Ist es schlimm, wenn 47 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert sind?
Statler, 04.11.2007
The 47 million also includes many who could buy insurance but haven’t. The Census Bureau reports that 18 million of the uninsured have annual household income of more than $50,000, which puts them in the top half of the income distribution. About a quarter of the uninsured have been offered employer-provided insurance but declined coverage.
Of course, millions of Americans have trouble getting health insurance. But they number far less than 47 million, and they make up only a few percent of the population of 300 million.
Jedenfalls nicht in allen 47 Millionen, sondern nur in verhältnismäßig wenigen Fällen, wie es scheint.
antibuerokratieteam.net





Nun – wenn jemand eine Krankenversicherung haben kann, sie aber ablehnt – aus welchen Gründen auch immer – dann ist das sein Problem.
Wenn aber jemand gern krankenversichert wäre, aber ihn keine Krankenversicherung versichert, dann ist das schon schlimm.
Außerdem glaube ich nicht, dass 50.000 $ Haushaltsjahreseinkommen ausreichend sind um die Gesundheitskosten eines Durchschnittshaushaltes (4-köpfige Familie?) ohne eine Versicherung zu decken.
Für diejenigen, die es sich tatsächlich nicht leisten können, sich zu versichern, gibt es ja auch in den USA öffentliche Programme, nämlich Medicaid.
Und wenn sich jemand nicht versichert, obwohl er es sich leisten könnte — was machen wir mit dem, wenn er Lungenkrebs hat?
Gute Frage. Wäre das bei Hilfe nicht ein Fall von Moral-Freeriding?
Eben, sobald sich rumspricht, daß auch freiwillig Nichtversicherten geholfen wird, könnten früher oder später alle lieber freiwillig Nichtversichert sein — das alte Problem.
Andererseits gibt es ja nicht nur eine binäre Entscheidung: Behandeln oder nicht behandeln. Hier in Deutschland sind wahrscheinlich fast alle der nicht gesetzlich versicherten freiwillig krankenversichert, obwohl man gerade hier wahrscheinlich mit einigem Recht darauf hoffen könnte, eine Grundversorgung im Notfall auch unversichert zu bekommen.
Einerseits sind die Leute wohl finanziell risikoscheu, haben vielleicht Angst, daß bei einer ernsthaften Erkrankung ihre gesamten Ersparnisse draufgehen. Und sie rechnen damit, daß sie, falls sie nicht mehr zahlungsfähig und nicht versichert sind, zwar dennoch kostenlos behandelt werden, aber nicht auf einem besonders hohen Niveau.
Die Risikoscheu könnte dazu führen, daß das Freifahren am Ende gar kein so großes Problem ist, und man doch beides haben kann: eine freiwillige Versicherung ohne Zwang, und medizinische Hilfe für Nichtversicherte, selbst wenn sich diese die Behandlungskosten nicht leisten können.
Das ist ja gerade der Punkt: Nimmt man den Nichtversicherten tatsächlich erst die gesamten Ersparnisse ab, oder verfolgt man getreu der Maxime, wonach Gesundheit ja “keine Ware” sein dürfe, das Prinzip der kostenlosen Versorgung?
In Deutschland konnte man bis vor kurzem deswegen wohl nur dann trittbrettfahren, wenn man ein Selbständiger ohne hohes Einkommen oder Vermögen war, also im Prinzip bei Nichtversicherung lange viel zu gewinnen und im Krankheitsfall nur wenig zu verlieren hatte. Ansonsten stand die Nichtversicherung nur relativ Wohlhabenden zur Verfügung, die dann wohl tatsächlich Anlass zur Risikoscheu haben.
Fiele der Versicherungszwang aber ganz weg, müsste man, wenn Hilfe dennoch grundsätzlich gewährt wird, damit rechnen, dass relativ arme Menschen, und erst recht jene, die eh schon auf Staatskosten leben, sich immer gegen eine Versicherung entscheiden werden. Dass hier eine Risikoscheu über ein geringeres Behandlungsniveau induziert werden könnte, halte ich bei der Scheu dieser Gesellschaft vor einer “Zwei-Klassen-Medizin” (die es natürlich schon immer gab) für politisch undenkbar.
