Sollten Politiker bloggen?
Gut, man muß wohl schon ein wenig naiv gewesen sein, wenn man von der Erkenntnis überrascht wurde, daß ein Berufspolitiker sein Weblog nicht selbst mit Inhalten füllt. Zugegeben, in diesem Fall — und wer darauf hofft, in diesem Beitrag noch zu erfahren, von welchem Politiker die Rede ist, der hofft vergeblich — war ich wohl etwas naiv, und auch entsprechend überrascht. Oder entsetzt?
Die Überraschung mag auch damit zusammenhängen, daß ich das betreffende Weblog vorher nicht wirklich intensiv gelesen hatte. Wer es liest, oder genauer gesagt, wer ein zufällig herausgepicktes Politiker-Weblog liest, wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Texte im Verlautbarungsstil vorfinden, die sich im Stil nicht wesentlich von Presseerklärungen aus Parteizentralen unterscheiden. Es sind blutleere Texte, aus denen sich nur selten einmal persönliches Engagement herauslesen läßt. Stellt irgendein bloggender Politiker jemals halbgare Ideen zur Diskussion? Hat man jemals gelesen: “Hmm, bei dieser Frage bin ich mir selbst noch nicht ganz sicher, was sagen denn die Leser dazu?“
Politiker-Blogs sind risikolose Veranstaltungen. Das ist kein Wunder. Sie wären es vermutlich meistens auch dann, wenn der Namenspatron des Blogs seine Texte selbst schreiben würde. Wenn er es aber nicht tut, dann kann nichts anderes dabei herauskommen, als die langweilige, blutleere Presseerklärung im Blogformat. Um sich das klar zu machen, muß man sich kurz in die Rolle des bloggenden Mitarbeiters des vorgeblich bloggenden Parteilöwen hineindenken: Man soll einen Text für die Öffentlichkeit verfassen, zu einem aktuellen politischen Thema. Man möchte seine Arbeit behalten. Also sollte der Text dem Bloginhalber gefallen. Aber der Bloginhaber sollte wegen des Textes auch keinerlei Aufregung durchmachen müssen. Er darf also nicht provozieren. Lebhafte Diskussion in den Kommentaren, gar Aufmerksamkeit außerhalb der Blogosphäre? Das wäre hier eher gefährlich als erwünscht. Also schreibt man Texte, die unter jedem relevanten Aufmerksamkeitsradar hinwegfliegen, die keine Aufmerksamkeit erregen, nichts sagen, niemandem wehtun und letztlich niemanden interessieren.
Mit der Parteizentrale über diesen seltsamen Blogmodus diskutierend hört man dann in belehrendem Ton, daß die Authentizität des Blogs doch gewährleistet sei, da der bloggende Mitarbeiter mit seinem scheinbloggenden Chef ja vorher über die Inhalte der Blogeinträge diskutiere. Man mag es als verpaßte Chance wahrnehmen, daß der Vertreter der Parteizentrale offenbar von den anwesenden, recht erfolgreichen Bloggern keine Ratschläge annehmen, sondern diesen lieber eine Vorlesung über den Politikbetrieb halten wollte. Schade für die betroffenen Politikerblogs — Lernen von langjährig erfolgreichen Bloggern hätte ihnen nur guttun können. Zumindest hätte man dann vielleicht den Irrtum aufklären können, daß “Authentizität” das (einzige) relevante Kriterium für gutes Bloggen sei.
Wichtiger wären wohl Spontaneität, Witz, selbst in Politblogs ein wenig Kreativität und, jawohl, eine vernünftige Schreibe. Es hilft, wenn ein Blogger nicht nur Parteimemos, sondern ab und zu auch mal Literatur liest. Nun könnte man sogar eine lausige Schreibe mit den drei erstgenannten Zutaten noch kompensieren, aber das würde voraussetzen, daß ein Politiker selbst schreibt: in eigener Verantwortung, die eigenen Gedanken, im eigenen Stil, zum für ihn selbst passenden Zeitpunkt.
Zeitmangel als Ausrede lasse ich nicht gelten. An diesem langen Blogeintrag hier sitze ich etwa eine halbe Stunde. Einen Zehnzeiler kann man mit einem Notebook problemlos in fünf Minuten ins Netz stellen, in Zeiten von WLAN und UMTS sogar ziemlich ortsunabhängig. Wer selbst bloggen will, der kann auch selbst bloggen. Vielleicht könnten wir dann mal einen spontanen Stimmungsbericht aus einer Sitzung lesen, vielleicht würden wir erfahren, wie schlimm es ist, nach einer langen Dienstreise mit Jetlag gleich wieder in den Finanzausschuß laufen zu müssen. Und möglicherweise würden wir in Politikerblogs auch echte, ehrliche, manchmal noch unsichere politische Standpunkte diskutieren.
