Wie man 100 Milliarden Pfund versickern lassen kann
Warum gibt es Stadterneuerungspolitik? Verkürzt gesagt geht es darum, Städten mit strukturellen Problemen zu helfen, damit sie wirtschaftlich zu den erfolgreicheren Städten aufschließen können. Um das zu erreichen, haben sich Politiker und Behörden Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Maßnahmen ausgedacht, mit denen sie das Leben in den benachteiligten Städten verbessern wollen. Da werden dann Kulturzentren gebaut, Arbeitslose in Trainingsmaßnahmen geschickt oder Flächen dekontaminiert. Aber wenn es dann an die Messung des Erfolgs dieser Politik geht, war man bislang wenig kreativ. Wenn das Kulturzentrum gebaut, die Arbeitlosen geschult und die Flächen am Ende dekontaminiert waren, dann nahm man an, dass die Stadterneuerungspolitik funktioniert hat.
Meine Kollegen und ich bei Policy Exchange denken, dass dies die falsche Art von Evaluierung ist. Denn all diese Maßnahmen werden ja nicht als Selbstzweck durchgeführt, sondern mit dem Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung der Städte zu fördern. Doch trotz einer Stadterneuerungspolitik, die in den letzten 10 Jahren über 30 Milliarden Pfund ausgegeben hat, haben die Empfängerstädte ihre relative Position in Großbritannien nicht verbessern können. Im Gegenteil: Die Lücke zwischen den erfolgreichen und den nicht erfolgreichen Städten ist in diesem Zeitraum sogar größer geworden.
Nehmen wir einmal Bradford als Beispiel, eine Stadt, die viel Fördergeld aus Stadterneuerungstöpfen erhalten hat. 1995 betrug die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung in Bradford £9,250, während sie im Landesdurchschnitt bei £11,037 lag. Zehn Jahre später hatte sich Bradford zwar auf £13,180 steigern können, aber im selben Zeitraum stieg auch der Landesdurchschnitt auf £17,451. Bradford hatte sich somit relativ verschlechtert, von 83 Prozent des britischen Durchschnittswerts auf 75 Prozent.
Solche Vergleiche kann man mit allen möglichen Indikatoren anstellen: Arbeitslosigkeit, Lebenserwartung, Bildungsergebnisse, Hauspreise. Aber das Bild ist immer dasselbe. Die erfolgreicheren Städte (ohne Fördermaßnahmen) werden (absolut und relativ) immer erfolgreicher, die weniger erfolgreichen Städten fallen immer weiter (zumindest relativ) zurück. Newcastle zum Beispiel hatte seit den 1960er Jahren an eigentlich allen Stadterneuerungsprogrammen teilgenommen, allein aus dem “New Deal for Communities” erhielt die Stadt im letzten Jahrzehnt £55 Millionen. Gleichzeitig hat die Bevölkerung jedoch mit den Füßen abgestimmt, denn die Stadt verlor 20 Prozent ihrer Einwohner.
Das Hauptproblem scheint zu sein, dass manche Städte schlichtweg am falschen Ort sind. Viele englische Städte sind im 19. Jahrhundert enstanden, als die Nähe zu Kohle oder zu Seehäfen wesentlich wichtiger war als heute. Und diese Städte konnten nur entstehen, weil Menschen wegen der damaligen Standortvorteile dorthin zogen. Aber im 20. und erst recht im 21. Jahrhundert sind die Bedingungen für erfolgreiches Wirtschaften ganz anders. Auf das Vorhandensein von Kohle kommt es nicht mehr an, und Großbritanniens wichtigster Hafen ist nicht mehr in Liverpool, sondern in Heathrow.
Zu versuchen, die Städtestruktur des 19. Jahrhunderts zu konservieren, ist somit eine Sisyphus-Aufgabe. Trotzdem hat die britische Regierung es immer wieder versucht, den alten Industriestädten des Nordens zu helfen - übrigens nicht nur durch explizite Fördermaßnahmen. In den 1950er und 1960er Jahren brauchte man in Südengland für Fabrikerweiterungen eine Genehmigung, die versagt werden konnte, wenn die Regierung der Meinung war, dass die Fabrik in Nordengland “mehr gebraucht würde”! Über 20 Prozent der industriellen Erweiterungsanträge wurden damals abgelehnt. Der schöne “Erfolg”: Die Arbeitsplätze entstanden dann nicht in Südengland, aber auch nicht in Nordengland, sondern wahrscheinlich im Ausland. Kein Wunder, dass England heute weitgehend deindustrialisiert ist.
