Wieso unterstützt man die GDL?

19.11.2007 13:46 - Statler & Waldorf by Statler

Es gibt ja gerade auf der linken Seite des politischen Spektrums jede Menge Leute, die mit der GDL und ihren exorbitanten Lohnforderungen sympathisieren. Da frage ich mich dann allerdings doch, welche Verteilungsvorstellungen dahinter stecken. Glauben die, daß eine Lohnerhöhung für die Lokführer, die nach dem Willen der GDL irgendwo zwischen 15 und 30 Prozent liegen sollte, tatsächlich einfach nur die Gewinne der Deutsche Bahn AG reduziert, und das war es dann?

Selbst wenn das so wäre, wäre es so einfach ja nicht: Die Bahn ist immer noch im Besitz des Staates; eine Lohnerhöhung, die zulasten ihrer zukünftigen Gewinne geht, mindert also ganz selbstverständlich den Wert eines Unternehmens, das dem Steuerzahler gehört. Wenn damit der zu erwartende Privatisierungserlös sinkt, wenn weniger Geld in die Kassen des Bundes fließt, dann trifft das nicht einen von den sinistren Großkapitalisten, die denkfaule Instinktsozialisten üblicherweise als Drahtzieher hinter allem Unangenehmen vermuten, sondern den Steuerzahler.

Aber so einfach ist es ja nun auch nicht. Sicher wird ein Teil der Mehrkosten bei der Bahn hängen bleiben und ihren Gewinn mindern. Aber so groß wird dieser Teil nicht sein, immerhin ist die Bahn auf den meisten Strecken noch Monopolist und selbst dort, wo sie es nicht mehr ist, ist der Wettbewerbsdruck nicht sehr hoch. Die Bahn wird also den größeren Teil der zusätzlichen Kosten auf die Fahrpreise überwälzen. Hier geht es nicht um David gegen Goliath, um Schell gegen Mehdorn, liebe Instinktsozialisten. Hier geht es um GDL versus Normalbahnfahrer, also darum, daß beispielsweise ein nicht besonders gut verdienender Berufspendler demnächst seinen Obulus zu höheren Gehältern der Lokführer leisten wird.

Na gut, das kann man immer noch unterstützen, wenn man tatsächlich mit den Lokführern sympathisiert, aus welchen Gründen auch immer. Aber die Klassenkampfprosa sollte man sich sparen. Hier erpresst eine Kleinstgewerkschaft mit einem im Vergleich zu ihrer Mitgliederzahl deutlich überproportionalen Drohpotential eine Umverteilung zu ihren Gunsten, die nicht von Herrn Mehdorn, auch nicht von Herrn Tiefensee, sondern von Erna Müller am Fahrkartenschalter finanziert wird. Kurzfristig jedenfalls. Langfristig werden hier vor allem Anreize geschaffen,  den technischen Fortschritt zu beschleunigen und Züge vollautomatisch oder aus einer Leitstelle ferngesteuert fahren zu lassen.

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159 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

 
dagny, 19.11.2007 13:52

Hier erpresst eine Kleinstgewerkschaft mit einem im Vergleich zu ihrer Mitgliederzahl deutlich überproportionalen Drohpotential..

Bedeutet das nicht schlicht, dass die Lokfuehrer unter dem fairen Marktpreis bezahlt werden?

Rayson, 19.11.2007 14:00

Nein, das ist der alte Teilwertirrtum. Der Keilriemen in meinem Auto ist auch nicht den Preis des Wagens wert, obwohl er mit der Weigerung, seinen Dienst zu tun, das Fahrzeug zum Erliegen bringen kann.

dagny, 19.11.2007 14:04

Dem Keilriemen steht aber ein grosses Angebot seitens unterbeschaeftiger Keilriemen im Regal der Werkstatt gegenueber.

Der Keilriemen wird einsehen, dass er zwar streiken kann, dann aber ausgetauscht wird, wenn er unverschaemt hohe Lohnforderungen stellt.

Statler, 19.11.2007 14:07

Diese Analogie würde aber nur dann ziehen, wenn die Bahn streikende GDL-Mitglieder kündigen und durch arbeitswillige andere Lokführer ersetzen könnte. Was sie offensichtlich nicht kann.

dagny, 19.11.2007 14:11

Nicht kann, weil staatlich verboten, nicht kann, weil in den eigenen Tarifvertraegen nicht vorgesehen oder nicht kann, weil die Lokfuehrer tatsaechlich eine (zu diesem Zeitpunkt) knappe Ressourche sind?

Statler, 19.11.2007 14:15

Naja, staatlicher Kündigungsschutz halt.

