Stromkartell?

13.11.2007 11:09 - Statler & Waldorf by Statler - 23 Kommentare

Axel Ockenfels von der Universität Köln hat einige Zweifel daran, daß die Studie der EU-Kommission über den deutschen Strommarkt, die Preisabsprachen für wahrscheinlich hält, tatsächlich stichhaltig ist.

Eigentlich spricht vor allem eines gegen explizite Preisabsprachen: die Tatsache, daß die Preise so schnell steigen. Das mag paradox klingen, aber es ist so, daß die einzelnen Stromanbieter natürlich wissen, daß sie ab einem gewissen Preisniveau die Wettbewerbsbehörden auf den Plan rufen. Rationalerweise würden sie ein nachhaltig stabiles Kartell anstreben, und das bedeutet, daß sie unter dem Brüsseler Radar herfliegen müssen: hohe Preise ja, aber nicht so hohe Preise.

Was wir jetzt sehen, hat doch eigentlich eher etwas von einem Allmendeproblem. Es gibt gerade keine explizite Koordinierung der Stromanbieter, jeder einzelne von ihnen rechnet damit, daß in absehbarer Zeit die Party vorbei sein wird, weil die Kartellbehörden die Konzerne zerschlagen, also versucht kurzfristig jeder einzelne nochmal so viel Gewinn wie möglich rauszuholen, bevor Politik und Bürokratie tatsächlich zuschlagen.

Daß sie das nur können, weil sie (kurzfristig) eine gewisse Marktmacht haben, ist klar, nur ist Marktmacht eben was anderes als Kartellbildung. Diese Macht folgt aus vielen Dingen, auch aus der Ignoranz von Konsumenten, die problemlos den Anbieter wechseln könnten, aber es nicht tun — ich bekenne mich da selbst schuldig, über einen Anbieterwechsel würde ich aktiv erst nachdenken, wenn meine Stromrechnung irgendeinen kritischen Schwellenwert übersteigt. Und mit einer schlecht durchgeführten Privatisierung hat es natürlich auch zu tun; man fragt sich da schon, wieso beim Marktdesign nicht ein wenig mehr von der in jeder Hinsicht erfolgreichen Privatisierung der Telefonnetze gelernt wurde. Aber das ist Politikversagen, kein Marktversagen.

Auch lesenswert zu dem Thema: der Blogeintrag von Henning Klodt.

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23 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

jana, 13.11.2007 12:04 Subscribed to comments via email

Diese Macht folgt aus vielen Dingen, auch aus der Ignoranz von Konsumenten, die problemlos den Anbieter wechseln könnten, aber es nicht tun — ich bekenne mich da selbst schuldig, über einen Anbieterwechsel würde ich aktiv erst nachdenken, wenn meine Stromrechnung irgendeinen kritischen Schwellenwert übersteigt.

Ich bekenne mich auch schuldig. Nur hab ich das Gefühl (denn mehr isses, mangels Kenntnis, wirklich nicht), daß ich – für so einen Wechsel – zu viel Zeit & Mühe (womöglich auch Ärger) für ein paar Groschen investieren müßte …

Lina, 13.11.2007 12:46

Ja, derzeit wären es wirklich nur ein paar Groschen, könnten aber durchaus mehr werden, wenn – wie Henning Klodt es erwähnt und ich es annehme – man sich aufraffen könnte, “zwangsweise zu entflechten” – aber:

“(…) Falls solch eine Enteignung am Widerstand der Mitgliedstaaten scheitern sollte, schlägt sie (die EU-Kommission) ersatzweise vor, das Eigentum an den Netzen bei den Stromerzeugern zu belassen, aber ihren Betrieb einem unabhängigen Treuhänder zu übertragen.

Ginge auch noch, finde ich. Mir würde Ersteres besser gefallen, und ich wäre bei allem Für und Wider sofort dabei, ein oligopoles Kartell zu brechen.

Ich fände es (ich mag’s hier kaum sagen…) nur “gerecht”.

