Von der Freiheit, Schwachsinn sagen zu dürfen
Also diese Rubrik hier nennt sich ja “Eidgenössisch Eigensinniges”. Dann lasst mich mal noch ein Wort zu Frau Herman sagen. Denn inzwischen habe ich beim Herumzappen die entscheidenden Stellen bei Kerners Show gesehen - und ich verstehe die Welt nicht. Was soll die Aufregung?
Wenn man wie ich ausserhalb der sprachlichen Kodierung der Bundesrepublik Deutschland und von ein paar offensichtlich überdrehten Deutschsprach-Sittenwächtern steht, dann ist es etwas schwer auszumachen, was die Frau Herman eigentlich gesagt haben soll, das die Frau Berger, die Frau Schreimacher (oder so ähnlich) und offensichtlich eine breite Öffentlichkeit derart empört.
Frau Herman ist nun nicht unbedingt ein Ausbund an Intelligenz und die Frau war in Herrn Kerner Talkshow ganz offensichtlich gestresst. (Ich bin schon des Öfteren in Live-Diskussionssendungen des Fernsehens aufgetreten und kann die Situation durchaus nachfühlen). Was man also sagen kann, ist, was alle wissen, Nachrichtensprecherinnen müssen vor allem gut aussehen und einen Text ohne zu stottern vom Teleprompter ablesen können. Deshalb sollten sie, wenn immer möglich, keine unvorbereiteten Statements von sich geben.
Der Punkt bei der ganzen Herman-Sache ist ein ganz anderer: In Deutschland gibt es die grosse Lust, auf gewisse historische Reize mit einer Maximalempörung zu reagieren. Und wenn jemand den - wo eigentlich - festgeschriebenen Sprachkodex zum Dritten Reich im öffentlichen Raum kratzt, wenn also Worte fallen, die nicht fallen dürfen, begeben sich sofort alle auf die Rennstrecke. Das Ziel: Wem gelingt es, sich am weitesten vom Empörungsauslöser zu distanzieren.
Die Deutschen (das ist jetzt gemein, ich weiss), also nochmals: die Deutschen haben der Frau Herman bei Kerner die letzte Chance eingeräumt, sich dem von der Gesellschaft in solchen Fällen geforderten symbolischen Unterwerfungsritual zu unterziehen. Sie hat es verpatzt, sagt die veröffentlichte Meinung. Herr Kerner ist Distanzierungssieger, dicht gefolgt von Frau Berger und von dieser Frau Dingsbums (hatte die nicht mal gewaltige Steuerprobleme?).
“Der Umgang mit der NS-Vergangenheit ist längst zu einem starren Reiz-Reaktions-Verbund heruntergekommen. Was zählt, ist die Einhaltung bestimmter Sprachcodes und die Vorführung und die erwarteten symbolischen Gesten der Abwehr”, schreibt heute Heribert Seifert in der NZZ am Sonntag.
Deshalb frei nach Voltair: Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, Madame, aber ich werde für Ihr Recht kämpfen, dass Sie sie äussern können.
PS: Während ich das schreibe, läuft im Hintergrund eine Reportage über “Die Frau vom Checkpoint Charly”. Meine ich das nur oder ist das so, dass die meisten dieser DDR-Chergen heute völlig unbehelligt ihr Rentnerdasein geniessen?













Danke für diesen distanzierten, schweizerischen Blick, dem ich in der Sache auch zustimmen würde.
Nur - die Rezeption in Deutschland ist tatsächlich eine andere, als gewisse Vorurteile sie erwarten ließen. Es sind doch sehr viele unter unseren Freunden davon ausgegangen, dass Kerner als moralischer Sieger dastehen würde, der mutig die Neo-Nazissin Herman in die Schranken gewiesen hat.
Im Kern aber folgt tatsächlich die “herrschende Meinung” in Deutschland, wenn es denn eine solche überhaupt gibt, genau deiner Vorgabe: Herman ist dämlich, und Kerner ist ein A…loch.
Die Empörung, gegen die du dich wendest, hat hingegen nicht stattgefunden.
Ein Spitzenartikel von Heribert Seifert..
Unbehelligt ist gut. Die sozialistischen Schergen laufen sogar durch die Gegend und verhöhnen ihre Opfer, wie dies in Berlin geschah. Der sozialistische Senator der Linkspartei, der anwesend war, ließ sie hetzen und grinste sich eins.
Nachtrag: Beim angesprochenen Sozialisten-Senator handelt es sich um Harald Wolf.