Ob Lokführer wirklich so knapp sind, kann ich nicht sagen. Aber ich könnte mir vorstellen, daß sich im befreundeten europäischen Ausland sicher einige finden ließen, die gerne in Deutschland arbeiten würden.

jopa, 19.11.2007 23:18

Lokführer sollen tatsächlich zur Zeit knapp sein - meint jedenfalls ein Kollege. Mit den Kräften aus dem europäischen Ausland ist das so eine Sache: Zum einen fehlen denen die hiesigen Befähigungszeugnisse, zum anderen sind Sicherungs- und Signaltechnik von Staat zu Staat unterschiedlich, ein Relikt aus guten Nationalstaatszeiten. Insofern kann es durchaus sein, daß ein höheres Lohnniveau marktgerecht wäre - Nachfrage > Angebot.

 
 
Rayson, 19.11.2007 14:17

Die Durchsetzung von Marktpreisen erforderte keine Streiks.

dagny, 19.11.2007 14:22
Rayson, 19.11.2007 14:40

Ist die Frage ernst gemeint? Schlag doch einfach ein beliebiges Lehrbuch der VWL auf, 1. Kapitel “Mikroökonomie”, Stichwort “markträumende Preise”.

Die Loks würden dann nicht stehen bleiben, weil Vertragspartner die Leistung verweigern, sondern weil sich solche erst gar nicht finden ließen.

dagny, 19.11.2007 14:48

Den Unterschied sehe ich nicht. Die Lokfuehrer sagen, dass das Lohnangebot der Bahn zur Verlaengerung des Vertrages (warum enden die auch alle zur gleichen Zeit?) nicht marktgerecht ist und kommen nicht zur Arbeit.

Rayson, 19.11.2007 15:03

Das Problem ist doch, und Statler hat es bereits erklärt, dass zum einen das Arbeitsangebot künstlich auf die gerade bei der Bahn Beschäftigten reduziert wird und der Nachfrager dieses darüber hinaus nicht ablehnen darf, wenn es sich ihm wieder zur Verfügung stellt.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
Statler, 19.11.2007 14:04

Nein, überhaupt nicht. Die Theorie der Entlohnung nach der marginalen Produktivität können wir in diesem Fall ruhigen Gewissens über Bord werfen: Die Bahn stand in den letzten Jahrzehnten nicht im Wettbewerb, es gab und gibt unternehmensinternen Verteilungsspielraum für Löhne, die über der marginalen Produktivität liegen, und die entweder aus Monopolgewinnen (heute) oder aus dem allgemeinen Steueraufkommen (früher) finanziert werden. Dafür, daß dieser Verteilungsspielraum auch genutzt wurde, sorgte die zentrale Lohnverhandlung mit dem Beamtenbund (früher) oder mit Monopolgewerkschaften (heute).

Es geht hier nicht darum, irgendeinen gleichgewichtigen Marktpreis zu ermitteln, sondern darum, auszutesten, wie weit man als kleine Spartengewerkschaft mit großem (rein technisch bedingten) Erpressungspotential dieses Verteilungsspiel zu seinen Gunsten umbiegen kann.

 
 
Gast, 19.11.2007 14:05

Statler, ich bin ganz sicher kein Gewerkschaftsfreund. Aber hat in diesem Fall nicht der Lokfuehrer einen gewaltigen Marktwert da er spezielle und ganz offensichtlich nicht einfach zu ersetzende Skills besitzt die aufgrund ihrer Knappheit teurer sind als jene eines Kartenverkaeufers.

Ich wuerde mal sagen die Bahn hat dieses Risiko nicht vernuenftig gehedged, etwa durch breiterer Ausbildungs und Incentive Programme. Meine Meihnung.

JKG, 19.11.2007 14:15

Diese Eigenschaften sind so speziell, daß die Ausbildungszeit ganze zwei Monate beansprucht. Eigentlich ein klassischer Anlernberuf.
http://de.wikipedia.org/wiki/Triebfahrzeugf%C3%BChrer

Gast, 20.11.2007 17:42

Interessant. Haette ich nicht gedacht. Aber warum hat die Bahn dann solche Probleme gewerkschaftlich organisierte Lokfuehrer zu ersetzten. Tut mir leid, fuer mich bleibt es dabei. Schlechtes Management von Seiten der Bahn. Kein Hedging erkennbar, keine Verhandlungsstrategie erkennbar etc,.

Kann ich mir nur damit erklaeren da aufgrund der fehlenden Privatisierung und Konkurrenz business acumen wohl auch eher ein Fremdwort bleiben wird…

Sorry - habe hier weder Mitleid mit der Bahn und auch nicht mit den Bahnfahrern, schliesslich sind dass die Waehler die mit ihren Wahl Entscheidungen bisher eine Privatisierung verhindert haben.

