.75

22.01.2008 22:33 - Statler & Waldorf by Statler

Stephen Roach, Chairman von Morgan Stanley Asia, hat die lange Frist im Blick:

But there will be consequences in the next recovery. Unfortunately, the US central bank can’t seem to break out of the market-friendly trap it fell into nearly a decade ago Panicking over the possibility that yet another bubble is bursting, the Fed is once again injecting liquidity into an asset-dependent US economy. That won’t arrest the recessionary dynamic now unfolding but it could well set the stage for the next asset bubble in America’s bubble-prone economy.

Wieder mal pumpt die Fed neue Liquidität in die Märkte. Ich weiß nicht, wie die Zeitpräferenzrate von Ben Bernanke aussieht, aber es ist schon nicht ganz ungefährlich, schon wieder eine kurzfristige Stabilisierung mit der Gefahr einer neuen, langfristigen Blasenbildung zu erkaufen. Und diesmal sind es .75 Prozentpunkte, das ist eine bedenkliche Größenordnung. Überhaupt, seit wann genau dürfen Aktienkurse eigentlich nicht mehr sinken, ohne daß die Zentralbanken eingreifen? Roach nennt das market-friendly, aber letztendlich ist es gerade das nicht; solche Interventionen hindern die Finanzmärkte daran, Blasen zu korrigieren. Manchmal gibt es gute Gründe für fallende Aktienkurse, und dann soll man sie gefälligst auch fallen lassen, ohne geldpolitisches Valium zu verteilen.

Richtig dumm wird es allerdings, wenn nicht einmal die kurzfristige Stabilisierung funktionieren sollte, wie Willem Buiter vermutet:

It is the clearest example of monetary policy panic football I have witnessed in more than thirty years as a professional economist. Because the action is so disproportionate, it is likely to further unsettle markets.

Ein Riesen-Zinsschnitt, in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen — ja, das könnte man tatsächlich als Panik interpretieren. Ich fürchte, die Fed hat in diesem Fall einen dicken Fehler gemacht.

Und bevor sich jemand über scheinbare Inkonsistenzen wundert: Ja, ich war im Herbst für eine Intervention. Damals ging es darum, mit überschaubaren Mitteln das Risiko einer Bankenpleite und -panik zu reduzieren. Das hier ist was anderes. Hier geht es um den Versuch, Kurskorrekturen zu verhindern, und das mit nicht mehr ganz so überschaubaren Mitteln.

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23 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Dagny, 22.01.2008 23:13

Sind die A_Team Ökonomen eigentlich Anhänger freien, sprich entstaatlichen Geldes? Im Zweifel denke ich dabei an den Goldstandard und warte auf die Erklärung, warum dieser nicht funktionieren kann, aber die Papiergeldwirtschaft schon?

 
karsten, 23.01.2008 00:07

Ich schließe mich Dagnys Bitte an… ;)

 
okeanos, 23.01.2008 00:16

War erst kürzlich in den Kommentaren Thema.

 
okeanos, 23.01.2008 00:40
 
Johannes, 23.01.2008 01:04

Ich bin bei dieser ganzen Goldstandard-Geschichte schon deswegen skeptisch, weil es eine dieser Ideen ist, die hauptsächlich unter Laien propagiert wird, und weil ihre Gurus immer die wildesten Verschwörungstheorien parat haben, wieso ihre Ideen nicht im wissenschaftlichen Mainstream anerkannt sind.

Ein Bauchgefühl beim Laien wird angesprochen: Es kann doch nicht sein, daß alles wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe, nur bedrucktes Papier ist, das im Ernstfall wertlos ist. Ähnlichkeiten zu anderen populären, aber wertlosen Ideen wie Naturheilkunde, Esoterik oder Kommunismus drängen sich auf, die alle der Weigerung entspringen, die reale Welt zu akzeptieren, auch wenn man sie vielleicht nicht versteht oder ihre Konsequenzen nicht in Kauf nehmen möchte.

Rein interessehalber: Was sehen die Goldstandard-Proponenten eigentlich für den Fall vor, daß es möglich werden sollte, Gold beispielsweise durch Kernfusion oder -spaltung synthetisch herzustellen, oder daß massive Vorkommen entdeckt werden, die den Goldbestand über Nacht vervielfachen würden?

Die Stimme auf dem Off, 23.01.2008 08:33

Dem schließe ich mich an. Das Gerede vom Gold als vermeintlich sichere Währung ist doch nur der Wunsch erworbenes für die Ewigkeit zu bunkern. Das hat in der Geschichte der Menschheit wegen der menschlichen Veranlagung zur Reziprozität und Gruppenbildung noch nie funktioniert und wird auch nie funktionieren. Die Menschheit wird sich damit abfinden müssen, dass bestehende Güterpositionen umverteilt werden, Erbrecht hin oder her. Ich kann nichts schlimmes daran erkennen, ganz im Gegenteil.

