Gewinn machen

22.01.2008 10:16 - Statler & Waldorf by Statler - 56 Kommentare

Die Kritiker Nokias werfen der Firma gerne vor, in Bochum ein profitables Werk zu schließen. Nebenan wird völlig zurecht darauf hingewiesen, daß diese Argumentation ziemlich verkürzt ist und daß Nokia auch deshalb abwandert, weil sich effiziente Produktionsstrukturen, die in Rumänien möglich sind, mit den Zulieferern in Deutschland wohl einfach nicht etablieren lassen. Soweit, so gut, aber bleiben wir nochmal bei dem Gewinn-Argument.

Da stellen wir uns mal ganz dumm und fragen uns: Was ist denn eigentlich ein Gewinn? Und wenn wir uns diese Frage beantworten, dann fällt uns ziemlich schnell auf, daß ein Gewinn das Ergebnis vergangener Entscheidungen ist. Ein präzise formulierender Journalist würde also Nokias Betrieb in Bochum nicht per se als profitables Werk bezeichnen, sondern als eines, das bisher profitabel betrieben werden konnte.

So, und jetzt erinnern wir uns mal kurz daran, wie in der Öffentlichkeit über nicht profitable Unternehmen diskutiert wird. Da ist dann schnell von Nieten in Nadelstreifen die Rede, die absehbare Probleme nicht erkannt hätten, die zu spät auf Wettbewerbsdruck reagiert hätten und so weiter, und so fort. Nun ja, Nokia reagiert früh auf absehbare Probleme. Es wartet nicht, bis Verluste auflaufen, sondern vermeidet sie von vornherein. Aus meiner laienhaften volkswirtschaftlichen Sicht würde ich sagen, daß das gutes Management ist — BWLer, die anderer Meinung sind, dürfen mich gerne korrigieren. Wer den Grund dafür Sucht, daß Nokia so lange Zeit ein so erfolgreiches Unternehmen war, könnte ja auch mal nach Bochum schauen.

[Post to Twitter]  [Post to Delicious]  [Post to Digg]  [Post to Ping.fm] 

RSS Kommentar-Feed Trackback-URI Druckansicht Tags:

56 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Nummer 6, 22.01.2008 10:44

Sehr angenehm, dass hier explizit darauf hingewiesen wird, dass das der betriebswirtschaftliche Standpunkt ist. Inzwischen ist es aber leider so, dass sich die Nokia-Aktionäre ein bisschen Sorgen machen, dass die “kompetenten” Nokia-Entscheider mit Bochum so viel Porzellan zerdeppert haben, dass sie sich den Umzug bilanziell gesehen auch leicht hätten sparen können.

Und zu den empörten Politikerstimmen … es ist halt so, dass Politiker auch ein bisschen volkswirtschaftlich orientiert sein müssen, sie werden ja erst nach ihren öffentlichen Ämter in Vorstände und Aufsichtsräte berufen. Zumindest müssen sie sich über ein paar Wochen volkswirtschaftlich orientiert geben, um die Betroffenen nicht gar zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Auch wenn man Liberaler ist, sollte man nicht komplett übersehen, dass neben dem Profit auch menschliche Schicksale betroffen sind. Es sollte einem bei solchen Gelegenheiten Genugtuung genug sein, dass man weiß, dass sich zum Schluss immer die Kapitalinteressen durchsetzen werden. So, denke ich, kann man auch als Liberaler Menschenfreundlichkeit und Volksnähe beweisen.

LM, 22.01.2008 11:32

“Auch wenn man Liberaler ist, sollte man nicht komplett übersehen, dass neben dem Profit auch menschliche Schicksale betroffen sind. Es sollte einem bei solchen Gelegenheiten Genugtuung genug sein, dass man weiß, dass sich zum Schluss immer die Kapitalinteressen durchsetzen werden. So, denke ich, kann man auch als Liberaler Menschenfreundlichkeit und Volksnähe beweisen.”

Wie ist das denn zu verstehen? (Ehrliche Frage)

 
 
Spritkopf, 22.01.2008 11:02

Ich bin kein Freund des vorschnellen (und meistens von gehöriger Medienhysterie begleitetem) Eindreschens auf Firmen, die eine notwendige betriebswirtschaftliche Entscheidung zu treffen haben. Im Falle von Nokia habe ich allerdings für mich die Entscheidung getroffen, kein Handy mehr von denen zu beziehen (und das in meinem Blog auch öffentlich gemacht).

Zum Verhalten im Markt gehört nicht nur, das Wohlergehen der eigenen Firma im Blick zu behalten, sondern auch eine gewisse Integrität. Und bei einem Lohnkostenanteil an den Gesamtkosten von 5 – 10% (je nachdem, wer die Zahl gerade verkündet) kann man nicht mehr ernsthaft glaubhaft machen, daß Wohl und Wehe des Produktionsstandortes vom Lohn der Beschäftigten abhingen. Nimmt man dazu die freudige Entgegennahme von staatlichen Fördergeldern, die Aufgabe des Standortes unmittelbar nach Ablauf der mit den Fördergeldern verbundenen Fristen, ganz zu schweigen von den vollmundigen Ethikbeteuerungen auf der eigenen Webseite (www.nokia.de), dann kann man nur zu der Einsicht gelangen, daß die in Wirklichkeit eine Bande von ekligen Heuchlern sind.

Wer einen Standort eröffnet, nur um die Subventionen abzugreifen und ihn baldmöglichst wieder zu schließen, der handelt nicht mehr integer. Und mit solchen Firmen würde ich auch im realen Geschäftsleben keine Verbindungen haben wollen.

Jan, 22.01.2008 14:32

Zeitgleich zur Eröffnung des Bochumer Standorts sollen eine nicht unerhebliche Anzahl von Stellen in Finnland abgebaut worden sein. Man könnte also auch fragen, wie ethisch es von deutschen Politikern ist mit Steuergeldern unmittelbar Arbeitsplätze im Ausland zu vernichten.

