Maskin et al.
Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet, denn mechanism design ist eigentlich ein Thema, das seinen Aufmerksamkeitshöhepunkt eigentlich seit etwa zehn Jahren hinter sich hat. Nebenbei: Welcher Journalist schreibt eigentlich gerade bei welchem ab? Überall wird in deutschen Medien aus mechanism design gerade die “mechanische Design”-Theorie, was natürlich Quark ist. Es geht bei diesen Arbeiten vielmehr um das effiziente Design von Anreizmechanismen, beispielsweise um Leute dazu zu bringen, ihre wahre Zahlungsbereitschaft von öffentlichen Gütern zu offenbaren und sich nicht als Trittbrettfahrer zu verhalten. Oder um die Frage, welche Arbeitsverträge man einem Bewerber zur Auswahl geben sollte, damit dieser durch die Wahl eines dieser Verträge signalisiert, ob er sich selbst für eher produktiv oder eher weniger produktiv hält.
Das sind alles Fragen, die sehr schnell sehr kompliziert werden, wenn man alles bedenkt, was es da zu bedenken gibt. Insofern: Kein Zweifel daran, daß Maskin, Hurwicz und Myerson den Preis verdient haben, denn sie betreiben Theorie am Rande des Nervenzusammenbruchs — jedenfalls für den normalsterblichen Leser. Ein wenig tragisch ist wohl, daß ein Nobelpreis für mechanism design vier Jahre zu spät kommt, denn Jean-Jacques Laffont hätte zweifellos zum Kreis der Preisträger gehören müssen, wenn er noch leben würde.
Update: Man kann es natürlich auch so einfach erklären, daß sogar Oma es versteht.







Wenn ich mich recht entsinne ist “Mechanismen-Entwurf” die gleichermaßen gängige wie schwerfällige Übersetzung.
Das klingt auch nicht anschaulicher. Dann doch wie Statler ein paar Worte mehr verwenden und wie Alex eine greifbare Erklärung nachschieben. Beides Dinge, die Journalisten ja bekanntlich gar nicht liegen.
Bei den ‘klassischen’ Nobelpreisen dürfen maximal drei Personen geehrt werden. Wenn deshalb 4 zu einer Entdeckung gehören, hat das Nobelkomittee in der Tat ein Problem, das sarkastischerweise durch den Tod eines der Erfinder gelöst wird.
Ich hab trotzdem nicht verstanden, wofür konkret die 3 jetzt den Nobelpreis erhalten haben. Ich meine, das Problem mit den Reservationspreisen verstehe ich durchaus, aber welches sind nun die “tools and methods”, die die 3 Ökonomen gefunden haben, um die Sache zu lösen?
Naja, “tools and methods” ist vielleicht etwas mißverständlich formuliert, so als ob die drei ein Universalwerkzeug zur Anwendung auf Situationen mit asymmetrischer Information erfunden hätten. Ganz so ist es nicht. Man kann es vielleicht am ehesten als Erweiterung der traditionellen, nicht-kooperativen Spieltheorie sehen, mit dem Twist anzunehmen, daß Individuen i) hinsichtlich irgendeines ökonomisch interessanten Parameters heterogen sind und ii) über ihren wahren Parameterwert nur selbst informiert sind.
Die Frage ist dann: Wie setzt man die Anreize, die Spielregeln so, daß diese Individuen sich so verhalten, daß es entsprechend ihrer wahren Eigenschaften effizient ist? Oder anders: Wie bringt man sie (ohne Folter) dazu, durch ihr Handeln Informationen über ihre wahren Eigenschaften preiszugeben? Das ist eigentlich der verbindende Grundansatz aller Beiträge zum mechanism design, aber wie diese Frage dann beantwortet wird, das ist von Problem zu Problem dann nochmal sehr unterschiedlich.
Danke für das hilfreiche Update! “Lets boil the problem down to its essence”, steht da drin, und meine Grossmutter nannte diesen Kochvorgang “Einreduzieren”. Das Wort sagt alles darüber, warum sie sich krank geärgert hätte, nicht gleich Tylers Angebot von $ 100k angenommen zu haben , anstatt es sich von nobelpreiswürdigen Wirtschaftswissenschaftlern per Auktion auf $ 60k einreduzieren zu lassen.
Sorry, wenn ich etwas missverstanden habe; es sind die Gene…
Vielleicht kann man das ja nicht einfacher erklären – aber meine Oma hätte den Text eher nicht verstanden.
Dafür hätte sie aber die Lösung gekannt: Einfach die alte Goethe-Methode mit dem Gebot im verschlossenen Umschlag.
Da kriegt man das, was dem Käufer die Sache wert ist.
