Kaufkraft?
Oliver M.H., 12.02.2008
Schade, dass Kollege Statler nicht da ist, ich hätte da nämlich einmal eine Frage. Und zwar, weil ich gerade etwas irritiert bin. Auf SPIEGEL online lese ich:
London, Luxemburg, Brüssel, Hamburg: Bürger in diesen Regionen verfügen über die höchste Kaufkraft, ergibt eine EU-Studie. Am wenigsten können sich in Deutschland die Bewohner im Nordosten Brandenburgs leisten.
Luxemburg – Hamburg, Oberbayern und Darmstadt haben in Deutschland die größte Kaufkraft – das geht aus einer heute veröffentlichten Tabelle des EU-Statistikamtes Eurostat hervor. Sie vergleicht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner der 271 EU-Regionen für das Jahr 2005.
Wenn ich mich recht erinnere, dann ist das Bruttoinlandsprodukt das Maß der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Man kann es natürlich durch die Bevölkerungszahl teilen und erhält dann ein BIP je Einwohner. Aber was soll das bitteschön mit der Kaufkraft zu tun haben? Entweder ist Kaufkraft das verfügbare Einkommen der Haushalte (was mit dem BIP je Einwohner nur mittelbar etwas zu tun hat) oder Kaufkraft hat etwas mit dem Preisniveau zu tun, etwa wenn man unterschiedliche Devisen miteinander vergleicht (was dann erst recht nichts mit dem BIP je Einwohner zu tun hat).
Entweder habe ich also in meinen VWL-Vorlesungen etwas verpasst, oder der SPIEGEL hat sich da gerade einen ziemlichen Unsinn zusammengeschrieben.
antibuerokratieteam.net





Keine Panik, ich bin doch bei Euch! ;-)
Aber der SpOn-Artikel erklärt es ja eigentlich selbst:
“Laut Eurostat werden die Zahlen dort in die Höhe getrieben, wo es erhebliche Pendlerbewegungen gibt. Die Nettozahl der Personen, die täglich in diese Regionen pendelten, erhöhe die Produktion auf ein Niveau, das von den Erwerbstätigen vor Ort allein nicht erreicht werden könne. Dies erkläre zu einem Großteil die EU-weiten Spitzenwerte, die im Zentrum Londons mit 303, Luxemburg mit 264 und Brüssel mit 241 Prozent erreicht werden. Regionen, aus denen viele Menschen in Ballungszentren pendeln, hätten hingegen besonders geringe Werte.”
Womit auch der Hamburg-Ausreißer in Deutschland erklärt wäre. Oder das Paradox, daß Bremen beim BIP pro Kopf immer sehr gut abschneidet, aber trotzdem jedes Jahr einen katastrophalen Haushalt verabschiedet.
Wenn Eurostat etwas über die Kaufkraft der Hamburger aussagen wollten, dann müßten sie tatsächlich vom Hamburger BSP ausgehen, nicht vom BIP (wir erinnern uns an die VWL1-Vorlesung: BIP -> Inlandprinzip, BSP -> Inländerprinzip), und das dann mit dem lokalen Preisniveau deflationieren. Dann hätten wir tatsächlich einen Indikator, der halbwegs mißt, wie viele reale Güter sich der Durchschnittshamburger, verglichen mit dem Durchschnittsvorpommern leisten kann. Aber so wie Eurostat das laut SpiegelOnline macht, ist das allenfalls als sehr grobe Annäherung zu gebrauchen.
Ein Blick auf die Quelle offenbart, dass es um das BIP je Einwohner geht, das in Kaufkraftstandards ausgedrückt wird.
Damit will man berücksichtigen, dass es für den dadurch ermöglichten Lebens- bzw. Konsumstandard einen Unterschied macht, ob jemand 100 Euro in Mecklenburg-Vorpommern erwirtschaftet oder in München.
Danke, Statler, dann bin ich beruhigt. Die hohen Werte für BIP/Kopf haben mich auch gar nicht gewundert, denn die erklären sich wie Du schon sagst von selbst, wenn man an Pendler denkt. Ich war mir nur nicht sicher, ob es evtl. noch eine weitere Definition von Kaufkraft gibt, die mir bis dato unbekannt war. Offenbar also nicht.
Nochmals danke und fröhliches Weiterfasten!
Das BIP taugt zum regionalen Vergleich ohne nur sehr eingeschränkt. Da auch die öffentlichen Ausgaben BIP-steigernd wirken, schneiden auch Hauptstädte von Flächenländern immer ein wenig besser ab, weil aufgrund der dort zumeist geballten öffentlichen Verwaltung eine Menge Ausgaben erfasst (und nicht unbeding nur getätigt) werden. Will heißen: Wenn das Landesamt L des Bundeslandes B eine Ausgabe für die Region R tätigt, so führt dies dazu, daß das BIP in der Hauptstadt H steigt, da sich dort der Sitz des L befindet. Paradoxe Wirkung: Statistisch wird die H wohlhabender, obwohl sich de facto gar nichts getan hat.
Daß BSP gibt aber auch nicht wirklich viel her, da viele faktische ausländische Faktoreinkünfte in ausländischen Kapitalgesellschaften thesauriert werden, meist aus steuerlichen Gründen. Formal handelt es sich dabei dann nicht mehr um Einkünfte von Inländern im Ausland, faktisch aber schon. Gerade bei Orten mit hohem Auslandsbezug kann dies eine erhebliche Rolle spielen, zumal hier das Steuerrecht eine bewusste Verzerrung auch noch begünstigt.