Warum man jetzt allerdings meint die Märkte stützen zu müssen ist mir auch schleierhaft und ich halte das für falsch, wie Statler. Ist die Angst vor einer Pleite von ein paar Banken tatsächlich so groß? Gut, ein paar Versicherungen und Fonds würden mächtig abwerten, die Altersversorgungen von ein paar Leuten wären sicherlich dahin, aber rechtfertigt das darauf zu hoffen, dass es die Asiaten (insbesondere China) vor uns zerlegt? Ob das klappt?

jpj, 23.01.2008 12:49

> Das Gerede vom Gold als vermeintlich sichere
> Währung ist doch nur der Wunsch erworbenes
> für die Ewigkeit zu bunkern.

Ich kenne die Verfechter des Goldstandards nicht, die Ihnen gegenüber allein dieses Motiv erwähnten. Ich selber würde eine Goldwährung nicht bevorzugen, um das Geld ewig zu bunkern. Mir würde es schon reichen, den Gegenwert meiner Arbeit zu erhalten, bis ich ihn gegen Güter eintausche. Beispielsweise für einen zeitpunkt, an dem ich nicht arbeiten kann.

Nominalwährungen wie die unsere erlauben das jedoch nicht. Die Geldmenge wird ständig erhöht und der Gegenwert meiner Arbeit ständig vermindert.

Die Stimme auf dem Off, 23.01.2008 13:17

Das meinte ich damit, aber habe mich undeutlich ausgedrückt, mein Fehler. Sichere Werte im Alter haben zu wollen ist nichts das Problem. Probleme ergeben sich vor allem dann, wenn das über mehrere Generationen geschehen soll.

 
Spritkopf, 23.01.2008 13:34

“Mir würde es schon reichen, den Gegenwert meiner Arbeit zu erhalten, bis ich ihn gegen Güter eintausche. Beispielsweise für einen zeitpunkt, an dem ich nicht arbeiten kann.”

Es hindert Sie doch niemand daran, Ihre Sparguthaben in Gold umzutauschen.

jpj, 25.01.2008 12:50

Hallo Spritkopf,

ich schrieb:

>> Mir würde es schon reichen, den Gegenwert
>> meiner Arbeit zu erhalten, bis ich ihn
>> gegen Güter eintausche. Beispielsweise
>> für einen zeitpunkt, an dem ich nicht
>> arbeiten kann.

Sie entgegeneten:

> Es hindert Sie doch niemand daran, Ihre
> Sparguthaben in Gold umzutauschen.

Ich lebe von einem regelmäßigen Einkommen. Dafür erhalte ich immer weniger Gold, da Staat und Banken die Geldmenge erhöhen. Das könnten sie nicht, gäbe es eine Goldbindung. Genau darin liegt der Vorteil einer Goldwährung — außer für Staat und Banken.

 
 
R.A., 23.01.2008 15:50

> Mir würde es schon reichen, den
> Gegenwert meiner Arbeit zu erhalten,
> bis ich ihn gegen Güter eintausche.
Aber worin bemißt sich dieser “Gegenwert”?

Genau dies ist eben das Problem - weil sich die Vorstellungen über den konkreten Gegenwert mit der Zeit ändern.
Und damit ist JEDE Form des Bunkerns von Gegenwert von Wertschwankungen bedroht.

Ob ich nun X Euro auf der Bank habe, oder ein Grundstück, oder einen Goldklumpen, oder Aktien - was man dafür dann in einigen Jahren zurücktauschen können wird bleibt immer unsicher.

 
 
 
jpj, 23.01.2008 12:51

> Ein Bauchgefühl beim Laien wird angesprochen:
> Es kann doch nicht sein, daß alles wofür ich
> mein Leben lang gearbeitet habe, nur bedrucktes
> Papier ist, das im Ernstfall wertlos ist.

Nominalgeld *ist* im Ernstfall wertlos. Dies wurde besonders eindrucksvoll belegt während der Hyperinflation unter Eberet und Cuno. Diese endete erst, als die Goldbindung durch Stresemann wiederhergestellt wurde.

Johannes, 23.01.2008 15:24

Der Wert des Goldes beruht aber auch nur auf dem Vertrauen darin, daß die Menschen auch in Zukunft noch glauben, daß Goldschmuck gut aussieht und sein Geld wert ist, und außerdem weiterhin knapp bleibt. Sonst wäre Gold außer für ein paar industrielle Verwendungsarten doch auch völlig wertlos.

jpj, 25.01.2008 12:47

> Der Wert des Goldes beruht aber auch nur
> auf dem Vertrauen darin, daß die Menschen
> auch in Zukunft noch glauben, daß Goldschmuck
> gut aussieht und sein Geld wert ist, und
> außerdem weiterhin knapp bleibt. Sonst
> wäre Gold außer für ein paar industrielle
> Verwendungsarten doch auch völlig wertlos.

Ich fürchte, diese Annahme läßt sich nicht aufrecht erhalten. Wenn dem so wäre, dann müßte heutiges Geld völlig wertlos geworden und die arbeitsteilige Gesellschaft zusammengebrochen sein. Der Wert einer Währung richtet sich jedoch wie bei jedem Gut nach seiner Nachfrage. Geld wird als Austauschmittel für andere Güter nachgefragt.