SteffenH, 13.11.2007 12:59 Subscribed to comments via email

Was soll das eigentlich bringen, die Unabhängigkeit der Netze. Ein Netzmonopolist würde doch auch nur seinen Gewinn maximieren wollen. Und ein Netzregulierer kann keinen perfekten Preis festsetzen, denn das wäre blanker Zufall. Entweder der Preis ist zu niedrig und die Refinanzierung der Netze wird ein Problem oder er ist zu hoch und wir haben erst recht ein Problem. Man könnte bestenfalls über eine regelmäßige Versteigerung der Netze, also um einen Wettbewerb um den Markt nachdenken.

Im übrigen wird ein rationaler Netzanbieter nur dann Fremddurchleiter diskriminieren, wenn er mit der Durchleitung des eigenen Stroms mehr Geld verdienen kann als mit der Durchleitung des Stroms anderer. Erselbst wird natürlich versuchen seine Anlagen optimal auszulasten und die Erzeugungskosten zu minimieren. Wenn Konkurrenten hier besser sind, dann wird es für den Netzanbieter besser sein, Geld mit der Durchleitung zu verdienen. Es ist also keine rationale Alternative die Anlagen unwirtschaftlich zu fahren und Fremdanbieter zu diskriminieren. Mehr Wettbewerb imNetz schafft man vor allem, wenn man die Investitionsbedingungen beim Netzausbau vereinfacht. Hier ist wiederum die staatliche Regulierung durch Konzessionsvergabe der Engpass. Es gilt keineswegs, dass parallele Netze ökonomisch ineffizient sind.

Lina, 13.11.2007 13:21

@ SteffenH

Danke, da ist was dran:

“Im übrigen wird ein rationaler Netzanbieter nur dann Fremddurchleiter diskriminieren, wenn er mit der Durchleitung des eigenen Stroms mehr Geld verdienen kann als mit der Durchleitung des Stroms anderer.”

Eine gefragte Energieberaterin, Barroso-nahe Professorin (deren Name mir leider momentan nicht einfällt), hat einen kühnen Vergleich mit der Bahn-Privatisierung gewagt: Wie die Gleise dem Staat/Volk, so auch die Netze in Staats-/Volksbesitz zu belassen, bzw. zu überführen.

Hat mir auch gut gefallen, am besten sogar. Geht hier nur längst nicht mehr, fürchte ich. ;-)

Rayson, 13.11.2007 13:29

Wie die Gleise dem Staat/Volk, so auch die Netze in Staats-/Volksbesitz zu belassen, bzw. zu überführen.

Stimmt, das hätte den enormen Vorteil, dass man über Ineffizienz und Gleichgültigkeit gegenüber Kunden nicht mehr zu diskutieren bräuchte, sondern sie voraussetzen könnte.

Björn, 13.11.2007 13:45

Darf ich ganz ketzerisch anmerken, dass mich die National Rail nicht im Geringsten von der Privatisierung des Streckennetzes überzeugt hat?

 
Lina, 13.11.2007 13:46

@ Rayson

Gleichbleibende Leistung – nennt das beschwichtigend die Bürgerin in mir.

Bezüglich der Qualität derselben übt sie Druck aus, indem sie sich in Fahrgast-, bzw. Netz-Vereinigungen mit anderen zusammenschliesst.

Noch Fragen?

 
 
 
 
 
 
Rayson, 13.11.2007 12:15

Also ich bin, weniger meinem Geldbeutel als meinem Drang zur Gutmenschlichkeit folgend, schon vor 2 Jahren zu einem Anbieter von Ökostrom gewechselt.

Meiner Erfahrung nach ist das wesentlich unkomplizierter als der Wechsel des Telefonanbieters. Die Alternativanbieter geben sich, gerade weil sie um die Hürden wissen, viel Mühe, dem Kunden die meiste Arbeit dabei abzunehmen. Und zu “toten” Stromleitungen z.B. kann es dabei eigentlich nie kommen…

Lina, 13.11.2007 13:38

@ Rayson

Ein Rätsel: Wenn Du also selbst zur Gattung der “Gutmenschen” gehörst – die Du gesondert so grossartig beschreibst – verstehe ich diesen Drang nur als Selbstanzeige. Und das machst Du freiwillig?