[...] LUKE FORD wrote an interesting post today on Ist es schlimm, wenn 47 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert…Here’s a quick excerpt…have been offered employer-provided insurance but declined coverage. Of course, millions of Americans have trouble getting health insurance. [...]
Medicaid ist neben Medicare nur eines der Bundesprogramme. Hierneben bestehen auch in einigen Bundesstaaten steuerfinnazierte Programme. Interessant ist allerdings, dass die Bundestaaten, in denen diese nicht bestehen, die Gesundheitskosten weit niedriger liegen und die Leute es aus der eigenen Tasche zahlen können bzw. sogar kostenlos behandelt werden wenn Not am Mann ist, weil die Krankenhäuser so profitabel sind. Und da fällt immer mal ‘n kostenlose Behandlung ab. In der Marktwirtschaft zählt schließlich auch das gute Image zu entsheidenden Faktoren des Erfolgs – gerade bei Dienstleisten am Menschen.
“Und wenn sich jemand nicht versichert, obwohl er es sich leisten könnte — was machen wir mit dem, wenn er Lungenkrebs hat?”
Hmm, ihn die Verantwortung dafür tragen lassen?
“Zwei-Klassen-Medizin” (die es natürlich schon immer gab) “
Tatsächlich sind es sogar mehr als zwei “Klassen”, nämlich mindestens vier:
Da gibt es einmal die wenigen wohlhabenden Privatpatienten, die aus meiner Sicht zurecht schneller drankommen, weil sie das ja selbst bezahlen und dadurch sogar den nicht so Wohlhabenden Patienten etwas Gutes tun (z.B. finanzieren sie die teureren, hochwertigeren und moderneren Geräte, die der Arzt im Zweifel wohl nicht anschaffen wüde, wenn er nur gesetzlich zwangsversicherte Patienten hätte).
Die zweite Klasse, die von der medizinischen Behandlung her auf dem Niveau der wohlhabenden Privatpatienten rangiert, sind die staatlich alimentierten Privatpatienten (z.B. Asylanten). Auch hier findet eine bevorzugte Behandlung gegenüber den gesetzlich Zwangsversicherten statt. In diesem Falle natürlich völlig ungerechtfertigt.
Die dritte Klasse bilden gesetzlich Zwangsversicherte in staatlich alimentierten Lebensverhältnissen (z.B. Hartz-IV-Empfänger). Die Beiträge werden übernommen.
Die vierte Klasse bilden die gesetzlich Zwangsversicherten in einem versicherungspflichtigem Arbeitsverhältnis, die sich nicht genug verdienen, um vom Staat aus diesem Zwang entlassen zu werden hierbei handelt es sich um den größten Teil der Bevölkerung.
Ich habe natürlich bestimmte Gruppen ausgeklammert (v.a. Selbständige mit geringem Profit), weilch ich mich da nicht gut genug auskenne.
Die Gesundheitskosten eines Durchschnittshaushalts pro Jahr liegen mit ziemlicher Sicherheit unter denen jährlichen Krankenversicherungsbeiträgen. Ganz allgemein liegen die Kosten eines versicherungsfähigen Schadenfalls unter den geleisteten Versicherungsbeiträgen (sonst würden die meisten Versicherungsträger wohl pleite gehen).
Dass trotzdem so viele Menschen sich rundum versichern lassen, liegt wohl an dem subjektiv höher eingeschätztem Risiko. Insofern ist es durchaus rational, wenn sich eine >50.000$-Familie nicht versichert und sich z.B. lediglich eine viel günstigere Unfallversicherung leistet, über die man auch Krankenhausleistungen bezahlen kann.
Is Health Care Unaffordable or do Millions of Americans Just Have Other Priorities?…
Today N. Gregory Mankiw, professor of economics at Harvard, writes in the New York Times about “true but misleading statements about health care that politicians and pundits love to use to frighten the public.”
