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Zahnschmerzen

04.04.2008 11:48 - London Calling by Oliver M.H.

Der NHS ist wirklich “the envy of the world”:

“A grandmother pulled out two of her own teeth after she was unable to find an NHS dentist. Elizabeth Green, 76, telephoned 12 dental surgeries complaining of severe toothache, but was told every time that they were not accepting new NHS patients. Finally, her two front teeth became so painful that she was forced to extract them herself. The number of people carrying out DIY dentistry is thought to be on the rise, due to the dwindling availability of NHS dental treatment.”

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15 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Lina, 04.04.2008 13:31

Kein Kredit mehr also für “NHO- Kunden”? - Da frage ich mich doch gleich, ob es hierzulande auch so weit kommen könnte, sich den Zahn, regulär behandelt zu werden, gleich selbst zu ziehen - jetzt, da eine “wissenschaftlich fundierte Studie” benennt (was viele schon am eigenen Leib zu spüren bekommen haben): dass Kassenpatienten bis zu dreimal länger auf einen Facharzttermin warten?

Wieviel Kredit hat ein deutscher Kassenpatient noch, für den der Hausarzt, wie ich gehört habe, pauschal 45 € pro Quartal bekommt - ganz egal, was ihm fehlt und was er für Umstände macht? Was sind das überhaupt für miserable Konditionen, unter denen Gesundheit, bzw. Krankheit verhandelt und verrechnet wird? Und stimmt es nicht, dass unser System zwangsläufig auch - so wie in England, Oliver! - in der Zwei-Klassen-Medizin mündet?

RTL hat in einer Arztpraxis in Leipzig ein interessantes Experiment gemacht: Häppchen und kleine Geschenke für wartende Privatpatienten, nichts bzw. eine vorgeschlageneTerminverschiebung für die anderen - offen gereicht und offen angefragt. Der Effekt: 1 x (männlicher) Protest, sonst keinerlei Aufregung im gemeinsamen Wartezimmer; Lämmer unter sich ;-)…

Lina, 04.04.2008 13:36

Sorry, Oliver: “NHS” - versteht sich; es ist ja ein Service der staatlichen Sevice-Gesellschaft britischer Prägung…

Oliver M.H., 04.04.2008 15:16

Ich bin überfragt, was Deutschland angeht. Aber der Witz an England ist ja eigentlich der, dass der NHS gerade mit dem Versprechen angetreten war, die Zwei-Klassen-Medizin zu beenden und allen Bürgern eine gute Gesundheitsversorgung zu bieten. Nun, gerade das hat er nicht geschafft. Wer es sich nämlich leisten kann, der versichert sich hier längst privat.

Lina, 04.04.2008 17:01

“…der versichert sich hier längst privat.” - Ja, das hätte ich den Lämmern in der RTL-Praxis auch gerne empfohlen; die sahen nur nicht so aus, als ob sie sich das leisten könnten - sogar eher so, als ab sie sich gar nicht vorstellen könnten, Privatpatient zu sein…

Das System gehört (hier wie dort) umgekrempelt, ja, revolutioniert, aber welches freidenkerische Format braucht es, um so ein auf Solidarität gebautes Projekt weiter ins Privatwirtschaftliche zu stemmen - ohne dass jemand zu kurz kommt?

Kein Zweifel, Mrs. Green hat es schwer erwischt. Sitzen denn in England auch nur hinnahmefähige Lämmer in den Arztpraxen, dass sich an den Zuständen nichts ändert? Dachte eigentlich, es wäre nur der typisch deutsche Untertanen-Geist, der nichts bewegt…)

Oliver M.H., 04.04.2008 17:33

Nein, den Untertanengeist gibt es hier auch. Ohne geht es im NHS auch nicht ;-(

 
Holger, 05.04.2008 09:56

Ja, das hätte ich den Lämmern in der RTL-Praxis auch gerne empfohlen; die sahen nur nicht so aus, als ob sie sich das leisten könnten - sogar eher so, als ab sie sich gar nicht vorstellen könnten, Privatpatient zu sein…

Vermutlich können sie es sich deshalb nicht vorstellen, weil es ihnen, jedenfall den meisten, vom Gesetzgeber ja auch gar nicht erlaubt wird, Privatpatient zu werden - selbst wenn sie es wollten.

“You get what you pay for”, gilt halt doch öfter als man vielleicht so denkt. So toll ist das Privatpatientendasein nun auch nicht. Mrs. Green kriegt vielleicht ihre Zähne nicht gemacht, dafür muss sie aber auch keine jährliche Prämienerhöhung von 20 Prozent bezahlen.

Lina, 05.04.2008 11:15

Das ist es ja: Gesetzgeber und Lobbyisten bleiben weiter unbeweglich, die Lämmer haben weder das Geld noch den Mut, private Prämien zu bezahlen.

“You get what you pay for” darf aber meines Erachtens im Gesundheitswesen nicht Boden fassen; es geht dort nicht um ein materielles Gut, sondern um diesen “besonderen Saft”, der allen gleichermassen in den Adern fliesst. Deshalb wird man um solidarische Lösungen auch nicht herumkommen.

Um das System für jeden Einzelnen (privat) bezahlbar zu machen, müsste IMHO radikal “verschlankt” werden, was im Zusammenwirken aller wirtschaftlich Beteiligten nur noch als kolossaler, demnächst gar unbezahlbarer, Verschwendungsapparat in Erscheinung tritt.