Spritkopf, 22.01.2008 16:19

Diese Frage halte ich für berechtigt. Meiner Ansicht nach ist die Subventionspolitik zu einem Stück gelebten Irrsinns verkommen.

 
 
R.A., 22.01.2008 15:35

> Wer einen Standort eröffnet, nur um die
> Subventionen abzugreifen und ihn
> baldmöglichst wieder zu schließen,
> der handelt nicht mehr integer.
Warum?
Da wurde genau die Leistung erbracht, die von der Politik bestellt und bezahlt wurde.
Halten Sie Ihren Metzger auch nur für integer, wenn er Ihnen zum georderten Stück Leberwurst drei Scheiben Salami drauflegt?

 
 
Spritkopf, 22.01.2008 11:06

Eine kurze Mail am Abend…

An:
Sehr geehrte Damen und Herren,
viele Unternehmen geben eine Menge Geld für Marktforschung aus. Daher werden Sie sicherlich erfreut sein zu hören, daß Sie für einen Ihrer vielen Handykunden keine Marktforschung mehr betr…

 
Johannes, 22.01.2008 11:08

Es würde mich doch sehr wundern, wenn Nokia eine nennenswerte Anzahl an Kunden verliert, weil sie dieses Werk geschlossen haben. Das ist immer eine Wunschvorstellung der Linken, daß Unternehmen aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit zu “sozialem” Vorgehen gezwungen werden, es funktioniert aber in der Regel nicht.

Die empörten Politiker geben sich hier nicht volkswirtschaftlich, sondern populistisch. Volkswirtschaftlich kann niemand etwas an solchen Werksverlagerungen aussetzen, höchstens an den Subventionen, die überhaupt erst dazu geführt haben, daß das Werk in Bochum entsteht.

Übrigens sind nicht nur menschliche Schicksale in Deutschland, sondern auch in Rumänien betroffen, das läßt der mitfühlende Linke auch gern unter den Tisch fallen. Die Arbeiter in Rumänien können ihre Lebenssituation nun deutlich verbessern, so wie das Lebensniveau für jeden halbwegs qualifizierten Rumänen in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen ist, seit große internationale Unternehmen dort den Markt für solche Arbeitskräfte leergeräumt haben.

Nummer 6, 22.01.2008 13:59

Das ist immer eine Wunschvorstellung der Linken, daß Unternehmen aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit zu “sozialem” Vorgehen gezwungen werden, es funktioniert aber in der Regel nicht.
Das ist richtig. Eine andere beliebte Vorstellung ist auch, dass Konsumenten durch ihr Kaufverhalten, das Angebot (und die dranhängenden Produktionsbedingungen) zum “Besseren” lenken könnten. Das ist Quatsch. Die Käufer haben viel zu wenig Informationen über die Produkte und viel zu wenig Zeit und Möglichkeiten, um sich die Informationen zu besorgen. In Wirklichkeit entscheidet nur der Preis, und in diese Richtung bewirkt der Kunde dann auch wirklich was. Kleine Ausnahmen gibt’s mal, wenn ein Label dran hängt, wie das einigermaßen erfolgreiche Bio-Label, das nach Expertenmeinung gar nicht so wahnsinnig bio ist. Aber das ist wieder ne andere Kiste.

Die empörten Politiker …
Volkswirtschaftlich spielt es natürlich eine Rolle. Und heute in Zeiten ungenügender Kapazitätsauslastung keine positive, wie früher als Arbeitskraft knapp war, sondern eine negative, weil die frei gewordenen Arbeitskräfte erst mal brach liegen werden.

Übrigens sind nicht …
Den Rumänen wollen die Linken das, glaube ich, gar nicht primär neiden. Nokia verlagert ja nach Rumänien, weil die Marge sich so vergrößern lässt. Das heißt, dass trotz ihrem vordergründigen Gewinn auch die Arbeiter in Rumänien zum Teil um den Wert ihrer Arbeit gebracht werden. Salomonisch könnte man das Problem der Sozialgefälle nur in den Griff kriegen, wenn die Rumänen und die Deutschen ihre Handies selber produzieren würden. Für die Produzenten und die Kapitalanleger würden die Margen aber vermutlich sinken.

David, 22.01.2008 23:40

Das heißt, dass trotz ihrem vordergründigen Gewinn auch die Arbeiter in Rumänien zum Teil um den Wert ihrer Arbeit gebracht werden.

Der, wie es ja scheint, wohl zu hohe Lohn, der in Deutschland gezahlt wurde, definiert also den Wert der Arbeit? Oder was sonst?
Wäre allerdings geil, wenn Nokia in Rumänien denselben Lohn wie in Deutschland zahlen würde. DAS Geschrei würde ich dann gerne hören…

Nummer 6, 23.01.2008 18:06

Eigentlich bestimmt natürlich eher der Verkaufspreis den Wert der Arbeit.

David, 24.01.2008 01:55

Der Verkaufspreis der Arbeit?

 
 
 
 
Medea, 25.01.2008 09:14 Subscribed to comments via email

Wie ich schon mal geschrieben habe, es wurde eine Firma in Belgien geschlossen mit über 1.000 Arbeitslosen danach. Die Firma zog dann um nach Leipzig. Damals wurde der Standortwechsel hochgelobt von unseren Politikern, die Arbeitslosen in Belgien waren “uns” herzlich egal.
Und nun freut sich halt Rumänien, dass dort Arbeitsplätze entstehen.

Das Geschrei über Nokia ist lächerlich. Andere Handyhersteller sind nicht auf Gewinne aus, machen alles umsonst, würden nie ihr Werk verlagern?

Die gespielte Empörung der Politiker halte ich für verlogen. Ich bin sicher, dass sie schon viel früher wussten, dass Nokia hier ihr Werk schließt.

 
 
R.A., 22.01.2008 12:49

Ich finde es hochgradig lächerlich, nun demonstrativ auf Nokia-Handys zu verzichten.
Schließlich gibt es überhaupt keine Telephon-Fertigung mehr in Deutschland – wer ohne Heuchelei dieser Argumentation folgen will, muß wieder auf Buschtrommeln zurückgreifen.

