Die Wirtschaft ist nicht für die Menschen da

11.12.2007 15:18 - Tamm's Comments by Sascha Tamm - 43 Kommentare

Und auch nicht umgekehrt. Es ist ein Gemeinplatz in diversen Talkshows, dass doch “die Wirtschaft” für “die Menschen” da sein müsse. Dabei wird dann gewöhnlich noch unterstellt, dass das bei der heutigen Wirtschaft nicht so sei. Auch Befürworter der Marktwirtschaft schließen sich gern an – kürzlich sogar die Wirtschaftswoche. So gut das auch klingen mag, so unsinnig ist es. Das Problem liegt in der falschen Begrifflichkeit.

Die Abstraktionen “die Wirtschaft” und “die Menschen” führen in die Irre, das heißt zu einem kollektivistischen Denken. Ein freier Markt ermöglicht es Anbietern von Waren und Dienstleistungen, mit potentiellen Kunden zu verhandeln und Verträge einzugehen. Das Ergebnis ist die Befriedigung zahlreicher individueller Bedürfnisse, sind viele einzelne Tauschprozesse.

Alle Unternehmen auf einem freien Markt – aber nicht “die Wirtschaft” – sind somit immer für viele einzelne Menschen – aber nicht für “die Menschen” da. Wer von “den Menschen” spricht, meint immer große Gruppen von Menschen, die kollektiver Entscheidungen und damit staatlicher Macht bedürfen.

Es geht darum, was die Mehrheit will – z.B. staatlich finanzierte Autobahnen oder Eisenbahnen. Die Interessen der Menschen, die daran kein Interesse haben, fallen durch den Rost. Sie bezahlen trotzdem, wenn “die Menschen” etwas entscheiden. Der Begriff “die Wirtschaft” ist ebenso gefährlich. Er suggeriert, dass die Gesamtheit aller Unternehmen etwas sei, das man steuern und in den Dienst “der Menschen” stellen könne.

Diese Illusion wird dadurch verstärkt, dass oft in aggregierten Größen wie Wachstum und Bruttoinlandsprodukt argumentiert wird. Doch “Wirtschaftswachstum” ist weder ein in sich wertvolles Ziel noch sollte es ein Ziel von Politik sein. Ein freier Markt ermöglicht es allen Teilnehmern, frei mit anderen in Austausch zu treten – oder es auch sein zu lassen. Dass dabei auch gewöhnlich das sogenannte Bruttoinlandsprodukt steigt, liegt daran, dass viele Menschen sehr produktiv sind und die Bedürfnisse anderer erfüllen, wenn man sie nur lässt.

Die Hauptbegründung für die Freiheit des Marktes liegt also in der Freiheit der einzelnen Menschen, und nicht darin, dass die Wirtschaftsleistung insgesamt steigt. Eine freie Marktwirtschaft würde auch nicht dadurch weniger wertvoll, dass sich viele Menschen entscheiden, weniger als bisher für die Bedürfnisse anderer Menschen zu arbeiten und selbst auf Einkommen zu verzichten – wenn sie nicht andere Menschen dazu zwingen, für sie zu arbeiten.

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43 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Oliver Luksic, 11.12.2007 15:43

Lieber Sascha,

ein exzellenter Beitrag! Diese Floskeln des sozialdemokratischen Kaminfeuers gehen mir auch gehörig auf die Nerven. Ich muss da immer an die Aussage Friedman´s denken, was die aufgabe von Firmen ist.

 
Robert, 11.12.2007 17:39

“Alle Unternehmen auf einem freien Markt – aber nicht “die Wirtschaft” – sind somit immer für viele einzelne Menschen – aber nicht für “die Menschen” da.”

Zwei Fragen habe ich dazu:

Wenn das Wort “Wirtschaft” für die Umschreibung “Alle Unternehmen auf dem freien Markt” falsch sein soll, welches Wort würdest du dann vorschlagen?
Wäre denn auch die Tatsache vorstellbar, dass viele einzelne Unternehmen für alle Menschen da sind?

 
dagny, 11.12.2007 18:56

Ein schöner Beitrag.

‘Die Wirtschaft’ ist zwar die Summe ihrer Teile, aber nicht mehr und sie ist auch keine handelnde Person.

 
vr, 11.12.2007 21:12 Subscribed to comments via email

“Freie Märkte” sind eine theoretische Fiktion. Es wird sie wohl nie geben, weil Märkte immer vermachtet und reguliert sind.

Ein Beispiel ist der Arbeitsmarkt. Wer wirklich einen “freien” Arbeitsmarkt möchte, kann nur offene Grenzen für alle fordern, damit der Preis der Ware Arbeit endlich endlich durch den Markt reguliert werden kann. Dies tun jedoch erstaunlich wenige Liberale. Und wenn der Arbeitsmarkt nicht “frei” ist, können alle anderen von ihm abhängenden Märkte auch nicht wirklich frei sein.

Also, wer macht mit beim Niederreißen der EU-Grenzposten?

jo@chim, 12.12.2007 01:07

Dies tun jedoch erstaunlich wenige Liberale

Da hast Du leider Recht, Volker, ja. Mit der Forderung nach offenen Grenzen und weltweitem Freihandel rennst Du hier allerdings offene Türen ein. Auch mit Festellung, dass ein deregulierter Arbeitsmarkt wesentliche Grundlage einer tatsächlichen Marktwirtschaft wäre.
Deine etwas apodiktisch daherkommende Mutmassung im ersten Absatz ist aber durch nichts belegt – und so auch nicht belegbar.

