Das Problem von N=1

16.12.2007 13:15 - Statler & Waldorf by Statler - 42 Kommentare

Laien argumentieren in wirtschaftspolitischen Diskussionen gerne mit anekdotischer Evidenz. Also mit Stichproben im Umfang von Eins. So auch Olaf Scholz, das jüngste Glied in einer längeren Kette ökonomisch völlig ungebildeter Arbeitsminister, die sich dieses Land leistet. Im Interview mit der WELT meint er:

WELT ONLINE: Experten sagen, der Mindestlohn kostet 1,9 Millionen Arbeitsplätze.

Scholz: Professoraler Unsinn! Die Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, dass ein Mindestlohn keine Arbeitsplätze vernichtet. Großbritannien hat Ende der 90er-Jahre einen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt. Heute hat das Land Vollbeschäftigung. Die Zahl der Arbeitsplätze steigt weiter, sodass dort der Arbeitsmarkt für Osteuropäer geöffnet wurde. Es spricht manches dafür, dass ein Mindestlohn den Arbeitsmarkt sogar beleben kann.

Da ist es wieder: N=1. Großbritannien soll es also sein. Und ja, Großbritannien hat tatsächlich einen Mindestlohn eingeführt und dennoch eine steigende Anzahl von Beschäftigten erfahren. Das Problem mit den wirtschaftspolitischen Dönekeserzählern ist natürlich, daß man mit N=1 nicht für andere Einflüsse korrigieren kann, die den Effekt der Einführung des Mindestlohns überkompensieren:

WELT ONLINE: Grund für den Erfolg in Großbritannien sind aber auch der fehlende Kündigungsschutz und die niedrige Arbeitslosenunterstützung. Wollen Sie das auch übernehmen?

Solche Dinge beispielsweise. Oder das Vorhandensein einer boomenden europäischen Finanzmetropole, die ein Drittel zum britischen BIP beiträgt und deren Entwicklung von Mindestlöhnen nicht wirklich tangiert wird. Oder die Tatsache, daß die Briten einen ziemlich niedrigen Mindestlohn gesetzt haben, während Olaf Scholz erkennbar etwas anderes im Sinn hat. Oder, oder, oder.

Die Antwort auf die Frage, ob er diese Mechanismen, welche die negativen Beschäftigungseffekte eines Mindestlohns kompensieren können, auch übernehmen will, antwortet Olaf Scholz übrigens schlicht:

Scholz: Nein.

So pointiert kann ministerialer Unsinn sein.

Siehe auch hier.

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Ping.fm

RSS Kommentar-Feed Trackback-URI Druckansicht Tags:

42 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

jopa, 16.12.2007 13:59

Daß man sich entspannt über wissenschaftliche Erkenntnisse hinwegsetzt, wenn es einem politisch nicht in den Kram passt, wäre ja nun nichts allzu Neues. Auf Seiten der Gewerkschaften pflegt man bis heute unter dem Schlagwort “Postkeynesianismus” eine Wirtschaftstheorie, die sich für mich selbst bei äußerst wohlwollender Betrachtung eher nach Esoterik und Beliebigkeit anhört und deren wichtigste Eigenschaft es wohl sein dürfte, ihren Protagonisten politisch in den Kram zu passen, oder ist der VWL-Professor da anderer Meinung? Da Herr Scholz nun mal aus dieser Ecke kommt, ist er den sehr entspannten Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen wahrscheinlich gewohnt. Man lebt so in seiner Parallelwelt, in der es “gute” Professoren gibt, die die Ergebnisse produzieren, die einem gefallen, und “böse” Professoren, deren Ergebnisse einem weniger gefallen, die dann aber stets Agenten des Kapitals und sowieso gekauft und unglaubwürdig sind. Hach, wie kann das Leben einfach sein…

 
Epameroi, 16.12.2007 14:38

Man muss aber kein Professor sein, um zu verstehen, dass ein Arbeitsplatz, der mehr kostet, als er einbringt, nicht entsteht.

