Da ist sie ja wieder…

05.12.2007 14:13 - Statler & Waldorf by Statler - 17 Kommentare

…die lump-of-labour-fallacy. Kaum wirkt der Mindestlohn so, wie er wirken muß, beruhigen sich seine Anhänger damit, daß die Entlassungen bei PIN ja eigentlich netto gar keinen Jobverlust darstellen. Jetzt bringt eben die Post die Briefe, die sonst PIN gebracht hätte, also ist doch alles gut.

Drei simple Fragen dazu:

  • Schonmal was von der Preiselastizität der Nachfrage gehört und davon, daß Nachfragekurven üblicherweise so aussehen, daß die nachgefragte Menge mit sinkendem Preis zunimmt?
  • Selbst wenn die nachgefragte Menge nach Postdienstleistungen überhaupt nicht auf Preissenkungen reagieren würde: Schonmal darüber nachgedacht, daß eine Preissenkung dann trotzdem eine reale Einkommenserhöhung der Kunden bedeutet, d.h. auf ganz anderen Märkten — Schokolade, Bücher, Sportwagen — die Nachfrage zunimmt?
  • Schonmal darüber nachgedacht, daß vielleicht, möglicherweise, ein neuer Anbieter irgendeinen Weg finden könnte, den wir und die Post uns jetzt noch gar nicht vorstellen können, um das Briefeschreiben wieder populärer werden zu lassen und so die Nachfrage zu stimulieren?

Und  die wichtigste Frage zuletzt: Wenn die Nachfrage nach Postdienstleistungen wirklich so preisunelastisch ist, wieso setzen wir den Briefträgermindestlohn nicht gleich bei 20 Euro pro Stunde fest, um mal so einen richtig tollen warm glow angesichts unserer Heldentat zu bekommen, dem bösen, bösen Wettbewerb wieder eins ausgewischt zu haben?

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17 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

dagny, 05.12.2007 14:54

Warum gibt es diesen Artikel bei wikipedia nicht auf deutsch?

Koennte das damit zusammenhaengen, dass man sowas in D. garnicht lernt???

Gernot Kieseritzky, 05.12.2007 15:31

Übersetze ihn doch und stelle ihn auf wikipedia.de ein. Am besten mit einem Verweis auf den Post-Mindestlohn.

jopa, 05.12.2007 16:09

… und genieße den sich garantiert anschließenden edit-war.

 
dagny, 05.12.2007 16:48

dagny verbrennt sich nur ungern die Finger mit BWL-Zeugs, da sind andere kompetenter.

 
 
 
Geistreich, 05.12.2007 17:06

Gerade kann man auf Faz.net ein Interview mit einem Herrn Joachim Möller lesen, seines Zeichens Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Der behauptet doch allen ernstes: “Wenn der Mindestlohn auf moderatem Niveau festgesetzt wird, können sich sogar Beschäftigungsgewinne ergeben.”
Kann mir jemand erklären, wie das funktionieren soll? Nach dem Motto: In der DDR gab’s auch Vollbeschäftigung? Manmanman…

Rayson, 05.12.2007 17:44

Es gibt Studien, die den von Möller genannten Effekt nahelegen, z.B. von Card/Krueger aus dem Jahr 1994.

Begriffen habe ich die Logik dahinter allerdings bisher nicht.

Statler, 05.12.2007 18:07

Einfach gesagt sieht die Logik so aus: Im Bereich, in dem der Mindestlohn wirkt, ist die Arbeitsangebotskurve unendlich preiselastisch (sie verläuft völlig flach). Wenn ich in diesem Bereich zusätzliche Arbeitskräfte einstelle, treibe ich also den Gleichgewichtslohn nicht nach oben.

Ohne Mindestlohn habe ich dagegen eine normal verlaufende, mit steigender Menge aufwärts geneigte Arbeitsangebotskurve. Wenn ich mehr Leute einstelle, steigt der Gleichgewichtspreis und ich muß auch meiner alten Belegschaft diesen neuen, höheren Lohn zahlen. So gesehen verschwindet in dem Bereich, in dem der Mindestlohn greift, ein Einstellungshindernis: der Effekt einer Vergrößerung der Belegschaft auf den Gleichgewichtslohn ist Null.