Auch der üble Bremer Haushalt sagt wenig über das lokale BIP aus – so, wie da in den 70ern und 80ern gewirtschaftet wurde, hätten die jedes Bundesland kleingekriegt. Nebenbei bemerkt: Bremen hat überdurchschnittlich hohe Pro-Kopf-Steuereinnahmen – auch VOR dem LFA…
Summa summarum: Ich sehe eigentlich überhaupt keine Größe, die die Prosperität / Kaufkraft einer Region wirklich gut abbilden würde…
Bei einer Alternative der Art:
“Entweder …, oder der SPIEGEL hat sich da gerade einen ziemlichen Unsinn zusammengeschrieben.”
sollte man sich grundsätzlich für die zweite Alternative entscheiden.
Preisbereinigt wird aber offenkundig nur mit nationalen Preisniveaus, nicht mit regionalen. Alles andere würde mich auch wundern. Meines Wissens gibt es keine statistischen Erhebungen des regionalen Preisniveaus in Deutschland. Die Statistik berücksichtigt also dezidiert nicht die Preisunterschiede von Greifswald und München, sondern nur zwischen Deutschland und England.
Die meisten (alle?) Statistischen Landesämter veröffentlichen auch Preisindizess für Bundesländer (auf den diversen Internetpräsenzen leicht zu finden). Für die besagte Statistik wurden aber ausweislich der Pressemitteilung von eurostat tatsächlich nur die nationalen Preisunterschiede berücksichtigt.
Das würde auch mit erklären, warum Hamburg so gut und M-V so schlecht abschneidet.
Wenn ich mich recht erinnere, werden aber nur Zeitreihen der Preisentwicklung ausgewiesen, keine regionalen Preisniveaus. Vor vielen Jahren hat das Bundesamt mal einen Vergleich gemacht, aber meines Wissens seitdem nicht aktualisiert.
Wirklich bestenfalls MITerklären, denn der Haupteffekt dürfte wirklich darin liegen, dass – wie statler oben schon erläutert hat – in Hamburg sehr viel mehr Personen das BIP erwirtschaften als dort leben, was eben das BIP pro Einwohner massiv nach oben treibt. In M-V dürfte der Effekt – wenn auch nicht so stark – eher gegenläufig sein. Bei derart kleinen Einheiten mit z.T. erheblichen Pendlerströmen ist die Aussagekraft des BIP je Einwohner äußerst beschränkt. die Verwurschtelung dieser Zahlen mit (ungenauen, weil nicht regionalisierten) Kaufkraftparitäten setzt dem nur noch das Sahnehäubchen auf. Und von den grundsätzlichen Schätzproblemen eines regionalisierten BIPs haben wir bisher überhaupt noch nicht geredet.
Aber das alles interessiert keinen, wenn SPON nur eine hübsche Flash-Animation draus bastelt.
Hier findet sich eine brauchbare Darstellung der Datenlage.
im zusammenhang mit regionalen preisniveauunterschieden und der daraus resultierenden unterschiedlichen kaufkraft sei hier auf die ausführlichen untersuchungen meines profs von der lippe (ehemals uni essen) verwiesen, der eindeutig festgestellt hat, dass schon zwischen einer bayerischen kleinstadt und münchen die lebenhaltungskosten gemessen an einem durchschnittskonsumenten-warenkorb bis zu 10% ausmachen!
wer sich nur das BIP der städte und regionen anschaut macht was kaufkraft angeht einen großen fehler (war ja klar, dass die spiegel-redaktion es nich hinkriegt, da sitzen ja auch keine volkswirte geschwiege denn statistiker)
Holger:
danke für den interessanten Link.
Das meiste ist nicht überraschend.
Aber eines ist mir da schon aufgefallen:
der seltsame regionale Verlauf der Benzinpreise.
Bei den meisten Gütern sind die Preise in den wirtschaftlich starken Regionen höher. Was ja auch logisch ist: die höhere Nachfragekurve drückt bei gleichbleibender Angebotskurve nach oben. Außerdem ist zusätzlich auch die Angebotskurve höher (höhere Lohnkosten etc.).
Nur beim Benzin gibt es da keinen Zusammenhang.
Der Benzinpreis dürfte auch nicht auf unterschiedliche Transportkosten zurückzuführen sein.
Gerade im Raum Ingolstadt (großer Raffinerie-Standort) sind die Preis relativ hoch – selbst das benachbarte München liegt niedriger (obwohl dort auch Grundstückspreise für Tankstellen und hohes Lohnniveau für Mitarbeiter etc. dazu kommt).
Seltsam ist ferner, dass die Preise in Grenznhähe (etwas zu Österreich) höher sind als z.B. in der grenzfernen schwäbischen Alb.
Was mich wundert, denn der Preisdruck durch “Tank-Pendler” sollte doch angesichts der im Ausland meist niedrigeren Sprit-Preise eher in die Gegenrichtung funktionieren.
Irgendwie passt da nichts zusammen.
Selbst die Möglichkeit von Preisabsprachen erklärt hier nicht.
Auch wenn sich die Konzerne absprechen würden (was ich nicht einmal glaube) wäre doch ein Absprache sinnvoll, die die örtliche Kaufkraft jeweils maximal abschöpft (“Preisdifferenzierung unter Monopolbedingungen”).
Also auf keinen Fall niedrigere Preise in München und Stuttgart als in der brandenburgischen Provinz!
Was ist also das Erklärungsmodell für die regionalen Unterschiede?
Die Preisgestaltung der Tankstellen für Benzin ist vermutlich genauso wenig offenkundig rational wie das Verhalten der Autofahrer. Die verfahren ja auch für 3 Euro Benzin um zu einer Tankstelle zu kommen, bei der sie wegen des geringeren Benzinpreises 2 Euro sparen.
Haben die Tankstellen beim Preis überhaupt Mitsprache? Werden die Preise nicht von den Ölgesellschaften festgelegt?