Jeder begreift das, wenn man einen Mindestlohn von 20 Euro die Stunde fordern würde.

jopa, 16.12.2007 21:22

Nach der Logik der Mindestlohn-Protagonisten führt der durch die Lohnerhöhung ausgelöste Zuwachs an Binnennachfrage (Umverteilung! Konsumquote!) natürlich automatisch zu einem derart hohen Zuwachs des BIP, daß ein Stundenlohn von 20 EUR vollkommen vertretbar wäre – so einfach ist das…

 
 
Bodo Wünsch, 16.12.2007 14:50

Statler, was ich wirklich bewundere, ist Deine sachliche Ruhe, in der Du den alltäglichen Polit-Mist in Beiträgen verarbeitest. Ehrlich.

Wenn ich Scholzens oder die Ergüsse vieler anderer lese, regt sich bei mir nur dumpfer, lähmender Zorn im Bauch – oder sehr akute Fluchtgedanken

Statler, 16.12.2007 23:43

Hmmm, Dubai… ist das nicht das Emirat, in dem neulich ein bis dahin unbescholtener Banker zu Gefängnis verurteilt wurde, weil man an seiner Kleidung winzige Reste (<0,5g) Haschisch gefunden hatte?

Ich weiß nicht, mir sind diese autokratischen asiatischen Staaten suspekt, auch wenn sie reichlich wirtschaftliche Freiheit bieten. Dann doch lieber ein Wohnsitz, an dem ich nicht wegen versehentlicher Bagatelldelikte für Monate in einer 60-Mann-Zelle verschwinden kann.

Bodo Wünsch, 18.12.2007 17:49

Ist das alles, was Dir zu “Dubai” einfällt ;-)) – eine “seht-her-in-Kapitalisten-Dubai-ist-nicht-alles-Gold-was-glänzt”-Meldung eines deutschen Mainstream-Mediums?

Soltest mal hinfliegen. Dann würdest du sehen, worüber gerade NICHTS zu lesen ist in deutschen Medien über die VAE.

btw: Ich weiß nicht, mir sind diese sozialdemokratischen europäischen Staaten aus viel schwerwiegenderen Gründen suspekt, auch wenn sie reichlich ‘bürgerliche’ Freiheit bieten (auf Kosten anderer zumeist). Solltest nicht gerade Du wissen, dass “wirtschaftliche Freiheit” nur mit politischer Freiheit zu haben ist? De facto gibt es etwa in den Emiraten keinen Grund für “Politik”.

Gewagte These, ich weiß. Aber ich zum Beispiel hasche nicht….

Statler, 18.12.2007 18:18

Klar, aber die Erfahrung zeigt ja auch, daß es gelegentlich Zeitverzögerungen von ein paar Jahrzehnten gibt, bevor die politische auf die wirtschaftliche Freiheit folgt. Will ich so lange warten? Eher nicht. Und übrigens, ich hasche auch nicht, aber wir reden hier über Verurteilungen für Spuren von Drogen, die schon an Deiner Kleidung hängen bleiben können, wenn Du Dich im Cafe auf den falschen Platz gesetzt hast. Das ist halt schon extrem.

Aber letztendlich ist es eine Geschmacksfrage. Freiheit hin oder her, ich für meinen Teil bin kulturell und klimatisch immer noch arg europhil veranlagt. Da müßte hier politisch schon noch wesentlich schlimmeres passieren, bevor ich nach Asien auswandere.

Bodo Wünsch, 19.12.2007 08:55

Ich bemühe mich, mit offenen Augen zu schauen – und ich muss zugeben, dass ich ein klein wenig befangen bin, zumal sich mir persönlich die große Chance beruflichen Weiterkommens bietet – in den VAE.

Die Wahrheit ist, dass die (sozialdemokratische) Politik in Europa seit Jahrzehnten so dünne Scheiben von politischer Freiheit abschneidet, dass wir es entweder nicht bemerken oder wir uns daran gewöhnt haben. Weiß ich, wie _unsere_ Autokraten morgen das Problem etwa der Beamtenpensionen lösen wollen bzw. “werden”?