vr, 12.12.2007 10:25 Subscribed to comments via email

Zu Apodiktik: Ich kenne ich kein erfreuliches Beispiel für einen völlig freien Markt in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus. Dass er auch nicht kommen wird, schließe ich aus verschiedenen Beobachtungen, u.a.:
- Es gibt keine Partei, die offene Grenzen fordern und – in Deutschland wie anderswo – die 5%-Hürde überspringen könnte. Solange eine Partei wie die FDP, die den freien Markt dort nicht möchte, wo er der eigenen Klientel schaden würde (Apotheker etc.), das nicht fordert, sehe ich nicht, welche relevante politische Kraft da auf absehbare Zeit Änderung schaffen würde.
- Zur inneren Widersprüchlichkeit des Kapitalismus werde ich hier sicher auf wenig Gegenliebe stoßen. Google und Microsoft sind Beispiele dafür, was passiert, wenn Märkte nicht durch starke Kontrollinstanzen “geschützt” werden: Es entstehen Monopolisierungstendenzen, die durch den Markt selber nicht mehr regulierbar sind, u.a. weil Neueinsteiger und kleinere Konkurrenten kaum eine Chance haben (economics of scale). Es gibt auch gegenläufige Tendenzen, die ich jedoch als schwächer einschätzen würde. Das ist die alte Geschichte, wie Marktliberalismus vermachtete Märkte letztlich erst ermöglicht (natürlich gibt es auch staatlich geförderte Monopole).

Rayson, 12.12.2007 10:58

“Freie Märkte” heißt nicht, dass immer ein atomistischer Wettbewerb gegeben sein muss.

Microsoft und Google sind schöne Beispiele. Nicht nur, dass letzteres z.B. ganz schön am Fast-Monopol des ersteren nagt. Aber an Microsoft kann man sehen, wie selbst der als unbezwingbar erscheinende Fast-Monopolist den Entdeckungen anderer hinterherhecheln muss, um sich da zu halten, wo er ist. Man sieht auch, dass er dies mit einem Handicap tut, nämlich das alte Geschäft stützen zu müssen.

Der Aufstieg von Google hingegen ist selbst das beste Beispiel, dass angebliche oder reale Monopole, so mächtig sie auch zu einem gegebenen Zeitpunkt erscheinen mögen, temporäre Phänomene sind – zumindest in “freien Märkten”. Da gab es nämlich vorher das “gigantische” Yahoo, und die allseits anerkannte Suchmaschine nannte sich Altavista. Lange hat Google nicht gebraucht, die zu pulverisieren. Und der nächste da draußen, der eine Idee hat, die bislang noch keinem gekommen ist, steht schon in den Startlöchern.

Staatliches Herumgepfusche in Marktprozessen und deren “Korrektur” ist in den meisten Fällen nichts weiter, als in einem dunklen Raum eine schwarze Katze zu suchen, die nicht da ist, und dann zu rufen: “Jetzt hab ich sie!”

vr, 12.12.2007 11:20 Subscribed to comments via email

V.a. an Microsoft sieht man ja, dass auch massiv versucht wird, Einfluss auf Regierungen, Regulierungsbehörden, den “freien Markt” etc. zu nehmen (Bsp. Open XML-Kampagne). Monopolisten wollen ja meist nur so lange einen freien Markt, wie er ihnen in den Kram passt.

In Bezug auf Innovationen kauft Microsoft halt kleine Firmen auf, die das produzieren, was sie selbst nicht geschafft haben. Ich stimme Dir jedoch insofern zu, als es auch “costs of scale” gibt, für die Microsoft ein gutes Beispiel ist. Einer der Witze geht ja dahin, dass die Planungsabteilung von Microsoft mittlerweile größer als die der DDR ist. Bei der Produktion von Betriebssystemen stößt man da mittlerweile an Grenzen des Möglichen, u.a. wegen fehlender Modularität bei Windows.

Google ist ein weiterer Monopolist, dessen Betätigungsfeld sich mittlerweile teilweise mit dem von Microsoft überschneidet. Sollte einer der beiden fallen, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit durch einen anderen Monopolisten ersetzt werden, siehe auch die Geschichte mit Altavista und Yahoo.

Ich stimme Dir auch insoweit zu, dass staatliches Handeln in vielen Fällen zu neuen Problemen führt. Einer der Gründe liegt darin, dass staatliches Handeln oft nicht mehr unabhängig vom Einfluss der Monopolisten ist.

jopa, 12.12.2007 11:31

Ich würde gerade Microsoft nicht unbedingt als Kronzeugen für eine freie Marktwirtschaft heranziehen. Letztlich funktioniert deren Geschäftsmodell nur unter dem Schutz eines mächtigen Staates, der MS in der Durchsetzung des Copyrights unterstützt; ohne ihn gäbe es MS höchstwahrscheinlich nicht. Ich neige daher sogar zu der Behauptung, daß etwas wie MS ohne den Staat (wie wir ihn heute kennen) gar nicht existieren kann. Ohnehin lässt sich bei vielen Monopolen beobachten, daß an ihrem Zustandekommen der Staat regelmäßig nicht ganz unbeteiligt ist.

vr, 12.12.2007 11:49 Subscribed to comments via email

Würdest Du im Umkehrschluss sagen, dass Monopole ohne staatliche Intervention nicht entstehen können?

On a second thought, da der Staat nunmal da ist und mit den Marktteilnehmern interagiert, dürfte es schwer sein, ein “klinisch reines” Beispiel eines Monopolisten zu finden, der dies nicht auch dem Staat zu verdanken hat.

Insofern stimme ich Dir zu, allerdings denke ich, dass auch (fiktive, da real nicht existent) komplett freie Märkte ohne Staatsintervention zu Monopolisierungstendenzen führen würden, möglicherweise sogar schneller. Aber das kann ich natürlich nicht beweisen, vielleicht würde dies eine Analyse der neoliberalen Phase nach dem Ende der Sowjetunion nahelegen.

jopa, 12.12.2007 17:04

Die Debatte ist natürlich hochtheoretisch, da hast Du sicherlich recht. Daß der Staat ohnehin überall involviert ist, stimmt sicherlich auch. Ich denke aber dennoch, daß der Staat zu einer gewissen Monopolisierung beiträgt:

1. Über das weite Feld des geistigen Eigentums und der Markenrechte, wo durch staatliches Handeln direkt Monopole geschaffen werden (Arzneimittelpatente), die zudem meist nur Großbetrieben offen stehen (Patentrecht ist ein teuerer Spaß).