Oder aber er “belohnt” mit seiner Kaufentscheidung eine Firma, die es überhaupt nie für nötig gehalten hat, ausgerechnet in Deutschland zu produzieren.

Das wäre dann aber auch ein überaus merkwürdiges Signal.

Spritkopf, 22.01.2008 13:18

Mir geht es überhaupt nicht um eine Kampagne der Art “kauft deutsch” oder um eine Verpflichtung der Firmen, ihre Arbeitnehmer auch um den Preis der eigenen Pleite bis zum bitteren Ende zu halten, sondern nur darum, daß man auch im Geschäftsleben nicht alle ethischen Standards über Bord wirft.

Ich weiß ja nicht, womit Du Dein Geld verdienst und in welcher Branche Du arbeitest, aber wenn ich meine Geschäftspartner auf rechtlich einwandfreie, aber moralisch fragwürdige Weise über den Leisten ziehe, dann sind sie bald keine Geschäftspartner mehr.

steffen4iuf, 22.01.2008 14:27 Subscribed to comments via email

Welche ethischen Standards? Nokia schafft in Rumänien Arbeitsplätze. Nokia senkt seine Kosten, was auf einem wettbewerblichen Mobilfunkwerk zu Preissenkungen führt, die dem Konsumenten ermöglichen andere Dinge, die ebenfalls Arbeitsplätze schaffen, nachzufragen. Nokia sollte für diese Entscheidung honoriert werden, was wohl auch geschieht, weil sie auch in Zukunft kostengünstige, qualitativ hochwertige Handys anbieten. Die Gefassel von Ethik gegenüber den Verlierern ist eine moralische Bankrotterklärung hinsichtlich der Interessen anderer zukunftsorientierter Menschen und deren häufig nicht sichtbaren Schicksale.

Schau doch an dir selbst herunter und du wirst sehr schnell feststellen, dass du die moralischen Standards, die du Nokia auferlegst, selbst nicht einmal einhältst. Oder willst du mir erzählen, dass du jedes mal, wenn du den Anbieter eines Produkt wechselst um ein Schnäppchen zu machen über eine Entschädigung selbigen nachdenkst oder gar von Preis- oder Qualitätssenkungen bei der Konkurrenz völlig unberührt bist. Diese Bigotterie ist erschütternd, weil sie von Denkfaulheit zeugt.

Spritkopf, 22.01.2008 15:56

Wenn ich vom Steuerzahler einen zweistelligen Millionenbetrag entgegennehme und davon den Aufbau eines Werkes finanziere, dann kannst Du doch nicht ernsthaft bestreiten, daß damit auch eine gewisse Verpflichtung einhergeht. Das ist doch überhaupt nicht mit einem Produktkauf zu vergleichen, bei dem ich mein Geld gebe und gegen eine Ware eintausche, ohne daß das eine Verpflichtung gegenüber dem Verkäufer impliziert (mal ganz abgesehen davon, daß Schnäppchenjagd sowieso nicht meine Sache ist). Wenn Nokia der Auffassung ist, daß ein Werk dauerhaft nur mit Subventionen zu erhalten ist, dann hätten sie es besser erst gar nicht bauen sollen und auf die Steuergelder verzichtet.

Und selbst wenn Du anderer Meinung bist, aber was veranlaßt Dich, mir ethisches Gefasel, moralische Bankrotterklärungen, Bigotterie und Denkfaulheit vorzuwerfen, ohne daß Du mich und meinen Hintergrund kennst? Wird jeder, der Nokias Verhalten anrüchig findet, grundsätzlich von Dir in den Topf der linken Träumer geworfen, über denen der gesammelte Kübel an Beschimpfungen ausgekippt werden darf?

steffen4iuf, 22.01.2008 16:38 Subscribed to comments via email

Der Ton mag etwas über dem Limit gelegen haben, aber ich finde es einfach anstrengend, wenn immer wieder mit Moralmassstäben gemessen wird, die stets nur für andere gelten. Insofern hast du vielleicht Pech gehabt meinen Frust abzubekommen. Sorry.

Nie wird der Moralstab über der Politik gebrochen, die solche Subventionen erst anbietet. Subventionen zu nehmen ist m.E. per se unmoralisch, weil klar ist, dass es sich um Geld handelt, für die man dem Steuerzahler keine echte und vor allem individuell nachgefragte Gegenleistung erbracht hat. Aber die Standortverlagerung ändert daran nichts. Die Leute hatten einige Jahre Arbeit und wussten aus ihren eigenhändig unterschriebenen Arbeitsverträgen, dass eine betriebsbedingte Kündigung mit entsprechenden Abfindungen jederzeit möglich ist. Das Unternehmen hat sich also vertragsgerecht verhalten. Wer stets davon ausgeht, dass das Recht auf seiner Seite ist, wird dem Gegenüber immer unmoralisches oder unrechtmäßiges Verhalten vorwerfen.

Für dich kann ich auch den Begriff der Suche nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis von Produkten wählen, der du dich sicher auch nicht entziehst, für die du kein schlechtes Gewissen entwickelst und auch nicht über Entschädigungsleistungen nachdenkst. Nokia hat gegenüber niemandem vertragsbrüchig gehandelt. Also gibt es auch keine moralische Verpflichtung. In die Subventionskonditionen werden jetzt diverse Langfristverpflichtungen hineininterpretiert. Selbst das BMWI hat aber bestätigt, dass hier alles im grünen Bereich war.

Spritkopf, 22.01.2008 20:04

Mit mir mußt Du über den Subventionsirrsinn nicht diskutieren, insbesondere nicht, wenn er ausschließlich zu Zwecken des Standortwettbewerbs innerhalb der EU ausgetragen wird und gegenüber Subventionsnehmern, die sich die Finanzierung des subventionierten Objektes eigentlich aus eigenen Mitteln leisten könnten. Soweit sind wir also nicht auseinander.