Rayson, 20.11.2007 18:11

Aber warum hat die Bahn dann solche Probleme gewerkschaftlich organisierte Lokfuehrer zu ersetzten.

Man deutsches Arbeitsrecht
Man Kündigungsschutz
Man Koalitionsfreiheit

 
 
 
 
dagny, 19.11.2007 14:05

Das heisst, du befuerwortest eine grosse Einheitsgewerkschaft?

Statler, 19.11.2007 14:12

Nein, aber ich denke, daß das Streikrecht da seine Grenzen haben sollte, wo der eigentlich an diesem Tarifstreit völlig unbeteiligte Rest der Volkswirtschaft deutlich mehr unter einem Streik leidet als das bestreikte Unternehmen. Wenn *hier* nicht die Grenzen der Verhältnismäßigkeit gesprengt werden, wo denn dann?

dagny, 19.11.2007 14:17

Das Streikrecht sollte sich aus dem Tarifvertrag ergeben.

Auch sehe ich die ‘volkswirtschaftliche Betrohung’ nicht so gross (ich lehne das Kollektiv Volkswirtschaft ohnehin ab), da es ja mit Auto, Bus, Flugzeug, LKW, Binnenschiff alternative Transportmittel gibt. (Leider gibts nur beschraenkt alternative Schienentransportunternehmen, aber so ein Streik ist auch eine Chance fuer die Konkurrenz.).

Sinn eines Streikes ist ja, ‘Schaden’ anzurichten um den eigenen Wert deutlich zu machen - insofern sehe ich die GDL nicht in der Verantwortung fuer die Kunden der Bahn.

 
 
 
R.A., 19.11.2007 14:29

Interessant ist doch, daß sich die Linken so gar nicht am krass unsolidarischen Verhalten der GDL stören.
Letztlich streiken die doch nicht gegen Mehdorn, sondern gegen die übrige Belegschaft. Denn sie wollen dezidiert mehr Zuwachs haben als die Kollegen.

Rayson, 19.11.2007 14:43

Hansen hat ja schon verhandelt und angekündigt, dass Transnet dann nachlegen will. Der Arbeitgeber (Vorstellung: Mehdorn mit Bowler und Zigarre) muss dann eben für Gerechtigkeit sorgen. Haha, den Typen im Vorstand, die sich selbst erst mal einen ordentlichen Schluck aus der Pulle gegönnt haben, werden es die Lokführer schon zeigen! Verträge zu Lasten Dritter sind doch immer noch die schönsten.

 
 
jo@chim, 19.11.2007 14:41

Veto, Statler! Streik ist immer Erpressung - oder eben Ausnutzung von Marktmacht, wie man’s sehen will. Und dass das sozialdemokratische Polit-Establishment mit der GDL “sympathisiert” kann ich so nicht erkennen. Im Gegenteil: Wenn die IG Metall durch zielgerichtete Streiks an einigen Schwerpunkten die gesamte Automobilindustrie lahmlegt (ergo: tausende Arbeitsplätze von Arbeitnehmern, die mit den überzogenen Forderungen der Gewerkschaftsbonzen nichts am Hut haben, bedroht) - dann nennt sich das in dieser Republik “Tarifautonomie”. Wenn aber der Staatsmonopolist DB betroffen ist und insbesondere auch die Definitionshoheit der (Möchtegern-Monopol-)Gewerkschaft transnet darüber, wer streiken darf und wer nicht, ist von Autonomie oder gar “Solidarität” plötzlich keine Rede mehr. Die traditionell “arbeitnehmerfreundlichen” (aka gewerkschaftsfreundlichen) Arbeitsgerichte sprechen plötzlich Abmahnungen und Streikverbote aus und die Genossen pöbeln die Lokführer an.

Von daher würde ich die Sprüche von der “Kleinstgewerkschaft” nicht so einfach übernehmen: Was bedeutet denn das Mantra der “Einheitsgewerkschaft” (neben den Autobahnen übrigens auch eine Errungenschaft des 3.Reiches) anderes, als dass sich eine Minderheit an Gewerkschaftsfunktionären, die eine Minderheit von Arbeitnehmern vertritt, juristisch abgesichert die Definitionshoheit über die Interessen der Mehrheit der Arbeitnehmer anmasst?

Selbst wenn die Forderungen der Lokführer tatsächlich weit überzogen sein sollten (wovon ich nicht völlig überzeugt bin) wiegt in der aktuellen Auseinandersetzung deshalb für mich aus liberaler Perspektive der Sprengsatz den sie an dieses System legen stärker.