2. Durch das Vorschreiben bestimmter Standards, die es gerade Newcomern schwerer machen, sich zu etablieren – die aktuelle Postdebatte geht in diese Richtung.

3. Und durch den weitgehenden Haftungsausschluß über die Möglichkeit der Gründung von Kapitalgesellschaften. Natürlich wäre es möglich, die Haftung über die Einlage hinaus auch durch zivilrechtliche Maßnahmen zu beschränken, aber es wäre wohl deutlich schwieriger und risikoreicher. Wenn man davon ausgeht, daß das Risiko einer Unternehmung mit zunehmender Größe der U’ (wahrscheinlich sogar exponentiell) zunimmt, der Grenznutzen aus dem höheren Gewinn dagegen stetig abnimmt, dann folgt daraus:

3.1 daß diese Maßnahme Großbetriebe stärker begünstigt als Kleinbetriebe, in denen das Risiko überschaubar bleibt (man könnte sagen, die pauschale Risikoüberwälzung auf die Kunden ist bei Großbetrieben mehr wert),

3.2 und darüber hinaus zu einer Zunahme der durchschnittlichen U’größe führt.

Natürlich sind diese Umstände nicht ohne weiteres abänderbar. Ich finde es aber problematisch, staatlicherseits Monopoltendenzen zu kritisieren und gleichzeitig direkt über die genannten staatlichen Maßnahmen Monopole zu fördern. Ob die Umbruchphase am Ende der SU ein gutes Beispiel darstellt, möchte ich eher bezweifeln; wenn eine Periode durch den Mangel an liberalen Prinzipien (Rechtsstaatlichkeit, etc.) geprägt war, dann diese.

Gruß

vr, 13.12.2007 09:00 Subscribed to comments via email

Im Wesentlichen liegen wir da nicht so weit auseinander, denke ich. Der Unterschied, liegt wohl in meiner Annahme, dass bei einem wesentlich freieren Walten der Marktkräfte Monopolisierung auch stattfinden würde, wenn auch nicht aus Gründen staatlichen Eingreifens, sondern aus solchen der Marktdynamik und der inneren Widersprüchlichkeit von Marktwirtschaften.

Dass es mit der Rechtsstaatlichkeit in der SU kurz nach der Abwicklung der SU nicht gut bestellt war, lässt sich sicher nicht bestreiten. Gleichzeitig fand damals ein Versuch statt, Ideen von Milton Friedman umzusetzen (ich glaube nicht, dass ökonomischer Liberalismus Rechtsstaatlichkeit fördert, deshalb passte das dortige Ergebnis der Bemühungen in mein Weltbild).

Grüße

jopa, 13.12.2007 10:44

Wie gesagt, die Tendenz zur Monopolisierung in einer wirklich freien Marktwirtschaft sehe ich so nicht. Monopole erfodern stets große Betriebe, wenn aber der pauschale Haftungsausschluß durch den Staat wegfällt, dann steht der Monopolrente in jedem Fall ein aufgrund der notwendigen Betriebsgröße stark erhöhtes Haftungsrisiko gegenüber, das Monopol wird insgesamt unattraktiver. Wenn dazu noch das ganze Patent- und Markenrechtswesen liberaler ausfiele, wäre es gleichzeitig wesentlich leichter für Dritte, in den Markt einzutreten und sich die Monopolrente zumindest anteilig “unter den Nagel zu reißen”, bisher verhindert der Staat das meist.

Das bisherige Wirken der Kartellämter hingegen halte ich für wenig ergiebig, weil zu starr auf Marktanteile ausgerichtet und dann auch noch regelmäßig politisch beeinflusst (E.on / Ruhrgas). Insofern gehe ich eher davon aus, daß die oben angeführten Maßnahmen zu einem Rückgang der Vermachtung in der Produktion führen, während der Wegfall der Kartellkontrolle schon wegen deren bisheriger Wirkungslosigkeit kaum nennenswerte Folgen haben dürfte.

Ob Friedman ein Liberaler ist, weiß ich nicht, vielleicht war er es in manchen Facetten. Ich wüsste aber auch nicht, inwieweit beim Ende der SU Ideen von Friedman eine Rolle gespielt haben sollten, dies war vielleicht Teil der allgemeinen Rhetorik, aber das Friedman die Zustände damals gutgeheißen hätte, wäre mir ehrlich gesagt neu. Ich will auch nicht behaupten, daß der Liberalismus Rechtstaatlichkeit notwendigerweise fördert, aber ich denke, daß Rechtstaatlichkeit (was ist das eigentlich genau?) ohnehin wenig abhängig ist vom volkswirtschaftlichen System, sondern vor allem eine Frage der Kriminalitätsbekämpfung und letztlich der Mentalität – das von Soziologen-Seite früher gern gebrachte Argument, die Kriminalitätsbelastung sei vor allem / nur durch Sozialpolitik und Umverteilung zu bekämpfen, halte ich für Schwachsinn und von der Realität überholt. Insofern gehe ich davon aus, daß eine liberale Wirtschaftspolitik Kriminalität weder fördert noch einschränkt.

Gruß

jo@chim, 13.12.2007 10:53

Ob Friedman ein Liberaler ist, weiß ich nicht, vielleicht war er es in manchen Facetten.