Erklär mir das mal.

Rayson, 13.11.2007 13:45

Wer stark genug ist, braucht seine Schwächen nicht zu verleugnen.

 
 
 
R.A., 13.11.2007 12:28

Das war m. E. kein Fall von “Politikversagen”. Das würde ja voraussetzen, daß die Politik es eigentlich besser machen wollte, aber es nicht hingekriegt hat.

Vielmehr war es wohl ein ziemlich krasser Fall von Regierungskorruption.
Da arbeitet der zuständige Minister ganz gezielt im Sinne der Konzerne, und wird hinterher mit einem Vorstandsposten belohnt (und sein Staatssekretär auch).

 
SteffenH, 13.11.2007 12:49 Subscribed to comments via email

Es geht in dem Vorwurf ja eigentlich weniger um Preisabsprachen, als vielmehr um die Möglichkeit von Stromversorgern durch einen hohen Anteil an den Gesamterzeugungskapazitäten die Preise an der Strombörse strategisch beeinflussen zu können. Hier lautet Ockenfels Antwort nein, weil die Argumentation der EU-Kommission den internationalen Stromhandel ignoriert und entsprechende Marktkonzentrationsmaße irreführend sind. Ockenfels Analyse ist wirklich lesenswert. Wer mehr zur experimentellen Analyse der strategischen Kapazitätszurückhaltung erfahren möchte, dem empfehle ich die Lektüre von Vernon L. Smith und hier vor allem seine experimentellen Arbeiten (Links hier: http://www.cato.org/people/smith_v.html).

Zeit und Mühe für einen Anbieterwechsel? Also wisst ihr, wer die Zeit übrig hat hier Kommentare zu hinterlassen, der hat auch die Zeit für einen Online-Preisvergleich der Stromanbieter. Alles nur eine Frage der Präferenzen. Für mich hat dieses Theater weniger mit den Strompreisen,als viel mehr mit der beliebten Suche nach den bösen Buben zu tun.

Statler, 13.11.2007 13:27

Stimmt schon, ich hab da etwas leichtfertig zwei Kritikstränge in einen Topf geworfen, die EU-Vorwürfe einerseits und andererseits die Vorwürfe der deutschen Kartellbehörden, daß es Preisabsprachen zwischen den vier Großen geben soll.

 
R.A., 13.11.2007 17:24

> als vielmehr um die Möglichkeit von
> Stromversorgern durch einen hohen Anteil
> an den Gesamterzeugungskapazitäten die
> Preise an der Strombörse strategisch
> beeinflussen zu können.
Es hat mir ohnehin noch niemand erklären können, wie das eigentlich praktisch funktionieren soll.
Wenn ein Anbieter an der EEX viel verkaufen will, beeinflusst er die Preise dort (wie an jedem Markt) nach unten …

SteffenH, 13.11.2007 17:43 Subscribed to comments via email

Das Argument lautet eher, dass er Kapazitäten zurückhält um damit den Erlös aus anderen Anlagen zu erhöhen. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Anbieter an der Kapazitätsgrenze operieren und die Nachfrage nicht reagiert, was an der EEX aufgrund des Auktionsmechanismus nicht der Fall ist. Wie das funktionieren könnte und welche Bedingungen dafür notwendig sind beschreibt Vernon Schmith sehr anschaulich in “Turnig off the Lights” (http://www.cato.org/pubs/regulation/regv24n3/specialreport2.pdf, S. 70 ff).

 
 
 
Klaus, 13.11.2007 12:59

Ich muss Rayson zustimmen, der Wechsel von EVS/EnBW zu Yello und wieder zurück zu den Stadtwerken war völlig problemlos. Nur gibt es einfach keine billigeren Anbieter und wahrscheinlich kann ich mich mit 17,79 Cent/kWh noch nicht einmal beklagen hier im süddeutschen Raum. Und auch R.A. hat Recht, von Politikversagen zu sprechen ist wirklich eine Verharmlosung.