Insgesamt kommen wir zu dem Schluss, dass die britische Stadterneuerungspolitik kaum erfolgreich genannt werden kann, weil sie mit viel Geld (wir schätzen, dass real in den letzten vierzig Jahren etwa 100 Milliarden Pfund dafür ausgegeben wurden) nicht die gewünschten strukturellen Verbesserungen hervorgebracht hat.
Wer sich für unseren Bericht “Cities Limited” interessiert, kann ihn hier finden. Eine Zusammenfassung ist ebenfalls vorhanden. Außerdem berichten heute die BBC News, der Telegraph und der Guardian davon.
[...] versickern lassen kann.
Das gilt im wesentlichen ganz sicher auch für den deutschen Länderfinanzausgleich.
Baden-Württemberg zahlt seit bald 60 Jahren ununterbrochen ein und ist immer noch die Nr. 1 - obwohl wir schon lange darauf warten, dass uns Bremen und das Saarland endlich überholen….
Ach, Oliver M.H., ich hätte auch gern einiges um mich herum saniert und erneuert. Auf Staatskosten natürlich.
Lässt sich da nicht was abzweigen, bevor die vielen Pfunde weiter am falschen Ort versickern? Du sitzt doch schon ziemlich direkt an den Quelle - und wenn Du so weiter machst, bald am Hebel ;-)?.
Ich wünsche einen Politikwechsel hierzulande. How about “Policy Exchange goes Bavarian”? Laptop und Lederhose genügen mir nicht mehr.
“Was ist, geht da was?” (Übers.:gängiges bayerisches Korruptiv)
Ach, Lina, mir fallen da sofort ganz viele Dinge ein, die ich um mich herum gerne mal saniert hätte, aber auf mich hört ja keiner ;-)
Wenn es darum ginge, eine Zweigstelle von Policy Exchange in München oder von mir aus auch Berlin zu errichten, wäre ich gerne dabei. Im Augenblick gehen unsere Überlegungen aber eher in Richtung einer Expansion innerhalb des Vereinigten Königreichs, das ja nicht nur aus England besteht.
Oh, wo soll’s hingehen? Das Empire ist gross (gewesen).
Aber siehst Du, Oliver, genau das wollte ich einmal thematisiert wissen: Wie ein Think Tank - der hier respektlos “Denkwanne” genannt wird - der Politik auf die Finger schauen kann, vor allem dann, wenn dieser so hervorragende Mitarbeiter vom Kontinent hat, die das britisch Konservative endlich (markt-)liberalisieren wollen und sich mit deutschem Fleiss ;-) und Knowhow um englische Verhältnisse kümmern, anstatt zu Hause aufräumen zu können.
Im Ernst: Es ist bedauerlich, dass solche Institutionen bei uns Mangelware sind. Wer denkt hier “vor” - den Politikern?
Nein, nicht im Empire, nur im Königreich soll expandiert werden, und zwar in Schottland.
Ansonsten: Ich bedauere das auch sehr, dass es diese Denkwannenkultur nicht auch in Deutschland gibt. Aber es gibt grundsätzlich auch nicht eine philantropische Kultur wie in England, auf die man als Think Tank einfach angewiesen ist. Da ist allein die räumliche Nähe zur Londoner City schon hilfreich. Etwas Vergleichbares kann man in Deutschland lange suchen.
Ist nicht das IUF ein Versuch, das zu ändern?
Ja, natürlich, aber frag mal bei Wolfgang nach, wie schwierig das Geschäft in Deutschland ist …
Siehe auch den Artikel von Glaeser über Buffalo, der in den letzten Tagen viel diskutiert wurde: Can Buffalo Ever Come Back? Probably not—and government should stop bribing people to stay there.
Schön, mal wieder von Ihnen zu hören, Parker8. Und vielen Dank für den Hinweis, sehr interessanter Artikel. Im Prinzip also dasselbe Phänomen in Amerika wie bei uns: geographische Standortvorteile ändern sich mit der Zeit, und dann ist es wohl besser, dass sich die Städte dem anpassen und die Menschen dorthin ziehen, wo sie bessere Chancen haben.
“Can Buffalo Ever Come Back?”
Mit JP Losman als Quarterback? Nie im Leben.
Oh, falsches Thema…
> Das Hauptproblem scheint zu sein, dass
> manche Städte schlichtweg am falschen
> Ort sind.
Kann das angesichts der modernen Infrastruktur wirklich noch ein zentrales Problem sein?
In Sachen Kommunikation gibt es eigentlich kaum noch einen Unterschied zwischen verschiedenen Standorten, beim Transport werden die Unterschiede immer unwichtiger.
Während umgekehrt gegenüber dem überfüllten und überteuerten Standort London ziemlich alle anderen Städte automatisch Vorteile bei der Lebensqualität haben müßten, die auch für neue Arbeitgeber interessant sein müßten.