An deinen Ausfürhungen ist sicher was dran,… ABER ;-)
Es gibt in Deutschland sicher Tabus, auch sprachlicher Art, insbesondere in Bezug auf das Dritte Reich. Das mag einen Aussenseiter verwundern. Nur kann ich daran ehrlich gesagt kein Problem erkennen. Jede Gesellschaft hat ihre Tabus, sie dienen meist der Gestaltung eines gedeihlichen Zusammenlebens. Jeder Deutsche weiss doch, dass die Beschönigung oder Relativierung der Verbrechen des Dritten Reichs Tabus darstellen.
Nun steht natürlich jedem frei, gegen solche Tabus anzurennen - dies zieht dann allerdings eine entsprechende gesellschaftliche Sanktion nach sich (wohlgemerkt: keine staatliche Bestrafung!). Auch hier kann ich kein Problem erkennen.
Ich halte das Tabu “Beschönigung” oder gar “Rechtfertigung des Dritten Reichs” für völlig richtig und begrüssenswert. Ich schätze es nicht, wenn Leute - wie hier Herman - an diesem Tabu herumsägen (”es war ja nicht alles schlecht…”). Man sollte nicht unterschätzen, wie viele Idioten in einem 80 Millionen-Volk nur durch intakte Tabus zu anständigem Verhalten gebracht werden können.
Insofern mag der Begriff “Unterwerfungsritual” nicht völlig falsch sein, er beschreibt aber m.E. keinen negativen oder ablehnungswürdigen Sachverhalt.
Nur hat Herman ja nie irgendwas wie “es war ja nicht alles schlecht” gesagt. Pathologisch wird die Sache nämlich, wenn man solche Aussagen in alles hineinphantasiert und dann das “Unterwerfungsritual” fordert.
Doch, sie hat es gesagt. In dem fraglichen Zitat und einen Tag später ausdrücklich nochmal zur Bild am Sonntag! Wie ich darauf komme habe ich hier: (http://vielleichteinlinker.blogspot.com/2007/10/dumme-blonde-frau.html)
beschrieben.; in ‘Tateinheit mit Martin Wirth der hier vielleicht etwas glaubwürdiger erscheint http://www.bissige-liberale.com/2007/10/10/nochmal-eva-herman-und-die-nazis/)
Das mit den DDR-Verbrechern ist wirklich eine Schande. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass die Profiteure einer Diktatur in der ablösenden Demokratie auch noch ihre Renten beziehen dürfen, während die Opfer um jede Kleinigkeit kämpfen dürfen.
Das ist doch auch wieder nur so ein Unsinnthema. Vor ein paar Tagen kamen auch wieder total investigative Journalisten daher und erklärten, dass das BKA und andere Behörden in den Jahrzehnten nach den Nationalsozialisten von eben solchen in den Führungsetagen dominiert worden wäre. Und hat es geschadet? Hat man die RAF und ihre Sympathisanten falsch angepackt? Pah!
Ich sage, wenn die Leute nur wissen, wie und wo sie sich einfügen müssen und wie sie zu funktionieren haben, dann kann ein Staat nicht auf ihr Potential verzichten. Gerade die DDR-Beamten haben einen besonders feinen Sinn entwickelt, der ihnen sehr zuverlässig mitteilt, was von ihnen erwartet wird. Solche Mitarbeiter sind überall Gold wert. Da kann man die Ideologenbrille auch mal stecken lassen.
Wenn Frau Herman ihre Meinung äußert, ist das eine Selbstverständlichkeit. Das sollte man aushalten können.
Wenn Krimininelle Menschenrechtsverbrecher von meinen Steuergeldern alimentiert werden, dagegen nicht.
Menschenrechtsverbrecher ist auch wieder so ein Wort, das je nachdem wer es nutzt, unterschiedliche Menschen meint. Im obigen Kontext z. B. ist nicht ersichtlich wer gemeint sein könnte. Ehemalige DDR-Bürger, die früher gut integriert waren und heute gut integriert sind, oder Beamte der Bonner Republik, die eine durchgängige Hingabe zur Staatstreue lebten und leben.
Ich finde das Wort Menschenrechtsverbrecher ist ziemlich eindeutig.
Das der Autor in Herman Äußerungen nichts verwerfliches erkennen kann liegt wohl an seinem mangelnden Sprachempfinden. “Die Arbeit an der Sprache ist die Arbeit am Gedanken”, ist ein Leitspruch der NZZ und schon das rechtfertigt die Herman öffentlich zu zerfleischen. Christian Hoffmann bringt es auf den Punkt. Es gibt keinen Grund ihr zu verbieten das zu sagen. Aber es gibt zu viele Gründe dafür zu sorgen dass es nicht unwidersprochen bleibt und das sie es, wenn sie es wieder tut, kaum Zuhörer hat und die Mehrzahl der Menschen weiß, dass sie unrecht hat, hetzt, verharmlost und moralisch wie intellektuell am Boden der Möglichkeiten kratzt.