@ Rayson: Der Ökostromnutzer ist für mich das Pendant zum Sozialschmarotzer, denn alle anderen Stromkunden müssen zwangsweise den Ökostrom mitfinanzieren ;-)

Rayson, 13.11.2007 13:17

Tststs, eine Wortwahl hat der Mensch…

Aber mal abgesehen von der Tatsache, dass du als echter Demokrat wohl kaum was zu motzen haben solltest, wenn ich brav den Anreizen folgte, die unsere Regierung extra zu diesem Zweck gesetzt hat, und völlig abgesehen von der Frage, wie hoch der Atomstrom subventioniert ist:

Ökostrom != Ökostrom, denn bei den meisten Anbietern stammt der Löwenanteil daraus aus Wasserkraftwerken…

R.A., 13.11.2007 17:22

> denn bei den meisten Anbietern stammt
> der Löwenanteil daraus aus
> Wasserkraftwerken…
Wenn auch nicht unbedingt aus deutschen …

Die Schweiz verdient ein gutes Stück Geld damit, den Strom ihrer Wasserkraftwerke als “Ökostrom” an die doofen Deutschen (allgemein gesprochen, ich meine damit keinen konkreten Kunden ;-) zu verkaufen, während sie ihren eigenen Bedarf (für den die Kraftwerke eigentlich gedacht waren) mit billigem Atomstrom aus Frankreich deckt.

Klaus, 14.11.2007 20:54

Bleibt wenigstens die Schadenfreude, dass die Doofen noch besser ausgebeutet werden können.

 
 
 
 
jana, 13.11.2007 13:18 Subscribed to comments via email

Also wisst ihr, wer die Zeit übrig hat hier Kommentare zu hinterlassen, der hat auch die Zeit für einen Online-Preisvergleich der Stromanbieter.

Da meldet man sich hier einmal im Schaltjahr, und schon kriegt man eins aufen Deckel?!

 
Gast, 13.11.2007 13:57

Sehr guter Punkt von Statler. Zudem ist Pricing als eine operationale und strategische Funktion unterschaetzt. Es kostet Konzerne Preise zu senken. Man muss dieses den verschiedenen Maerkten erklaeren, pissed off customer und muss wohlmoeglich noch Geld fuer PR und Marktinformationskampagnen ausgeben warum man Preise staendig aendert. Ist man noch boersenotiert stellen sich sicherlich fragen ob steigende Preise eine verfehlte bisherige Preispolitik oder eine Falscheinschaetzung der Angeb./Nachfrage Situation darstellen. Nicht so gut im Auge des Analysten.

Gebe Statler also Recht, Preiskartelle setzten auf unauffaellige aber stabile Kartelle mit dem Ziel langfristige Preispolitik zu machen. Kein hysterisches Price hopping wie im Energiemarkt.

Eher ein Anzeichen dafuer dass die Konzerne Pricing als strategischen lever die bottom line Profitabilitaet zu beeinflussen noch nicht ausgeschoepft haben. Fragt man einen Consultant in diesem Bereich (etwa von McK die da fuerhend sind (man lese “The Price Advantage”) wird er sofort bestaetigen dass dies erschreckenderweise bei ueber 50%+ der grossen boersennotierten Unternehmen (gemessen etwa am FTSE100) der Fall ist.

 
N. Neumann, 13.11.2007 14:06

“Zeit und Mühe für einen Anbieterwechsel? Also wisst ihr, wer die Zeit übrig hat hier Kommentare zu hinterlassen, der hat auch die Zeit für einen Online-Preisvergleich der Stromanbieter.”

Dieser Einwand ist berechtigt.

Er ändert jedoch nichts daran, dass Deutschland im europäischen Vergleich sehr hohe Strompreise hat – eingedenk Steuern.

 

[...] in die Schuhe. Über die Substanzlosigkeit von Verschwörungstheorien wurde hier und hier schon [...]

 

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