Natürlich sind bestimmte Regelungen auch in einem islamischen Land wie die VAE es letztlich sind, absurd. Aber 1. spielen sie im Alltag keine Rolle und 2. weiß ich _vor_ Einreise, woran ich bin und kann mein Verhalten entsprechend einrichten.

Europhil? Ich bin eher kosmopolitisch veranlagt – und nirgends in den VAE zeigt sich das “asiatische” besser als etwa an der schier unfassbare Vielfalt und dem beinahe 24stündige Gewusel auf den “Souqs”, den traditionellen Märkten. Sodom und Ghomorrha für deutsche Gewerbeaufsichtsbeamte, Zöllner und anderen Handlangern des FDOG-Clubs!

Wenn man mit feinen Antennen durch das moderne oder ‘alte’ Dubai oder Abu Dhabi läuft, stellt man fest: An den Menschen dort, egal ob Bangladeschi-Kloputzer für 400 Dhs im Monat oder libanesischer Manager einer mulitnationalen Holding aus 20 Firmen fällt auf: Ein griesgrämiges Dreinblicken oder mürrisches oder uniformiert-dressiertes “jez-bloß-nix-verkehrtes-sagen”-Gehabe, wie man es in Deutschland auf Schritt und Tritt begegnet, ist dort unbekannt. Die ham’ einfach keine Zeit dafür.

Ich wüsste nicht, was hier “schlimmeres” passieren müsste – wir haben eigentlich alles durch auf der Klaviatur…

 
 
Lina, 19.12.2007 09:44

@ Bodo Wünsch

*De facto gibt es etwa in den Emiraten keinen Grund für “Politik”.Gewagte These, ich weiß.*

Sehr gewagt sogar, vor allem aus der Sicht von Frauen, deren Bedarf an Politik mir evident erscheint; als europäische Frau möchte ich keinesfalls in einem Land leben, wo die einheimischen Frauen es hinnehmen müssen, in der Familie zwar viel, aber ausserhalb wenig bis nichts zu gelten. Mangels Politik!

Bodo Wünsch, 19.12.2007 11:19

In dem, was man in den Emiraten “öffentliches Leben” nennt, bewegen sich Frauen nicht weniger frei als Männer. Frauen werden im Geschäftsleben nicht weniger respektiert. Ich war z.B. mit einer in Abu Dhabi geborenen, arabisch sprechenden, “westlich” gekleideten, “verpartnert” lebenden Frau auf Geschäftsterminen in Abu Dhabi und Dubai. Ich konnte im Umgang keinerlei Unterschied feststellen.

In den einheimischen Familien(-verbänden) lebt und gilt die islamische Tradition; das letzte, was Frauen dort täten, wäre, aus ihnen auszubrechen. Das kann man (für sich) bewerten, wie man möchte. Die Kritik ‘am Land’ ist daher daran auszurichten, welchen Ausfluss die Religion ins Rechtliche hat. Ich meine, man wird das nicht mit Politik ändern können – sondern mit Aufklärung.

Nun sind die VAE auch eine Art “Insel” in der arabischen Welt. Wirtschaft ist dort allemal wichtiger als die Leehren des Propheten.

Lina, 19.12.2007 13:11

Gleich noch eine gewagte These ;-)?

“In den einheimischen Familien(-verbänden) lebt und gilt die islamische Tradition; das letzte, was Frauen dort täten, wäre, aus ihnen auszubrechen.”

Woher wissen Sie, ob es nicht doch das erste wäre, was sie täten, wenn die Männer nicht länger auf der Tradition einer “Gewaltenteilung” auf allen Ebenen beharren würden?

Jeder arabischen Frau bleibt unbenommen, sich mit ihrer traditionellen Rolle zu begnügen oder sich darin sogar zu gefallen; dass sie sich aber so leicht (wie es Ihr Beispiel vorgibt) keine andere aussuchen kann, wenn sie es wollte, halte ich für ein grosses politisches Defizit.

Die Majestät hat sehr deutlich wissen lassen, was zählt, aber in einem Land mit Staatsreligion als Politikersatz und der Wirtschaft als einzig zählendem politischen Faktor würde ich – wenn Sie mich fragen? – als Frau nicht leben wollen. – Aber lassen Sie sich nicht aufhalten ;-)!