?? Was war Milton Friedman denn, wenn nicht Liberaler?

jopa, 13.12.2007 11:16

Das war eine etwas vorsichtige Formulierung, um bei einigen libertären Freunden nicht anzuecken – dort galt er wegen seiner Positionen zur Geldpolitik (Akzeptanz eines staatlichen Währungsmonopols, Festlegung des Wachstums der Geldmenge, etc.) als “Free market socialist” oder auch “Gelbsozialist” (eine Bezeichnung, die man in libertären Kreisen auch gern auf FDP’ler anwendet). Ich teile diese Einschätzung nur bedingt, wollte aber zum Ausdruck bringen, daß es mir bewusst ist, daß es eine von liberalen Mainstream abweichende libertäre Position gibt, die ich zum Teil für unrealistisch, aber logisch häufig nicht ganz von der Hand zu weisen halte – bitte, bitte jetzt keine “Liberale vs. Libertäre”-Diskussion!

 
 
 
 
 
 
 
Rayson, 12.12.2007 11:32

Na ja, aber das ist doch der Punkt: Der temporäre Monopolist wird erst dann zu einem echten Problem, wenn er versucht, sein Monopol mit dem des Staates zu verquicken.

Es spricht aber vieles dafür, dass gerade in der Branche, von der wir reden, eine künstliche Reduzierung der Netzwerkeffekte schädlich wäre. Das heißt, in ihr wären vorübergehende Monopolsituationen sogar das angemessene Ergebnis des Marktprozesses.

Ist damit Macht verbunden? Ist der Markt dadurch weniger frei? Das hängt dann von anderen Faktoren ab, z.B. der Höhe der Markteintrittsschranken, der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts etc. Die Art Monopolist, von der wir hier reden, kämpft auch gegen Konkurrenz, nämlich gegen potenzielle, und davon hat der Monopolist oft mehr als ihm lieb ist. Anruf in Redmond genügt.

Anders gesagt: Was ist daran verwerflich, wenn sich die Kunden in einem bestimmten Markt partout auf einen bestimmten Anbieter versteifen und diesen dadurch zum Monopolisten machen?

Der Staat hat auch dann noch die Möglichkeit einzugreifen: Er ist ja selbst auch Kunde.

vr, 12.12.2007 12:03 Subscribed to comments via email

Vielleicht wäre hier Konkretisierung sinnvoll: Was wäre ein Realworld-Beispiel für ein Monopol, das nicht mit dem Staat verquickt ist?

Die Kosten von Monopolen sind recht gut bekannt: Innovation kann erschwert werden (es gibt hier auch gegenläufige Tendenzen), Monopolpreise, Marktverzerrung, Verringerung von Wahlmöglichkeiten, sinkender Konsum auf Grund steigender Preise.

Zur Kundenentscheidung für’s Monopol: Gerade die würde einen freien Markt erfordern, den es jedoch, so meine bisher unwidersprochene Annahme (bitte korigieren, wenn ich etwas übersehen habe), bisher nicht gibt.

Rayson, 12.12.2007 12:18

Richtig, es ist schwer, in der echten Welt Monopole zu finden, die nicht mit dem Staat kungeln (wenn es denn ein Monopol wäre, Google vielleicht). Was die Frage aufwirft, ob es diese Monopole denn ohne Staatseingriffe noch gäbe.

Den Kosten von Monopolen können auch Nutzen gegenüberstehen, und gerade in einer Welt mit hohem technischen Fortschritt und geringen Marktzutrittsschranken sind die von dir genannten Kosten eher schwach ausgeprägt. Es sind dann temporäre und latent bedrohte Monopole, die sich verhalten müssen, als stünden sie im direkten Wettbewerb. Wie hat Andy Grove mal in diesem Zusammenhang gesagt: “Only the paranoid survive”.

Es wäre vielleicht hilfreich, wenn du definieren könntest, was du unter “freiem Markt” verstehst und warum der eine Voraussetzung dafür sein soll, dass sich Kunden entscheiden können.

vr, 13.12.2007 09:19 Subscribed to comments via email

Da ich nicht glaube, dass freie Märkte derzeit oder auch nur irgendwann real existierend sein könnten, ist meine Definition recht streng, vermutlich kommt sie jedoch dem nahe, was sich die Betreiber dieses Blogs wünschen. Hier für mich wesentliche Punkte sind:
- Staat schafft (gesetzliche etc.) Rahmenbedingungen, greift jedoch nicht ins Marktgeschehen ein.
- Entsprechend werden Märkte über Angebot und Nachfrage reguliert, was natürlich auch für den grundlegende Märkte wie den Arbeitsmarkt und den Rohstoffmarkt gelten muss (etwa offene Grenzen für alle, um den Preis der Ware Arbeit allein vom Markt bestimmen zu lassen).

Bei den geringer werdenden Marktzutrittsschranken stimme ich Dir zu, dass ist eine der gegenläufigen Tendenzen zur Monopolisierung. Gleichzeitig haben Monopolisten gute Möglichkeiten, sich anbahnende Konkurrenz schon im Keim zu ersticken (Aufkauf, temporäre Dumpingpreise, Lobbyarbeit), wenn diese nicht selbst wenigstens durch Oligopolisten, etwa aus anderen Sektoren, entsteht.

Zu Google: Im Suchmaschinenbereich kann man ihn wohl in einem nicht ganz strengen Sinne als Monopolisten bezeichnen, ähnliches bahnt sich im Bereich der Online-Werbung an. Auch hier deutet sich bereits eine Zusammenarbeit der unerfreulicheren Art mit Staaten an, etwa die Unterstützung und Umsetzung von Zensur im chinesischen Web.

Rayson, 13.12.2007 10:51

Ok, wenn das deine Definition von “freie Märkte” ist, dann verstehe ich immer noch nicht, warum es in Märkten, in denen der Staat mehr herumpfuscht als er sollte, keine Kundenentscheidungen geben können soll, die einen Anbieter zum Fast-Monopolisten machen.

Die von dir genannten Abwehrmechanismen eines Monopolisten sind bis auf die Lobbyarbeit, wo wir wieder den Staat im Spiel haben, nicht immer gut anwendbar. In Zeiten, wo es nicht allzu schwer ist, für eine gute Idee Kapital aufzutreiben, besteht für den Konkurrenten immer weniger Anlass, sein Geschäft an den Monopolisten zu veräußern. Und mit “Dumpingpreisen”, mögen sie auch noch so vorübergehend gedacht sein, kann man sich sogar als Monopolist seinen Markt zerschießen.