Two of those statements …
[...] Ist es schlimm, wenn 47 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert sind? (Statler, Antibürokratie-Team; einige Kommentare) [...]
Greg Mankiw über das Gesundheitssystem der USA: Linkliste…
Manchmal ist das mit dem Web2.0 ja nicht so ganz einfach, deshalb hier meine Linkliste zu Greg Mankiw’s Artikel “Beyond Those Health Care Numbers” in der New York Times von heute (?):
Ist es schlimm, wenn 47 Millionen Amerikaner nicht…
@Rayson
“Moral-Freeriding”… das habe ich ja noch nie gehört… nur so mal aus’m Bauch raus: “freeriding” ist HIER ja wohl das gegenstandsloseste, was es gibt…
@Bodo Wünsch
Ich hatte es auch nie gehört, bevor ich es schrieb. Aber Statler hat ja verstanden, was ich meinte und es auch erläutert. Natürlich ist die Nichtversicherung an sich kein Freeriding, schon aber die berechtigte Erwartung, trotz unzureichender eigener Mittel auf jeden Fall behandelt zu werden, also auf das moralische Verhalten anderer zu vertrauen.
Ist es nicht. Natürlich kannst Du Nichtversicherte, die sich auch aus ihrem Vermögen keine ärztliche Behandlung leisten können, von dieser Behandlung ausschließen. Aber willst Du das wirklich?
Im Zweifelsfall werden, auch angesichts ihres Berufsethos, viele Ärzte eine kostenlose Behandlung anbieten. Und damit wird das Trittbrettfahren zu einem Problem, das man nicht einfach so abtun kann — die Leute können ja schließlich erwarten, daß sie zumindest die nötigste Versorgung auch bekommen, ohne Versicherungsbeiträge zu zahlen.
Ich tu es nicht ab. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen ethischer und rechtlicher Verpflichtung (wobei beides durchaus seine Grundlage in moralischer Prinzipienüberlegung hat).
“Trittbrettfahren” birgt als Begriff schon ein moralisches Urteil in sich – als gehe es hier um von vorn herein Geschuldetes. Geschuldet ist hier nichts. Woher nimmst Du das “können ja schließlich erwarten”?
Sehr wohl ist der Einzelne durchaus verpflichtet, nach besten Wissen und Gewissen alles zu vermeiden, was andere möglicherweise oder künftig in ‘ethische’ Bedrängnis kommen lassen könnte. Raucher tun dies wider besseren Wissens heute z.B. gar nicht. Sie scheren sich einen Scheiß darum, was dereinst andere aus ihrem Lungenkrebs machen. Sie “erwarten”, dass sie irgendwie gut davon kommen und nehmen auch ihren eigenen nicht-natürlichenTod in Kauf. Wer könnte einem verdenken, zu sagen: ‘Ob du ‘ne Raucherlunge hast oder nicht, interessiert mich einen Scheiß!’ ? Wer redet hier von “Schuld” oder “Geschuldetheit”? Ich lasse mich nur ungern schonmal vorab in Generalhaft nehmen für alle Raucher Deutschlands qua Krankenkassenbeitrag; aber ich glaube, darum geht es gar nicht.
Ich persönlich bin der Auffassung, dass sich Private grundsätzlich schon (besser: allein) aus Wettbewerbsgründen effektiver um die generelle Risikoabsicherung von ‘Krankheit’ kümmern könnten – wenn, ja WENN – sie nicht (wie bei uns extrem) mit Organsationen eines bürokratistischen Zwangskollektivs zu ‘konkurrieren’ hätten (was keiner wirklich zu leisten vermag).
Endlich mal ein vernünftiger Beitrag zu diesem Thema, das immer gerne zur USA-Diskreidtierung genutzt wird. Danke, Statler!
“Trittbrettfahren” birgt als Begriff schon ein moralisches Urteil in sich
Wieso das? “Trittbrettfahren” heißt, eine Leistung ohne eigene Gegenleistung in Anspruch zu nehmen.