David, 22.01.2008 23:58

Ich würde noch anmerken, daß hier nicht ‘der Steuerzahler’ die Entscheidung gefällt hat, Nokia mit Subventionsgeldern nach Bochum zu holen (und selbst wenn, wäre die Frage, was er sich davon denn versprochen hat und woraus da für Nokia moralische Verpflichtungen erwachsen könnten). Das Ganze geht nur dann auf, wenn man die Praxis der repräsentativen Demokratie mit der Theorie verwechselt.
Praktisch dürfte der “Handel” hier folgender gewesen sein: Steuergelder im Ausgleich für eine bessere Arbeitsmarktstatistik. Und diese Dienstleistung wird jetzt nach Ende der Zahlungen nicht mehr bereitgestellt, wie ja auch z.B. ein Telephonanschluß nur so lange funktioniert, wie er auch bezahlt wird. Da macht man in der Regel ja dem Anbieter auch keine Vorwürfe wegen unethischen Geschäftsgebarens.

 
 
 
 
Nummer 6, 22.01.2008 16:00

Die Gefassel von Ethik gegenüber den Verlierern ist eine moralische Bankrotterklärung hinsichtlich der Interessen anderer zukunftsorientierter Menschen und deren häufig nicht sichtbaren Schicksale.
Mit Ethik und Moral lässt sich natürlich nur argumentieren, wenn die Gegenseite die Wertigkeit anerkennt. Und Nokia eine gottgleiche Stellung zuzusprechen, die nach Belieben zerstören und erbauen darf, kann’s wohl auch nicht sein.

Ganz zweifellos mangelt es dem Welthandel nicht an Freiheiten für die Kapitalhandhabung. Für die Behandlung der Bevölkerung oder Umwelt sind praktisch keine Vorkehrungen getroffen. Das Kräfteverhältnis neigt sich so gezwungenermaßen auf eine Seite. Die andere dann einfach als Verlierer zu bezeichnen, wie oben geschehen, stellt die ethische Schwäche zweiter Instanz dar. Aber wie heißt es bei uns Fußballern so treffend: Es ist nicht schwer, ein Bayer-Fan zu sein.

Rayson, 22.01.2008 18:28

Nicht “nach Belieben”. Sondern im Rahmen der Gesetze und abgeschlossener Verträge. So wie jeder andere Nichtgott auch.

Es ist irrational und moralisch zweifelhaft, einseitig das Handeln von denen zu kritisieren, die bereits investiert haben.

Nummer 6, 22.01.2008 19:16

Doch nach Belieben. Weil die Nokia-Arbeiter kein Druckmittel haben. Erst die Abänderung der Gesetze und Grenzgepflogenheiten haben zu den globalen Wahlfreiheiten des Kapitals geführt.

Bei den diversen Grenzöffnungen und Harmonisierungen wurde zu viel Augenmerk auf die Handelsinteressen gelegt und zu wenig auf die Interessen der Menschen. Es war und ist auch immer so, dass man leichter Waren über die Grenzen kriegt als Personen.

Die bisher gegenspielerlose Kapitalzentriertheit ist ein immanenter Fehler der treibenden Kräfte von WTO und etwas geringer in der EU. Externalisierung wird so zum legalen Handlungsprinzip und menschliche Schicksale werden zu Kollateralschäden.

Gesetzestreue bekommt so schnell einen schalen Geschmack. Wenn die EU wenigstens demokratisch wäre, aber das EU-Parlament ist nichts weiter als eine Zustimminstanz.

Rayson, 22.01.2008 23:28

Doch nach Belieben. Weil die Nokia-Arbeiter kein Druckmittel haben.

Das hoffe ich doch auch. Verträge sollten zwischen den Partnern auf freiwilliger Basis geschlossen werden, und nicht, weil einer den anderen zu etwas zwingt. Wenn du mir also zeigst, wie Nokia seine Mitarbeiter zur Beschäftigungsaufnahme gepresst hat und sie dann nie mehr loslies, dann erzürne ich mich auch.

Erst die Abänderung der Gesetze und Grenzgepflogenheiten haben zu den globalen Wahlfreiheiten des Kapitals geführt.

Welche Abänderung welcher Gesetze? War Standortwahl in Deutschland mal so eine Art Ehe? Und wann wurde das per Gesetz abgeschafft? Aber du meinst ja eigentlich etwas anderes: Dir wäre es lieber, wenn die Rumänen erst dran kommen, nachdem die Deutschen das Buffet leergefuttert haben.

Es ist ja auch die Höhe, dass das Kapital nicht alleine in die Arme von Hochsteuer- und Hochlohnländern fließt. Womöglich könnten die Entwicklungs- und Schwellenländer dadurch Wohlstandsgewinne verzeichnen. Dabei sollen sie doch auf Entwicklungshilfe angewiesen bleiben. So stören sie nicht und wir haben ein gutes Gewissen. Gute, alte Zeit.

Lina, 23.01.2008 09:27

Den Thread mit Interesse mitgelesen, Rayson. Danach frage ich mich dennoch, warum der ebenfalls profitable, zuvor subventionierte deutsche Nokia-Arbeiter die Zeche (mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes) bezahlen soll, und vor allem: warum Nokia anstatt einer Werks-Verlegung nicht eine wiederum (und höheren) Gewinn bringende Werks-Neugründung (in einem Schwellenland) anstrebt – sozusagen im Sinne einer auch am “Humankapital” orientierten Gewinnmaximierung ;-)?

Kannst Du mir das erklären? Wenn nicht, dann bleibt das Unternehmen für mich der “Subventionsdieb”, der er hier schon genannt wurde.

Die Stimme auf dem Off, 23.01.2008 09:29

Aber Lina, Nokia hat die Subentionsbedingungen doch erfüllt, sonst wären sie doch zurückgefordert worden.

Sind es nicht eher die Politiker, die Gelder der Bürger “veruntreuen”, als das Nokia die Subventionen “gestohlen” hat?

Lina, 23.01.2008 09:59

Gut, das mag sein, DsadO, und ich registriere und beklage auch das.

