Shared Space für Alle!
Die niedersächsische Kleinstadt Bohmte schafft die Verkehrsregeln ab - Shared Space nennt sich das Konzept und wird im Norden der Niederlande schon seit langem mit grossem Erfolg praktiziert: Kahlschlag im Schilderwald, Abschaffung aller Ampeln und der vielen Ge- und Verbote bis auf wenige Grundregeln, wie die, auf der rechten Seite zu fahren, sowie von rechts Kommenden die Vorfahrt zu gewähren.
Regulierte Anarchie, sozusagen. Mehr Sicherheit zu geringeren Kosten.
Eine spannende Angelegenheit für all diejenigen, die sich ein Leben ohne Nanny State vorstellen können: warum wird dieses Prinzip der radikalen Deregulierung nicht auf weitere gesellschaftliche Bereiche ausgedehnt?
… radikale Vereinfachung der Steuergesetzgebung hatten wir schon … ein freier Krankenversicherungsmarkt ohne Versicherungspflichtgrenzen und (bei Beibehaltung der Versicherungspflicht), Aufhebung des Schulsprengels und Einführung von Bildungsgutscheinen (die an privaten oder staatlichen Schulen nach Wahl der Eltern eingelöst werden können), Abschaffung der bürokratischen Regelwerke im Bau- und Gewerberecht, Freigabe aller Drogen (erst dann können Geschädigte ihre Rechte gegenüber den Dealern durchsetzen)… der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt:
Shared Space für Alle!




“Warum wird dieses Prinzip der radikalen Deregulation nicht auf weitere gesellschaftliche Bereiche ausgedehnt?”
Weil das schon immer so war. Da könnte ja jeder kommen und mehr Freiheit für sich und seine Mitmenschen einfordern. Nein, ernsthaft. Shared Space ist eine tolle Sache - ich hatte letztes Jahr das Vergnügen eine radikale Umsetzung dieses Prinzips vor Ort in Draachten (NL) anzusehen. Aber wie bei vielen neuen Ideen, verlangt auch Shared Space ein radikales Umdenken im Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Und das ist auch Liberalen nur schwer zu vermitteln. Ich habe letztes Jahr den Versuch unternommen, Shared Space als Modellprojekt im Landtagswahlprogramm der FDP in Niedersachsen zu verankern und bin damit kläglich im Landesfachausschuss für Verkehr gescheitert. Keine Verkehrsschilder mehr? Das ist vielen Liberalen dann doch ein Stück Freiheit zu viel.
Ja Ben, im zweiten Eintrag auf meinem neuen Weblog antibuerokratieteam.de vor fast genau drei Jahren habe ich geschrieben:
… inzwischen vergehen die Kollegen anscheinend oft genug schon aus Angst vorm Bettvorleger…
Freie Wahl der Krankenversicherung? Auch freie Wahl von Renten- und Pflegeversicherungen? Bin ich sofort bei!
Ist natürlich klar, dass der Staat mir meine eingezahlten Beiträge, nebst üblicher Verzinsung zurückzugeben hat. Im Falle der Krankenversicherung natürlich gerne abzüglich der Durchschnittskosten, ebenfalls verzinst, die für einen Versicherten meines Alters bis dahin angefallen sind.
Wenn wir das für alle Versicherten machen, wird aus der unsichtbaren eine sichtbare Staatsschuld. Die können dann ja gerne alle gemeinsam abtragen, vielleicht durch höhere Steuern. Alternativ erklären wir einfach den Staatsbankrott, und fangen von vorne an.
Die Idee finde ich prima.
Bevor hier die Euphorie überschwappt:
Es ist nicht so, dass Bohmte die Verkehrsregeln abschafft, aber “in einem zentralen Abschnitt der Bremer Straße” schafft Bohmte die meisten Verkehrsregeln ab. Genau genommen werden sie auf §1 der StVo reduziert, in dem eigentlich alles steht, was zu einem gedeihlichen Miteinander gehört. Guter Ansatz. Bin gespannt, wie es funktioniert.
Ach, kennst mich doch, FG: bin eher Miese(s)peter denn Euphoriker ;-) Dass der doitsche Michl - wenn überhaupt - Freiheit nur im Rahmen seines beschränkten Horizontes zulässt, ist mir insoweit schon bewusst. Die Ansätze in den Niederlanden gehen übrigens wesentlich weiter. Aber auch die vorsichtigen Experimente hierzulande sind ein schöner Anfang, ich bin auch gespannt. Werde das wohl auch vor Ort in die Bischberger Kommunalpolitik mit einbringen…
“ein freier Krankenversicherungsmarkt ohne Versicherungspflichtgrenzen und (bei Beibehaltung der Versicherungspflicht)”
Hmm, hier hat sich ja wohl der Fehlerteufel eingeschlichen?