Tatsächlich können wir beides auch ziemlich selten bei real existierenden Monopolen beobachten, vielleicht auch noch aus anderen Gründen.

Was Google und China angeht, so müssen wir aber konzedieren, dass diese “Kungelei” sicher nicht von Google gesucht wurde. Und dass große Unternehmen das “Primat der Politik” beachten, wird ja immer gerne gefordert. Da hätten wir also so ein Musterbeispiel.

vr, 13.12.2007 12:28 Subscribed to comments via email

Bei Microsoft etwa, wo mit allen möglichen manipulativen Tricks gearbeitet wird, relativiert sich das mit der “Entscheidung zum Monopol” IMO doch sehr. Etwa ist Windows auf den meisten Rechnern, die man kauft, vorinstalliert, man muss schon suchen, wenn man die Kiste nicht selbst zusammenbauen will. Einen anderen Weg zu gehen kostet mehr Zeit (suchen, informieren, Mehraufwand beim Vernetzen etc.) oder Geld (Mac kaufen).
Mir fällt auch kein Beispiel ein, wo die Auswirkungen besonders erfreulich sind. Bei Microsoft hat die Monokultur in Sachen Betriebssystemen zu massiven Sicherheitsproblemen inklusive einer nicht mehr kontrollierten Spamflut beigetragen, die Unternehmen und auch Endanwendern erhebliche Mehrkosten beschert. Gleichzeit übt die Firma Druck auf Unternehmen und Staaten aus, die auf andere Anbieter wechseln wollen, etwa im Fall von Nigeria und Mandriva Linux.

Google mag den Kontakt zur chinesischen Regierung nicht gesucht haben, sie sind jedoch sicher auch nicht Opfer des chinesischen Staates. Man hätte ja auch mal nein sagen können, ohne dass man gleich finanziell am Ende gewesen wäre. So etwas passiert in der Praxis jedoch sehr selten.
Darüber hinaus hat Google auf Grund seiner Marktposition einzigartige Möglichkeiten beim Datensammeln, was gerade bei einer Nähe zu Regierungen recht unangenehm werden kann.

Rayson, 13.12.2007 13:59

Dass Windows auf den meisten Rechnern bereits vorinstalliert ist, dürften die meisten Menschen da draußen eher als Segen denn als Fluch empfinden. Es ist in der Regel ein Kaufargument und keine Beschränkung.

Die entstandene Monokultur hat eben auch Nachteile, sicher. Aber sie war wegen ihrer Vorteile, auf die auch heute noch kaum einer so richtig verzichten mag, von den Kunden gewollt. Aber die Technik verändert sich. Spambots sind auch erst richtig einsetzbar, seit fast jeder über Breitbandanschlüsse verfügt. Diese wiederum nagen mit ihren Möglichkeiten am Geschäftsmodell von MS, und übermorgen reden wir außerhalb von Expertenkreisen z.B. schon gar nicht mehr über Betriebssysteme.

Klar, MS hat sich auch immer richtig schön wie ein Ekel verhalten. Das ist nur kein Gegenargument zur Behauptung, die Vorherrschaft eines Betriebssystems und einer Büroanwendungssoftware sei im wesentlichen auf Kundenentscheidungen statt auf finstere Machenschaften zurückzuführen.

Zur Einordnung des Kontakts von Google zur chinesischen Regierung kam es mir darauf an, dass dieser eben nicht zur Aufrechterhaltung der Monopolstellung gesucht wurde. Google wurde ohne Staatshilfe groß, aber seit es groß ist, muss es sich mit Staatsinterventionen auseinandersetzen, auch wenn es das nicht will.

Die Datensammelwut des Staates braucht außerdem keine Monopole.

vr, 14.12.2007 10:17 Subscribed to comments via email

Oh, die Kommentarebenen sind alle.
Ganz interessant an der Diskussion ist ja, dass hier ein Liberaler kein so großes Problem mit Monopolen sieht, während ein Marxist darin eine Einschränkung der (ohnehin sehr begrenzten) Freiheit des Marktes und Probleme demokratischer Natur sieht.

Eines der großen Probleme an Monopolen ist politischer Art: Menschen erhalten nicht nur Marktmacht, sondern auch politische Macht, die niemand gewählt hat, und von denen die meisten Konsumenten gar nicht wissen, was ihre politische Agenda ist. Der Anteil an Microsoft- oder Google-Konsumenten, die wissen, was Gates oder die Google-Gründer politisch wollen, dürfte recht klein sein (was natürlich immer auch eigene Schuld ist, man könnte sich ja informieren, wenn man denn nur Zeit hätte etc.).

Windows vorinstalliert: Genauso können auch andere OS vorinstalliert sein, mittlerweile gibt es das auch im begrenzten Umfang. Eher ein Nachteil also, wenn es nur Windows vorinstalliert gibt.

Die Datensammelwut des Staates braucht keine Monopole, Monopole machen die Sache aber bedeutend einfacher, etwa durch Google. Und die Monopole v.a. im IT-Bereich entwickeln ihre eigene Datensammelwut, die braucht kein Staat auf die Idee zu bringen.

 
Rayson, 14.12.2007 13:05

Mich wundert, dass dich unsere Positionierung wundert. Wenn wir uns darin einig sind, dass die wesentlichen Probleme von Monopolen durch die Verquickung mit der Staatsmacht entstehen, dann liegt aus liberaler Sicht der Lösungsansatz auf der Hand, nämlich den Einfluss des Staates zurückzunehmen statt ihn auszuweiten. Wo nichts mehr ist, was er missbrauchen kann, schaut der Monopolist in die Röhre. Während ein Staat, der sich Monopolisten an den Hals wirft, auch ohne diese wohl ein Problem darstellen dürfte.