Aber meine Frage bleibt, warum Kapitalismus heutzutage so aussehen muss, dass er seine Entscheidungen am Marktteilnehmer vorbei – sei er Mitarbeiter oder Konsument – auffällig bis provokativ an der rechnerisch optimalen Gewinnmaximierung festmacht.

Mein Eindruck ist, dass es nur noch darum geht, Kapital im Turboverfahren zu generieren. In finde das zutiefst inhuman. (Aber was rede ich: ich bin ja hier schon belehrt worden, dass der Markt nicht für den Menschen da ist ;-)

Die Stimme auf dem Off, 23.01.2008 10:14

“Mein Eindruck ist, dass es nur noch darum geht, Kapital im Turboverfahren zu generieren.”

Das war doch aber schon immer so und ist menschlich. Wer kauft Waren schon gerne unnötig teuer ein? Da das niemand macht, versucht man sie natürlich auch günstig herzustellen Das ist nicht unmenschlich, sondern Teil der menschlichen Natur. In Deutschland hat man nur leider seit Jahrzehnten versucht den Menschen den Unsinn von der sozialen Marktwirtschaft und den stabilen Renten glaubhaft zu machen. Man hat das Berufsbeamtentum erfunden und versucht öffentliche Versorger zu etablieren.

Das alles hat nicht funktioniert und jetzt spricht man deswegen davon, dass das Bestreben Gewinn zu maximieren wieder der menschlichen Natur sei. Das ist natürlich Unsinn, auch wenn das Ergebnis hart ist.

Lina, 23.01.2008 10:42

Ich lege Wert auf die Feststellung, DSado, dass ich das “Turboverfahren” und dessen gesucht raschen Niederschlag als Börsenwert meinte. Allein dieses Verfahren bezeichne ich als unmenschlich, weil es am Bedürfnis des Einzelnen vorbeioperiert.

Es wäre absurd anzunehmen, dass Gewinnstreben nicht ein sogar wesentlicher Teil der menschlichen Natur sei. Und weil es genau so ist, stellt der Kapitalismus die ihr einzig angemessene Wirtschaftsform dar, der aber – und daran halte ich weiter fest – ein Korrektiv im Interesse und nach Massgabe der Allgemeinheit braucht – zur immanenten Triebkontrolle sozusagen ;-). – Danke für Deine Einlassung!

Die Stimme auf dem Off, 23.01.2008 13:38

“… weil es am Bedürfnis des Einzelnen vorbeioperiert.”

Ich bin mir sicher, dass die Aktienanleger Aktien kaufen und das auch weiterhin tun werden, weil sie nämlich in einer weltweiten Phase der zunehmenden Liberalisierung der Märkte gar keine andere Wahl haben und es damit ihren Bedürfnissen entspricht. Aktien werden auf absehbare Zeit auch weiterhin eine deutlich höhere Wertentwicklung aufweisen als alle anderen Anlageformen.

Sie könnten ihr Geld natürlich auch in Gold anlegen, nur sollten sie es dann auch nach Hause tragen und nicht in den Banken liegen lassen, weil es so nämlich auch irgendwann weg ist. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit den Privatbesitz von Gold unter Strafe zu stellen… ;-)

Ich schließe mich Dir aber an, was die Geschwindigkeit angeht. Man hätte sicherlich mit Erweiterung der EU noch etwas warten können, weil die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung ziemlich brutal sind. Allerdings wäre das aus politischen Gründen (insbesondere geostrategischen) wohl nicht so schlau gewesen, sodass am Ende wohl doch richtig gehandelt wurde.

Ich behaupte auch, dass trotz aller Kursrückschläge historisch die Käufer von Aktien im Vergleich zu anderen Kapitalanlegern glücklicher waren. Wenn ich mich vorstelle als Sklave der Kommunisten mein Leben lang auf einer LPG schuften zu müssen, da mit ich mir im Alter drei Apfelsinen im Jahr und zum Parteitag Bananen kaufen kann, dann vertraue ich mich doch lieber dem Turbokapitalismus an. Wer in den 70er Jahren Geld in Aktien investierte und sie selbst jetzt noch verkauft, hat wohl eine höhere Rente als der LPG-Sklave.

Transparenz und Zuverlässigkeit halte ich daher für viel wichtiger, als eine Geschwindigkeitsbremse. Die Manager der Fonds müssten zur Verantwortung gezogen werden können, wenn sie Mist bauen. Da die Beweisführung ziemlich schwierig ist, würde ich bestimmte Formen der Beweislastumkehr einführen, also weg von in dubio pro reo. So würde es ganz sicher wieder seriöser an den Börsen zugehen.

 
 
 
 
 
Rayson, 23.01.2008 12:17

@Lina

Warum “bezahlt” der deutsche Nokia-Arbeiter “die Zeche”? Nimmt man ihm etwas weg, das ihm gehört? Nokia hat, wohl auch geködert durch den Subventionswurm, in Bochum Arbeitsplätze geschaffen bzw. gelassen, die sonst woanders entstanden wären. Nur, weil wir die Arbeiter, die sonst in einem Nokia-Werk irgendwo auf der Welt das getan hätten, was die Bochumer getan haben, nicht sehen können, tun wir so, als sei gebe es so etwas wie ein Produktionsrecht für diesen Standort. Ein klassischer Fall von Bastiats “ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas”.

Deine zweite Frage verstehe ich allerdings ehrlich gesagt nicht. Eine Kapazitätserhöhung stand doch wohl nicht zur Debatte.

Lina, 23.01.2008 14:00

Nein, Rayson, ich sehe nicht nur das, was ich sehen will, ich sehe auch darüber hinaus. Ich sehe, dass es theoretisch (im Sinne einer am Humankapital orientierten oder interessierten Unternehmensplanung!) keinen akzeptablen (!) Grund dafür gibt, ein profitables Werk zu schliessen, um das selbe anderswo profitabler zu machen.