Statler, 19.11.2007 15:00

Oh, ich meinte ja auch nicht die SPD, sondern die Instinktsozialisten in allen Parteien, die in ihrer denkfaulen Art jeden Tarifkonflikt durch die Robin-Hood-Schablone wahrnehmen anstatt sich mal Gedanken darüber zu machen, wer hier am Ende eigentlich welche Lasten tragen wird.

Was das System insgesamt angeht, da würde ich sagen, daß man eine Arbeitsmarktinstitution nicht isoliert betrachten darf. Es geht um ein Bündel von Regeln, die zusammenwirken. Und ein kaum restringiertes Streikrecht ohne “Tarifeinheit” ist halt unter Effizienzgesichtspunkten keine wirklich gute Idee. Wer die Möglichkeit, zu Streiks aufzurufen, auf kleine Spartengewerkschaften dezentralisiert, der wird nicht drumrumkommen, im Gegenzug die Streikentscheidung stärker zu regulieren.

Sonst endet das alles, mal wieder, in einem typischen Allmendeproblem, weil viele kleine Gewerkschaften in dem Bemühen, viel für sich selbst herauszuholen, Kosten externalisieren auf Leute, die mit der Tarifauseinandersetzung eigentlich gar nix zu tun haben.

 
 
M.M., 19.11.2007 14:58

Richtig, Herr Statler, 1.250 Euro im Monat sind genug! Wo kämen wir denn hin, wenn alle soviel wie wir verdienen würden.

Es gab mal einen Kapitalisten, Ford hiess der glaube ich. Auf alle Fälle überkam ihn eines Tages die Erkenntnis: “Shit, meine Arbeiter verdienen nicht genug, um sich meine Autos kaufen zu können.”

Was die deutschen Lokiführer verdienen ist ein Witz. Wie viele Löhne und Gehälter in Deutschland ein Witz sind.

Die Lokomotivführer verdienen in der Schweiz das Doppelte. Darum fahren die auch die besseren Autos.

Statler, 19.11.2007 15:09

Jetzt sind wir schon bei 1250? Mal sehen, wann der mythische, deutsche Lokführerlohn bei Null angegeben wird. Es sind 1500 netto für Berufsanfänger, Lokführer mit Berufserfahrung verdienen auch in Deutschland wesentlich mehr. Und die verbleibende Lohndifferenz erklärt dann vielleicht auch, wieso ein Bahnticket in der Schweiz so etwa 15-20% teurer ist als eines für eine vergleichbare Strecke in Deutschland, oder? Und das bei, soviel Ehrlichkeit muß sein, wesentlich älteren und unbequemeren Waggons als bei uns.

Übrigens, wenn wir Nettolöhne in Deutschland und der Schweiz vergleichen, dann müßten sich noch ganz andere Berufsgruppen beschweren. Selbst McKinsey-Berater müßten dann Weinkrämpfe kriegen. Aber vielleicht gründen die ja auch noch eine Spartengewerkschaft.

Rayson, 19.11.2007 15:51

Selbst McKinsey-Berater müßten dann Weinkrämpfe kriegen. Aber vielleicht gründen die ja auch noch eine Spartengewerkschaft.

Können die überhaupt mit Streik “drohen”?

Statler, 19.11.2007 16:02

Naja, ausdrucken könnte die Standardpräsentation zur Not auch der Hausmeister — aber hat er auch das nötige schauspielerische Talent, sie so zu präsentieren, als ob da intellektuelle Schwerstarbeit drin steckt?

 
 
M.M., 19.11.2007 15:55

1250 war gestern bei Frau Will die Zahl, will es aber nicht beschwören.

Soviel ist das Leben in Deutschland auch nicht billiger als in der Schweiz. Derzeit kommen jede Menge Deutsche zum Einkaufen hierher, gut wegen des Öiros.

1.500 Öiro - das ist nun wirklich nicht die Welt. Ein Golf beispielsweise kostet in der gleichen Ausstattung in der Schweiz und in Deutschland etwa gleich viel. Man lebt ja nicht allein von Brot und Milch.

Klar, wenn die Mieten in Zürich und Leibzig verglichen werden, gibt’s schon Unterschiede. Die Bahnpreise sind in der Schweiz auch deshalb teurer, weil mehr Kunstbauten nötig sind - das Land ist ja eine einzige Modelleisenbahnlandschaft.

Also seien wir doch mal etwas grosszügig: Anständig leben kann man doch erst ab 3′000 Öiro aufwärts (netto), wobei noch die Frage offen ist, wieviele Personen da mit am Tropf hängen.

Es ist doch so: Geld macht glücklich.

Statler, 19.11.2007 16:04

Naja, also mal ein Beispiel: BATIIa als Standard-Tarifgruppe für Leute, die mit Hochschulabschluß in den öffentlichen Dienst einsteigen, wirft etwa 1900 Euro netto im Monat ab. Und davon leben verdammt viele Leute gar nicht so schlecht.