Nein, nicht wirklich. Denn ich versuche ja als einzelner Käufer einen Handelsgewinn für mich herauszuschlagen. Wenn ich meine wahre, maximale Zahlungsbereitschaft leiste, dann könnte ich genauso gut das Geld in den Händen behalten oder die Auktion gewinnen. Ich bin sozusagen zwischen beiden Ergebnissen indifferent. Also mache ich zwei Dinge: i) Ich gebe eim Umschlag ein Gebot ab, das zumindest ein wenig unter meiner wahren Zahlungsbereitschaft liegt, damit mir irgendein Handelsgewinn aus der Transaktion bleibt, und ii) ich spekuliere, wie wohl die Zahlungsbereitschaften meiner Mitbieter sind — und wenn ich die als eher gering einschätze, dann werde ich womöglich sogar einen ziemlich großen Abschlag von meiner wahren Zahlungsbereitschaft vornehmen, wenn ich mein Gebot formuliere.
Der Auweg ist eine second-price auction. Da gewinnt derjenige, der das höchste Gebot abgibt, er muß dann aber nur einen Preis in Höhe des zweithöchsten Gebotes zahlen. Da ist mir also als höchster Bieter ein Handelsgewinn sicher, auch wenn ich meine wahre Zahlungsbereitschaft angebe. Und andererseits habe ich keinen Anreiz, unter meiner wahren Zahlungsbereitschaft zu bleiben, weil ich damit meine Chancen reduzieren würde, die Auktion zu gewinnen. Mit diesen Spielregeln bekomme ich also tatsächlich die wahre Zahlungsbereitschaft der Bieter heraus.
@Statler
wenn ich Sie richtig verstanden habe, ging es um asymmetrische Informationen. Kann man diesen Werkzeugkasten auf den Fall der edlen Frau von Leyen anwenden?
Eigentlich sollte es eine Regel sein, daß Erwachsene Heranwachsende nicht nach ihren Vorstellungen mit Alkohol und nikotinhaltigen Waren versorgen. Auch dann nicht, wenn sie vom Verkauf leben. Die Zielorgane beider Drogen, Lungen und Gehirn sind nun mal während des Heranwachsens noch schwer beschäftigt. Das Gehirn wird bekanntlich, nicht bei allen, so doch bei vielen Heranwachsenden neu organisiert.
Dann gibt es noch das Jugendschutzgesetz.
Das ist in etwa das, was ein Vater weiss.
Nun zum Verkäufer
Der weiss, daß es kaum einen Erwachsenen geben wird, der einen Verkäufer deshalb anmachen wird, weil er in seinem Beisein Alkohol oder Zigaretten an Jugendliche verkauft. Da es ja ein Jugendschutzgesetz gibt, kann er die Verantwortung für seine untätiges Zusehen ohne Verlust seiner Unbescholtenheit vor sich selbst an die Behörden abtreten. Ist ja gesetzlich geregelt und er ist kein Vertreter des Gesetzes
Das weiss also der Verkäufer. Es gibt ein Gesetz, aber ich werde nicht ertappt, außer durch mich selbst, durch mein Gewissen und da bin ich fein raus, denn solange ich nicht angeklagt oder gar verurteilt bin, bin ich vor mir selbst unbescholten. Ein ehrenhaft handelnder Händler. Obwohl ich genau weiss, daß ich selbst der Zeuge dafür bin, daß ich ein Gesetz übertrete und mich selbst verurteilen könnte. Aber wie gesagt, es kommt nicht dazu, also bin ich unbescholten, der reinste Engel. Zumindest nach Außen.
Wie bringt man einen solchen Verkäufer dazu, sich entsprechend der Erwartungen eines besorgten Vaters zu verhalten, denn das Gesetz wird offensichtlich nicht abschreckend, da die Behörden nicht wissen, was der Verkäufer natürlich weiss.
Haben die Laureaten für eine solche Situation Spielregeln vorgeschlagen?
Ich fürchte, da hat mechanism design nicht so viel zu bieten. Wenn, dann vielleicht im Vorhinein: Wenn man Lizenzen für Alkoholverkauf vergibt, müßte man zwischen ehrlichen und nicht ehrlichen Verkäufern unterscheiden können — aber wie? Einerseits könnte man vereinbaren, daß nicht diejenigen eine Lizenz bekommen, die den höchsten Preis dafür bieten, denn die Ehrlichen werden einen geringeren Gewinn einfahren, also eine geringere Zahlungsbereitschaft haben. Aber die nicht Ehrlichen können die Ehrlichen einfach imitieren, indem sie wenig bieten. Es ist schwierig bis unmöglich, hier ein separierendes Gleichgewicht hinzubekommen.
