Die deutsche Steueraffäre ist selbstverständlich auch in der Schweiz ein Thema. Derzeit halten sich zwar alle in Deckung – aber ausser ein paar Sozialdemokraten, die am liebsten schon morgen der EU beitreten würden (okay, das sind noch ein paar von der FDP mit dabei), ist der Ärger über das deutsche Vorgehen gegenüber Liechtenstein doch recht verbreitet.

Die Sache ist ja irgendwie interessant. Denn plötzlich tut Deutschland so, als wäre das Land eine wirkliche Grossmacht (wir hatten ja kürzlich hier eine Diskussion über die Rolle der BRD in Afghanistan). Da tun die Politiker von links bis rechts verbal plötzlich so, als sei man die USA. Gut, der Bonsai-Massstab stimmt ja irgendwie – Deutschland, die fiskalische Grossmacht gegen Liechtenstein, das Land mit Banken of Mass Destruction.

Die Frage ist die, ob das Deutschland auf die Dauer auch durchhält. Und da gibt es doch erhebliche Zweifel. Denn Liechtenstein ist gar nicht das eigentliche Problem. Wenn schon müsste man auf England eindreschen mit seinen vorgelagerten Steuerinseln. Da wird man sich wohl hüten. Oder will man es sich gar mit Luxemburg verscherzen? Oder mit Singapur?

Was wird nach all dem Getöse bleiben? Nichts. Irgendwann kippt die ganze Sache und läuft innenpolitisch aus dem Ruder. Spätestens nach den Wahlen in Hamburg werden sich einige bürgerliche Politiker am Hinterkopf kratzen und laut zu pfeifen beginnen.

Denn wenn da tatsächlich tausend hochkarätige Adressen auf dieser CD sind, dann möchte ich mal erleben, welche Regierung den Mut hat, ein derartiges Erdbeben auszulösen. Gerade dann, wenn auch hochgestellte Staatsdiener oder gar Politiker auf der Liste zu finden sind (beides mit Garantie).

Wenn man also jetzt einen Krieg mit Liechtenstein anzettelt, dann doch vor allem deshalb, weil man von innenpolitischen Problemen ablenken will. Das Problem liegt in Deutschland. Es ist das Steuersystem, das die Leute zum mogeln bringt und nicht das Angebot der Liechtensteiner und Engländer und Luxemburger und Singapurer (und Schweizer).

SPIEGEL ONLINE: Steuerhinterziehung ist längst ein Volkssport?

Schneider: So wird es von drei Vierteln aller Deutschen praktiziert und empfunden. Die meisten haben ja einen offiziellen Job und arbeiten dann eben nach Feierabend oder am Wochenende schwarz. Weil sie in ihrem offiziellen Job Steuern zahlen, haben sie kein Unrechtsbewusstsein.

Nur eine radikale Steuerreform wird diesen Sumpf trockenlegen.