Du würdest meine Position allerdings missverstehen, wenn du sie zu sehr schwarz-weiß maltest. Ich sage nur:
Nicht alle Monopole sind von vornherein und in jeder Situation schlecht. Wenn die Dynamik im Markt und drumherum groß genug ist, wird es sinnvoller sein, auf das Entdeckungsverfahren der vielen zu vertrauen als durch staatliche Eingriffe diese Dynamik abzuwürgen. Ob z.B. Free Software die Bedeutung von heute erlangt hätte, wenn es den MS-Riesen nicht gegeben hätte, würde ich bezweifeln. Und gerade dieses Modell ist z.B. geeignet, infrastrukturelle Abhängigkeiten staatlicher Institutionen von einzelnen Anbietern zu vermeiden.

Es gibt dann noch genug Möglichkeiten, staatlicherseits dafür zu sorgen, dass Märkte offen bleiben, z.B. durch die Förderung offener Standards.

Welche anderen Betriebssysteme übrigens wolltest du denn den Leuten zumuten, die einen möglichst unkomplizierten Umgang mit ihrer Kiste bevorzugen, keinen Ärger mit Hardwareaufrüstungen haben und ohne Probleme bei sich das Programm installieren können wollen, das Nachbarn und Freunde so toll finden? Linux oder gar ein BSD? Danke, genug gescherzt für heute. Eins ist richtig: Alternative Betriebssysteme stehen heute besser da als früher, und deswegen kannst du eben inzwischen einen Dell oder ein Thinkpad mit nem Linux drauf kaufen (und beim Händler um die Ecke warst du eh nie festgelegt) – aber das ist erstens noch lange nichts für jedermann und wäre zweitens vor 10 Jahren wegen der Desktop-Untauglichkeit dieser Systeme noch undenkbar gewesen. Und dass das MS-Monopol jetzt bröckelt, ist ja gerade meine Behauptung.

Möglicherweise machen Monopole staatliche Datensammelwut einfacher, aber trotz dieser negativen Feststellung verwechseln wir doch nicht Tat und Instrument. Es ist der Staat, der da sammeln will, und genau dem muss man auf die Finger klopfen.

Im Übrigen ist die Sammelwut von Privaten darauf angewiesen, dass Menschen ihnen freiwillig etwas zum Sammeln geben. Und mir wäre es egal, ob das nun ein Mono-, Oligo- oder Polypolist ist, der da Profile über mich erstellt. Die werden ja vor allem dann gefährlich, wenn sie übergreifend angelegt werden, also jenseits der Grenzen einzelner Märkte. Was wiederum nur der Staat erzwingen kann.

 
vr, 17.12.2007 20:31 Subscribed to comments via email

Nein, es ist nicht nur der Staat, der Daten sammeln möchte, schon weil die Daten einen guten Beitrag zur Profitmaximierung leisten können, abgesehen von den politischen Ambitionen der Monopole, über die wir sicher verschiedener Meinung sind.

Wir geraten mangels empirischer Möglichkeiten (nach wie vor fehlt das Beispiel des “wahrhaftig freien Marktes”, wo ein Monopol den Staat nicht missbrauchen könnte), allmählich in einen nein-doch-Contest, deshalb nur noch ein paar kurze Sätze zum Abschluss.
Das Auftreten eines “wirklich” freien Marktes, in dem man nicht mit dem Staat verquickte Monopole beobachten könnte, erscheint mir für die nächsten Jahrzehnte etwa so wahrscheinlich wie die Abschaffung von Ware, Geld und Lohnarbeit – abgesehen vielleicht von failed states, was man sich jedoch auch nicht wirklich wünschen kann.

Mein “interessant” meinte nicht “überrascht”. Ich hatte schon erwartet, dass die liberale Argumentation – ich überzeichne jetzt – entlang der Linie “gute Wirtschaft, böser Staat” verläuft.

Noch kurz zu alternativen Betreibssystemen: Ich betreue Leute, die Linux laufen haben (denen habe ich das installiert) und Leute, die Windows XP benutzen. Die elenden, kaum lösbaren Probleme treten fast ausschließlich mit Windows XP auf: Viren, Trojaner, Dateisysteminkonsistenzen (schade um pci.sys), wirklich vollständige Deinstallation von Norton etc.pp. Bei den Linux-Rechnern, die ich betreue, installiere ich mal ein paar Codecs oder ein neues Programm, schlimmstenfalls kopiere ich mal ein paar Befehle in die Kommandozeile. Ja, man kann XP relativ sicher machen, man muss dafür aber viel mehr tun und wissen als bei Linux.

Cu, hat Spaß gemacht.

 
Rayson, 17.12.2007 22:36

Natürlich ist nicht nur der Staat datengierig. Nur er aber kann Zwangsmittel einsetzen, um seine Gier zu befriedigen. Der Datensammelwut von Privaten kann man sich – leider noch nicht perfekt – prinzipiell entziehen. Dass vielen Menschen Payback-Prämien mehr wert sind als ihre Daten, ist deren, subjektiv nicht als solches empfundenes Problem.

Ich stimme dir zu, dass man einen “freien Markt” wohl in absehbarer Zeit nie wird beobachten können. Es ist auch fraglich, ob er in seiner extremen Form wünschenswert ist. Aber ich erkenne das Problem nicht: Man kann doch immerhin noch verschiedene Freiheitsgrade unterscheiden.

Aber bitte tu mir das nicht an, meine Position nach unserem kleinen Austausch zu “böser Staat, gute Wirtschaft” zu verballhornen. Es geht nicht um gut oder böse, sondern um Machtmöglichkeiten. Gesetze und Verordnungen erlassen kann halt nur einer.

Was Linux und XP angeht, brauchst du mich nicht zu missionieren. Ich bin zufriedener Linux-Anwender und Free-Software-Freund. Aber was ich mit Computern tun will, unterscheidet sich dann doch sehr von dem, was so gut wie alle um mich herum damit machen. Hier im Netz ist das natürlich eine andere Geschichte, aber eben auch alles andere als repräsentativ.

