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Klüger werden in Zeiten des Internets

03.02.2008 13:32 - Statler & Waldorf by Statler

Wenn heute noch, na sagen wir mal, 1992 wäre, dann hätte sich vermutlich kaum jemand die Mühe gemacht, vierzehn Jahre alte Mitschnitte aus einer Wahlkampfdebatte um einen Senatssitz herauszusuchen. Wozu auch? Man hätte sich die Arbeit machen müssen, in die Archive eines Fernsehsenders hinabzusteigen und dort zu suchen. Und hätte man sie gefunden, dann wäre nicht einmal sicher gewesen, daß jemand die Fundstücke nochmals gesendet hätte, um jetzt, in diesem Wahlkampf, vierzehn Jahre später zu beweisen, daß Mitt Romney ein wankelmütiger Geist ist.


Heute ist 2008, da sieht das natürlich anders aus. Man findet den Film, stellt ihn bei YouTube rein, und schon weiß jeder, daß Mitt Romney ein Flip-Flopper ist, der je nach Zielgruppe seine Position ändert. Das kann man toll finden, schließlich fördert es doch politische Wahrhaftigkeit — man kann ja jetzt Opportunismus mittels eingiger Videoschnipsel beweisen. Aber andererseits erhöht das Internet damit natürlich die Kosten des Dazulernens. Wann immer eine öffentliche Persönlichkeit ihre Meinung ändert — weil sie möglicherweise einfach klüger, oder besser informiert wird — kann sie vom politischen Gegner ganz anschaulich als Opportunist denunziert werden.

Kann man sich darüber wirklich freuen? Wenn Politiker lernen, wie das Internet funktioniert, dann wird in ihrem Kalkül die Konsistenz ihrer Positionen über die Zeit wahrscheinlich wichtiger werden als im Moment, die Möglichkeit des Dazulernens aber an Attraktivität verlieren. Ist dies wirklich das, was wir von politischen Entscheidungsträgern wollen? Immerhin von Lord Keynes, dem auch oft genug Wankelmütigkeit in ökonomischen Fragen vorgeworfen wurde, stammt die Frage: “When the facts change, I change my opinion — what do you do, sir?“.

Aber es geht ja nicht nur um Fakten, sondern auch um ideologisches Lernen. In der Nachtstudio-Wiederholung redet gerade Günther Schabowski über die DDR, und ich habe das Gefühl, daß der Mann ehrlich entsetzt ist über das Regime, in dem er damals zum engsten Führungszirkel gehörte. Warum sollte man ihn deshalb als Opportunisten abkanzeln? Sollte man sich nicht lieber darüber freuen, daß ihm ein Licht aufgegangen ist?

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9 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Christian Hoffmann, 03.02.2008 13:58

Im Falle von Wissensarbeitern sicher ja. Im Falle von Politikern sieht das anders aus. Das Eingestehen eines Irrtums ist menschlich und nicht unsympathisch. Das ständige Ändern einer Meinung ja nachdem, woher der Wind der öffentlichen Meinung weht, ist… Politik. Und m.E. ziemlich verachtenswürdig.
Romney ebenso wie die Clintons sind Musterbeispiele solcher profil-, grundsatz- und prinzipienloser Politiker. Ich nenne sich auch “Plastikpolitiker” - sie sind wie Barbiepuppen, in die jedes Kind seine eigenen Wünsche und Szenarien hineinprojizieren kann.

 
Dagny, 03.02.2008 14:08

Es wäre zu Begrüssen, wenn der Trend dazu ginge, dass Politiker ihre Zeitpräfenz angesichts dieser Möglichkeiten in Richtung Langfristigkeit ändern. Aber ich glaube nicht daran.

 
Florian Heinhold, 03.02.2008 15:56

Ich habe auch nichts gegen eine Meinungsänderung aufgrund veränderter Fakten. Als Clinton sich für seine Haltung während des Völkermords in Ruanda entschuldigte, fand ich das toll. Was mich stört sind Meinungsänderungen aufgrund veränderter Umfragewerte.

Romney war ein überzeugter Liberaler, als er im liberalen Massachusetts etwas werden wollte. Jetzt ist er ein eingefleischter Konservativer, weil er die konservative Basis der Partei braucht.

Und in beiden Fällen spielt er seine Rolle so überzeugend und mit so viel Gefühlsduselei, dass man ihm wirklich glauben will: “Eine liebe und enge Verwandte von mir ist wegen einer illegalen Abtreibung gestorben. Seitdem ist für mich, für meine Mutter und für meine Familie klar, dass jeder glauben darf, was er will. Aber niemand darf seine Überzeugung anderen aufdrängen. Ihr werdet es nicht erleben, dass ich in dieser Frage umschwenke…” - das war seine Pro-Choice Rechtfertigung damals, und ich hätte sie ihm abgenommen.