“Moralisches Trittbrettfahren”, weil medizinische Behandlung ohne Ansehen der Gegenleistung eine gesellschaftliche Norm ist. Die muss man nicht mögen, dagegen kann man wettern, aber das sozialingenieurtechnisch ändern zu wollen, würde ich niemandem empfehlen. Bliebe es bei einzelnen Fällen, könnte man sich noch der Illusion der perfekten Privatwirtschaft hingeben und sagen, dass sich ganz bestimmt ein Arzt finden lässt, dessen Ethos ihm die Behandlung gebietet, und dann haben beide wunderbar freiwillig gehandelt und die Sonne scheint, die Welt ist schön.
Das Problem sind nur die Anreize. Um die nicht so wirken zu lassen, dass die Verweigerung der Finanzierung bei Aussicht auf moralisch wertvolles Verhalten anderer zum natürlichen Ergebnis des Nutzenkalküls wird, müsste Fehlverhalten oder mangelnde Bonität zur Verweigerung der Leistung führen können, d.h. man statuierte ein libertäres Exempel, indem man ein paar Leute leiden und/oder krepieren ließe.
Das alles gilt völlig unabhängig davon, wie die Gesundheitsversorgung organisiert sind, staatlich oder privat.
Ich habe ein wenig den Verdacht, dass du vom Ergebnis her argumentierst: DIe Befürwortung privater Produktion darf da nicht durch solch störende Phämomene wie Trittbrettfahrerei an Reinheit einbüßen…
Wo das “können schließlich erwarten” herkommt? Meinst Du nicht, daß zumindest sehr viele Ärzte sich intrinsisch verpflichtet fühlen werden, einem Kranken zu helfen, ob der jetzt versichert ist oder nicht? Ich glaub’s schon, jedenfalls in akuten Notsituationen. Also finde ich die Erwartung, daß einem im Notfall eine Mindestversorgung auch kostenlos zuteil wird, nicht ganz abwegig.
Daß private Anbieter Krankenversicherungen effizienter anbieten können, steht für mich auch außer Frage. Aber es gibt ja zwischen NHS und freiem Markt noch ein paar Grauzonen, z.B. die Versicherungspflicht. Dein Auto muß ja auch Haftpflichtversichert sein, und trotzdem ist der Markt für Kfz-Haftpflichtversicherungen keine staatliche Veranstaltung.
“Of course, millions of Americans have trouble getting health insurance. But they number far less than 47 million, and they make up only a few percent of the population of 300 million.”
Unter Abzug der 18 Mio. die sich die Krankenversicherung leisten könnten, es aber nicht tun, verbleiben also immerhin 29 Mio. die sich finanziell eben keine Versicherung leisten können. Das als peanuts abzutun, ist Schönfärberei, immerhin handelt es sich um annähernd 10% der US-Bevölkerung, die unfreiwillig unversichert bleiben müssen.
Und dass “immer mal ‘ne kostenlose Behandlung abfällt”, kann diejenigen, auf die das Los gerade nicht fällt, auch nicht so recht trösten.
@Marco
Dass Patienten, die über die Krankenhilfe der Sozialämter (also deine sog. zweite Klasse u.a. Asylanten) Privatpatienten gleichgestellt würden, ist ein Irrtum. Die Krankenhilfe der Sozialämter orientiert sich ausschließlich an den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen, gewährt der Arzt darüber hinausgehende Leistungen, bleibt er auf den Kosten sitzen.
Entschuldige – aber ist der Trittbrettfahrer nicht per se eine (moralisch) negativ Beurteilter? Der blinde Passagier, der Schwarzfahrer, der ‘Erschleicher’?
Ja, die gibt es sicherlich. Ich sehe nicht, dass “medizinische Behandlung” rechtlich eine “gesellschaftliche Norm” sein kann. Wie soll der Behandelnde rechtens dazu verpflichtet sein? (Mediziner tun es, ganz nebenbei, durch ihren hippokratischen Eid – an dem zu zweifeln man allerdings gelegentlich Anlass haben kann).
“Krepieren lassen” – hier operierst Du wiederum mit einem moralisch aufgeladenem Begriff. Ich sehe durchaus Deinen guten Willen, aber konsequent liberal gedacht ist das nicht.