Natürlich kommen auf solche Vorschläge unausweichliche Einwände: Kein Politiker, der an seiner Karriere interessiert sei, könne es sich leisten, halbfertige Ideen zur Diskussion zu stellen. Würden sie der Diskussion nicht standhalten, dann stünde er ja als Verlierer da! Das mag sein — aber wenn der bloggende Politiker die Hitze nicht aushält, dann sollte er sich aus der Blogküche lieber ganz fernhalten. In der Blogosphäre wird das Verlautbarungs-Bloggen jedenfalls mit größerer Mißgunst aufgenommen, als ein gescheitertes Argument.
Zum Schluß hätte ich noch einen Vorschlag für eine einfache Versuchsanordnung: Wie wäre es mit einem Parteivorstandsblog? Jedes Mitglied des Präsidiums bekommt ein Schreibrecht, die Einträge werden aber anonym veröffentlicht. Wir wissen dann also, daß dort Präsidiumsmitglieder ihre Sorgen, Nöte und Konzepte diskutieren, aber wir wissen nicht, welches Mitglied gerade schreibt. Mit ein wenig Mut könnte sowas eine interessante Sache werden.








Gib doch wenigstens mal ein paar Hinweise und lasse die Leser nach dem Blog suchen ;-)
Wie schon geschrieben, gibt der Flyer mit dem Programm aus Gummersbach (mir) keinen Hinweis auf den Blog – und auch hier stelle ich die Frage, ob ein Wahlsystem mit Direktwahl des Abgeorndeten (oder zumindest Panaschieren und Kumulieren auf der Liste) ein Vorteil wäre?
[...] eines schon: Das eisige Schweigen der massierten Blogger-Verachtung nach Statlers Frage: “Habe ich das eben richtig verstanden? X schreibt seine Blogtexte nicht selbst? (Ich werde [...]
DDH nennt auf seinem Blog eine Reihe von Bloggern, die wohl nicht in Gummersbach waren. Einer davon könnte vielleicht als Berufspolitiker durchgehen – wenn ich eine Spekulation ins Blaue hinein abgeben darf.
Es würde schon reichen, wenn sich deutsche Politiker mal auf den Blogs ihrer englischen Kollegen umschauen würden, zum Beispiel bei John Redwood MP: http://www.johnredwoodsdiary.com/
Redwood schreibt selbst. Wenn man ihn kennt, hört man ihn praktisch reden. Und an die Parteilinie hält er sich auch nicht. Er scheut sich nicht, abweichende Meinungen zum sog. “Klimakonsens” zu vertreten. Na also: geht doch.
Einen kleinen Haken hat die Sache aber: Redwoods politische Zukunft liegt schon hinter ihm. Er war früher mal Minister, wird dies aber voraussichtlich nie wieder.
Trotzdem: Auch als back bencher verdient er Respekt für sein Blog.
PS: Redwood ist ein manchmal etwas kauzig erscheinender Politiker, der neben all den stromlinienförmigen Modernisern fast wie ein Fossil aus einer längst vergangenen Zeit wirkt. Eigentlich bräuchten wir von solchen Typen mehr …
Aufmerksamkeit außerhalb der Blogosphäre
Naja, Politikerblogs bekommen ja noch nicht einmal innerhalb der Blogosphäre Aufmerksamkeit. Bis auf Oswald Metzger. Und der bekommt die Aufmerksamkeit auch nur, weil er in der falschen Partei ist.
Wer selbst bloggen will, der kann auch selbst bloggen.
Exakt. Die Frage “Sollen Politiker bloggen?” ist schon falsch gestellt. Sie entspringt dem Szenario “Meine PR-Berater sagen, ich soll bloggen. Blogs sind das (nicht mehr ganz so) große und neue Ding. Alle anderen bloggen auch. Wenn ich nicht blogge, stehe ich als der Verlierer da. Zeit habe ich auch keine. Da frage ich doch lieber mal eine weitere Polit-PR-Agentur (oder eine zufällig tagende Blogger-Konklave), ob ich wirklich bloggen soll. Sollen die das entscheiden. Bei diesem Szenario kann die Antwort nur lauten: Nein, DU solltest auf jeden Fall nicht bloggen.