Für die meisten Menschen ist der Computer eben untrennbar mit Windows verknüpft. Wenn sie sich überhaupt für Sicherheitsaspekte interessieren, suchen sie dann eben nach den (komplizierteren) Wegen, ihr Windows sicherer zu machen. Aber warum sie alternative Betriebssysteme haben wollen sollten, müsste ihnen gewaltsam beigebracht werden… Deswegen ist MS eben nicht (nur) da oben, weil es so mean ist, sondern weil es eben auch geschafft hat, das Betriebssystem der bevorzugten Hardware zu liefern. Apple hatte seine Chance, und hat sie eigentlich immer noch. Aber so lange die sich als Hardwareverkäufer verstehen, wird es nicht Apple sein, das MS vom Sockel stößt. Sondern vielleicht Google, oder vielleicht gar ein Unternehmen, das noch gar nicht gegründet ist. Allein diese Möglichkeit nicht ausschließen zu können, spricht schon verdammt für den alten Herrn Hayek ;-)

Ebenfalls cu, und wenn du magst, kannst du gerne mal bei den “Bissigen” vorbeischauen. Harmoniegefahr besteht nicht, aber gelassen argumentierende Andersdenkende mögen wir.

 
vr, 18.12.2007 12:06 Subscribed to comments via email

Ok, dann ziehe ich das mit dem bösen Staat und der guten Wirtschaft zurück. :D
Ich habe Dich jetzt in meinem Feedreader und diskutiere bei Gelegenheit mal wieder mit.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Lina, 11.12.2007 21:46

So steht es hier: “Ein freier Markt ermöglicht es Anbietern von Waren und Dienstleistungen, mit potentiellen Kunden zu verhandeln und Verträge einzugehen. Das Ergebnis ist die Befriedigung zahlreicher individueller Bedürfnisse, sind viele einzelne Tauschprozesse (…)”.

Ich tätige heute bewusst einen solchen und bezahle durch eine Taxifahrt den Fahrer und das Auto sowie die Abgaben, werde befördert, während er sein Auskommen erarbeitet; Theorie wird also nahtlos zur Praxis. – Nur verhandeln liess er nicht mit sich;-)

Dass aber “die Wirtschaft nicht für den Menschen da ist”, wie es im Titel heisst, möchte ich danach schon deshalb bestreiten, weil sie mir und dem Fahrer durch ihre Existenz einen Dienst erwiesen hat. Aber ohne uns, den Fahrer und mich, wäre sie nichts;-)…

jo@chim, 12.12.2007 01:15

Der Fahrer hat Dich aber nicht kutschiert, liebe Lina, weil er Dir einen Dienst tun wollte, sondern weil er sich einen Dienst tun wollte:

It is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker that we expect our dinner, but from their regard of their own self-interest. We adress ourselves not to their humanity, but to their self-love, and never talk to them of our necessities, but of
their advantage.

Dass Euch das beiden zupass kam, liegt an Adam Smith’s “unsichtbarer Hand”… auch wenn die Vorstellung, dass Deine Taxifahrt aus humanistischen Neigungen eines Edlen heraus erfolgte sicher ramontischer ist ;-)

Lina, 12.12.2007 07:01

Hat da nicht doch, leber , die Wirtschaft selbst durch ihre blosse Existenz uns beiden, dem Fahrer und mir, den Dienst erwiesen? So steht’s jedenfalls bei mir drin, und anderes will mir trotz Deiner hilfreichen Gedankenstütze jetzt irgendwie nicht einleuchten ;-).

Ich behaupte also unverfroren weiter: Die Wirtschaft war im Tauschgeschäft für uns beide da, und umgekehrt wir für sie. So habe ich es erlebt, ehrlich ;-)!

Dass der Fahrer nur als gemeiner Egoist, und nicht mir zuliebe agiert, wenn er mich befördert, ist doch klar. Der hat eindeutig seinen Vorteil dabei gesucht, ich aber doch auch. Und dass die Fahrt so unramontisch verlaufen ist, lag bestimmt nur an Adam Smith’s “unsichtbarer Hand”, die dazwischengefunkt hat. ;-).

 
 
 
lebowski, 11.12.2007 22:14

Wenn ich da mal einmal kurz meinen Senf als Karl-Marx-Fan dazu geben darf.
“Die Wirtschaft ist nicht für die Menschen da .” Das sah Marx -quel surprise- genauso.

“Das Ergebnis ist die Befriedigung zahlreicher individueller Bedürfnisse, sind viele einzelne Tauschprozesse.”

Das sah der Mann dann doch etwas anders und ich bin geneigt, ihm Recht zu geben. Die wenigsten Klamotten, die bei mir in der Bude rumstehen, dienen der Befriedigung irgendwelcher Bedürfnisse. Es ist zum größten Teil nutzloser Plunder. Und wenn es bei der ganzen Wirtschaft nur um Bedürfnisbefriedigung ginge, wäre Werbung völlig überflüssig. Die meisten unserer angeblichen Bedürfnisse werden uns von der Werbung mühsam suggeriert. Welches Bedürfnis befriedigt ein Porsche? Das Bedürfnis, bei Frauen Eindruck zu schinden oder so was Ähnliches? Ein ziemlich neurotisches Bedürfnis.
Wir legen also nicht im vorhinein fest, was unsere Bedürfnisse sind, sondern lassen es uns von anderen einreden.

Christian, 12.12.2007 06:42

Nun, Dein letzter Absatz ist nicht stimmig. Immerhin zwingt Dich niemand, den völlig wertlosen Plunder zu kaufen, es steht kein Marketing-Mann mit der Maschinenpistole hinter Dir im H&M.

