Bear Stearns

14.03.2008 23:27 - Statler & Waldorf by Statler

Okay, Bear Stearns schrammte heute nah an der Insolvenz vorbei und wurde von der Federal Reserve-Filiale in New York, gemeinsam mit JP Morgan, durch Bereitstellung frischer Liquidität gerettet — vorläufig jedenfalls.

Ein paar ungeordnete Punkte dazu:

  • Die Vermutung, daß wir es hier mit einer selbsterfüllenden Prophezeihung zu tun hatten, ist so unplausibel nicht. Alan Schwartz, der Chef von BS, hatte am Donnerstag noch erklärt alles sei in Ordnung. Natürlich gerät eine Bank, der es blendend geht, nicht durch Gerüchte innerhalb von 24 Stunden an den Rand der Insolvenz. Aber eine Bank, der es zwar nicht existenzbedrohend schlecht, aber doch eher mäßig geht, kann schon schnell Probleme bekommen, wenn ihr durch Gerüchte und Unsicherheiten die Geschäftspartner verloren gehen. Und diese Gerüchte und Unsicherheiten gab es, und so wie es aussieht, waren die tatsächlich in den letzten Tagen ein Anlass für viele andere Banken, Bear Stearns kein frisches Geld mehr zu leihen.
  • Paul Krugman hat da so ein schönes Bild. Die Risikoprämie ist hoch und steigt, da ist jede Menge Unsicherheit und Mißtrauen unter den Banken.
  • Sollte es uns beruhigen, daß Bear Stearns wahrscheinlich eigentlich liquide war, aber durch Gerüchte ins Wanken gebracht wurde? Einerseits sicher nicht, denn was denen passieren kann, kann auch anderen passieren. Andererseits schon, denn Bear Stearns mit seinem weit überdurchschnittlich starken Hypotheken-Schwerpunkt und seinen schon geschlossenen Hedgefonds war ein besonders leichtes Opfer der Gerüchteküche. Es ist fraglich, ob bei anderen Banken auch so leicht extremes Mißtrauen entstehen kann. Ein Lackmustest wird vielleicht Lehman Brothers, über die wohl jetzt gerade spekuliert wird.
  • Könnte man bitte, bitte endlich mal mit dem blöden Spruch von der “Privatisierung der Gewinne und Vergesellschaftung der Verluste” aufhören? Die Fed-NY sozialisiert keine Verluste, sondern sie verspricht, Bear Stearns’ Liquidität für die nächsten 28 Tage zu sichern, indem sie ihnen Geld leiht. Nicht schenkt. Sie ist ein lender of last resort, aber kein donor of last resort.
  • Sicher kann man darüber streiten, ob eine Zentralbank überhaupt als lender of last resort auftreten sollte. Wenn eine eigentlich liquide Bank durch Gerüchte und ein allgemeines Mißtrauen im Markt, also durch Umstände, die sie nicht selbst zu verantworten hat, in Schwierigkeiten gerät und wenn absehbar ist, daß ein paar kurzfristige Kredite tatsächlich entscheidend helfen, dann spricht eigentlich nichts dagegen, daß eine Zentralbank hier kurzfristig einspringt, zumal wenn es hilft, eine größere Bankenpanik zu verhindern. Ob das im Fall Bear Stearns tatsächlich so war, kann ich natürlich nicht sagen, denn im Gegensatz zu den Leuten von der Fed-NY durfte ich dort ja nicht in die Bücher schauen.
  • Willem Buiter meint, man hätte Bear Stearns auch ruhig sich selbst überlassen können.
  • JP Morgan scheint es ja ziemlich gut zu gehen. Liquide genug, daß man ihnen zutraut, Bear Stearns zu übernehmen.
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32 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

scipio, 15.03.2008 13:48

Also Statler, bei allem Wohlwollen. Das muß dir peinlich sein, was Du da abgeliefert hast. Alles nur die Macht der Gerüchte, wie furchtbar, und Alan Schwartz hatte doch noch alles im grünen Bereich gesehen. Allein diese Äußerung ist üblicherweise ein Grund für Rotalarm. Man muß gelegentlich einfach mal sagen und schreiben können: “Die sind pleite”. Auch wenn es einem nicht in den Kram passt.