Ich glaube, dass es selbst bei völliger formaler Privatproduktion “Trittbrettfahrer” gibt; es wird sie immer geben, und vielfach tun sie es unbewusst. Für Grundsatzentscheidung ist das Phänomen jedoch nicht relevant.
Da gehen wir ja völlig konform; IN rechtsstaatlicher Gemeinschaft gibt es bürgerliche Pflichten – da beißt der Anarchist dem Libertären keinen Faden ab ;-) – sicherlich die Versicherungspflicht für bestimmte Risiken, deren Tragweiten die Leistungskraft des Einzelnen (und auch der subsidiären Nachfolger) übersteigen.
Mir geht es (einmal mehr) darum, sehr fein auf den Unterschied zwischen rechtlich Möglichem und ethisch Gebotenem zu achten. Eine “Erwartungshaltung” geht in Richtung Rechtsakt, die Leistung vielleicht ausschließlich in Richtung einer ethischen Pflicht. Beides zusammenzuwerfen, geht mE nicht.
Dem möchte ich mich anschließen.
Man kann Trittbrettfahrer moralisch verurteilen. Man muss es nicht. Ich habe es mit dem moralischen Verurteilen sowieso nicht allzu sehr (eine Ausnahme siehe unten), weil ich darin nur wenig Sinn erkenne und weil es meist der hilflose Versuch ist, ungünstig wirkende Institutionen doch noch irgendwie zu retten, statt notwendige Anpassungen vorzunehmen. Es ist nicht besonders sinnvoll, Anreize in einer bestimmten Form ungehemmt wirken zu lassen, nur um dann, wenn das zu Erwartende eintritt, mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen.
Deswegen: Trittbrettfahrer sind einfach Menschen, die sich individuell rational verhalten.
Wieso sollte es allein auf die rechtliche Einordnung ankommen? Mag sein, dass du dir so eine Welt wünscht, wo alles andere, was das Zusammenleben von Menschen tagtäglich regelt, also eben die berühmten Institutionen, von denen es eben nicht nur die bewusst gestalteten, sondern auch die nicht kodifizierten, spontan entstandenen und evolutionär gewachsenen gibt (schlag nach bei Hayek), nicht mehr existiert – aber es ist nicht die Welt von heute.
Entschuldige bitte, dass ich “Sterben aufgrund verweigerter Hilfe” mit einem Begriff versehen habe, der meine eigene moralische Bewertung durchschimmern ließ. Auch wenn es mir vor den “konsequent liberal Denkenden” graust, die zu einer anderen moralischen Einordnung eines solchen Verhaltens kommen können, möchte ich aber darauf hinweisen, dass meine Argumentation sich auch durch die Verwendung anderer Ausdrücke für das Ableben (vielleicht analog zur Schwangerschafts- die Lebensunterbrechung?) nicht ändert.
Für Grundsatzentscheidung ist das Phänomen jedoch nicht relevant.
Woher nimmst du diese kühne Behauptung?
“’Krepieren lassen’ – hier operierst Du wiederum mit einem moralisch aufgeladenem Begriff…aber konsequent liberal gedacht ist das nicht.”
Das sagt der Selbe, der gern nur von “Idioten” umgeben wäre – damit seine Geschäfte besser laufen als die der Konkurrenz? War denn das konsequent liberal gedacht?
Sorry, bin ja in dieser Diskussion nur eine nachdenkliche, nachtragende Trittbrettfahrerin…
> Dass trotzdem so viele Menschen sich
> rundum versichern lassen, liegt wohl an
> dem subjektiv höher eingeschätztem
> Risiko.
> Insofern ist es durchaus rational, wenn sich
> eine >50.000$-Familie nicht versichert und
> sich z.B. lediglich eine viel günstigere
> Unfallversicherung leistet, über die man
> auch Krankenhausleistungen bezahlen
> kann.
Das ist ein sehr wichtiger Aspekt.