Bodo Wünsch, 19.12.2007 16:37

Ich verstehe, was Sie anklagen; doch niemand in den VAE kümmert es. Fragen Sie eine Dubai’in, sie würde Sie schlicht nicht verstehen – übrigens trotz ungehinderten Zugangs zu kosmopolitischer Bildung. Wie gesagt, ich bewerte das nicht.

Viel eher wäre nach freiheitlichen Aspekten die paternalistisch-despotische Grundhaltung des Gründervaters Sheik Zayed zu kritisieren – und diese bezieht sich auf das gesamte Volk – wobei VAE-Bürger wohlgemerkt längst in der Minderzahl sind, denn in den VAE leben und arbeiten überwiegend Ausländer.

Was ich zu den Emiraten schrieb und schreibe, zielt vielmehr auf einen nie dagewesenen “Siegezug” des Kapitalismus ab, einer in diesem Raum hochdynamischen Entwicklung, die in der Tat ganz ohne dem auskommt, was wir “Politik” nennen.

Wie könnte ich ausschließen, dass es in den VAE einmal nicht auch zu Restauration und Unterdrückung kommen kann?

 
 
 
 
 
 
 
Alrik, 16.12.2007 18:37

Professionaler Unsinn ? Von weltfremden Soziologen ?
;-)

 

[...] 16, 2007 · No Comments Ich möchte nur auf diesen Beitrag des Herrn Statler hinweisen. Auf das noch ein Mensch ohne blassen Schimmer die Professoren in ihren Fachgebieten [...]

 
stefanolix, 16.12.2007 22:51

Ich fürchte ja, Herr Scholz und die meisten Befürworter eines absoluten Mindestlohns würden noch nicht mal Mark Twains einfaches Beispiel zur Politischen Ökonomie des sechsten Jahrhunderts verstehen (wollen) …

 
Die Stimme auf dem Off, 17.12.2007 09:33

Statler, ich verstehe nicht inwiefern sich der Finanzplatz London auf die Arbeitsplätze in UK auswirkt. OK, da kommen Banker nach London und die bringen natürlich zusätzlichen Konsum mit.

Aber bitte wo ist der Zusammenhang zwischen dem Finanzplatz und einer merklichen Auswirkung auf die Beschäftigungszahlen? Als Laie sei mir die Nachfrage verziehen, aber das klingt auf mich ziemlich zweifelhaft.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Finanzplatz London und der Beschäftigungssituation? Ich gehe jetzt davon aus, dass die Banker in London auch nur Zwängen unterliegen und ihre Gelder dort investieren, wo sie die höchsten Renditen erwirtschaften können, das Investitionsverhalten mithin also gerade nicht ortsgebunden sein kann.

“Laien argumentieren in wirtschaftspolitischen Diskussionen gerne mit anekdotischer Evidenz.”

Für die Ewigkeit in der Sammlung gespeichert, Respekt.

Statler, 17.12.2007 10:55

Die Banker geben Geld aus, oder? Kaufen sich maßgeschneiderte Anzüge in London, fahren zum Golfen nach Schottland, stellen sich Sekretärinnen und Assistenten ein, treiben die Preise auf dem Immobilienmarkt in die Höhe, so daß auch alteingesessene Hausbesitzer was davon haben…

Das Geld findet schon seinen Weg in die Taschen der Leute im Nichtbankensektor.

Die Stimme auf dem Off, 18.12.2007 08:06

Entschuldige bitte die später Antwort, ich komme gerade in Arbeit um.

Hat der Bankensektor in UK tatsächlich so viele Angestellte, dass die durch Konsumverhalten den Arbeitsmarkt in UK beeinflussen können? Gibt es dazu Zahlen?

Ich habe zwar zwei Leute aus der Familie in London wohnen (einer hat eine Eigentumswohnung, der andere wohnt in der Wohnung einer Großbank für die Zeit seines Aufenthalts), bin aber davon ausgegangen, dass das nicht so viele Angestellte sein können. Das überrascht mich jetzt wirklich.