Dagegen gibt es zwei wichtige Einwände: Auf der theoretischen Seite den, daß einzelne Unternehmen auf großen Arbeitsmärkten sowieso mehr oder weniger Preisnehmer sind, d.h. auf einem normalen Wettbewerbsmarkt ist aus Sicht des *einzelnen* Unternehmens der Effekt der eigenen Einstellungsentscheidung auf den Gleichgewichtslohn auch Null. Und auf der empirischen Seite gibt es den Einwand, daß die empirischen Ergebnisse von Card und Krueger so wahnsinnig robust nicht waren.

Rayson, 05.12.2007 18:40

Ich habe immer folgende Probleme mit dieser Herleitung:

Muss man im Szenario mit Mindestlohn nicht davon ausgehen, dass die Beschäftigung von vornherein geringer ist, eben weil der Mindestlohn über dem Gleichgewichtslohn liegt? Die Nachfragekurve dürfte ja “normal” verlaufen… Oder ist eine implizite Voraussetzung des Modells, dass die Grenzproduktivität über dem Lohn, ob vorher gezahlter oder neu eingeführter Mindestlohn, liegt, also kein echter Wettbewerb herrscht?

Und wo ist im anderen Szenario das Problem bei steigenden Gleichgewichtslöhnen, so lange diese noch unter dem Mindestlohn liegen? Denn nur so lange würde doch auch im Szenario mit Mindestlohn vom unendlich preiselastischen Angebot ausgegangen werden können. Mindestlohn ist ja nicht Maximallohn.

Oder unterläuft mir da irgendwo ein Denkfehler?

Dirk, 06.12.2007 09:47

Mindestlohn ist ja nicht Maximallohn.

Genau das dachte ich auch. Dieser “Fehler” scheint die die Basis des von Statler genannten Arguments zu sein.

 
 
 
 
 
Epameroi, 05.12.2007 19:25

Mindestlohn ist m:E. keine wirtschaftliche, sondern gesellschaftlich-moralische Frage.

Sie muss aber auch in Zusammenhang mit Kombilohn gesehen werden. Kombilohn ohne Mindestlohn geht überhaupt nicht.

Dies würde zu einer Abwärtsspirale bei den Niedriglöhnen führen, bei letztlicher Alimentierung durch den Steuerzahler.

 
Schmock, 05.12.2007 19:39

Ein Mindestlohn von 20 Euro hätte immerhin den Vorteil die Deutsche Post zu ärgern und zu schwächen.

 
Bucaro, 05.12.2007 20:25

Mir fällt da nur der Mindestlohn im Monopson ein. So wie dort ist man ja in England auch vorgegangen. Erstmal einen sehr niedrigen Mindestlohn gewählt, damit dieser garatiert nicht über w* liegt. Und dann genau beobachtet was bei einer geringen Erhöhung passiert.
http://www-cgi.uni-regensburg.de/Fakultaeten/WiWi/Wiegard/start/de/lehre/2004-2005/mikro2/folien/Vorlesung15_11_04.pdf
bzw schaut mal bei Wikipedia unter “Monopson”.

Statler, 05.12.2007 21:22

Jaja, nur fragt man sich, ob dies das richtige Modell ist. Postboten, gerade schnell angelernte Postboten, haben ja eigentlich keine so spezifische Qualifikation, daß sie auf Gedeih und Verderb einem Arbeitgeber ausgesetzt sind. Insofern hätte ich meine Zweifel, daß wir hier ein Nachfragemonopol haben.

Bucaro, 06.12.2007 15:49

Ja, ich glaube auch nicht dass es sich im Fall der Postboten um ein Nachfragemonopol handelt. Das sollte eine Antwort auf die Frage, ob ein Mindestlohn überhaupt sinnvoll sein kann, sein. Hätte ich wohl lieber dierekt an der entsprechenden Stlle kommentieren sollen. Kommt nciht wieder vor. Versprochen! *g*

 
 
 

[...] in Indien zugestellt, zumindest schließe ich das aus den Panikreaktionen einiger Kollegen und Kommentatoren auf den längst fälligen Mindestlohn im [...]

 
Dirk, 06.12.2007 09:51

Eine weitere Anmerkung:

Ein niedriger Preis einer Dienstleistung ist ja nicht der einzige mögliche Wettbewerbsvorteil. Gerade in so sensiblen Bereichen wie dem Postverkehr, kommt es auch auf Vertrauenswürdigkeit und Qualität an. Diese wiederum wird entscheidend von der Auswahl und Bezahlung der Zusteller beeinflusst. Wettbewerb könnte also die Löhne der Zusteller erhöhen!

 
 

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