Ich glaube, Du hast da ein paar Illusionen hinsichtlich der Einkommensverteilung in Deutschland… ;-)

M.M., 19.11.2007 16:39

Sieht ganz danach aus… ;-)

 
 
 
 
dagny, 19.11.2007 15:20

Kostet ein kg Fleisch in der Schweiz immer noch so viel wie bei meinem letzten Besuch dort vor 3 Jahren?

Klar verdienen die Schweizer mehr, aber das Leben ist dort teurer.
(Oder der Franken gemessen am Lokfuehrergehalt uberbewertet)

 
R.A., 19.11.2007 15:25

> Es gab mal einen Kapitalisten, Ford …
Gibt es eigentlichen einen Beleg für diesen Ford-Ausspruch, oder ist das eine “Urban legend”.
Es wäre schon erstaunlich, wenn ein erfolgreicher Unternehmer wie er wirklich so wenig Ahnung von Ökonomie gehabt haben soll.

> Was die deutschen Lokiführer verdienen
> ist ein Witz.
Sie verdienen mehr als viele andere vergleichbare Beschäftigte. Z. B. mehr als LKW-Fahrer, das ist ein bißchen vergleichbar - aber die Trucker müssen richtig arbeiten, nicht nur regelmäßig den Totmannknopf drücken.

 
 
VolkerD, 19.11.2007 15:04

Im Grunde wird die GDL aus Gründen des Neids unterstützt: “Die da oben” haben sich so viel gegenüber “uns Kleinen” herausgenommen, dass nun alle, die sich dagegen wehren in den Himmen gehöben werden.

Das die GDL das nicht erüllt, kann man dann mal großzügig übersehen.

VolkerD, 19.11.2007 15:06

Himmen gehöben –> Himmel gehoben

*seufz* (Tippfehler sind in ;) )

 
 
Dirk, 19.11.2007 15:22

Eine Lohnforderung in Verbindung mit einem Streik ist eiegntlich nichts anderes als eine Preisabsprache der Arbeitnehmer. Korrekt?

Die entscheidende Frage ist also, ob man generell Preisabsprachen duldet resp. gutheisst oder nicht.

Linke mögen keine Preisabsprachen durch Firmen, wohl aber solche der Arbeitnehmer. Deswegen sympathisieren sie mit der GDL.

Markt-Liberale mögen eigentlich gar keine Preisabsprachen, sehen aber, dass die GDL einem Monopolunternehmen gegenübersteht. Durch die Möglichkeit des Streikes kann diese Asymmetrie überwunden werden.

Allerdings mit erheblichen externen Effekten. Nur wie gewichte ich die berechtigten Ansprüche der Lokführer gegenüber denen der Allgemeinheit? Findet sich vielleicht ein besserer Mechanismus als Streik, um dieses Problem zu lösen?

 
Lina, 19.11.2007 17:09

Sag’ mir doch mal einer - bei allem Für und Wider - wie die sonst an ihr Geld kommen sollen, wenn nicht durch (erpresserischen) Streik?

Meinen Segen haben sie.

Und die Keilriementheorie Raysons untermauert bestens die Effektivität der Massnahme - jedenfalls aus meiner Sicht.

(Ich hoffe sehr, dass das jetzt keine missbräuchliche Verwendung Deiner diesbezüglichen Gedankengänge gewesen ist, Rayson? Ich bin da immer so unsicher, weisst Du;-))

 
Rayson, 19.11.2007 17:46

Dass der Streik der GDL eine sehr starke Wirkung hat, ist unbestritten. Die Frage ist nur, ob es der Sinn des Streikrechts ist, dass Leute mit dem größten Drohpotenzial gegenüber Dritten am meisten von ihm profitieren.

Man kennt das ja z.B. vom öffentlichen Dienst generell, wenn gerne die Müllabfuhr bestreikt wird.

dagny, 19.11.2007 18:20

Ach die Muellabfuhr laesst sich, wenns noetig waere, auch anders organisieren. Waeren die Tarifpartner im Oeffentlichen Dienst Unternehmer, wuerden sie das schnell organisieren….

 
Lina, 19.11.2007 19:05

@ Rayson

“Die Frage ist nur, ob es der Sinn des Streikrechts ist, dass Leute mit dem größten Drohpotenzial gegenüber Dritten am meisten von ihm profitieren.”

Kann nicht folgen: Um sie und ihre Bezahlung geht es doch. Der Sinn des Streiksrechts erscheint mir damit voll und ganz erfüllt.

Eine Gerechtigkeitsfrage? Rücksichten unterhöhlen jeden Streik.

