Eventkultur hat auch ihre Grenzen
Eigentlich ist es doch seltsam, daß noch kein konservativer Kulturkritiker zwischen Botho Strauß und Konrad Adam darauf gekommen ist: Dekadenz. Wir haben uns in unserer dekadenten Kultur des Abfeierns großer Events, von der Olympiade über die Fußball-WM bis zum LiveAid-Konzert, schon soweit eingelullt, daß wir tatsächlich glauben, ein äußerst gewalttätiges, extrem machiavellistisches Regime wie das chinesische würde sich “öffnen“, oder gar “demokratisieren“, nur damit im Sommer in Peking zwei Wochen lang reibungslos und harmonisch gelaufen, gehüpft und gehampelt werden kann.
Sind wir eigentlich völlig bescheuert? Ich fürchte schon.
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Tags: China, Der freie Westen, Freiheit








Ich fürchte Dekadenz IST das richtige Wort.
Es ist zwar kein wirklich passender Vergleich, aber zur Olympiade ‘36 gab sich das Regime in Deutschland auch recht locker und weltoffen. Für kurze Zeit. Soll heißen: Natürlich muss das in keiner Diktatur irgendwie nachhaltig sein.
PS: Witzig wäre ein erfolgreicher tibetischer Sportler und ein Wen Jiabao, der beleidigt rausrennt. ;-) Aber da wird wohl auch nix draus.
ich fürchte Blödsinn ist das richtige Wort! Olympische Spiele als Gehampel zu beschreiben ist respektloses Geschwafel. Man muss ja nicht alles aus seiner Sesselpupserperspektive beschreiben.
Aus Sicht derjenigen Leute, die in Tibet demonstrieren und teils erschossen werden, handelt es sich wohl auch um Gehampel. Insofern ist das nicht nur eine Frage der Sesselpupserperspektive.
Mit den ursprünglichen (oder auch nur den wiederbelebten) Olympischen Spielen hatten die letzten Medien- und Merchandise-Events übrigens herzlich wenig zu tun. Das “Gehampel”, wie der Herr Statler so schön sagte, steht nicht einmal mehr im Mittelpunkt. Dort steht nämlich der Mammon.
Ah so. Ja, klar. Ich vergesse immer, daß olympische Spiele einen Riesenbeitrag zu Völkerverständigung und Friedensstiftung leisten. Ich alter Zyniker.
Völkerverständigung und Friedensstiftung ist genauso Sesselpupserperspektive! Es ist ein sportliches Ereignis, dass aus sportlicher Perspektive die Krönung ist.
Aus allen anderen Perspektiven kann man damit machen was man will. Als Protestbereich, Unteraltung, Kenelernforum, Gelegenheit zum Konsum, des religiösen Innhaltens…
Dazu generell: Jegliches Phänomen durch eine politische Brille zu sehen, die zudem andauernd belehrt was denn nun in diesem und jedem Aspekt der Weltgeschichte am gutmenschenhaftesten wäre (was alle anderen Perspektiven diskriminiert) ist (na klar könnte ich mich hier auch raushalten) nervend. Ich frage mich ob es spass macht?
“…dass aus sportlicher Perspektive die Krönung ist.”
Nicht für Männersportarten. Aber okay, wenn Du Synchronschwimmen und Kunstturnen magst, dann mag das stimmen.
Fussball, American Football, Basketball, Eishockey ausgenommen sind die Olympischen Spiele maßgebend - in allen olympischen Sportarten.
Also bei allen langweiligen Sportarten.
Aus politischer Perspektive ja!
Darf ich hier vielleicht auch mal das letzte Wort haben?
[...] bestrafen statt belohnen Deutliche Worte beim Antibürokratieteam und zuvor bei Rebellmarkt-Don [...]
> Sind wir eigentlich völlig bescheuert? Ich fürchte schon.
Ob “Ihr” bescheuert seid, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob die ganzen (Neo-)Konservativen und (Neo-)Liberalen bescheuert sind, die in DIESER Frage auf einmal China hätscheln und tätscheln wollen. Hat natürlich niemals nichts mit Doppelmoral zu tun, wenn man gegenüber dem Irak die offene Hose spielt, sich dann aber beim wichtigen “Handelspartner” überaus vornehm zurückhält. Beispiele für diese wirklich bemerkenswerte Haltung lassen sich z.B. in der Wochenzeitung “Die Zeit” finden, wo sonst Josef Joffe immer ganz vorne mitjubelt, man jedoch plötzlich China gegenüber bemerkenswert servil agiert.
Was ich aber weiß, ist, dass ICH in dieser Frage eine glasklare Haltung habe, und die lautet: Boykott! Und zwar über Olympia hinaus, bis dieses Regime endgültig die Menschenrechte einhält.