In Deutschland arbeiten inzwischen mehr Menschen in der Verwaltung des Gesundheitssektors als in der eigentlichen Leistungserbringung. Und letztere (also Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker …) verbringen auch noch einen großen Teil ihrer Arbeitszeit mit Verwaltungsarbeit.
Das wäre weitgehend unnötig, wenn man den größten Teil der “Normalmedizin” komplett aus dem Versicherungsunwesen ausgliedern würde.
Die ganz Armen bekommen es ohnehin vom Staat bezahlt.
Aber schon ab untere Mittelklasse ist es viel kostengünstiger, den Arztbesuch ab und zu und die normalen Medikamente etc. ganz schlicht privat zu bezahlen – und dafür einen drastisch reduzierten Versicherungsbeitrag zu zahlen (der dann auch nur noch die ganz schlimmen Risiken mit Operation, langen Krankenhausaufenthalten oder chronischen Krankheiten abdeckt).
Hatte ich irgendwo “Idioten” geschrieben?
Ich weiß nicht, was Sie unter ‘konsequent liberal denken’ verstehen… ich verstehe darunter, dass man vom eigenen Geschmack, von eigenen ‘Werten’ abstrahiert, um sich nicht im Gestrüpp der Beliebigkeit zu verfangen.
Aber keine Sorge, ich werde aus mir auch nicht immer schlau ;-)
Ja, haben Sie. War dann wohl in einem extrem misantropischen Moment aus dem Gestrüpp der Beliebigkeit heraus gesagt…
btw: Ich zum Beispiel werde schlauer aus Ihnen, wenn Sie ganz von der Realität abstrahieren und die reine Idee entfalten; das ist das, was ich Luxus nenne. Und wenn sie auch genau dieses Etikett trägt und Sie bei der Marke bleiben.
“Konsequent liberal denken” heisst demnach, am Gestrüpp vorbei denken. Das kann nicht jeder.
Werte Lina,
ist jetzt die Beliebigkeit für Sie ein Luxus oder das Abstrahieren von der Realität?
“Die Krankenhilfe der Sozialämter orientiert sich ausschließlich an den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen”
Inkorrekt, unterhalte Dich doch bitte mal mit Ärzten. Bei Asylanten können Ärzte den Satz abrechnen, welcher auch bei Privatpatienten genommen wird. Und selbiges bedeutet für den Arzt dann eine wesentlich höhere Einnahmequelle, egal wie die Behandlung aussieht. Ganz im Gegensatz zu den “normal Versicherten”, wo die Sätze exakt(und ziemlich niedrig) für jede Behandlung vorgeschrieben sind.
Hmm, komische Frage aus dem Off…
Habe ich nicht klar gesagt, dass die reine Idee, die vom Gestrüpp abstrahiert, ein Luxus ist?
Oder anders gesagt: Wo ist der Haken Ihrer Nachfrage, verehrte Stimme?
Muss denn unter jedem Wurm ein Haken versteckt sein?
Was mich nach dieser langen Diskussion mal interessieren würde: auf welche Weise kann man bei einer weitgehenden Privatisierung der Gesundheitsvorsorge denn dafür sorgen, dass es keine Trittbrettfahrer unter den Anbietern gibt? Da bin ich nämlich immer noch ziemlich ratlos.
Das stimmt schon. Aber das Auto ist auch nur ein Haufen Blech. Über ein System der Gesundheitspflichtversicherung müsste man sich viel mehr Gedanken machen.
Meiner Meinung nach müssten die Kosten für die Mindestversorgung im Regelfall wie eine Art Dispositionskredit wieder zurückgezahlt werden. Dabei sollten auch marktübliche Zinsen verlangt werden, die Forderung sollte einen relativ hohen Rang haben und lange nicht verjähren. Dann kommt ein angemessener Teil der Ausgaben wieder ins System zurück und es gibt weniger Trittbrettfahrer.
…und Sie bei der Marke bleiben.
Werde ich tun. Danke für die Erinnerung :-)
Das geht wohl nur durch Kontrahierungszwang.
He, du schröderst! ;-)
Wir reden hier aber über ein System und wie es wirkt, nicht wo es eingesetzt wird.
