Walter Kempowski, 1929-2007
Statler, 05.10.2007
Dieser Schriftsteller war in mancher Hinsicht anders als viele andere deutsche Schriftsteller. Das Motiv der Weltbeglückung, das sich bei manch einem nobelbepreistem Kollegen in tagespolitischen Statements von rührender Naivität oder erschreckender Borniertheit äußerte, fehlte ihm weitestgehend. Er hatte das wahrscheinlich auch nicht nötig. Sollen doch diejenigen predigen, deren Können nicht ausreicht, um das, was sie sagen wollen, in Szenen, Geschichten und Beschreibungen zu sagen. Kempowskis Können hat immer ausgereicht. Im Echolot hat er das auf die Spitze getrieben, da hat er nicht einmal mehr selbst geschrieben, sondern nur fremde Tagebuchfragmente aneinander gereiht. Aber trotzdem wußte man als Leser genau, was er uns über die Zeit sagen wollte, aus der die Fragmente stammten. Und selbst in den seltenen Interviews, in denen er sich über irgendetwas aufregte, blieb er doch immer lakonisch, mit oft entwaffnender Selbstironie. Acht Jahre politische Haft in Bauzen, die prägen einen Menschen wohl anders als ein Jungensabenteuer bei der Waffen-SS das tut.
Da ist heute ein wirklich großer Schriftsteller gestorben, und angemessenere Nachrufe gibt es beispielsweise bei der WELT, der SÜDDEUTSCHEN, sowie (auch wenn es noch kein Nachruf war) bei ZETTEL.
antibuerokratieteam.net





Ausgerechnet an dem Abend traktierte uns arte mit endlosen Grass-Huldigungen.
In den dritten Programmen gab es nach Mitternacht ein paar Dokumentationen: Im NDR ein wunderbares letztes Interview mit Paul Kersten Ende Juni 2007, einen längeren Film “Die Bücher seines Lebens”, in dem viel älteres Material aus den 70ern verarbeitet ist. Man merkt diesen Teilen oft die Distanz der damaligen Filmleute an. Im SWR eine “Bühler Begegnung” mit einem streckenweise etwas hilflosen Voss.
Ich möchte noch auf den lesenswerten Nachruf von Vera Lengsfeld verlinken:
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/adieu_walter_kempowski/
Kempowski hat eine beeindruckende Leistung erbracht mit seinem Archiv (das nur von wenigen benutzt wird, weil die anderen Angst haben, sie müßten ihr Welt- und Geschichtsbild revidieren nach Lektüre…)
Und beiläufig erwähnt saß er in Bautzen ein, von Bauzen hab ich noch nix g’hert. :)
Den Nachrufen ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Er war wahrscheinlich der herausragendste Biograph des Deutschlands der letzten Jahrzehnte und ein begnadeter Schriftsteller dazu.
Eine der eindrücklichsten Eigenschaften Kempowskis war es, dass er bei aller moralischen Standfestigkeit sich scheute, den Stab über gebrochene Biographien zu brechen. Er hat scharf geurteilt, aber selten verurteilt.
Seinem Mitarbeiter und Biographen Dirk Hempel hat Kempowski sein persönliches Waffen-SS-Erlebnis gschildert:
„Ende März [1945] wurden wir dann gemustert, zunächst von der SS. Mutig sagte ich zusammen mit einem Freund: >Nein, wir wollen nicht zur SS.Meldet sich freiwillig zur SSZurückgestellt bis Oktober 1945.
[Ist die Komentarlänge begrenzt?? Warum wurde da die hälfte verschluckt??]
„Ende März [1945] wurden wir dann gemustert, zunächst von der SS. Mutig sagte ich zusammen mit einem Freund: >Nein, wir wollen nicht zur SS.Meldet sich freiwillig zur SSZurückgestellt bis Oktober 1945.
[OKOK, falsche Zeichen, noch ein Versuch]
Den Nachrufen ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Er war wahrscheinlich der herausragendste Biograph des Deutschlands der letzten Jahrzehnte und ein begnadeter Schriftsteller dazu.
Eine der eindrücklichsten Eigenschaften Kempowskis war es, dass er bei aller moralischen Standfestigkeit sich scheute, den Stab über gebrochene Biographien zu brechen. Er hat geurteilt, aber selten verurteilt.
Seinem Mitarbeiter und Biographen Dirk Hempel hat Kempowski sein persönliches Waffen-SS-Erlebnis gschildert:
„Ende März [1945] wurden wir dann gemustert, zunächst von der SS. Mutig sagte ich zusammen mit einem Freund: ,Nein, wir wollen nicht zur SS.` Da sein Vater Landrat war und meiner Reeder und überdies hochdekorierter Offizier, gaben die SS-Leute nach. Die anderen bekamen in ihren Wehrpass gestempelt: ,Meldet sich freiwillig zur SS`, ich nicht. Man stelle sich vor, ich müsste jetzt und immerfort und überall angeben, dass ich mich im Frühjahr 45 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hätte! Niemand hätte sich doch die Mühe gemacht nachzurechnen, dass ich damals erst 15 Jahre alt war. Und keiner hätte mir geglaubt, dass das unter den geschilderten Umständen geschehen wäre. So stand ich vor einem Musterungsarzt, der meine dünnen Arme befühlte und in die Stammrolle diktierte: ,Zurückgestellt bis Oktober 1945.`“
[Dirk Hempel: Walter Kempowki – Eine bürgerliche Biographie; S. 60]
Die Geschichte unterscheidet sich im Detail zwar sicher von der Grass-Geschichte, zeigt aber auch, wie schnell man einen lebenslangen Makel abbekommen konnte. Und dass es mitunter einfach Glück war.
Mit Grass verband ihn offenbar zeitlebens eine herzliche Abneigung (was ihn nicht daran hinderte, den Nobelpreis für Grass als Zum Grass-Geständnis ist von Kempowski außer einem lakonischen „Ein bisschen spät kommt das schon.“ nur der Satz überliefert: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“
Kempowski unterscheidet sich von Grass wohltuend darin, dass er aus seinen persönlichen (Schuld-)Erfahrungen nicht in eine gnadenlose moralische Rigidität geflüchtet ist. Man sollte ihm soviel Respekt zollen, dass man ihn auch nach seinem Tod nicht als Stein missbraucht.
@FG:
Kempowski unterscheidet sich von Grass wohltuend darin, dass er aus seinen persönlichen (Schuld-)Erfahrungen nicht in eine gnadenlose moralische Rigidität geflüchtet ist. Man sollte ihm soviel Respekt zollen, dass man ihn auch nach seinem Tod nicht als Stein missbraucht.
Beide Sätze (und zwar zusammen!) bringen auf den Punkt, worauf es ankommt und was von uns Nachgeborenen heute leider so gerne vergessen wird …
Chapeau!