Die zweite Frage: Gibt es Untersuchungen darüber, ob sich das Investitionsverhalten der Manager dahingehend ändert, dass sie in ihrem Mutterland UK auch dann investieren, wenn die Investition in einem anderen Land ertragreicher wäre? Gibt es also ein gewisse emotionale Bindung, die das Investitionsverhalten beeinflusst und die sogar in der Lage ist die Kontrolle von wirtschaftlichen Kennzahlen (so nennt man das wohl), zu überwinden?

 
 
 
jpj, 17.12.2007 14:26 Subscribed to comments via email

Was mir an diesem Kommentar nicht gefällt ist, dass der Kommentator ungeprüft die Behauptungen Olaf Scholz’ übernimmt. Daß Scholz sich nur ein Beispiel aus dem reichen Schatz schlechter Erfahrungen mit zwangs-Mindestlöhnen herausnimmt, ist nicht sein schwächster Punkt. Seine schwächsten Angriffspunkte sind:

1. Daß die Arbeitslosigkeit in GB nach Einführung der Zwangs-Midestlöhnen nicht weiter stieg, beweist allein noch nicht die Harmlosigkeit von Zwangs-Mindestlöhnen. Korrelation bedeutet nicht Kausalität.

2. Der gesunde Menschenverstand sagt uns nicht, daß durch Zwangs-Lohnforderungen die Arbeitslosigkeit für *alle* Bewerbergruppen gleichmäßig stiege, egal wie deren Berufserfahrung, Qualifikation und Risiko sei. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, Zwangs-Lohnforderungen verurteilten Bewerber ohne Berufserfahrung, mit schlechter Qualifikation und hohem Risiko zur Arbeitslosigkeit. Darunter fallen besonders Jugendliche gewisser Minderheiten. Unter diesen ist wie in allen Ländern, in denen die Zwangs-Lohnforderungen vorgibt, die Arbeitslosigkeit auch in Großbritannien besonders hoch. Und nicht nur daß:

3. Wenn die Eingriffe des Lohn-Rates (russ. für “Rat”: “Sowjet”) tatsächlich folgenlos für die Jugendarbeitslosigkeit geblieben sein sollten, dann müsste die Jugendarbeitslosigkeit der allgemeinen Arbeitslosigkeit folgen. Die Arbeitslosenquote *aller* Personen fiel von Jan/Feb 1995 (8,9%) bis Mar/Mai 2001 (4,9%) kontinierlich. Nach 2001 gab es keinen weiteren Rückgang. Die Arbeitslosenquote der 16-24jährigen blieb in dieser Zeit *konstant* (18,9% bis 17,9%)

MaW es trat in GB genau das ein, was Ökonomen für die Einführung staatlich erzwungener Mindestlöhne vorhersagen: Ein verglichen mit der Allgemeinheit relativer Anstieg der Arbeitslosigkeit unter Minderqualifizierten.

Wer wie Scholz auch uns einen Lohn-Sowjet einführen möchte, der sollte zeigen können, daß der Quotient aus Jugend- und allgemeiner Arbeitslosigkeit in GB konstant bleibe.

Neuerdings steigt übrigens die Arbeitslosigkeit in GB wieder.

 
Schmock, 17.12.2007 15:17

Immerhin benutzt er die Empirie für seine Argumentation, damit ist seine Sichtweise zumindest die zweitschlechteste, die schlechteste ist es doch sich nur auf den “gesunden Menschenverstand” zu verlassen. Was Du sagst ist sicher richtig, Scholz lässt einige Faktoren links liegen, aber wenn wir wirklich wissen wollen, wie sich der Mindestlohn auswirkt, führt kein Weg daran vorbei, sich die Erfahrungen in anderen Ländern anzuschauen. Dabei werden wir freilich nicht so viele Beispiele finden, die Anzahl der Daten wird also immer so gering sein (wenngleich größer als Eins), dass ein Naturwissenschaftler oder ein Mathematiker sie für wenig aussagekräftig halten wird.