Für diesem Fall empfehle ich, die hier nichts zu melden hat ;-), die Kapazitätserhöhung – die zwar, wie Du sagst, nicht zur Debatte stand, sich aber doch allein des wachsenden Bedarfs der Schwellenländer rechnen dürfte. Die rumänisch produzierten Handy finden ihren Absatz bei höheren Profiten in Rumänien und der Welt – und die Neuinvestition lohnt dennoch.

Eine Milchmädchenrechnung, weil sie nicht den Gewinnmaximierungsvorstellungen von Nokia entspricht, auch keinen weltweit errechneten Bedarf an Nokia-Handys zugrunde legt? Klar, das ist nur eine prinzipielle Rechnung, die auch die Interessen anderer Marktteilnehmern (ausser Nokias) berücksichtigen will. Eigentlich ist es die Vorstellung von einem Kapitalismus, der nicht unbedingt das “Raubtier” oder die “Heuschrecke” im Namen tragen muss, sondern auf breiter Front verstanden und akzeptiert werden kann.

Der Kern meiner Kritik ist die Beliebigkeit des Umgangs mit dem “Werkzeug” Mensch, da mag es zwischen den Vertragspartnern aus Politik und Wirtschaft rechtlich aussehen, wie es will.

Rayson, 23.01.2008 15:49

@Lina

Zunächst mal hieß es nicht “et ce qu’on ne veut pas voir”…

Deine Argumentation basiert darauf, dass du meinst, das Geschäft von Nokia besser zu verstehen als Nokia selbst. Du magst deine Gründe dafür haben, wirst mir aber sicher verzeihen, wenn ich dieser These so unmittelbar nicht folgen kann.

Oder aber im Hintergrund lauert die allwissende Lina, die aufgrund ihres sozialen Gewissens und einer überragenden volkswirtschaftlichen Weitsicht in der Lage ist, individuell für jedes Unternehmen den “angemessenen Gewinn” zu bestimmen und darauf basierend Urteile fällt.

Es ist aber ganz einfach weiter ein “Bastiat-Fall”, wenn ich denen, die weniger profitabel fertigen als andere, mit irgendwelchen aus meiner Sicht fragwürdigen Moralvorstellungen verwehren will, sich denen anzupassen, die von vornherein auf den günstigeren Standpunkt gesetzt haben.

Die Arbeitsplätze wurden geschaffen, weil Nokia so gierig nach Gewinnen war, und sie gehen jetzt nach Rumänien, weil Nokia weiterhin gierig nach Gewinnen ist. Die eine Gier war gut und richtig, die andere wird gegeißelt. Verstehe das, wer will.

Wenn im Zusammenhang mit dem Nokia-Fall etwas “beliebig” ist, dann die Argumentation der selbsternannten Moralisten.

Lina, 23.01.2008 16:13

Das, lieber Rayson, nehme ich jetzt mit dem von mir verlangten (und auch vorrätigen) Humor, der sich um Übersetzungen aus dem halbvergessenen Französisch nicht weiter kümmert. (Aber eine Schande ist es doch ;-)…

Und ich schreibe es mir hinter die Ohren! Eine Garantie, dass ich argumentativ nicht wieder vom soeben durch Dich Korrigierten abweiche, kann ich Dir angesichts Deiner zutreffenden Charakterisierung leider nicht geben. Sieh’ es ein, bitte!

P.S.: Dass von Moral bei mir nicht einmal die wörtliche Rede war, könntest Du mir immerhin gutschreiben, ja? Ich habe mich doch bemüht…

Rayson, 23.01.2008 16:20

@Lina

Und du beziehst bitte nicht alles direkt auf dich, was ich so als Antwort schreibe, ok? Direkt wurde ich ja schon genug…

Obwohl ich glatt behaupten würde, dass man moralische Argumentationen auch konkludent erkennen kann.

Aber ich bin da wohl so wie du auch einigermaßen emotional bei der Sache.

 
 
 
steffen4iuf, 23.01.2008 17:28 Subscribed to comments via email

Nokia maximiert seinen Gewinn und nicht sein Humankapital. Das alte Werk kann nicht rentabel sein, wenn der Bau eines neuen Werkes höhere Gewinne erwarten lässt. Denn wenn sich der Gewinn noch weiter steigern lässt, dann ist man nicht im Gewinnmaximimum. Aus gesamtwirtschaftlicher Sichtweise macht es jedoch keinen Sinn von dieser Strategie zugunsten anderer Marktteilnehmer abzurücken. Wieso sollte ein Unternehmen den Gewinn seiner Konkurrenten maximieren. Das würde bedeuten, dass niemand mehr Anreize zur Kostensenkung und zur Innovation hat. Es ist wohl eher das Missverständnis von Marktvorgängen, der dem Verständnis und der Akzeptanz des Kapitalismus als auf freiwilligen Tauschhandlungen basierendem Wirtschaftssystem entgegen steht. In der Freiwilligkeit von wirtschaftlichen Transaktionen liegt der Schlüssel zur Beurteilung dieses Problems. Die Nokia-Arbeit mögen nicht freiwillig ihren Job verlieren, aber sie haben freiwillig Verträge unterzeichnet, die eine betriebsbedingte Kündigung nicht ausgeschlossen haben.

Ich schließe mich daher Raysons Empfehlung der Lektüre von Bastiat an. Noch illustrativer, moderner und auch detaillierter hierzu schreibt Russell Roberts in “The Choice. A Fable of Free Trade and Protectionism”. Das könnte einiges an Konfusion zurechtrücken.

Lina, 23.01.2008 21:19

@ Steffen4iuf

“Es ist wohl eher das Missverständnis von Marktvorgängen, der dem Verständnis und der Akzeptanz des Kapitalismus als auf freiwilligen Tauschhandlungen basierendem Wirtschaftssystem entgegen steht.”

Einverstanden, aber wie soll sich an diesem Missverständnis etwas ändern, wenn sich Marktvorgänge quasi anonym, isoliert und konfrontativ (wie in Bochum) vollziehen? Solange das System sein “Material”, den arbeitenden Menschen, nicht in seine Überlegungen mit einbezieht, ihn daran teilhaben lässt, zementiert es nur die (wiederum von Politik und Gewerkschaften für ihre Zwecke nutzbare) Konfusion. Dass solche Begleiterscheinungen egal sein sollen, will mir partout nicht in den Kopf.

