Na, immerhin…

17.03.2008 16:44 - Statler & Waldorf by Statler

…sieht Brad DeLong die Situation von Bear Stearns auch so wie ich. Und, hurra, die Börse wohl auch:

Die JP-Morgan-Aktie ist mit einem Plus von mehr als acht Prozent das einzige Papier im Dow-Jones-30-Index, das ein ansehnliches Plus zu verzeichnen hat.

Und Megan McArdle hält die Rettungsaktion ebenfalls für angemessen:

Libertarians and liberals arguing against the Fed’s role in all this sound to me either ignorant or psychotic. The credit markets are already badly malfunctioning (yes, I was wrong). Bear Stearns is the counterparty to a huge number of transactions. Allowing it to fail would have been like throwing a hand grenade into a burning pool of gasoline; bankruptcy proceedings are time-consuming and uncertain. JP Morgan has the ability to assume their risks without any danger of going under themselves; that’s very good for the markets, and by extension, us.

Willem Buiter hätte den Laden lieber verstaatlicht.

Beim WSJ weist man nochmal darauf hin, daß die Fed bei Bear Stearns eigentlich nur das tat, wofür man sie gegründet hat:

The Fed was created in 1913 in part to be “lender of last resort” during crises such as the one now sweeping through the financial system. But it was equipped for an economy in which banks provided most credit. Now banks share that role with institutional investors, finance companies, asset-backed pools and securities dealers such as Bear Stearns.

Außerdem sei der Bailout für Bear Stearns so gestaltet worden, daß moral hazard kein wirkliches Problem sei — denn die Eigentümer hätten beim vereinbarten Kaufpreis ja herzlich wenig davon:

The funding is structured so that the greater benefit is to those who lent money to Bear Stearns in the “repo” market for secured, overnight loans, not to Bear Stearns itself. Moreover, they note it’s unlikely any firm will consider the loss Bear Stearns’s shareholders are likely to sustain as an acceptable price for taking the same risks in hopes of a bailout.

Und zum Schluß noch ein Wort vom Economist an Apokalyptiker und Finanzmarkt-Racheengel:

A salient point in this case is whether the potential future threat of risk taking encouraged by Fed bailouts is likely to be more costly than Bear’s bankruptcy. Disagreements persist about the systemic importance of Bear, but there can be no question that the uncertainty over the question and the fragility of global financial markets forced the Fed to move; the alternative was too unpalatable. The notion of helping the careless rich with their self-generated problems may be unsavoury, but the financial crisis is not taking place in a bubble separate from economic activity generally. We should not cut off our nose to spite our face.

Eben. Wie dort unten schon geschrieben: Natürlich kollidiert es mit jedermanns Gerechtigkeitsempfinden, Ferrarifahrern ein Bailout zu geben. Aber ist Rechthaberei eine deutlich verschärfte Rezession wert? Doch wohl eher nicht.

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11 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Ben, 17.03.2008 17:32

‘Ex post’ ist das natuerlich richtig, die Frage ist was man ‘ex ante’ macht um nicht in ein paar Jahren schon wieder die Ferrari-Fahrer raushauen zu muessen?

Statler, 17.03.2008 17:34

Darüber machen wir uns mal Gedanken, wenn der Sturm vorbei ist.

R.A., 18.03.2008 11:08

> Darüber machen wir uns mal Gedanken,
> wenn der Sturm vorbei ist.
Wir können aber leider davon ausgehen, daß sich nach dem Sturm solche Gedanken nicht gemacht werden (”ist ja noch mal alles gut gegangen”).

Ich bin bei solchen staatlichen Markteingriffen überaus mißtrauisch.
Es kann schon sein, daß kurzfristig und auf den Einzelfall bezogen die Vorteile überwiegen. Obwohl ich auch da nicht sicher bin, ob wir nicht dem Bastiat-Effekt aufsitzen und einfach die Nachteile nicht gut genug erkennen.

Aber man setzt wohl die falschen Signale für die weitere Entwicklung, und damit programmiert man doch das nächste Desaster.

Dirk, 18.03.2008 23:25

Darüber machen wir uns mal Gedanken, wenn der Sturm vorbei ist.

Wenn es zu spät ist, wir mit den Interventionen die falschen Anreize für die Zukunft gesetzt haben werden.