Und der unterschwellige “die ‘Nazis’ werden gehetzt und die Sozis dürfen weiter hetzten”-Einwand ist recht sinnlos. Da hätten Sie mal die Situation in den 50ern mit der heute vergleichen sollen.
Ich bin ja eher ein Freund einfacher Worte und kurzen Sätzen. Was ich aus dem akkumulierten Gestammel der Hermann heraushoerte war in etwa so (bitte veressert mich, wenn ich wichtige Nuancen verpasst habe:
“Also, der Hitler das war ja schon ein schlimmer Finger. Aber die traditionellen Familienwerte, das war damals noch was. Und die Autobahnen erst…”
Eventuell handelt es sich bei der ganzen Sache um einen voellig misslungenen Versuch, durch eine an-den-Haaren-herbeigezogene Kontroverse den Vekauf eines eher lauen Buches anzukurbeln, dass die nicht mehr ganz frischen Ansichten einer nicht mehr ganz frischen ex-Nachrichtensprecherin wiedergibt.
Kennt jemand Gerhard Polt? Wenn man ihm den Talkshow-Text der Herman geben wuerde, dann waere dem ganzen eine gewisse satirische Qualitaet nicht anzusprechen.
Herr Polt hätte daraus sicher einen hervorragende Nummer gebastelt. Das wäre eine erfrischend angemessene Reaktion. Aber mal so nebenbei - meine deutsche Verwandtschaft hat bis tief in die siebziger des letzten Jahrhunderts diesen Satzt “Unter Hitler hätte….” herumgereicht, so privatim unter sich.
Im übrigen wurden die traditionellen Familienwerte im D.R. mit Füssen getreten.
Die Nachkommen der zweiten Diktatur, die erst kürzlich aus Überdruss beendet wurde, hätscheln doch ähnliche Sätze, was Neusprech mit “Ostalgie” verniedlicht wird.
Es ist mir unbegreiflich, wie es in der Öffentlichkeit zu so einer Welle der überzogenen Kritik kommen konnte. Naja, ganz unbegreiflich vielleicht doch nicht, ist es doch Schick einen intellektuell differenzierteren Standpunkt zu konservativen Weltbildern zu haben. Die Theorieszene hat eben auch ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten.
Eine davon ist, dass die Meinungsfreiheit wohl endgültig tot ist.
Das nicht so sehr, weil ein Wort über den Nationalsozialismus gefallen ist. Vielmehr deswegen, weil jeder meint eine noch klügere und ausdifferenziertere Meinung zum Thema zu haben, was ihn im Grund dazu befugt den “Schwachsinn” anderer zu kritisieren.
Die Meinung des Äußernden wird bewertet und für gut oder schlecht befunden. Es ist kaum jemanden möglich Hermans Meinung einfach als solche im Raum stehen zu lassen.
Man findet merkwürdigerweise auch an solch aufgeklärten Ort wie diesem hier kaum einmal den Hinweis, dass das eben Hermans Meinung gewesen ist.
Punkt. Mehr bedarf es doch eigentlich nicht.
Wenn das aber schon hier nicht möglich ist, wie soll es dann die breite Masse der Bevölkerung hinbekommen Meinungen anderer Menschen alleine wegen ihres Rechts der Äußerung zu respektieren?
Im Grunde hatte ich mir geschworen, zu dieser albernen Diskussion kein Wort zu sagen. Aber wie es so geht im Leben, es kam dann ganz anders:
(…) Statt sich wirklich politisch zu interessieren und zu betätigen, gönnt man sich lieber den Spaß, pseudopolitische Themen zu einem Popanz aufzublähen, der die Beachtung überhaupt nicht verdient. (…) http://buettchenbunt.de/node/493
Es gehört schon ein gehöriges Maß an Phantasie oder bösem Willen, um aus der Aussage, die Frau Herman bei ihrer Buchpräsentation gemacht hat, eine Relativierung oder gar Beschönigung des NS-Regimes herauszuhören. Aus der Sicht unserer selbsternannten Meinungselite bestand ihr unverzeihlicher Fehler darin, gesellschaftsapolitisch relevante Folgen der 68er-Revolte als negativ zu bezeichnen. Da man das aber nicht zugeben will, muss der Vorwurf der Nazi-Billigung her.