Danke für den Lese-Tipp!

SteffenH, 25.01.2008 00:01 Subscribed to comments via email

Mal aus der anderen Perspektive: Der Druck der Nokia-Belegschaft jetzt, zieht die Verantwortlichen bei Nokia, die Konsumenten und die potentiellen Gewinner in Rumänien auch nicht in seine Überlegungen ein. Und noch einmal, ein Arbeitsvertrag hat Vereinbarungen, in denen eine betriebsbedingte Kündigung nach Ablauf der Kündigungsfrist als Option fixiert ist. Unterrichtest du deinen Friseur mehrere Jahre vor dem Wechsel zur Konkurrenz von deinen Absichten?

Und, bitteschön! ;-)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
Jan, 22.01.2008 18:40

Niemand spricht Nokia eine gottgleiche Stellung zu. Allerdings haben Ethik und Moral in dieser Diskussion nur bedingt etwas zu suchen.

Diese ganze Ethik-Debatte lässt zwei Punkte komplett aussen vor:
1. Warum werden mit Steuergeldern Strukturdefizite nur kaschiert und nicht dadran gearbeitet, dass D bzw. NRW von sich aus ein lohnender Standort wird?
2. Warum regt sich keiner über die Leute auf, die die Menschen erst durch Ansiedlungssubventionen zum Spielball der “Subventionsheuschrecken” gemacht haben (siehe 1.)?

Nummer 6, 22.01.2008 19:24

Tja, die Politik versucht’s halt immer mit dem einfachsten Weg. Und nicht zuletzt ist es auch ein sehr schwieriges Problem. Ich selbst bin auch unzufrieden, dass die Menschen in China so skrupellos ausgenutzt werden und ich, ohne es zu wollen, durch meine Kaufentscheidungen dazu beitrage. Leider sehe ich mich aber außer Stande bei jedem Einkauf auf Ethik-Kombatibilität zu testen. Zum Einen weil ich die Zeit nicht habe und zum Andern weil es mich schlicht überfordern würde. Ebenso wie es mich überfordern würde, beim Gemüsehändler die Tomaten auf Pestizidfreiheit zu testen. Dafür ist der Staat da. So unsexy das auch klingt.

David, 23.01.2008 00:02

Damit, die chinesischen Produkte zu boykottieren, hättest Du den ausgebeuteten Chinesen bestimmt mächtig geholfen. Die müßten sich dann nicht mehr ausbeuten lassen, sondern könnten ja von Hartz IV … oder … upps…

Nummer 6, 23.01.2008 18:18

Ja, man könnte ihnen und uns helfen, wenn die unethischen Waren bei uns nicht mehr so leicht verkaufbar wären.

Das ist halt wie Gammelfleisch. Das lässt sich nur locker verkaufen, wenn die Käufer nicht wissen, dass es Gammelfleisch ist.

David, 24.01.2008 01:59

Und Du meinst wirklich, zu sagen: Igitt, von denen kauf ich nicht, die lassen sich ja ausbeuten, hilft ihnen? Oder wie soll es danach weitergehen? Das wäre jetzt interessant.

 
 
 
 
 
 
Medea, 23.01.2008 17:25 Subscribed to comments via email

@steffen4iuf
“Welche ethischen Standards? Nokia schafft in Rumänien Arbeitsplätze”

Mir geht das Moralisieren auch erheblich auf die Nerven.

1. Da gab es schon mal ein Werk, das einfach geschlossen wurde. Über 1.000 Mitarbeiter wurden damals sozusagen von heute auf morgen arbeitslos. Das Werk änderte seinen Standort innerhalb der EU, halt wie Nokia jetzt. Damals gab es überhaupt keine Proteste gegen einen Standortwechsel. Warum nicht?
Das Werk lag in Belgien und die Firma zog nach Leipzig um. Damals wurde der Standortwechsel hoch gelobt. Ich meine, es war DHL, die nach Leipzig zogen.

Damals haben wir gewonnen, jetzt halt verloren und Rumänien gewonnen.

2. Es waren deutsche Politiker im EU-Parlament, die die Subventionsbindung einer Firma auf 5 Jahre abgesenkt haben. In Frankreich beträgt es 10 Jahre, in Spanien 12 Jahre.
Nokia hat diese Subventionsbindung voll eingehalten und die Leute hatten hier immerhin 10 Jahre Arbeit.

3. Die EU gab Millionen für den Aufbau eines Industrieparks in Rumänien, damit diese Länder auf den Stand der westlichen Staaten kommen.

Was nun? Lösen wir die EU wieder auf, damit sie mit unserem Geld nicht den anderen Ländern hilft?

Und hier wird doch niemand derart naiv sein zu glauben, die Politiker hätten nicht schon vor einiger Zeit gewusst, dass Nokia in Bochum schließt. Es ist absolut lächerlich, dass jetzt die Politiker in Bonn ihre Nokia-Handys weg werfen (spiegel-online) aus angeblicher Solidarität und so tun, als wären sie von der Schließung Nokias überrascht worden.

Es wundert mich doch sehr, wie hier der “Obrigkeit”, also den Politikern geglaubt wird. Niemand nimmt soviel ein wie der Staat, wenn z. B. die Preise bei Energie steigen, allgemein die Preise steigen. Bei den hohen Steuern liegt unser Dilemma.

 
 
R.A., 22.01.2008 15:46

> daß man auch im Geschäftsleben nicht alle
> ethischen Standards über Bord wirft.
Ich sehe keinen einzigen (im Wirtschaftsleben üblichen und vernünftigen) ethischen Standard, den Nokia verletzt haben soll.

Medea, 23.01.2008 17:27 Subscribed to comments via email

@R.A.

Ja, richtig. Ich sehe auch keinen.

