auslöst. Nicht von ungefähr hat bin-Ladin nach der Schlacht von Mogadishu vom “Papiertiger USA” gesprochen.
Man wird wohl kaum in Lage sein durch Panzerungen von Humvees die Verlustraten zu senken. Ganz egal wie viel Geld man aufbringt.
Wer eine Konservendose öffnen will nimmt einen Dosenöffner, nicht einen Zahnstocher, soll heißen: Die Menge an Sprengstoff wird einfach erhöht werden. Und da man bei einem solchen Teil wohl auch bei einer Schutzpanzerung kaum mehr als 7 Kilogramm Sprengstoff brauchen wird, macht das in Bezug auf die Anschlagshäufigkeit auch kaum einen Unterschied.
Panzerungen von Humvees können daher nur in Bezug auf Beschuss Sinn ergeben. Aber auch mit einer solchen Beschusspanzerung verliert der Humvee schnell seinen Kampfwert als hochagiles Angriffsfahrzeug. Was wiegt das Teil mit einer Beschusspanzerung? 4 Tonnen? Wahrscheinlich sogar mehr als 7 Tonnen. Und damit will man über Gräben fahren und kleinere Brücken überqueren? Das geht mal, aber wegen der Sichtbehinderungen durch die Panzerungen und der damit verbundenen Zeitverzögerung beim Ein- und Ausstieg droht das Teil im Einsatzfall zu einer Falle zu werden.
Ich würde mich in so ein Teil in einer urbanen Umgebung jedenfalls nicht hineinsetzen wollen, weder gepanzert noch ungepanzert. Dann lieber auf so einen Buggy der Briten in Afghanistan. Da kommt man wenigsten schnell von weg.
Ja, das ist richtig und diesen Rüstungswettlauf zwischen Amerikanern und den perfiden Bombenbastlern werden die Amis nicht gewinnen, trotz aller Hightech. Siehe auch den Beitrag von Bruce Schneier zum Thema.
Nun, mehr Geld für Humvees hat ja schon die Regierung Clinton abgelehnt.
Das die Dinger ein Problem haben ist ja seit Somalia bekannt gewesen, eigentlich hätte man danach was tun müssen.
Aber in der guten alten Zeit unter Clinton haben sich die USA einfach aus allem rausgehalten und brauchten keine gepanzerten Fahrzeuge.
Al Gore hat damals das Internet erfunden, alle wurden mit Aktien am neuen Markt reich, Grunge wurde im Radio gespielt und nirgendswo - vor allem nicht im Irak oder auf dem Balkan - gab es ermordete oder mishandelte Zivilisten.
Die Zukunft des Iraks hat richtig rosig ausgesehen. Zwar gab es damals noch Massenvernichtungswaffen - einfach mal die Bücher diverser UN Beauftragter lesen, z.B. das von Scott Ritter - aber das war kein Problem.
Denn dadurch das man den Irak per Embargo in die technologische Steinzeit zurückgebombt hat (Ruinen schaffen ohne Waffen) konnte sichergestellt werden das Saddams Regime nie wieder an Atom-, Chemie- oder Biowaffen kommt.
Die Iraker mußten dafür zwar auf solche Sachen wie Atomtechnik (wer braucht schon Röntgenstrahler ?), eine chemische Grundindustrie (wer braucht schon Phosgen ?) oder Biotechnologie (wer braucht schon Impfstoff gegen Milzbrand ?) verzichten, aber das ist es wert gewesen.
Im nachhinein ist ja rausgekommen das es die ganzen Massenvernichtungswaffen ja nicht gab (haben Scott Ritter & Co nur übertrieben um Spesen zu kassieren ?) aber das konnte man damals ja nicht wissen…