 
Gunter, 17.12.2007 17:08

Inwiefern schafft kein Kündigungschütz Arbeitsplätze? Sind die dann einfach da – so mir nichts, dir nichts?

Volker, 17.12.2007 17:23

Schon mal davon gehört, dass die nachgefragte Menge vom Preis abhängt?

 
stefanolix, 17.12.2007 17:25

Ich habe früher den Schütz noch als eine Art elektromagnetisch funktionierenden Schalter kennengelernt. Einen Kündigungsschütz kenne ich aber leider nicht ;-)

Nein, ernsthaft: Durch die Gesetzgebung zum Kündigungsschutz werden Entscheidungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern beeinflusst. Je stärker der Kündigungsschutz ausgebaut ist, desto weniger freie Entscheidungen können getroffen werden.

 
 
foo, 18.12.2007 00:13

Ich will euch in eurem Bashing ja nicht stören, aber nur, weil in einem Interview lediglich ein Land, nämlich Großbritannien, als Beispiel für eine erfolgreiche Umsetzung genannt wird, heißt das noch lange nicht, dass das in anderen Ländern nicht auch genauso funktionieren kann. Spontan fallen mir Länder wie Frankreich, Irland, die Niederlande und die USA [sic] ein, in denen trotz (oder gerade wegen) eines Mindestlohns die Wirtschaft angezogen hat. Exemplarisch nenne ich z.B. folgende Studie, die deutlich zeigt, dass die Anhebung des Mindestlohns in Santa Fe County (NM) zu einem Beschäftigungszuwachs geführt hat: http://www.unm.edu/~bber/pubs/SFLWpt2.pdf

Rayson, 18.12.2007 00:57

Frankreich? Tell me you’re kidding.

stefanolix, 18.12.2007 14:47

Aber es wäre schön, wenn er zu Frankreich auch noch eine Studie verlinken könnte, ich wäre sehr daran interessiert, wie die Studie die Realität ausblendet ;-)

 
 
Statler, 18.12.2007 01:09

Ähm nein, diese verlinkte Studie gibt nun wirklich gar nichts her. Da sind ein paar deskriptive Zeitreihen, die zeigen, daß in manchen Branchen die Zahl der Beschäftigten zugenommen hat, in anderen nicht, und daß unterm Strich in den Jahren nach Einführung des Mindestlohns tatsächlich die Beschäftigung zunahm.

Kein Wunder, wenn das Gesetz in einer Aufschwungsphase in kraft tritt, in der ohnehin die Beschäftigung zunimmt. Also, an einer günstigen Stelle des Konjunkturzyklus den Arbeitsmarkt zu regulieren, dann zu beobachten wie konjunkturell die Beschäftigung zunimmt und dann zu behaupten, die Regulierung habe den Beschäftigungszuwachs verursacht — das geht so nicht.

Die zitierte Studie weist auch darauf hin, daß das so nicht geht. Aber sie tut auf der anderen Seite auch nichts, um die konjunkturellen Einflüsse herauszurechnen. Oder um die Frage zu klären, wieviel größer der konjunkturelle Beschäftigungszuwachs ohne Mindestlohn gewesen wäre. Also nein, das ist überhaupt nicht informativ.

Schmock, 18.12.2007 01:36

Und was wäre informativ?
Wie soll man erforschen was ein Mindestlohn bewirkt?

Robert, 18.12.2007 12:57

Das frage ich mich auch. Vor allem frage ich mich, wie die Experten ( “WELT ONLINE: Experten sagen, der Mindestlohn kostet 1,9 Millionen Arbeitsplätze.” ) dieses errechnet haben, meines Wissens wurde das nie empirisch untermauert.
Es mag einfach eine Mutmaßung sein oder aber eine dreiste Behauptung des “seriösen” Springer-Blattes WELT. Zumal auch keine Namen der sog. Experten genannt wurden.

Kann hier irgend jemand solcherlei Untersuchungen benennen? DAS würde mich überzeugen.

stefanolix, 18.12.2007 14:45

Bevor wir über den Schaden reden: sollte man eine Maßnahme nicht nur dann durchsetzen, wenn sie nachweislich oder nachvollziehbar wirtschaftlichen /Nutzen/ verspricht?