 
 
 
 
Patrick, 22.01.2008 14:04

Man kann über diesen “Karawanen-Kapitalismus” (Peer Steinbrück laut FAZ) ja sagen was man will. Jedoch muss wohl sich jeder Deutsche, der ständig auf der Suche nach den günstigsten Schnäppchen den Einzelhandel durchstreift, den Vorwurf gefallen lassen, dass er indirekt genau solche Tendenzen fördert.

Zwar geht es im konkreten Fall vermutlich um die Erschließung von neuen Märkten im Osten Europas und in Asien, dennoch lässt sich auch hierzulande vor allem gut verkaufen, was billig ist.

Ob die Strategie Nokias im Konkreten Fall auch langfristig betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, läßt sich vermutlich schwer sagen. Es wird schon einige Jahre daueren, bis der Bau eines neuen Werkes refinanziert ist. Wie es dann um die Löhne in Rumänien steht, und ob evtl. gleich der nächste Umzug ins Haus steht, dürfte abzuwarten sein.

steffen4iuf, 22.01.2008 15:35 Subscribed to comments via email

Ich würde mal vereinfacht sagen, dass das Umherstreifen nach Schnäppchen der Motor wirtschaftlicher Entwicklung ist. Denn gäbe es diesen Trieb nicht, würde niemand die Produktivität seiner Produktion steigern, keine Forschung betreiben und nichts Neues entwickeln.Mit anderen Worten, wir säßen noch in Steinzeit am Lagerfeuer. War ja auch schön damals…

Nummer 6, 22.01.2008 18:51

Dagegen ist auch nichts einzuwenden. In neuerer Zeit ist es nur so, dass das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit sich zunehmend verschiebt. In dem Maße wie früher das Kapital durch Grenzen und langsamen Transport beschränkt war, ist es heute die Arbeit immer noch. Eine Renomadisierung der Bevölkerung würde das Problem eher nicht Lösung, weil zuerst die Bildung unter solchen Maßnahmen leiden würde.

Entweder man findet eine Formel, um Kapital und Arbeit wieder in eine verträgliche Konkurrenzsituation zu bringen, oder das soziale Gefüge wird in den industrialisierten Staaten wieder auseinanderdriften. Aber natürlich gibt es auch in diesem Szenario Individuen, die es sich fein eingerichtet haben und denen jede Änderung ungelegen käme.

Wie recht jedem Einzelnen diese Aussichten als Zukunftsperspektive sind, ist Geschmacksache und wird vermutlich nicht unwesentlich davon beeinflusst, welche Position man sich selber dabei ausrechnet. Von einer Gesellschaft mit Chancengleichheit und Wohlstand für alle könnte man sich aber nicht effektiver verabschieden als auf die betriebswirtschaftliche Nokia-Weise. Dem Menschen als genetisch fixiert sozialem Wesen würde das am wenigsten gerecht und an eine “bessere Zukunft” unter diesen Voraussetzungen, kann ich nicht recht glauben. Dafür sind mir die Zeiten, als z. B. Streik noch ein probates Mittel war und Lebensverbesserungen für breite Bevölkerungsschichten brachte, noch zu gut in Erinnerung.

Waffengleichheit der Kontrahenten sorgt für faire Grundbedingungen und würde auch für einen funktionierenden Arbeitsmarkt sorgen. Diese Waffengleichheit herzustellen wäre die Aufgabe der Politiker, nicht mit dem Nokia-Vorstand zu telefonieren, das ist billigstes Schmierentheater.

 
 
Medea, 23.01.2008 17:30 Subscribed to comments via email

@Patrick

Wir bezahlen alle nicht den dreifach höheren Preis, nur weil das mit hohen Lohnkosten in Deutschland hergestellt wurde, wenn wir das Gleiche auch billiger haben können.

Das Geschwafel der Politiker ist eine durchsichtige Sache.

 
 
Lemmy Caution, 22.01.2008 16:55

In der Diskussion wird imho zu wenig berücksichtigt, dass die Intention der Verlagerung ja wohl vor allem darin zu suchen ist, dass es Nokia unmöglich erschien, Zulieferer für den Standort Bochum zu begeistern und weniger in den zu hohen Lohnkosten für Nokia selbst.

 
Alrik, 22.01.2008 17:51

WTF ?
Dauerhaft in Bochum bleiben, nur weil es einmalig Subventionen gab ?
Nichts ist dauerhaft. Die Steinkohleförderung wurde auch mal (und wird immer noch) kräftig subventioniert, und keiner käme auf die Idee deswegen zu fordern das deswegen die Deutschen Zechen niemals geschloßen werden dürfen.

Auch Produktionsstandorte machen einen Lebenszyklus durch, sie werden irgendwann mal gegründet, wachsen und sterben auch irgendwann mal.

Man sollte mal die Subventionen von Nordrhein-Westfalen an Nokia mit den Löhnen und Gehältern verrechnen die Nokia an die Beschäftigten gezahlt hat (und dabei anfallenden Steuern) – NRW dürfte da durchaus Plus gemacht haben, oder sie sind dümmer als ich dachte…

 
BvG, 22.01.2008 22:00 Subscribed to comments via email

Man hört, dass die EU-Subventionen in Rumänien ursächlich für die Abwanderung sein könnten. Sind die Nokianer regelrechte Subventionssammler?

Und wenn schon: Falsche Politik schafft Diebe.

David, 23.01.2008 00:07

Wo ist der Dieb?

 
 
Glück auf, Bochum, 30.01.2008 21:50

[...] Es wartet nicht, bis Verluste auflaufen, sondern vermeidet sie von vornherein“, heißt es im Blog. Der Kommentar mit dem wedelnden Zeigefinger folgt sogleich: „Auch wenn man Liberaler ist, sollte [...]

 
Robert, 06.02.2008 11:51

Die ersten Nokia-Handys aus Rumänien sind da…

http://www.derwesten.de/community/bitnik/photos/16949/

 

Beitrag kommentieren

Name (erforderlich)
E-Mail-Adresse (notwendig - wird nicht angezeigt)
URI