 
 
Rayson, 19.11.2007 19:11

@Lina

Das “gegenüber Dritten” ist das entscheidende Kriterium. Also die Frage, ob ich, wenn ich von meinem Nachbarn etwas will, ihm selbst die Tür eintrete oder stattdessen vor seinem Haus Unbeteiligte verdresche.

Lina, 19.11.2007 19:41

@ Rayson

Merci! :-) Plastischer hättest Du meine Denk-Lücke überhaupt nicht schliessen können :-).

 
 
Eloman, 19.11.2007 19:17

Warum zahlen die britischen (privaten) Bahngesellschaften ihren Lokführern Gehälter zwischen 3500,- Euro (Anfänger bei 35-Stunden-Woche) bis 4750,- Euro (mit Berufserfahrung und freiwilliger 40-Stunden-Woche)?
Bei den hiesigen Löhnen kann die DB ihren Bestand an Lokführern allenfalls mit Bulgaren oder Rumänen auffüllen (ähnlich wie die Spediteure, siehe z. B. Willi Betz).

dagny, 19.11.2007 21:33

Der Wechselkurs des Pfundes in Kaufkraft gemessen müsste nicht 1:1.5 sein, sondern 1:1. Das relativiert einiges.

 
azrael, 20.11.2007 12:31

@Eloman:

Ein Grund dafuer koennte auch sein, dass es in England
mehr als nur einen Anbieter gibt, und dass ein Umsteigen aus anderen Berufen wohl moeglich ist. Es herrscht eher mehr Wettbewerb als in Deutschland, wo sich zwei Parteien, mit kurzfristig null Alternativen und gegensaetzlichen Interessen gegenueberstehen…

“Ich wollte zurück in die reale Welt und mit normalen Leuten umgehen”, sagt er. Mittlerweile fährt er Passagierzüge für South West Trains, eines der 25 privaten Bahnunternehmen, die in Großbritannien operieren” (Spiegel Online-18. November 2007)

Zudem scheint mir die Entscheidung der ach so erfolgreichen Banker weniger monetaer begruendet als vielmehr ein Ausdruck des “Aussteigens” aus dem stressreichen Alltags, der fuer das zum jeweiligen Leben notwendige Kleingeld gesorgt hat.

“Doch die gnadenlos langen Arbeitstage, die zahllosen Überstunden, die oft unerwartet auf ihn zukamen, und der Druck immer härterer unternehmensinterner Ziele - all das war Rogers irgendwann zu viel. Als die Bank mit einer Abfindung winkte, nahm er dankend an. Und wurde Lokführer” (Spiegel online 18-11-07)

Was den Konflikt in Deutschland so festgefahren macht, ist dass hier ueber eine Reihe von Problemen als Komplettpaket verhandelt wird. Mehr Geld, eigene Gewerkschaft, dem steht das Interesse der Bahn gegenueber vollprivatisiert zu werden, mit der dann wahrscheinlichen Trennung von Netz und Fahrbetrieb, was wiederum die Zulassung von mehr Konkurrenz bedeuten koennte, mit ungewissem Ausgang (Englische Verhaeltnisse oder Substitution durch billige Auslaender) hinsichtlich des Lohns, und ungewissem Ausgang auf das Drohpotentials der GdL. Neue Unternehmen neue Lokfuehrer.

Letztendlich schadet der Streik der Ertragssituation der Bahn, und der Attraktivitaet als Investment, was die Vollprivatisierung erschwert.
Aus dem Ertrag werden aber nicht nur die Managergehaelter bezahlt sondern auch die der Lokfuehrer, der Zugbegleiter, der Ticketverkaeufer etc… Die negativen externen Effekte sind also auch innerhalb des Unternehmens praesent, wenngleich sie vielleicht einigen Befuerwortern so nicht bewusst sind.

Sicher ist es verlockend in einer solchen Streiksituation die “Sozialkeule” auszupacken und ueber Gerechtigkeit von Loehnen (Arbeiter-Manager) zu debattieren. Dabei darf man nicht vergessen, dass es letztendlich der dem Monopol ausgelieferte Kunde ist, der die Zeche zahlt - egal ob an Mehdorn oder an den Lokfuehrer. (Beim erstgenannten kommt wenigstens mehr in Form von Steuer zurueck - dank der Progression :)

Vielleicht waere es besser im Angesicht dieser Situation die Privatisierung voranzutreiben und die Etablierung von Konkurrenz zur Bahn zu forcieren, damit etwas mehr Wahlmoeglichkeiten entstehen - fuer Mehdorn, die Lokfuehrer und die Kunden - damit man entscheiden kann, wen man fuer die Dienstleistung entlohnt.