Jetzt hat er eine ähnlich anrührende Geschichte über seine Sorge vor Orwellschen Verhältnissen im Zusammenhang mit embryonaler Stammzellenforschung, um seine Pro-Life Haltung zu rechtfertigen.

Bei Gun-Controll, Immigration, und Gay Rights ist es genau dasselbe. Und all diese Haltungen sind nicht 14 Jahre alt, sondern gerade mal 2 Jahre. Erst 2005 schwenkte er mit einem aufsehenerregenden Editorial ins Pro-Life Lager um.

Für mich ist das ein bisschen zu viel Einsicht in zu kurzer Zeit und dafür verdient er kritisiert zu werden - so wie alle anderen Kandidaten auch ihre Schwachstellen haben, die es genauso zu kritisieren gilt.

DDH, 03.02.2008 17:48

@Florian: In der Tat, bei Romney kann einem schwindelig werden!

 
 
DDH, 03.02.2008 17:46

@Statler: Bei Schabowski sehe ich das genauso wie Du. Ein glaubhaft reumütiger Sünder, der übrigens schon als SED-Bonze ein für damalige Verhältnisse ungewohntes Maß an Courage und Wirklichkeitssinn besaß. Als Parteichef der Hauptstadt so etwas wie ein Analogon zu Moskaus Parteichef Jelzin.

btw.: Bei den Republikanern hat übrigens Giuliani meinen Respekt durch ein paar sehr freundliche Worte über Ron Paul erworben! Paul ist vieles, nur kein Flip-Flopper. :-)

 
Florian (das Original), 04.02.2008 19:33

Ich bin mir nicht sicher, ob Prinzipientreue wirklich eine so positive Eigentschaft für einen Politiker ist.

Politiker sollen in einer Demokratie (mehr oder weniger) die Wünsche der Mehrheit exekutieren. Und wenn sich die Wünsche der Mehrheit ändern, warum soll sich dann nicht auch die Politik ändern?

Wenn in einer Stadt eine deutliche Mehrheit der Bürger für ein neues Schwimmbad und gegen eine neue Umgehungsstraße ist, ist es dann verwerflich, wenn der Bürgermeistr sich bemüht, ein Schwimmbad zu bauen?
Und wenn sich dann die Meinung der Bürger ändert (warum auch immer), warum ist es dann verwerflich, wenn der Bürgermeister sich den geänderten Präferenzen seiner Wähler anpasst?
Warum muss der Bürgermeister “prinzipientreuer” sein als seine Wähler?

DDH, 04.02.2008 21:38

Guter Einwand! Du bestätigst damit meine Vorbehalte gegenüber der Demokratie! :-)

 
 
Florian Heinhold, 05.02.2008 14:30

@Florian (das Original)
Bürgermeister im Wahlkampf 2005: “Eine nahe Verwandte von mir ist auf einer Umgehungsstraße überfahren worden. Seitdem habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, Umgehungsstraßen zu verhindern, Ihr werdet es nicht erleben, dass ich in dieser Frage wanke. Es lebe das Schwimmbad!”
Bürgermeister im Jahr 2007: “Schwimmbäder sind eine Bedrohung für die Sicherheit unserer Kinder. Jedes Jahr ertrinken weltweit etliche der hilflosesten Mitglieder unserer Gesellschaft. Ich bin ein überzeugter Kämpfer gegen das Wasser. Es lebe die Umgehungsstraße!”

Klar kann der Bürgermeister seine Meinung ändern. Nur sollte er dann eben auch als moderater Pragmatiker antreten und nicht als prinzipientreuer Überzeugungs-Politiker.

Wenn Romney sich im Wahlkampf als “the conservative Choice” geriert, als Verteidiger der Reagan-Coalition gegen die Bedrohung durch den “Liberal” McCain, dann muss er sich eben Fragen zu seinem Political Record gefallen lassen. Und der ist nunmal alles andere als konservativ.

 
A P R, 06.02.2008 13:15

Wundert das?

Die Vorstellung breiter Kreise vom Idealpolitiker sind doch immer noch die eines Führers, der von der göttlichen Vorsähunk den rechten Weg gewiesen bekam und unbeirrt-unverfälscht demselben folgt - die Herde hinter ihm brav her.

In diesem Politikverständnis (das sich in anderen Feldern selbstverständlich genauso nachweisen lässt) muss jeder eigenständige Gedanke als Systembedrohung erscheinen - sowohl beim Leitschaf als auch bei den folgsamen Schafsbrigaden.

Wer in einer Demokratie Politikern die übliche menschliche Fehlbarkeit, Kurzsichtigkeit, Eigensüchtigkeit und so weiter vorwirft, hat m. E. den Sinn und Zweck des ganzen verfehlt: Wenn wir perfekte unfehlbare Superschlaumeier hätten, wäre ihre Wahl durch das logisch notwendigerweise dämlichere, irrigere, fehlbarere Volk nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv.

 

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