Wo liegt denn eigentlich der höhere Wert eines sportlichen Ereignisses? Ich habe das nie ganz verstanden. Wenn Sportler miteinander konkurrieren, dann geht es doch eigentlich nur um ein rein egoistisches Interesse, nämlich den Sieg. Und natürlich um den Wettkampf an sich, also auch “Sich Beweisen”, Spaß haben (wobei die nie so aussehen, als hätten sie Spaß) - alles für einen selbst.
Wenn die Sportler sich also dagegen aussprechen, die Olympischen Spiele zu boykottieren, Ist ihnen Tibet dabei eigentlich nur völlig egal, oder wollen sie dieses persönliche, egozentrische Erlebnis von Olympischen Spielen tatsächlich über die Interessen der zusammengeschossenen Demonstranten stellen?
@Statler: Suche gerade jemanden, dem ich mein olles rechtes Zeugs verhökern kann. U.a. noch im Angebot der Sammelband “Die Selbstbewußte Nation” von Schwilk/Schacht. Darin als Auftakt der unvermeidliche “Anschwellende Bocksgesang” von Botho Strauß. Interesse?
Von Konrad Adam hätte ich sogar vier Bücher anzubieten!
Zum einen würde ich gerne wissen, wer denn glaubt, dass sich China wegen Olympia demokratsieren würde. Wenn “wir” schon bescheurt sind, wer ist eigentlich dann “wir” ? Ich kenne nämlich niemanden, der so einen Quatsch behaupten würde. Ist ja immer schön sich als dekadent zu outen, aber WER ist der Dekadente ?
Zum anderen sollte man, gerade aus machiavellistischer Sicht, den Propaganda-Wert von Olympia nicht unterschätzen. Für die kommunistische Partei Chinas wäre es eine laut klatschende Ohrfeige, wenn Olympia boykottiert würde. Aus Sorge davor werden die kaum demokratisch. Sie werden auch Tibet nicht aufgeben. Aber vorsichtig sein. Ein Boykott vernichtet nicht die KP, aber es ist ein Stein im Mosaic. Und die KP tut eine Menge, damit das Mosaic gar nicht erst angefangen wird.
Ich kann Llarian und Statler nur zustimmen.
In Tibet werden Menschen ermordet. Mördern sollte man keine politische Plattform geben, man sollte sie isolieren. Man sollte den Kriminellen in “politischen” Ämtern klarmachen, dass sie es zu weit treiben. Ist das so schwer nachzuvollziehen?
Ich persönlich bin sogar für einen klarhart durchgezogenen Wirtschaftsboykott, für einen Wirtschaftskrieg. China ist nämlich sehr viel verwundbarer als die Chinesen sich das eingestehen wollen.
Die sind eine leichte Beute.
Ich halte China nicht für so einfach verwundbar. Die haben sich weltweit wirtschaftlich gut vernetzt; sie sind Atommacht, Weltraumnation und ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat.
Ein Boykott der Olympischen Spiele dürfte die Chinesen kaum schrecken, weil zu wenig Staaten mitspielen werden und weil die Nutzlosigkeit solcher Boykott-Aktionen schon belegt ist. Welche Staaten habt Ihr denn als kompromisslose Befürworter eines Boykotts auf der Liste? Wenn die USA und Russland anreisen (wonach es momentan aussieht), dann reisen die meisten anderen Staaten auch an.
Atomwaffen sind kein Argument, sonst müsste man von einer Atommacht immer kuschen. Muss man aber nicht, denn einsetzen können sie sei eh nicht.
Der Weltsicherheitsrat und die UNO werden vollkommen überschätzt. Das ist eine typisch deutsche Marotte. Deutsche pflegen die UNO zu überhöhen, weil sie jahrzehntelang die einzige deutsche Option auf Außenpolitik war. Man kann das aber auch sehr gut ohne die UNO machen, das ist nur noch nicht so richtig in Deutschland angekommen. Selbst ein kleines Land wie Griechenland macht Politik an der UNO vorbei.
China ist vom Rest der Welt extrem abhängig. Wenn der Westen dazu übergehen sollte chinesische Produkte zu boykottieren, dann ist ganz schnell Feierabend in China. Dann haben die über Nacht einen Bürgerkrieg im Land, denn die vielen gierigen Mäuler wollen gestopft werden, haben sie doch eine gewisse Erwartungshaltung.
In Bezug auf die olympischen Spiele gebe ich Dir aber Recht. Nur ein Boykott bringt gar nichts und wäre vielleicht sogar schädlich, weil die Chinesen das Gesicht waren müssen. Gegen Schamgesellschaften hilft generell nur Härte, weil Nachgeben nun einmal als Schwäche interpretiert wird.