So gaaanz gefällt mir diese Idee ohnehin nicht; “ohne Versicherungspflichtgrenzen” hieße ja, daß auch Menschen versicherungspflichtig würden, deren Einkommen ausreichte, zur Not das ganze Krankenhaus zu kaufen.
Ich kenne zwar die Argumentation dahinter (moral hazard, man kann die Leute ja nicht verrecken lassen), aber aus liberaler Sicht überzeugt es mich nicht, einen einseitigen Kontrahierungszwang in einen ohnehin tendenziell oligopolistischen Markt einzuführen; da winken den Anbietern nette Renten zu Lasten von Kleinverdienern.
Vor allem droht risk picking seitens der Anbieter, so daß das Problem, daß einige Menschen wieder der Allgemeinheit auf der Tasche zu liegen drohen, erneut auftaucht. Um dies zu vermeiden, müsste man dann einen Kontrahierungszwang auch für die Anbieter einführen, und dann ist man auch recht schnell wieder bei einem stark regulierten Markt bzw. in extremum einem staatlichen Angebot.
Das Shared-Space-Konzept ist tatsächlich eine schöne Sache und ich kenne so manche deutsche Städte in denen es sich an der ein oder anderen Stelle sicherlich anwenden ließe. Gerade in “Szenevierteln” wo die meisten Leute mit dem Fahrrad fahren und zu Fuß gehen würde das auch sehr gut akzeptiert werden.
Nur überbewerten darf man das nicht weil es sich nicht auf alle Verkehrszüge/Straßen anwenden lässt. Problematisch ist z.B. wenn es in der Gegend einen zu hohen “Parkdruck” gibt.
Die Grundphilosophie ist auch nicht, dass es um das Abschaffen der Regel als Selbstzweck geht sondern auch darum, dass ein Nutzen daraus entsteht - das “Teilen” der Fahrbahn für alle Verkehrsteilnehmer und dadurch entstehende (freiwillige) gegenseitige Rücksichtnahme.
Vermutlich findet so mancher Grüner das Konzept auch irre toll - ohne die Parellelen zu anderen Lebensbereichen zu entdecken.
Klar finden Gruene das toll, aber nur, wenn Autos darin nicht vorkommen.
Das stimmt wohl. Grüne sehen das ganze eher unter dem Aspekt der Zurückdrängung des Automobilverkehrs. Dabei ist einer der wesentlichen Punkte des Konzeptes die Gleichbehandlung aller Verkehrsteilnehmer.
Eben. Bei der “klassischen” Aufteilung rauscht in der Mitte der MIV, während sich alle anderen am rand dränegln müssen. Bei shared space werden die Grenzen aufgehoben, was bedeutet, dass die nichtmotorisierten endlich gleichberechtigt sind und im Idealfall die motorisierten sogar auch noch was davon haben.
Vielleicht ist Nichtbehandlung oder Selbstbehandlung aller Verkehrsteilnehmer der treffendere Ausdruck als “Gleichbehandlung”.
Gruene uebernehmen immer gerne liberale Ideen, veraendern das Konzept ‘oekologisch’ und verkaufen es dann entkernt als ganz was neues, ohne den Sinn verstanden zu haben. (Was nicht weiter auffaellt, der Sinn wird dann ja dank Oekologismus nicht mehr gebraucht)
Feine Sache, Ob das aber mit deutschen Autofahrern zu machen ist, die ihren deutschen Frust in der Regel hinter dem Steuer ausleben und btw. wegen des Klimas noch nicht einmal zur besseren zwischenmenschlichen Verständigung den Arm aus dem Autofenster hängen können?
Ich stelle mir gerade vor, in der langen Schlange vor der abmontierten Ampel an der Kreuzung zu stehen und bezweifle sehr, dass dort einer dem Anderen nach dem Einfädelprinzip die Vorfahrt lässt. Wer das glaubt, muss entweder blind sein oder sehr stark ausgeprägte erzieherische Ambitionen haben ;-). Die Durchsetzungsstarken schlagen - wie auf dem freien Markt auch - die Durchsetzungsschwachen allemal…
Aber es wäre bestimmt ein guter Anfang, die Gehirnmotorik in Richtung Freiheit in Gang zu setzen…
Im Vergleich zu ihren Nachbarn schneiden die deutschen Autofahrer doch gar nicht so schlecht ab. Gut Holländer und Belgier sind auch nicht weniger rücksichtsvoll, aber meine Erfahrungen in Frankreich, Italien, Schweiz und Polen, haben mich dazu gebracht die deutschen Autofahrer zu schätzen. Schon mal versucht in Polen als Fussgänger eine viel befahrene Strasse zu überqueren? Aber auch in Frankreich, Italien und der Schweiz funktioiert der Verkehr nach dem Recht des Dreisteren.