Dein Vorschlag wäre vielleicht eine Möglichkeit, aber ich zweifle daran, dass ein solches System lange überleben würde. Da zudem die meisten Behandlungskosten im letzten Lebensabschnitt anfallen, geht der Vorstreckende mit hoher Sicherheit in vielen Fällen leer aus. Und einem nackten Mann kannst du eh nicht in die Tasche fassen…
Dazu passt ein alter Kommentar von mir (http://www.blogigo.de/kopf_voran/Im-Trueben-fischen/710/):
…Und wer weiß schon, wenn wieder einmal über “amerikanische Verhältnisse” im Gesundheitswesen geklagt wird, dass nur ein Drittel aller Amerikaner ohne Krankenversicherung (15 Mio. von 45 Mio. unversicherten Amerikanern) in Haushalten mit einem Jahreseinkommen von weniger als 25000 US-$ lebt und ein wachsender Anteil mit hohen Einkommen freiwillig nicht versichert ist? Dass daneben die extrem teuren staatlichen Gesundheitsprogramme Medicare (subventioniert Gesundheitsleistungen für amerikanische Senioren und kostete 2005 bei einem ungefähren Anteil am BIP von 2,7 % pro Kopf rund 1100 US-$) und Medicaid (subventioniert Gesundheitsleistungen für mehr als 50 Mio. einkommensschwache Amerikaner und kostete 2004 pro Kopf 1040 US-$) antreten, die Folgen fehlenden oder mangelhaften Versicherungsschutzes teilweise zu kompensieren, ist auch nur wenigen bekannt.
Ich habe ein paar Fragen und Anregungen zur Diskussion.
1. Ist die amerikanische Krankenversicherung nicht teurer als zum Beispiel die deutsche bei nicht besserer medizinischer Versorgung? So etwas habe ich gelesen und von Leuten, die beide Systeme kennengelernt haben gehört.
Wenn ja, so wäre das schon ein Problem, da es sicher gerne versichert wären, es aber nicht können, da der Preis einer Krankenversicherung unnötig hoch ist.
2. Garantiert der Staat (der amerikanische, der deutsche oder ein ähnlicher) nicht
ein positives Lebensrecht in vielen Fällen ? Was Deutschland angeht so denke ich an Susanne Osthoffs Irakabenteuer oder eine junge Frau die sich in Ostasien mit DRogen erwischen ließ, so dass ihr die Todesstrafe drohte; auch die USA wird sich für Bürger, die außerhalb des Landes in Not geraten sind einsetzen. Wenn nun ein armer nicht krankenversicherter Amerikaner krank wird, so dass er eine teure Operation zum Leben braucht, ist der amerikanische Staat nicht ebenso verpflichtet sein Leben zu schützen? Man kann dagegen pragmatisch argumentieren, gibt es aber auch einen prinzipiellen Unterschied?
3. Wenn meine Frau schwer krank wird und wir kein Geld für eine Operation haben und bekommen, was bin ich dann berechtigt zu tun? Wäre Diebstahl erlaubt? Wahrscheinlich nicht, aber warum nicht? Um ein Leben zu retten, darf ich ja schon einige Gesetze brechen, zum Beispiel darf ich zu schnell Auto fahren und damit andere Verkehrsteilnehmer gefährden.
4. Dass sich für viele nicht schlecht verdienende Leute eine Krankenversicherung nicht lohnt, wird stimmen, allerdings nur wenn ich zu keiner Risikogruppe gehöre, dann wird aber auch die private Krankenversicherung deutlich teurer und unwillig sein, mich zu versichern. So gesehen ist sich ohne Not zu versichern auch eine Art sozialer Vertrag, die die Minderheit der teuren Patienten, davor schützt auf Grund ihrer Gesundheit pleite zu sein oder sich die Behandlungen nicht leisten zu können.
Korrektur:
in Punkt 1. sollte der letzte Satz lauten:
Wenn ja, so wäre das schon ein Problem, da es sicher Leute gibt, die gerne versichert wären, es aber nicht können, da der Preis einer Krankenversicherung unnötig hoch ist.