Andersherum interpretieren Schamgesellschaften kompromisslose Härte aber auch als Stärke und reagieren rational darauf, weil es aus Sicht einer durch Scham geprägten Gesellschaft eben logisch ist eigene Interessen mit Rücksichtslosigkeit und Härte durchzusetzen.*
Wenn der Westen gegenüber China Härte zeigt, werden die Chinesen nachgeben. Was sollen sie auch sonst tun?
Einen Krieg kann China gegen keinen einzigen Nachbarn gewinnen, selbst ein Unentschieden ist nicht drin.
Japan würde China innerhalb einer Woche in den Boden stampfen, einen Nuklearschlag könnte Japan nuklear - durch Schnellbewaffnung - beantworten. Das Raketenpotential ist in Japan jedenfalls schon seit zwanzig Jahren vorhanden. Auch Deutschland kann sich innerhalb von 24 Stunden nuklear bewaffnen.
Konventionell haben die Chinesen keine Chance.
Der einzige nachvollziehbare Grund jetzt nicht gegen China vorzugehen ist die Hypothekenkrise. In China lauert noch die eine oder andere Überraschung auf die Aktienmärkte und ich weiß nicht ob es so klug wäre die unbedingt jetzt aufzudecken. Das könnte den Finanzmärkten den Todesstoß verpassen.
Sind die paar Tibeter also eine Weltwirtschaftskrise wert? Die Frage reiche ich mal an die Ökonomen weiter.
*(Das gilt natürlich nur außerkulturell, innerkulturell gilt ein ganz anderer Maßstab, aber der ist hier nicht das einschlägige Problem. Chinesen untereinander begegnen sich mit extremer Zurückhaltung und Höflichkeit. Diese Höflichkeit darf aber nicht in einem westlichen Sinn verstanden werden. Höflichkeit ist in Schamgesellschaften frei von Freiwilligkeit, sondern Ergebnis gesellschaftlichen Zwangs, das ist in Schuldgesellschaften zwar nicht immer anders - schließlich können solche Regeln auch mit Gewalt durchgesetzt werden - aber grundsätzlich freiwillig motiviert. M.a.W.: Wenn man in einer Schuldgesellschaft unhöflich ist, passiert erstmal gar nichts. Reaktionen erfolgen nur mittelbar. In einer Schamgesellschaft erfolgt die Reaktion dagegen unmittelbar.)
Hm, frage mich auch, ob wir nicht im Zuge der Finanzkrise auch ein Platzen der China-Bubble erleben werden (Asienkrise reloaded).
Habe zwar keine stichhaltigen Hinweise/Beweise, aber eine innere Stimme sagt mir, dass es einige Parallelen zu den (Papier-)Tigerstaaten Mitte der Neunziger und sogar zur SU in den 50ern gibt.
Aber spätestens wenn die sozialen und wirtschaftlichen Widersprüche unerträglich werden und die Systemfrage gestellt wird, wirds dort in der Kartonage rappeln.
Aber vielleicht wünsche ich mir das auch nur herbei, weil mir die ganzen “I, for one, welcome our new chinese overlords”-Typen in Politik, Wirtschaft und Medien auf den Nerv gehen. =D
“Wir haben uns …. “, “… daß wir …”, “… Sind wir eigentlich völlig bescheuert?”
Ich habe auch manchmal den Eindruck, daß _Ihr_ in einer etwas realitätsfremden Spaßgesellschaft lebt.
Jeder lebt in der Gesellschaft, die er verdient.
Ich Banause habe das Wichtigste vergessen: Ich wünsche allen ein frohes (nicht-orthodoxes) Osterfest ;-) !
Dekadenz trifft es. Siehe Spätes Römisches Reich. Brot & Spiele & mehr.
Gerade Statler als Demokratie- und Staatsanhänger hat eigentlich am wenigsten Grund sich über die Sportusancen und Sportkultur in _seiner_ Gesellschaft aufzuregen. Es ist ja schließlich _sein_ Staat, der das allgemeine Sportwesen hierzulande mit Steuergeldern unterstützt.
Partnerschaftliche Zusammenarbeit von Sport und Staat:
http://www.bmi.bund.de/cln_012/nn_164756/Internet/Content/Themen/Sport/PolitischeZiele/Grundsaetze__der__Sportfoerderung__Id__18963__de.html
Brother, you asked for it!
Oder in Anspielung auf Statlers wölfisches Gesellschaftsbild: Er hat den Sport den Wölfen vorgeworfen und jetzt beschwert er sich darüber, daß sie ihn fressen.
[...] Vergleich” ist, kommt statt dem zielsicheren Vergleich mit den Boykottspielen in Moskau, immer wieder das Gespräch auf die “Olympiade ‘36“. Dies ist ein deutsches Trauma, welches Neues und Bekanntes, Otto Graf Lambsdorff und ein Herr [...]