Ich hab mal in Moskau versucht eine Straße auf einem Zebrastreifen zu queren. Dank eines energisch eingreifenden Einheimischen darf ich mich heute noch des Lebens erfreuen. Die Dinger haben da nur die Aussage: “Hier darfst Du, wenn Du Dich traust…”
> Ich stelle mir gerade vor, in der langen
> Schlange vor der abmontierten Ampel an
> der Kreuzung zu stehen
Dazu müßte es ja erst einmal ein gewisses Verkehrsaufkommen geben.
In einer Großstadt würde ich die wichtigen Kreuzungen auch nur per Ampel regeln (wenigstens tagsüber).
Aber wenn sich jedes Dorf aufwendige Verkehrsregelungen für dreieinhalb Autos montiert, dann ist das schon lächerlich.
@ R.A.
Entweder, oder. - Wenn schon aufwändige Verkehrsregelungen, dann überall, ob Dorf, ob Stadt - hat sich der bemühte Gesetzgeber wohl gedacht: wo kämen wir sonst hin?
Dann aber auch - nach einem oder mehreren Kleinstadt-Tests - generell und überall “Shared Space”! So würde ich es mir wünschen, denn sonst käme es (wie etwa bei Steuerrecht…) nur wieder zu Einzel-, Zusatz- und und Ausnahmeregelungen (auch Bürokratie genannt), die in dieses so zuversichtlich freiheitliche Konzept überhaupt nicht passen.
P.S.: Die “lange Schlange” war kein ausreichender Hinweis auf ein “gewisses Verkehrsaufkommen” ;-)?
Man macht es ja nicht nur für die Autos. Wenn ich mir anhöre, was für Maßnahmen die jungen Eltern in meinem Stadtteil so fordern, dann sind irgendwann Ampeln an jeder Kreuzung auch nicht mehr genug, sondern jedes Kind muss auf seinen Wegen von einer KSK-Eskorte geschützt werden.
“…jedes Kind muss auf seinen Wegen von einer KSK-Eskorte geschützt werden.”
Coole Idee und das finden die Kinder bestimmt auch.
Um maximale Sixherheit zu garantieren am besten im Panzer.
Als Kind habe ich davon geträumt mal Panzer zu fahren.
Doch, doch, ich habe auch an Italien gedacht! Dort funktioniert der Verkehr tatsächlich seit langem nach dem “Recht des Dreisteren”.
Aber die haben halt auch das besssere Wetter für den Arm und diese ganz andere Mentalität ;-)…
> Dort funktioniert der Verkehr tatsächlich
> seit langem nach dem “Recht des
> Dreisteren”.
Er läuft so - aber funktioniert das wirklich?
Immerhin hat Italien 104 Verkehrstote pro Jahr und 1 Million Einwohner, Deutschland nur 80.
http://193.22.36.128/mdr1-radio-thueringen/2034942.html
Shared Space für Alle mag im Stadtstraßenverkehr noch eine ganz nette Idee sein. Regellos funktioniert sowas dann aber doch nicht. Wie verfährt man vor Schulen oder Kindergärten? Stehen da weiterhin die 30-km-Schilder? Müssen PKWs stehende Busse weiterhin in Schrittgeschwindigkeit überholen? Wie kommen Fußgänger, die über die Straße wollen, gegen die gepanzerten Vierräder an?
Viele Fragen, die bisher durch Verkehrsregeln beantwortet wurden.
Und die angesprochene Transformation des Konzepts auf andere Rechtsvorschriften? Sehr problematisch. Was passiert mit der Rechtssicherheit, die wir gewohnt sind, die natürlich auf diesen Rechtsvorschriften fußt? Triebe man nicht automatisch in einen rechtsfreien Raum, der der längst überwunden geglaubten Willkür wieder Tür und Tor öffnete?
In anderen Blogs wird zur Zeit wild protestiert, dass der Staat auch nicht, wenn sich sein Wirken gegen organisierte Kriminalität richtet, zu Informationsgeschäften mit Insidern, die sich gegen die eigene Vereinigung gewandt haben, befugt wäre. Fallen solche Regeln unter den Tisch, verlieren nicht nur die, die sich wirklich an der Gesellschaft schuldig gemacht haben, ihre Chance auf ein blaues Auge, sondern auch die, die (im Sinne der Anklage) wirklich unschuldig sind.
In einer verkehrsberuhigten Innenstadt kann man solche Konzept gerne realisieren. Aber bitte nur, wenn durch ein Restregelwerk sichergestellt ist, dass die schwächeren Verkehrsteilnehmer (die ungepanzerten) den anderen rechtlich zumindest gleichgestellt sind und wenn im Rest der Stadt, der reguläre Straßenverkehr weiterhin so geregelt ist, dass auch ein Handwerker eine Chance hat, seinen Einsatzort vor Mittag zu erreichen.