Robert, 18.12.2007 16:06

Guter Versuch. Nur lautet hier nicht die Behauptung, dass ein Mindestlohn mehr Arbeitsplätze schafft (das hat auch Olaf Scholz so nie behauptet, er hat lediglich die Möglichkeit angedeutet), sondern die dreiste und durch nichts bewiesene Behauptung, dass 1,9 Millionen Arbeitsplätze durch die Einführung des Mindestlohnes wird hier einfach als Tatsache und “Argument” präsentiert.
Wie schon bemerkt: zeige mir irgend jemand eine empirisch gestützte Untersuchung dieses “Faktes” und überzeuge mich damit.
Solange diese nicht vorliegt, kann man das “Argument” vom Arbeitsplatzabbaues aufgrund der Einführung des Mindestlohnes getrost in die Tonne hauen.

Robert, 18.12.2007 16:09

…1,9 Millionen Arbeitsplätze durch die Einführung des Mindestlohnes *fortfallen* soll es natürlich heißen. Sorry.

 
stefanolix, 18.12.2007 16:53

Robert, Du solltest mich (und die anderen wirtschaftlich argumentierenden Gegner eines Mindestlohnes) bitte nicht mit allem in Verbindung bringen, was zufällig auch gegen einen Mindestlohn ins Feld geführt wird. Ich lese die WELT z. B. überhaupt nicht.

Ich vermute hier lediglich, dass es sich um eine sehr stark vereinfachte Annahme handelt: es liegt der Lohn für N Arbeitsplätze momentan unterhalb einer bestimmten Grenze, also werden diese Arbeitsplätze in Zukunft wegfallen (Variante: also werden x% dieser Arbeitsplätze in Zukunft wegfallen). Ohne Quellen und ohne Zahlen taugt diese “Expertenmeinung” nichts.

In diesem Fall sollte man also Frage /und/ Antwort in die Tonne werfen ;-)

Robert, 18.12.2007 17:36

Stefanolix, genau diese Verbindung wurde aber im Eingangsbeitrag gezogen. Statler hat genau diesen völlig unbewiesenen Satz als gegebene Tatsache dargestellt und Olaf Scholz, der es wagte, gegen diesen “Fakt” zu argumentieren “ministerialen Unsinn” und völlige Unbildung unterstellt.

Rayson, 18.12.2007 18:07

Natürlich “unbewiesen”, aber anhand eines Modells des ifo-Instituts errechnet. In der Ökonomie sind solche Modellrechnungen üblich und nötig, da sich Makroeffekte nun einmal nicht im Laborversuch überprüfen lassen.

Man kann das ifo-Modell wissenschaftlich kritisieren, aber das macht Scholz nicht. Er wertet ohne Ahnung.

Schmock, 18.12.2007 19:06

Da kommen wir zum entscheidenden Punkt. Die Modelle in der Ökonomie sind sicher fundiert und plausibel, das sollte ihnen aber nicht Falsifizierungen durch Empirie ersparen, schließlich wollen Ökonomen etwas über die Wirklichkeit aussagen. Es ist zumindest berechtigt und nötig zu fragen, ob die vorhersagen der Ökonomen in der Realität auch eintreten, das muss man Scholz zugestehen. Wenn man aber empirische Daten betrachtet, werden bei diesem Thema wieder Leute sagen, die Datenmenge sei zu klein (und sie wird zu klein sein) und die Länder seien nicht miteinander vergleichbar (natürlich gibt es viele andere bedeutende Faktoren). Trotzdem ohne Empirie geht es hier nicht, ist schließlich keine Mathematik.

Rayson, 18.12.2007 19:57

“Es ist zumindest berechtigt und nötig zu fragen, ob die vorhersagen der Ökonomen in der Realität auch eintreten, das muss man Scholz zugestehen.”

Was du so alles aus der Formulierung “professoraler Unsinn” herausliest!

Aber was die Empirie angeht, verweise ich auf Statlers Beitrag und seine Überschrift.