Ich kann ja verstehen, dass die ZB Liquidität bereitstellt (man könnte auch sagen den Zins konstant hält), aber warum muss sie ihn unbedingt senken? Und mehr als 2 Prozentpunkte. Was genau soll das bezwecken? Sparen die Leute auf einmal mehr? Si nkt die Kreditnachfrage so dramatisch, dass der Kreditpreis so stark gesenkt werden muss?

 
 
 
 
 
DDH, 17.03.2008 17:57

“What does this have to do with the free market? As Kevin Carson likes to say, if this is the free market, then I’m against it.”
Sheldon Richman

 
Libero, 17.03.2008 19:10

Die Freiheit des Marktes ist notwendig.

Heißt das, das auch die Regeln, nach denen Kredite und Hypotheken vergeben werden, frei und beliebig sein können?

Ist diese Vertrauenskrise ein unvorsehbares, unbeinflußbares Naturereignis ähnlich wie ein Vulkanausbruch?

Wohl kaum. Der Kindergarten der Finanzwirtschaft hat wieder einmal geglaubt, er kann bedenkenlos und hemmungslos handeln, das was diese Kinder im Nadelstreifen-Pampers unter Freiheit verstehen.

Diese Krise begann nicht erst dann, als die Mehrheit der Marktteilnehmer die Ramsch-Marktsegmente der Hypotheken und Schuldentitel als Müll ansahen. Die Krise begann, als der Kindergarten begann, diese Marktsegmente überhaupt erst aufzubauen.

Als man mit geliehenen Geld nicht nur eins, sondern gleich zwei, drei, vier, ja bis zu 10 Häuser auf Pump von einzelnen Menschen finanziert wurden. Häuser für die es nie einen anderen Käufer gab als Spekulanten und die nie bewohnt wurden, wofür man WohnHäuser eigentlich nutzt. Da kann man tatsächlich drin wohnen, nicht nur mit spekulieren.

Die Krise begann, als Besitzer von Häusern den gestiegenen Wert ihrer Häuser in Hypotheken verwandelten und konsumierten. Wer gab das Geld? Der Kindergarten der Finanzwirtschaft.

Den die Preise steigen ja immer und werden nie, aber auch nie fallen. Den wir haben alles im Griff, vor allem uns selbst. Unsere Emotionen, unsere Euphorie, unser blindes Vertrauen, unsere Hysterie, unser blindes Mißtrauen. So wurde in einem geradezu unglaublichen Leichtsinn die wertvollste Währung verspielt, das ihr nicht kennt, weil man es in euch nicht haben kann, VERTRAUEN.

Vertrauen ist die Basis einer anonymisierten Volkswirtschaft. Vertrauen darauf, das der Handelspartner maßvoll am Markt agiert und beherrschbare Risiken eingeht und handelt.

Das Vertrauen ist zerstört, mit viel Glück noch nicht vollständig.

Verhält sich so ein der Regeln im wirtschaftlichen Miteinander bewußter Mensch? Zerstört kindisch Vertrauen? Durch bodenlosen Leichtsinn?

Nein, nur der Kindergarten verhält sich so. Dem ihr alle auch angehört. Dem Kindergarten.

Für die Narretei von Menschen, die glaubten, es gibt nur einen Weg, den nach oben, müssen jetzt alle die bezahlen, die über Jahre normal ihrer Arbeit nachgingen und vom dem lebten, was sie mit ihrer Hände oder ihrem Denkvermögen Arbeit erlösen konnten.

Darüber machen wir uns mal Gedanken, wenn der Sturm vorbei ist.

Überanstrenge er sich nicht. Was soll dabei herauskommen, wenn er sich Gedanken macht? Wer soll ihm denn Vertrauensvoll bei seinen Gedankengängen folgen? Kann er Mißtrauen in Vertrauen verwandeln?

Der Liberalismus ist die Sehnsucht der Menschheit. Ihm kann man vertrauen. Die Liberalen sind es nicht, die diese Sehnsucht verwirklichen können. Ihnen kann man nicht vertrauen.

Warum soll man FDP wählen? Weil man ihr vertrauen kann? Das sie dem Kindergarten der Finanzwirtschaft dem nächsten Tanz auf dem Vulkan ermöglicht? Weil das ja Freiheit bedeutet?