Die neuen Boom-Zentren Irlands sind m. E. jedenfalls nicht günstiger gelegen als Newcastle …
Die erste Frage wäre also, ob vielleicht die Politik (wie oft üblich) mit anderen Maßnahmen ihre Förderung konterkariert, d.h. die Ansiedlung in London mit Vorteilen versieht (Nähe zur Politik?).
Und die zweite Frage wäre, ob die Kommunen sich nicht zu sehr auf die Gewinnung von Fördergeldern konzentrieren, und dabei zu wenig darüber nachdenken, wie sie sich für Neusiedler (Firmen wie Menschen) attraktiv machen können.
Zur ersten Frage fällt mir gar keine Antwort ein, obwohl es doch irgendeinen Grund haben muß, daß immer noch mehr Firmen und Leute die von Oliver immer wieder beschriebenen Nachteile in Kauf nehmen, um auch noch nach London zu kommen.
Bei der zweiten Frage wäre das übliches Politikerverhalten (und ein weiteres Argument gegen die Förderprogramme) - aber da müßten sich eigentlich auch Beispiele finden lassen, wo Kommunalpolitiker sich gegen den allgemeinen Trend entschieden haben und ihre Stadt erfolgreich machten.
Ja, die Geographie ist ein Problem. Und Geographie spielt nach wie vor eine Rolle. Wenn es nicht so wäre, dann könnten wir die Londoner City doch auf GB verteilen. Morgan Stanley nach Leeds, Goldman Sachs nach Bradford und Bank of America nach Blackpool. Aber abgesehen, dass das für Holger Schmieding von der BoA wirklich unzumutbar wäre, es wäre auch Quatsch. Die Finanzbranche profitiert gerade von der Ballung dieser Institutionen auf relativ geringem Raum. Email und Telefon schön und gut, aber es gibt einfach persönliche Netzwerke, die sich durch so etwas nicht ersetzen lassen.
Zur ersten Frage: Nein, London wird nicht gefördert. Im Gegenteil, man gibt sich ja wirklich Mühe, den Ort unattraktiv zu machen ;-) Das merkt man schon bei der Ankunft in Heathrow.
Und die zweite Frage: Ja, das sehe ich auch so. Aber nochmal, für manche Orte heißt die Zukunft Schrumpfung. Dabei können am Ende immer noch revitalisierte Orte herauskommen, nur eben kleiner. Wenn man das ignoriert, macht man sich etwas vor und verschwendet Zeit und Geld für Stadterneuerungsgroßprojekte.
Nun sicher, die Finanzbrache wird man nicht auseinanderreißen (obwohl die Netzwerke m. E. völlig überschätzt werden, wenn es um den Geschäftserfolg geht). Und diese Branche mit allen abhängigen Betrieben ist natürlich von enormer Bedeutung für London.
Und trotzdem ist sie nur ein Faktor in diesem enormen Ballungsraum, und für andere Branchen spielt die Geographie eine andere Rolle.
Oder um es mal anders zu fragen: Welche geographischen Vorteile sollen denn Limerick oder Cork gegenüber Newcastle oder Gliocester haben?
> Nein, London wird nicht gefördert.
Vielleicht nicht bewußt.
Aber der klassische englische Zentralismus wird schon erhebliche Wirkung haben.
> Das merkt man schon bei der Ankunft
> in Heathrow.
Und ist das besser, wenn ich mit dem Flugzeug nach Liverpool oder York will?
Ich habe mir neulich zur Vorbereitung eines England-Urlaubs 2008 eine Autokarte angeschaut - es ist für deutsche Verhältnisse erschreckend, wie viele englische Städte völlig vom Autobahnnetz abgehängt sind.
Wenn der Staat einerseits die Infrastruktur so vernachlässigt, dann hilft es natürlich auch nicht, wenn man andererseits mit Subventionen Industriebrachen begrünt.
London wird nicht nur nicht gefoerdert, sondern zahlt im Prinzip auch noch fuer schwaechere Regionen.
Limerick und Cork haben niedrigere Unternehmenssteuern, Dublin uebrigens auch.
Und was die Autobahnen betrifft: Vielleicht haette Frau Herman fuer das Fehlen derselben in England eine Erklaerung anzubieten? Im Ernst: Das Netz ist in der Tat schlecht ausgebaut. Am 4. Dezember gibt es dazu einen neuen Bericht von Policy Exchange …
> Vielleicht haette Frau Herman fuer das
> Fehlen derselben in England eine
> Erklaerung anzubieten?
LOL.
Ansonsten erwarte ich mit Interesse den 4. Dezember.