 
 
Epameroi, 19.11.2007 20:06

Rayson, das scheint mir ein unpassender Vergleich zu sein. Vielleicht hättest du ja eine Lösung parat, wie Lokführer streiken können, ohne das Dritte darunter leiden.

In unserer vernetzten “Just-in-Time”-Wirtschaft ist das ja fast immer so. Der Streik bei einem kleinen, aber unverzichtbaren Zulieferer kann gravierende Auswirkungen haben.

Aber soll man nun von ein em 1250 Euro netto verdienenden Lokführer fordern, doch bitte an den Aufschwung und die deutsche Wirtschaft zu denken, und von Mehdorn nicht?

Warum heißt es nicht: Mehdorns Halsstarrigkeit gefährdet den Aufschwung?

Wie ich der TV-Diskussion entnommen habe, geht es doch gar nicht um 30 Prozent, sondern eher um 10.

Und man muss sich schon fragen, warum die Bahn pleite gehen soll, wenn ihre Lokführer die gute Hälfte verdienen von dem, was ihre Kollegen bei der SNCF bekommen.

Die GDL hat nun vielleicht eine Sondermacht. Aber in der Regel liegt die eher bei den Unternehmen, und da wird sie auch ausgenutzt, wie man dem oft festzustellenden “freiwilligen” Gehaltsverzicht vieler um ihren Arbeitsplatz bangenden Mitarbeitern sieht.

Rayson, 19.11.2007 23:16

Vielleicht hättest du ja eine Lösung parat, wie Lokführer streiken können, ohne das Dritte darunter leiden.

Die habe ich nicht. Aber deswegen bleibt die Problematik trotzdem bestehen.

Aber soll man nun von ein em 1250 Euro netto verdienenden Lokführer fordern, doch bitte an den Aufschwung und die deutsche Wirtschaft zu denken, und von Mehdorn nicht?

Weil beides falsch wäre. Es ist müßig, grundsätzlich jeweils von der anderen Seite “Verantwortung” zu verlangen, wenn der Konfliktlösungsmechanismus an sich offensichtlich das Problem ist. Den ich übrigens nicht zu den Naturgesetzen zählen würde.

Leider haben wir es hier nicht mit Marktlöhnen zu tun, was die Sache nicht einfacher macht. Der Verweis auf die Verdienstmöglichkeiten woanders ist deswegen ebenso irrelevant wie sein Pendant bei der Rechtfertigung exorbitanter Managergehälter.

 
 
Dirk, 19.11.2007 20:51

Rayson, …Vielleicht hättest du ja eine Lösung parat, wie Lokführer streiken können, ohne das Dritte darunter leiden.

Das ist genau der Punkt.

Ich weiss nicht auf wessen Seite ich stehen soll. Auf der einen Seite kann ich die Lokführer nachvollziehen und sehe ihre Handlung angesichts des Bahnmonopols auch legitimiert. Auf der anderen Seite ist der “externe Effekt” schon ziemlich groß und ärgerlich. Aus meiner Sicht handelt es sich um ein Dilemma, für das es (noch) keine Lösung gibt. Wie kann man den Lokführern gerecht werden, ohne der Allgemeinheit großen Schaden zuzufügen?

 
Epameroi, 19.11.2007 21:36

Arbeitgeber sind in der Regel auch nicht zimperlich, Arbeitskämpfe auf dem Rücken Dritter auszutragen, zum Beispiel durch Aussperrung. Hier wird durch aktive Schädigung unbeteiligter Dritter Druck auf die Streikenden ausgeübt.

Rayson, 19.11.2007 23:20

Verstehe ich dich jetzt richtig: Die deutsche Volkswirtschaft wird durch die GDL-Streiks zu Recht geschädigt, weil es Unternehmen gibt, die Streiks mit Aussperrung beantworten (wann und wo eigentlich zuletzt?)?

Oder wolltest du nur zum beliebten Pillepalle “die Arbeitgeber - die Arbeitnehmer” überwechseln?

Epameroi, 19.11.2007 23:39

Jeder Streik und jede Aussperrung “schädigt” die Wirtschaft, trotzdem sind beide legitime Mittel im Arbeitskampf.

Verwerflich fände ich ein Verhalten, das zu Lasten Dritter geht nur, wenn es ebenso wirksames Verhalten gibt, das NUR das Gegenüber trifft.

Das ist aber bei einem Lokführer nicht möglich. Deswegen kann ich ihm aber nicht das Streikrecht verwehren.

Ich kann ja auch nicht sagen, Herr Mehdorn muss alle Forderungen erfüllen, weil seine Weigerung Dritten schadet.