Vielversprechender ist folgendes Szenario: “Hach, ich würde ja schon gerne mal irgendwo etwas Dampf ablassen. Mich juckt es richtig in den Fingern. Wenn ich nur dran denke, was die Y. da heute wieder im Parteivorstand für einen Unsinn verzapft hat…. Aber darüber könnte ich eh nicht bloggen, weil das die nach außen zu wahrende Phalanx durchbricht. Andererseits weiß doch sowieso jeder, dass ich die Plantschkuh nicht abkann… Und außerdem, die Leute haben einfach keine Ahnung, was das für ein Scheiß-Job ist, den ich hier mache! Mit Jetlag gleich in den Finanzausschuss – davon wissen die Menschen draußen im Lande doch nichts! Das müsste ihnen mal einer nahebringen! Ich glaub’, ich fang’ jetzt einfach mal an…”
wenn der bloggende Politiker die Hitze nicht aushält, dann sollte er sich aus der Blogküche lieber ganz fernhalten
Genau. Und um das zu testen, wäre es sinnvoll, erstmal in Blogs zu kommentieren, von denen angenommen werden darf, dass sie dem betreffenden Politiker nicht völlig ablehnend gegenüber stehen. Wenn man sich an die Umstände gewöhnt hat und es immer noch (oder gerade erst) Spaß macht, kann man dann nach ein paar Wochen mit einem “Torööö! Ich hab’ jetzt mein eigenes Blog!” um die Ecke kommen.
Ich halte es schon für etwas blauäugig, einen Parteivorstand zum anonymen Bloggen in einem gemeinsamen Weblog zu animieren. Die Damen und Herren haben schon genug zu tun, sich im Minenfeld der Pressekonferenzen, Radio- und Zeitungsinterviews nicht hochzusprengen. Wenn es sie ins Internet zieht, haben sie Abgeordnetenwatch, das ist schonmal ganz schön viel.
Und Bloggen kostet eben doch Zeit. ich könnte fast wetten, daß obiger Text nicht in einer halben Stunde runtergeschrieben wurde. Sobald etwas Fundiertes im Artikel steht, muß man auch mal etwas recherchieren und an Sätzen feilen.
Und ein paar Boulevard-Dreizeiler über das stressige Politikerleben, so zwischen ICE-Tür und Mikrofon-Angel, das erscheint mir dann wirklich eher überflüssig.
Friedbert Pflüger bloggt auch – ich habe den Eindruck, er schreibt sogar selbst. Man denkt aber eher an einen SPD-Politiker, wenn man das Zeug liest. Nun würde ich ja mal wissen wollen, welcher Politiker oben kritisiert wurde…
Man sollte das nicht so hoch hängen.
Es gibt keine verbindliche Definition, was denn ein Blog ist und was nicht.
Und daher auch keine Pflicht, die Texte selber zu schreiben – der Blog-Inhaber steht dann halt für die Inhalte gerade, die unter seinem Namen erscheinen.
(Mal ganz abgesehen davon, daß beim hier diskutierten “Blog” der Betreffende gar nicht in Anspruch genommen hat, ein Blogger zu sein, das ist einfach eine Online-Sammlung ihm zugeschriebener Texte).
Generell gilt: Jeder muß seinen politischen Kommunikationsstil selber finden.
Ob er nun auf die Pauke haut oder risikoscheu formuliert, ob er authentisch bloggt oder nur vom Hausjuristen abgesegnete Erklärungen veröffentlicht – muß jeder für sich entscheiden.
Am Ende entscheidet doch nur, wie gut das Ergebnis bei den Lesern ankommt. Sollten viele Leute die Texte lesen, ist es wohl egal, ob das nun “wirklich” ein Blog ist.
Übrigens findet sich dasselbe Phänomen bei Reden.
Ich habe schon einige Reden gehalten, auch im politischen Bereich. Und kann mir persönlich überhaupt nie vorstellen, eine Rede zu verlesen, die ein anderer verfaßt hat (ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, eine Rede nur zu verlesen, auch wenn ich das selber geschrieben hätte).
Und trotzdem ist es völlig üblich und allgemein akzeptiert, daß Politiker sich ihre Reden von Dritten schreiben lassen.
[...] so war das. Statler hat ja schon ein paar Takte als Antwort auf die Ausgangsfrage geschrieben. Und ich wiederhole hier das, was ich in Statlers Beitrag als Kommentar hinterlassen habe: Die [...]