Maßhalten erreicht man nicht durch die Regeln des wirtschaftlichen Miteinanders aller Marktteilnehmer. Maßhalten beginnt bei jedem einzelnen Marktteilnehmer. In ihm selbst.

Eure Oberflächlichkeit ist kaum zu übertreffen.

Nummer 6, 18.03.2008 13:13

Erfolg hat, wer das meiste auf dem Marktplatz rausholt. Jeder potente Manager weiß, dass es bei den Kalkulationen für seine Entscheidungen auf dem Markt auf die richtige Auswahl der Parameter ankommt, die er in seine Rechnung aufnimmt. Z. B. sind fast immer funktionierende Parameter die Arbeitskosten zu senken, Dienstleistungen outzusourcen, Produktionsbedingungen zu verbilligen, Filialen in Billiglohnländern auszusiedeln und ähnliche von Otto Normalverbraucher gehasste Maßnahmen.

Im vorliegenden Fall wurden die sichtbaren Kreditrisiken von den Erstkreditgebern einfach durch Weiterverkauf versilbert, von den zweiten wurden hauptsächlich die Renditechancen gesehen und von den Bauchlandern wird nun im Zweifelsfall (bevor “noch größerer Schaden entsteht”) der Staat zu Hilfe gerufen.

Das ist das, was die Marktrandbedingungen kalkulatorisch zu jeder Zeit eben hergeben. Mitarbeiter werden ja auch nur entlassen, weil die Entscheider nicht damit rechnen müssen, von den Entlassenen verdengelt zu werden. Dafür sorgt der Staat - ja und?

Letztlich fühlt sich der Staat eben für die Belange seiner Einwohner verantwortlich, das ist ein Parameter in der Rechnung und sonst nichts.

Also doch Marktwirtschaft :)

Es ist sogar marktwirtschaftlich, wenn jetzt verschiedene Staaten unterschiedlich schnell mit Krediten, Darlehen oder Bailouts zu Hilfe kommen, und damit den Banken signalisieren: auf unserem Marktplatz habt ihr gute Bedingungen …

Jede Marktwirtschaft hat die Wahl, wie sie ihren Marktplatz gestaltet. Überfrachtet sie ihn mit Bürger-, Umwelt-, Arbeiter- und Verbraucherschutz und kuschelt mit den Jedermanns oder sorgt sie mit möglichst wenig Regeln dafür, dass sich die quirligsten Marktteilnehmer durchsetzten können und der Rubel ordentlich rollt.

Auch Parade-Manager Ackermann, der aus einem Land kommt, dem das Bankwesen im Blut liegt, weiß das und stellt die Politik vor die Entscheidung.

 
 
Lemmy Caution, 18.03.2008 10:26

Mich würde mal interessieren welche Maßnahmen in Asien eingeführt wurden nach der letzten Asien-Krise. Die dortigen Banken scheinen ja nun recht solide dazustehen.
Die Ferrari-Fahrer erledigen ihre Arbeit nicht richtig. Ist es nicht Sinn des Finanzsystems, Mittel dorthin zu allorzieren (oder heisst es allokatieren, egal), an dem sie den meisten Nutzen unter kalkulierbaren Risiko stiften? Das ist im Fall von Hypokrediten für Leute, die sich ihren Lebensstil einfach nicht leisten können, nicht der Fall. Diese Krise unterminiert politisch auch die Glaubwürdigkeit des Finanzsystems und der freien Marktwirtschaft insgesamt.
Der moral hazzard tritt imho genau da auf, wenn Bankmitarbeiter Provisionen für Kredite kassieren, die einfach zu hohe Risiken aufweisen. Die werden doch ganz gut dran verdient haben. Und Geld zurückfordern läßt sich jetzt sicher nicht.

 
Lemmy Caution, 18.03.2008 14:48
 
BlackEye, 19.03.2008 13:05

Mich interessiert in erster Linie ob die jüngsten staatlichen Eingriffe die Rezession verhindern oder lediglich hinausschieben werden. Wie war das nochmal während der Great Depression, da hatte man doch auch immer wieder gesagt die Wirtschaft sei kerngesund und es handele sich nur um eine Finanzkrise.

Was Bear Stearns angeht, stünden denn die Aktionäre bei einer Liquidation nicht besser da als beim Verkauf für 236 Mio. an JP Morgan Chase? Angeblich soll ja die New - Yorker - Zentrale an sich eine Milliarde wert sein.

 

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