Nein, Du hast diese Klamotten oder auch den anderen wertlosen Plunder, weil Du ihm einen gewissen Wert beimisst – modische Aktualität, Akzeptanz in der Peer Group etc. pp. Und Werbung dient dazu, in einem Markt, der von steigendem Angebot und sinkender Nachfrage geprägt ist, die Kaufentscheidungen des potentiellen Kunden bei prinzipiell gleichem Preis auf das eigene Produkt zu lenken. Es ist ja niemand gezwungen, den Aussagen der Werbung Glauben zu schenken und wie ferngesteuert ins Geschäft zu rennen, um die neueste “Fanta geschnibbelte Bohne” zu kaufen…

Und ein Porsche ist was ziemlich Geiles, macht Spaß, beeindruckt die Damen (jaja, leider ist es so!) – und das ist sein Wert!

Ich persönlich stehe zu meinen Kaufentscheidungen, da ich selbst entscheide, und kein Werbefuzzi irgendwo.

 
Rayson, 12.12.2007 10:40

“Wir legen also nicht im vorhinein fest, was unsere Bedürfnisse sind, sondern lassen es uns von anderen einreden.”

Du versuchst es z.B. gerade.

 
 
dagny, 11.12.2007 23:37

…mir scheint, ‘die Wirtschaft’ ist für die Versorgung der ehemaligen Minister und Staatssekretaere da.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,522766,00.html

Der Spiegel rechnet vor, dass die Managergehälter gemessen an den Facharbeiterlöhnen gerade in den halbstaatlichen Konzernen überdurchschnittlich gestiegen sind,

 
Dominik, 12.12.2007 09:00

Hervorragend! kommt in meine Leseempfehlungen!

 
Rayson, 12.12.2007 10:46

Der Gedanke, bei “der Wirtschaft” handele es sich um eine Einheit, die von wenigen gesteuert wird und daher auch beliebig gelenkt werden könne, ist tatsächlich unter den Menschen weit verbreitet. Daraus speisen sich dann auch seltsame Lohnfindungstheorien und die beliebte Suche nach Verschwörern (INSM).

Aber wundern sollten wir uns darüber nicht: Der Sprachgebrauch der Politik leistet dem Vorschub: “Die” Wirtschaft “muss ihren Beitrag leisten”, “geht Selbstverpflichtungen ein”, “denkt zu kurzfristig”.

Für die Politik scheint das nämlich auch so: Die reden z.B. mit “Arbeitgebervertretern” und den Bossen der DAX-Konzerne und denken dann, das sei “die Wirtschaft”.

Lina, 12.12.2007 11:31

Unter den Menschen ebenso weit verbreitet ist auch der “Mythos”, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist. Wenn nicht, für wen denn dann? Wir sind doch die Krone der Schöpfung, oder ist es “die Wirtschaft”, die nur für sich selbst da ist?

Kannst Du mir das vielleicht erklären – wenn es schon sonst keiner kann ;-)?

 
 
Rayson, 12.12.2007 11:48

Ich finde, das ist schon sehr gut erklärt worden.

Ein Satz wie “Das Handeln der Menschen in einer Welt knapper Güter ist für die Menschen da” ist eine komplette Nullaussage, geeignet vor allem dazu, einen anderen Mythos zu nähren. Nämlich dass Politik im wesentlichen aus leerem Gewäsch besteht.

 
jana, 12.12.2007 12:30 Subscribed to comments via email

Anstatt daß die Wirtschaft für die Menschen da sei, würd ich sagen: Wir sind die Wirtschaft. Erst, wenn es uns gelingt, unsere materielle Gestalt abzulegen, so daß wir keine solchen Bedürfnisse wie Hunger, Kälte u.v.a. mehr haben, brauchen wir auch keine “Wirtschaft” mehr. … Na ja, die Tiere habe auch materielle Bedürfnisse, aber keine Wirtschaft. Wiederum haben sie auch keine Zivilisation/Kultur, keine Geschichte usw. … Wär für mich (normalerweise) keine Alternative.

dagny, 12.12.2007 13:13

‘Wir sind alle Individualisten!’

‘Ich nicht.’

Gestern waren ‘wir’ Papst und heute sind ‘wir’ ‘die Wirtschaft’?

Lina, 12.12.2007 14:16

…und morgen hoffentlich gescheiter, um endlich aus der Begriffsklauberei heraus zu kommen, der jede Sinnhaftigkeit verloren gegangen ist.

Dann lassen wir die Überintellektualisierung hinter uns und können einen Titel wie der Obenstehenden auch das nennen, was er ist: Ein sinnentleertes und auch mit den besten (meiner) Absichten nicht zu füllendes, enorm provozierendes Konstrukt. Nix für ungut ;-)!

 
 
 
Robert, 12.12.2007 13:58

Sicher sind wir die Wirtschaft.
Die Wirtschaft wurde von Menschen erdacht und wird von ihnen betrieben. Darum sollten auch möglichst viele Menschen größtmöglichen Nutzen aus ihr -dem Konstrukt, dem Abstraktum- ziehen können.

 
jana, 12.12.2007 15:44 Subscribed to comments via email

Eben. Man muß sich nur vergegenwärtigen, wie die Begriffe “Handel” & “Hand” … ähem … Hand in Hand gehen. Wir reißen uns die Dinge, die wir produziert haben, nicht gegenseitig mit den Zähnen vom Mund des Gegenübers weg. Statt dessen tauschen wir sie gegen etwas anderes / halten sie so lange in der Hand, bis der andere uns ein annehmbares Äquivalent bietet. … Da ich, körperlich, nicht die stärkste bin, halte ich das für die bessere Alternative als den Mundraub.

Darum sollten auch möglichst viele Menschen größtmöglichen Nutzen aus ihr -dem Konstrukt, dem Abstraktum- ziehen können.

Vielleicht sollte man statt “Wirtschaft” einfach “Haushalt” sagen – als Hilfe für Leute, denen ersteres nicht als etwas einleuchtet, das uns alle – ununterbrochen – angeht. (???)

 

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