Als Gold — oder ggf Silber — noch als Geld verwendet werden durften, änderte sich deren Wert kaum mit deren industriellen Einsatz. Der Wert richtete sich nach der Gesamtachfrage nach diesen Metallen. Gold wurde aber eben hauptsächlich nachgefragt, um es gegen andere Güter zu tauschen.

Der Vorteil einer auf Gold beruhenden Währung gegenüber einer wie heute auf Staatsschulden fußenden liegt in der Schwierigkeit, die Geldmenge Menge beliebig zu steigern. Zur Hyperinflation 1923 kam es, weil Ebert und Cuno zur Finanzierung der steigenden Staatsausgaben immer mehr Schulden machten. Sie endete erst, als Stresemann eine weitere Steigerung der Geldmenge unmöglich machte indem er die Goldbindung wiederherstellte.

 
 
 
 
Michael Kastner, 23.01.2008 06:57

> weil es eine dieser Ideen ist, die hauptsächlich unter Laien
> propagiert wird

Es gibt sicherlich mehr Laien, die vom Zentralbankgeld überzeugt sind als Laien, die einen Goldstandard vertreten.

Und ähnlich verhält es sich mit der Demokratie: auch diese wird auch hauptsächlich von Laien propagiert.

> Was sehen die Goldstandard-Proponenten eigentlich für den Fall
> vor, daß es möglich werden sollte, Gold beispielsweise durch
> Kernfusion oder -spaltung synthetisch herzustellen, oder daß
> massive Vorkommen entdeckt werden, die den Goldbestand über
> Nacht vervielfachen würden?

Für solche Frage von Laien gibt es in der Bundesbank in Frankfurt ein amtliches und von _richtigen_ Profis geführtes Geldmuseum.

Dort erhälst Du genau die amtlich genehmigten und zertifizierten Antworten, die Dir ein Laie nie geben kann.

Viele Grüße

Michael Kastner

 
Wullenwever, 23.01.2008 11:18 Subscribed to comments via email

“Ich weiß nicht… nicht ganz ungefährlich… bedenkliche Größenordnung… ich fürchte…”
Auch manchmal ganz froh, kein Entscheidungsträger zu sein, Statler, hm? ;)

Statler, 23.01.2008 11:26

Kommt darauf an. Wenn ich die Daten hätte, die das FOMC seiner Entscheidung zugrunde legen kann, dann könnte ich sicher etwas weniger vorsichtig formulieren.

 
 
Jan Westholt, 23.01.2008 11:49

In Krisenzeiten fiskalische Konjunkturprogramme, flankiert von einer expansiven Geldmengenpolitik

Das habe ich irgendwann mal gehört in VWL Makro I, als Idee von einem Ökonomen namens Keynes. Ist denn das niemals totzukriegen? Gut dass der Milton Friedman das Elend nicht mehr mit ansehen muss.

 

[...] humor ever” bezeichnet hat (via). Im Moment wird Glenn Hubbard ganz froh sein, dass er nicht an Ben Bernankes Stelle ist, sondern sich als Berater von Mitt Romney Wahlversprechen ausdenken [...]

 
Cologne, 23.01.2008 20:14

Abwarten, was am 30.01 noch nachkommt und wie die Märkte reagieren. Vorher ist das doch alles noch Kaffeesatzleserei.
Im übrigen glaube ich nicht, dass Kurseinbrüche an der Börse die Fed generell zu Zinssenkungen veranlassen. Die Kombination aus Bankenkrise, hohem Ölpreis und sinkenden Immobilienpreisen war schon prekär genug. Wenn jetzt auch noch rapid sinkende Kurse an den Börsen dazugekommen wären, ist das ohne eine solche Zinssenkung doch der Sargnagel für das amerikanische Wirtschaftswachstum. Insofern war die Fed-Reaktion vielleicht schlicht und einfach notwendig, um schlimmeres zu verhindern.

 
Dirk, 23.01.2008 22:26

Was ich nicht verstehe, ist, dass die Zinssenkung den Dollarkurs nicht wesentlich hat sinken lassen. Seltsam.

Ansonsten volle Zustimmung zu Statler. Als es darum ging Liquidität bereitzustellen, die vom Markt aufgrund eines Schocks nicht mehr bereitgestellt wurde, war eine Intervention in Ordnung. Preissetzung für Unternehmensanteile sollte aber keine Aufgabe einer Zentralbank sein.

Cologne, 24.01.2008 12:22

Liegt vermutlich daran, dass jetzt alle in den “sicheren Hafen” der US-Staatsanleihen segeln. Das hat sogar dazu geführt, dass der Dollar gegenüber dem Euro gewonnen hat.

 
 

[...] soll denn dieses dauernde Zinsgesenke? Auch mich treibt die beim Antibürokratieteam gestellte Frage um: “Überhaupt, seit wann genau dürfen Aktienkurse eigentlich nicht mehr sinken, ohne daß [...]

 

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