Also hilft nur die gute, alte Abschreckung: Wenn die Entdeckungswahrscheinlichkeit für Alkoholverkauf an Minderjährige gering ist, dann muß die Strafe sehr hoch werden. Mit einer sehr hohen Strafe S und einer geringen Entdeckungswahrscheinlichkeit p kann p*S, die erwartete Strafe, immer noch abschreckend sein, auch wenn p ziemlich klein ist.
@Statler
wäre es da nicht sinnvoller, wenn die Entdeckungswahrscheinlichkeit dadurch steigt, daß die den Verkauf an Minderjährige beobachtenden Erwachsenen es eben nicht als Kavaliersdelikt bewerten. Das also nicht erst der Verkauf bestraft wird, sondern der Verkauf in Anwesenheit erwachsener Zeugen verhindert wird. Die Bestrafung wäre vergleichbar der Instandhaltung nach Eintreten eines Schadens, die Aufmerksamkeit der Erwachsenen wäre vergleichbar der vorbeugende Instandhaltung.
Wie ist zu erreichen, daß aufmerksame Erwachsene eingreifen? Mir geht da der Vortrag von Friedrich von Hayek nicht aus dem Kopf
Moralische Grundlagen der Marktwirtschaft
http://www.vwl-wu.at/images/marktwirtschaft%20und%20moral.pdf
Die wesentliche Regeln unserer Moral, haben sich erhalten, nicht weil Individuen sie rechtfertigen können, sondern weil jene Gruppen, die sie praktizierten, florierten.
Er beschreibt, warum die Religion gebundene Moral in einer säkulären Gesellschaft gefährdet ist. Als weitere Gefahr der moralischen Regeln sehe ich ihre Substitution durch Gesetze, die den Bürger als Verletzer der moralischen Regeln entlasten. Sowohl als Täter wie als Zeugen.
Die Frage ist, wie können in einer Gesellschaft, in der moralische Regeln nicht mehr eingehalten werden, wie zum Beispiel du sollst nicht beschädigen oder entwenden anderer Menschen Eigentum (zu der ja auch die Gesundheit gehört), diese moralischen Regeln reanimiert werden.
Ich denke, daß Friedrich von Hayek hat recht mit seiner Beobachtung hat, das die Legitimation moralischer Regeln der praktischer Erfolg der sie befolgenden Gruppen ist.
Hayek Werk ist ein Gesamtkunstwerk des Denkens. Da kann man sich nicht aussuchen, was einem passt und was nicht. Bei Adam Smith ist das ähnlich
Es weicht jetzt ziemlich vom eigentlichen Thema ab, aber diese Lösung des Problems scheint mir auch die einzig umsetzbare: Erwachsene müssen einfach Zivilcourage zeigen; sie dürfen als abhängig Beschäftigte nicht an Minderjährige verkaufen und als Kunden nicht dabei zuschauen. Ich würde auch darüber nachdenken, das Eintrittsalter zu erhöhen und (oder) bei jedem Alkoholkauf junger Menschen den Führerschein bzw. Ausweis vorlegen zu lassen.
Eine Geschichte aus Spanien: Gegen Ende des Franco-Regimes war die Steuermoral dort nicht mehr vorhanden. Es galt gewissermaßen als unschicklich, Steuern zu zahlen. Und das Regime tat auch nicht wirklich viel, um Steuerzahlungen einzutreiben.
Ein paar Jahre nach dem Wechsel zur Demokratie hatten sich die Verhältnisse umgekehrt: Die Steuermoral war wieder da. Das galt nicht nur für die tatsächlichen Steuerzahlungen, sondern auch für die Einstellung der Leute zur Steuerzahlung: Es galt wieder die Regel, daß ein anständiger Bürger auch ehrlich seine Steuern zahlen sollte.
Was ist in der Zwischenzeit passiert? Zwei Dinge: Erstens, die Leute bekamen wieder etwas für ihre Steuern. Das Geld wurde nicht von einem kleptokratischen Regime verschwendet, sondern tatsächlich für öffentliche Güter ausgegeben. Zweitens, es wurde ein ziemlich drakonisches Kontroll- und Strafsystem eingeführt.
Bezogen auf unser Beispiel bedeutet das: Ich glaube nicht, daß man mit Apellen an die Moral der Leute viel erreichen wird. Erst wenn man eine kritische Masse dazu bringt, sich “moralisch” zu verhalten, wird eine Konvention daraus, der auch tatsächlich viele Leute folgen. Und um diese kritische Masse erstmal zu erreichen, könnten höhere Strafen durchaus nötig sein.
Habe ich gesagt, daß ich an die Wirkung von Appellen glaube?