Rayson, 19.11.2007 23:54

Verlassen wir doch mal das “legitim” und gehen wir über zum “sinnvoll”. Die Frage ist doch, ob die Schädigung der übrigen Wirtschaft wesentlich oder nur ein vergleichsweise kleiner Nebeneffekt ist.

Und wenn man dann zu dem Schluss kommt, dass die Schädigung Dritter im Vergleich zu dem, um was es da eigentlich geht, unverhältnismäßig hoch ist, dann muss man sich als intelligenter und nicht ganz so ins Bestehende vernarrte Mensch fragen, ob es nicht auch andere Konfliktlösungsmechanismen gibt.

 
 
 
 
Chripa, 19.11.2007 21:42

Zunächst mal glaube ich nicht, dass die Lockführer so viele sind und soviel verdienen, dass eine Lohnerhöhung bei ihnen allzu stark auf das Gesamtergebnis bei der Bahn und damit die Preise durchschlagen würde. Außerdem geht es ja,glaube ich, nur um die Lokführer, die gerade in dieser Gewerkschaft organisiert sind. Das Problem sehe ich eher darin, dass bei einem Erfolg der GDL viele kleine Einzelgewerkschaften entstehen werden (Weichensteller, Fahrkartenverkäufer,Schaffner, etc), die alle auch mit Streik drohen können.

 
Rayson, 19.11.2007 23:27

Das Problem sehe ich eher darin, dass bei einem Erfolg der GDL viele kleine Einzelgewerkschaften entstehen werden (Weichensteller, Fahrkartenverkäufer,Schaffner, etc), die alle auch mit Streik drohen können.

Natürlich ist das der eigentliche Grund für den Widerstand der Bahn gegen ein mit den anderen Gewerkschaften nicht koordiniertes Vorgehen und warum sie dabei von der Politik unterstützt wird. Es gibt diesen Trend, und die GDLer sind auch nicht die ersten damit (Piloten, Krankenhausärzte…).

Je kleiner die Gruppe, je homogener die Interessen und je größer die Fähigkeit, andere als den Vertragspartner zu schädigen, um so größer die Versuchung. Damit würde nicht Leistung, sondern Erpressungspotenzial honoriert.

Vielleicht braucht’s gut apokalyptisch erst einen Scargill, damit eine Thatcher kommen kann…

Epameroi, 19.11.2007 23:43

Wieso ist es bei Arbeitnehmern Erpressung und bei Unternehmern nicht, wenn die Lohnkürzungen mit der Drohung durchsetzen, sonst eben nach China zu gehen?

Wenn eine Gruppe in der Lage ist, “Erpressungspotenzial” aufzubauen, wird ihr Gegenüber eben damit reagieren, langfristig Abwehrmaßnahmen zu entwickeln.

Rayson, 20.11.2007 00:03

Jetzt kommt der Mann schon wieder mit einem “aber die anderen”. und dem Aufbau von Pauschalfronten.

1. Können wir nicht konkret bei dem Thema Streik und Streikfolgen bleiben?
2. Das “Erpressungspotenzial” bezieht sich vor allem auf den Vergleich innerhalb der Arbeitnehmerschaft, wo die einen die Möglichkeit haben, über ihr Arbeitsverhältnis hinaus Dritten erheblich zu schaden und andere eben nicht. Wenn dann die einen mehr verdienten als die anderen, hätte das offensichtlich nichts mit Leistung zu tun, sondern eben mit Erpressungspotenzial.
3. Das Wahrnehmen von Vertragsfreiheit ist keine Erpressung.
4. Die Bahn hat meines Wissens noch nie damit gedroht, nach China zu gehen - inwiefern ist der Streik der GDL jetzt eine Abwehrmaßnahme gegen eine solche Drohung?

Epameroi, 20.11.2007 00:21

Nein, das ist schlichtweg Markt. Der ist nicht notwendigerweise “gerecht”.

Wenn jemand höher bezahlt werden muss, weil er durch Nichtarbeiten Dritten erheblich schaden kann, ist das vielleicht unerfreulich, gehört aber zum Markt.

Dennoch fände ich es nicht richtig, wenn diese Gruppe ihre “Macht” ausspielte, indem sie Dritten schadet (und damit den Arbeitgeber unter Druck setzt) SOLANGE es Möglichkeiten gibt, den Arbeitgeber ohne dem Schaden Dritter unter Druck zu setzen.

Doch wie soll das bei Lokführern gehen? Die haben ja nicht brutalstmöglich angefangen, oder? Wenn sich das Angebot Mehdorns seit 6 Monaten nicht verändert hat, dann hat das nichts mit Verhandlung zu tun.

Du müsstest mir schon erklären, wie die Lokführer für ihre Position kämpfen sollten, ohne Dritten zu schaden?

Vorschläge?