Jeder Patient kann das sehen - so er will. Weil er aber nicht muss, weil vermeintlich nicht er, sondern die Kasse sein Zahler ist, tut er es nicht und behindert (ebenso wie die Kassen selbst) das kranke System bei seiner Gesundung durch mehr marktwirtschaftliche Elemente.

Holger, 05.04.2008 11:59

Dass keiner krank bleiben soll, weil er kein Geld für den Arzt hat, ist klar. Die Frage ist, wie man die Solidarität effizient organisiert. So wie wir es machen, mit Kassenärztlichen Vereinigungen, staatlichen Zwangskassen u.Ä. wohl nicht. Ich würde mir vorstellen, dass man jegliche Umverteilung aus dem System herausnimmt und über das Steuersystem organisiert. Ob so etwas ein Patentrezept sein kann, weiß ich nicht, die Frage erscheint mir generell schwierig zu beantworten.

Lina, 05.04.2008 14:24

“…die Frage erscheint mir generell schwierig zu beantworten.”

Und wie - bei so vielen Beteiligten, Nutzniessern und Profiteuren! Nicht umsonst beisst sich jeder sog. Gesundheitsexperte die Zähne daran aus - wie im “Endeffekt” Mrs. Green als englische Patientin…

Das Gesundheitswesen ohne jegliche Umverteilung über das Steuersystem organisieren, hört sich gut an. Wie man das macht, wie man tatsächlich “umstürzt”, hat noch keiner von ihnen herausfinden wollen; statt dessen kurieren sie immer nur an Symptomen herum; das regt mich auf.

 
Die Stimme auf dem Off, 06.04.2008 11:42

Ich würde vor allem den Markt mal ganz schnell für ausländische Kräfte liberalisieren. Eine gute Bekannte von mir ist ausgebildete Intensiv- und Rettungsmedizinerin mit einigen Jahren Berufserfahrung. Als Anästhesistin ist ihr nicht gestattet eine Praxis zu eröffnen. Dafür müsste sie erst einmal eine mehrjährige Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin machen. Wenn ich mich richtig erinnere waren das wohl drei Jahre.

Die wäre überall hingegangen wenn man sie gelassen hätte, sogar in den Osten. Leider musste sie dann nach Griechenland gehen, weil man dort sogar ohne Griechischkenntnisse arbeiten darf, solange man eine einheimische Arzthelferin ständig in der Praxis hat die übersetzen kann.

Das Einkommen ist übrigens ähnlich wie in Deutschland, wegen der vielen Privaten. Die paar armen Schlucker ohne finanzielle Möglichkeiten behandelt man natürlich kostenlos, weil sonst der Pope vor der Tür steht und das wäre nicht gut für die nächste Baugenehmigung oder aber gar den Ruf, was noch viel schlimmer wäre.

Ali Baba, 08.04.2008 15:32

Die paar armen Schlucker ohne finanzielle Möglichkeiten behandelt man natürlich kostenlos, weil sonst der Pope vor der Tür steht und das wäre nicht gut für die nächste Baugenehmigung oder aber gar den Ruf, was noch viel schlimmer wäre.

Tja, soziale Kontrolle ist immer noch das Beste, wenn es sie noch gibt, wie im griechischen Dorf. Ansonst … Berufsethos?

Lina, 08.04.2008 17:29

Das ist wahr, wenn ich es auch nicht unbedingt “soziale Kontrolle” nennen würde, was der Pope macht: zunächt, glaube ich, folgt er seinem Berufsethos aus der Verpflichtung heraus, so einen Ladenhüter wie “Nächstenliebe” zu vermarkten; indem er den Ertrag (oder den Nicht-Ertrag) gezielt zirkulieren lässt.

(btw.: dass es gleich “-liebe” sein soll, kommt vom lebensfernen Idealismus der Kirchen; man könnte dasselbe ruhig etwas tiefer hängen - nur vielleicht nicht ganz so tief wie die “soziale Kontrolle”, meine ich. - Aber ein Gag war es doch .-)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Lemmy Caution, 04.04.2008 17:25

Ich hab mal gehört, dass es in London überhaupt keine Zahnarztpraxen für NHS Patienten mehr gibt, weil man bei den dortigen Lebenshaltungskosten einfach nicht von den Tarifen leben kann.

Oliver M.H., 04.04.2008 17:32

Das stimmt nicht ganz. Es gibt noch NHS-Praxen, aber einige Zahnärzte haben tatsächlich angekündigt, demnächst nur noch privat zu arbeiten.

 
 
Der_SP, 04.04.2008 18:50

Neben dem Problem überhaupt einen Zahnarzt zu finden der noch für die NHS arbeitet bekommt man dort noch nicht einmal im Notfall einen Termin, wenn man sich nicht vorher registriert hat.
Mir ist vor kurzem eine Füllung gebrochen und dadurch wurde eine Zahnfleischentzündung ausgelöst. Ich hab zum Glück einen NHS Zahnarzt gefunden, aber da ich noch nicht registriert war, musste ich nen Termin ne woche später machen. Der war dann aber auch nur zur Untersuchung und die Behandlung war dann wieder 5 Tage später.
Knapp 2 Wochen mit ziemlichen Schmerzen wo ich in Deutschland gleich behandelt worden wäre, aber zumindest gibt es hier billige Schmerzmittel in jedem Supermarkt ;)

 

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