Statler, 15.03.2008 14:47

Wie wär’s denn mal mit lesen lernen?

scipio, 15.03.2008 16:39
Statler, 15.03.2008 16:53

Ach, die Gurus… ein wenig Brot-und-Butter-Information wäre da wohl hilfreicher.

One thing most agree on is that Bear fell victim not to a real liquidity crisis but to a crisis of confidence in which every rumour about the bank’s position was assumed to be true and nothing its executives said could calm the fears.

“This is not a capital issue – it’s a confidence issue. The brokers are adequately capitalised,” said Brad Hintz, analyst at Sanford Bernstein. “But the market is apprehensive about lending to the brokers and taking counterparty risk.”

http://www.ft.com/cms/s/0/d1f30266-f1fc-11dc-9b45-0000779fd2ac,dwp_uuid=8cd8eda0-f1d7-11dc-9b45-0000779fd2ac.html

scipio, 15.03.2008 17:44
Statler, 15.03.2008 17:58

Ja, eben.

Word began to spread among fixed-income traders nine days ago that European banks had stopped trading with Bear. Some U.S. fixed-income and stock traders began doing the same on Monday, pulling their cash from Bear for fear it could get locked up if there was a bankruptcy.

That development put firms that still wanted to do business with Bear in a tough position: If Bear did fail, they would have to explain to their clients why they ignored the rumors. On Tuesday, a major asset-management company stopped trading with Bear.

Alle Merkmale einer selbsterfüllenden Prophezeihung.

scipio, 16.03.2008 17:43

Es ist müßig, diesen Disput weiterzuführen.Fest steht aber eins. Wenn die FED derartig eingreift, ist sonnenklar, dass Bear bankrott war. Da brauchst du auch nicht die Bücher zu untersuchen. Die haben einfach kein eigenes Geld mehr, das ist kein Gerücht, sondern eine Tatsache. Wenn sich bis Monatsende der Pulverdampf verzogen hat, werden wir mal die Toten und Verletzten zählen, und wer weiss, wer noch in den Abgrund geht und zwar völlig ohne vorheriges Gerücht. Ich würde mich auch nicht wundern, wenn der eine oder andere in Handschellen abgeführt wird. Also schaun wir mal und reden später noch mal drüber.

David, 16.03.2008 17:53

sonnenklar, dass Bear bankrott war.

Rein semantische Frage: Gehört zum Selbsterfüllen nicht auch das Erfüllen?

 
Statler, 16.03.2008 18:05

Eben, David.

Wenn aus irgendeinem Grund seine Bank mißtrauisch gegenüber Klempnermeister Müller wird und ihm seine Kredite kündigt, wenn dann auch noch seine Lieferanten davon Wind bekommen und ihm keine Zahlungsziele mehr einräumen, und wenn er es nicht schafft, woanders Kredit zu bekommen — dann ist er halt bankrott, auch wenn er es nicht geworden wäre, wenn seine Bank kein falsches Mißtrauen geschöpft hätte.

Sowas geht aber auch in groß, und das Mißtrauen, das die Banken im Moment gegeneinander haben, spricht sehr dafür, daß Bear Stearns eine größere Variante des Klempnermeisters Müller war.

 
 
 
 
 
 
 
 
freiburgerthesen, 16.03.2008 15:18

Könnte man bitte, bitte endlich mal mit dem blöden Spruch von der “Privatisierung der Gewinne und Vergesellschaftung der Verluste” aufhören?

Nein, könnte man nicht. Und wenn Du darauf bestehst: Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die Dich gern als “lender of last resort” sehen würden. Okay, von denen kriegt nur etwa die Hälfte Hartz IV. Die andere Hälfte nicht, weil sie die Voraussetzungen nicht erfüllen (keine Wohnung, nicht arbeitssuchend und so). Aber sie wollen das Geld alle zurückzahlen. Wirklich. Genau so ernsthaft, wie die Philipp Holzmann AG es wollte.