Diesr Vorwurf ist falsch. Sie hat es gesagt, sie hat relativiert und dafür erntet sie jetzt Gegenwind. Nicht mehr übrigens. Weder wird sie polizeilich verfolgt noch irgendwo eingesperrt. Ihr unverzeilicher Fehler bestand also darin die NS-Zeit mit dem “es war nicht alles schlimm”-Credo zu belegen. Die 68er zu bashen gehört mittlerweile ja zum guten Ton. Dafür erntet man keine Kritik mehr. Daher ist es billig die Nazikuschelei unter dem Deckmantel des 68er-bashings verbergen zu wollen.
pardon ich meinte die Allgemeine Diskussion, nicht die hier im Forum…
> dass die meisten dieser DDR-Chergen heute
>völlig unbehelligt ihr Rentnerdasein geniessen
Es ist noch viel schlimmer: Diese Verbrecher haben es inzwischen geschafft, ihre Privilegien aus DDR-Zeiten anerkannt zu bekommen und sie erhalten HÖHERE Renten als Normalbürger.
Frau Dingsbums hat nicht nur ihre Steuer äußerst kreativ gestaltet, sie musste auch noch unbedingt live während ihrer damals noch ausgestrahlten Talkshow bei SAT.1 darüber klagen - und SAT.1 hat ihr prompt (mitten im Satz!) den Saft abgedreht und die Dame dem allgemeinen Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt …
Klar, die Zeugin ist unglaubwürdig und daher ist das, was sie sagte, auch falsch. Mmmmmm, wenn das mal kein Populismus ist?!
Es gehört auch zur Meinungsfreiheit über Eva Hermans Schwachsinn ablästern zu dürfen.
Meinungsfreiheit bedeutet nicht das man jede Meinung unkommentiert schlucken muß.
Aber vieleicht wäre es aber besser gewesen wenn man die Ausseinandersetzung mit Eva Hermans Meinung den Satirikern überlassen hätte.
Wer die Familienpolitik im dritten Reich lobend erwäht sollte sich auch fragen lassen ob es so toll ist Führer und Reich Söhne für den Endsieg schenken zu wollen.
Auch was die Autobahnen und die Arbeitslosigkeit angeht wäre es mal eine echte Überlegung ob man den Reichsarbeitsdienst wieder einführt. Genügend Arbeitslose hätten wir ja, dann klappts auch mit dem Autobahn & Deichbau.
Die Linke hält Hartz IV ja eh schon für Zwangsarbeit, von da ist also keine neue Kritik zu erwarten. Und wenn man’s als Mittel gegen den übersteigerten Individualismus und die globale Erwärmung verkauft…
Aber zurück zur maximalen Distanzierung - das ist treffend formuliert.
Ein ganz klarer moralischer Sieg für die üblichen Linksspießer, hähä…
Auf der anderen Seite wird die TV Inquisition natürlich von den Rechtsspießern gerne als Beleg dafür genommen das wir Deutschen uns immer noch “schämen müssen” und das uns das von aussen aufgezwungen wird.
Sorry, auch brauch kein von aussen aufgezwungenes Schamgefühl um auf Nazis-Schwachfug je nach Situation angemessen mit Hohn, Spott oder Gewalt zu reagieren.
Ein Blick auf die Friedhofsreihen 1933 - 1945 und in die Ortschronik meines Heimatdorfes reichen…
Ach ja, was die DDR Bonzen angeht, die haben Höchststrafe.
Rente vom Klassenfeind, und mehr materiellen Wohlstand als sie in ihrem Staat je bekommen hätten. Muhaha
Zwar wird von linker Seite gerne bemängelt das die Nazi Bonzen damals nicht bestraft wurden, daraus aber eine Forderung nach Straffreiheit für DDR Bonzen konstruieren zu wollen lädt gerade zu ein, ein kleines bisschen antideutsch zu werden.
Straffreiheit für Funktionäre von Diktaturen ist sicher kein gute, alte deutsche Tradition die es zu bewahren gilt.
Und ohne moralisch zwischen der DDR und der BRD nach 1946 Urteilen zu wollen - hätte man alle erschoßen die dem dritten Reich in gehobener Position gedient haben wäre mit dem Rest nicht viel Staat zu machen gewesen…
Womoglich wären nicht mal genügend Funktionäre übrig geblieben um einen deutschen Staat aufzubauen, geschweige den zwei…
Kann da mal jemand im Handbuch nachblättern, ob Herr Alrik in seinem Kommentar hermant - ich kann das von meinem Hochsitz nicht wirklich beurteilen. Sorry. Nicht dass wir hier noch abgemahnt werden und zur Strafe zu Herrn Kerner müssen.
Ne, macht er nicht. Merkt man aber auch schnell weil man völlig unbehelligt über den Verlauf der Geschichte reden kann. Oder was meinten Sie?
Und ich dachte nach der Überschrift, das bezieht sich jetzt auf den Restaurantartikel…
[...] “zutscht”, die auch nur wenige cm “näher” dran oder “weiter weg” sind [wenn das nicht eine echte “Zerreißprobe” ist, dann weiß ich auch nicht] ;))))). [...]