Schmock, 18.12.2007 23:07

Nein, das lese ich nicht aus dem Begriff “professoraler Unsinn” heraus, diesen Begriff finde ich nicht zutreffend, unangebracht und wenig zielführend. Viel eher lese ich so etwas aus dem Verweis auf Großbritannien heraus.
Es bleibt die Frage, wie hoch die Zahl an Beispielen sein müsste, als dass eine Folgerung zulässig wäre. Gibt es überhaupt genügend Beispiele und sind die Länder nicht zu verschieden, als dass man vom einen auf das andere schliessen könnte? Ja, Scholz Argumentation ist nicht gut und sein Schluss erscheint unzulässig, aber warum begegnet man ihm nicht mit Empirie?

Rayson, 19.12.2007 00:02

Hat Statler doch geschrieben. Und empirische Aussagen über die Wirkung eines flächendeckenden Mindestlohns in Höhe von X für die Bundesrepublik Deutschland gibt es nun einmal nicht.

 
 
 
Erwin, 19.12.2007 10:40

@ Schmock:
Genau das versuchen empirische Wissenschaftler doch den ganzen Tag. Die Leute am ifo Institut machen fast nichts anderes als Modelle mit riesigen Datenmengen durchzurechnen, am ifo gibts wenige große Theoretiker.
Du kannst natürlich nicht experimentell testen, was passiert bei einem Mindestlohn. Aber Du kannst aus gegebenen Daten Arbeitsangebots/Nachtfrageelastizitäten schätzen (wie reagiert die Nachfrage, wenn der Preis um 1% steigt). Dann extrapolierst Du das halt auf die gewünschte Lohnerhöhung und fertig ist Dein Schätzer. So unseriös ist das nicht.

Ifo pressemitteilunghist übrigens hier:
http://www.ifo.de/portal/page/portal/ifoHome/e-pr/e1pz/_generic_press_item_detail?p_itemid=6270827

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
F.Alfonzo, 18.12.2007 02:34

@foo:

Kannst du definieren, was unter “Funktionieren eines Mindestlohns” zu verstehen ist?

Die politische Definition lässt sich ja irgendwo in der Richtung “schadet nicht” einordnen, also im Besten Falle etwas nicht negatives.

Ob und wie stark ein Mindestlohn schadet, hängt aber nicht grundsätzlich von dessen Existenz ab, sondern von dessen Höhe, im Vergleich zum BIP.
Statler hat das in seinem Beitrag ja bereits angeschnitten.

Der Mindestlohn in GB und USA ist ziemlich niedrig und betrifft nur wenige Beschäftigte; in Frankreich sieht die Sache schon wieder ganz anders aus.

Ich habe kürzlich auf den Seiten des ifo-Instituts konkrete Zahlen darüber entdeckt, wieviel Prozent der Arbeitnehmer in den genannten Staaten den Mindestlohn bekommen (bitte selbst mal suchen, die Seite ist im Moment wieder extrem langsam bis tot).
Ergebnis: Je mehr Leute den Mindestlohn erhalten (bzw. auf ihn angewiesen sind), umso höher die Arbeitslosigkeit im entsprechenden Land.

Schließlich könnte man ja in Deutschland auch einen flächendeckenden Mindestlohn von 1 Euro/h einführen; der wäre nicht schädlich aber auch völlig sinnlos.

Ich kann ehrlichgesagt nicht nachvollziehen, wie jemand zur logischen Schlussfolgerung “höhere Löhne = mehr Beschäftigung” kommen kann.
Das widerspricht doch jeglicher Vernunft und Lebenserfahrung.

Wenn das Bier in der Stammkneipe auf einmal statt 2 Euro 4 Euro kostet, trinkt man dann nur aufgrund der Preiserhöhung mehr?

Mit freundlichen Grüßen,
Alfonzo

 

[...] möchte nur auf diesen Beitrag des Herrn Statler hinweisen. Auf das noch ein Mensch ohne blassen Schimmer die Professoren in ihren Fachgebieten [...]

 

Beitrag kommentieren

Name (erforderlich)
E-Mail-Adresse (notwendig - wird nicht angezeigt)
URI