Statler, Du bist einfach inkonsequent. Wenn, dann sei doch bitte gegen jede Art von Sozialhilfe, auch die für Konzerne. Oder kämpfe auch für die Arbeitslosen, die gefeuert wurden, weil sie ‘ne Gehaltspfändung hatten. Aber so…

jo@chim, 16.03.2008 20:48

Wenn, dann sei doch bitte gegen jede Art von Sozialhilfe, auch die für Konzerne

Wenn’se Statler und dieses Weblog lesen würden, anstatt lediglich über unsere Autoren herzuziehen hätten’se schon bemerkt, dass wir hier auch gegen Industriesubventionen argumentieren…
… überhaupt, wenn man das dort so liest - mich erinnert das vom “Haut Gout” her sehr an jemanden, der unter “sozialem Liberalismus” ebenso vor allem die Denunziation radikaler Liberaler versteht. Verwandt oder verschwägert? ;-)

Rayson, 16.03.2008 23:02

So isses.

Einen Liberalismus, der sich in der Unterstützung sozialdemokratischer Forderungen erschöpft, braucht kein Mensch.

freiburgerthesen, 17.03.2008 11:44

Und einen, der sich im ewigen Nachbeten gescheiterter marktradikaler Ideologie erschöpft, erst recht nicht.

 
DDH, 17.03.2008 13:15

Einen auf konservative Schwundstufe zusammengesunkenen “Rechts”-Liberalismus aber auch nicht!

jo@chim, 17.03.2008 13:20

D’accord. Kann ich aber bei keinem der Diskutanten erkennen.

 
 
 
freiburgerthesen, 17.03.2008 11:42

Verwandt oder verschwägert?

Mit wem?

jo@chim, 17.03.2008 13:00

Bassd scho, wie wir hier im Süden sagen.
btw: Sie benutzen aus Gewohnheit den Hoster Ihres anderen Blogprojekts Ihrer Verwandschaft - so sind Ihre tiefschürfenden Beiträge zur Weiterentwicklung des linken “Liberalismus” (nun gut, bisher ist es ja lediglich ziemlich plattes Bashing konsequent liberaler Ansätze…) nicht erreichbar. Nur so’n Tipp ;D

freiburgerthesen, 17.03.2008 15:42

Komm’ ich jetzt nicht mit. Ich nahm an, Sie hielten mich für das Alter Ego von “Dr. Dean”, aber der bloggt ja bei blogspot… Und wieso sind die Beiträge “nicht erreichbar”?

 
freiburgerthesen, 17.03.2008 15:44

Ach, jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Danke, habe den Tippfehler korrigiert. Muss wohl mit meinen Gedanken woanders gewesen sein, kenne mich eben auch noch nicht so aus.

jo@chim, 17.03.2008 19:02

kenne mich eben auch noch nicht so aus

*rofl*

 
 
 
 
freiburgerthesen, 17.03.2008 11:52

Und in der Sache: Gegen Industriesubventionen ja, was mir auch durchaus gefällt. In diesem Fall allerdings ist Statler für eine staatliche Unterstützung einer Bank, die sich verzockt hat. Und liefert die Argumente sogar selbst: Die Gewinne wurden über Jahre privatisiert, die jetzt auftretenden Verluste werden sozialisiert. Wenn die Bank doch noch die Grätsche macht jedenfalls. Dann sind die Kredite nämlich weg.

 
 
 
Epameroi, 16.03.2008 20:05

Es würde mich nicht wundern, wenn Lehmann Bros. auch bald einen lender of last resort brauchten.

 
F. Alfonzo, 17.03.2008 01:54

@statler:

Zum ersten Punkt: Gerüchte können zur Zeit viel bewirken, allerdings kann man von einem Unternehmen des Kalibers Bear Stearns auch erwarten, dass das Marktumfeld ausreichend antizipiert und das Geldmanagement rechtzeitig(!!) so angepasst wird, dass man nicht aus versehen zahlungsunfähig wird… “oops, kein geld mehr da, wer hätte das ahnen können?!”
=> selbst schuld.

Zu Punkt 4: Die Fed sozialisiert Verluste eben doch, zumindest zu einem gewissen Grad. Sei es dadurch, dass das unterstütze Unternehmen in den Konkurs geht (es gibt ja schließlich Gründe dafür, dass kein Privater einen Kredit zur Verfügung stellen will; der Private hätte sicher in die selben Bücher reinsehen dürfen wie die Fed), oder alleine schon dadurch, dass das niedrig verzinste Geld auf Kosten von höherer Inflation angeboten wird.

Habe heute in Bloomberg oder FT eine Erklärung der Fed gelesen, die etwa dergestalt formuliert war: “Wir werden die Märkte in nächster Zeit verstärkt beobachten und Liquidität zur Verfügung stellen, falls benötigt…”
Schön, dass die Fed sich entschlossen hat, als Vollkaskoversicherung aufzutreten…

Warst nicht du derjenige (bin mir nicht mehr sicher), der kürzlich sinngemäß mal geschrieben hat: “Seit wann ist es Unternehmen eigentlich nicht mehr erlaubt, pleite zu gehen?”

Zum letzten Punkt: Soweit ich auf dem aktuellen Stand bin, kann dieses Gerücht evtl. schon am Montag bestätigt werden; hier ein Artikel vom frühen Sonntagabend (hab auch noch konkreteres gefunden, finde nur die Links gerade nicht mehr):
http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=newsarchive&sid=adugXnc4Y8vs

Statler, 17.03.2008 10:30

“Warst nicht du derjenige (bin mir nicht mehr sicher), der kürzlich sinngemäß mal geschrieben hat: “Seit wann ist es Unternehmen eigentlich nicht mehr erlaubt, pleite zu gehen?””

Es ging da um den Aktienmarkt. Ich hielt es und halte es auch weiterhin für völlig sinnlos und schädlich, wenn bei jedem drohenden Kursrutsch das Zinsniveau gesenkt wird. Daß eine Zentralbank allerdings als lender of last resort auftritt, ist so problematisch nicht — jedenfalls nicht in einer Situation wie der aktuellen. Wenn in einer normalen Marktsituation eine einzelne Bank von Insolvenz bedroht wäre, dann wäre es nochmal was anderes.

freiburgerthesen, 17.03.2008 12:21

“Wenn in einer normalen Marktsituation eine einzelne Bank von Insolvenz bedroht wäre, dann wäre es nochmal was anderes.”

Okay, mit der Aussage ziehe ich meine Kritik weiter oben größtenteils zurück.

 
DDH, 17.03.2008 13:17

Doch, das ist problematisch! Siehe Baader “Geld, Gold und Gottspieler”!

 
Dirk, 17.03.2008 18:10 Subscribed to comments via email

Nach welchen Kriterien unterscheidet man eine normale von einer anormalen Marktsituation?

 
 
 
john j, 17.03.2008 15:26

“Könnte man bitte, bitte endlich mal mit dem blöden Spruch von der “Privatisierung der Gewinne und Vergesellschaftung der Verluste” aufhören? Die Fed-NY sozialisiert keine Verluste, sondern sie verspricht, Bear Stearns’ Liquidität für die nächsten 28 Tage zu sichern, indem sie ihnen Geld leiht. Nicht schenkt. Sie ist ein lender of last resort, aber kein donor of last resort.”

Dazu (weil es so succinct ist):

“Aside from the fact that the Fed is helping JP do a virtually risk-free deal, the loan is the most dramatic expansion of the central bank’s lending authority since the 1930s. If the collateral backing the $30b loan drops in value, the central bank, meaning taxpayers, will bear the cost by taking on that bad paper.”

Ich glaube der “loan” duerfte sich doch bald in eine “donation” verwandeln….

 
DDH, 17.03.2008 17:46
 

[...] schlechten Börsenvorgaben aus den USA, wo vor allem die abgewendete Pleite der Investmentbank Bear Stearns für Aufsehen gesorgt hat. Aber auch deutsche Unternehmen haben ihren Beitrag [...]

 
 
Gerhard, 19.03.2008 00:16

Wie vielen Banken können auf diese Art und Weise mit Hilfe der FED gerettet werden, ohne dass das Finanzsystem einen dauerhaften Schaden nimmt?
Diese Frage ist meiner Meinung nach äußerst interessant. Persönlich bin ich für die Zukunft sehr skeptisch eingestellt und habe mich voll und ganz auf Gold und Silber beschränkt und auch meine persönliche Krisenvorsorge getroffen:
http://www.krisenvorsorge.com/krisenratgeber/index.html

 

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