Hört auf, so zu tun als gäbe es die Wehrpflicht noch
jo@chim, 08.04.2008
1979 wurde ich trotz diverser leider erfolgloser Manipulationen hinsichtlich meiner Hör-, Seh- und Gehfähigkeit und aufgrund der festen Überzeugung des Musterungsarztes, dass ich nicht drogensüchtig sei, “T2″ gemustert.
Bei der folgenden, zu dieser Zeit noch mündlichen, Gewissensüberprüfung rettete mich nicht mein Gewissen (wäre auch schwierig gewesen für mich damals, als konfessionsloser Linksextremer…), sondern argumentatorische Vorwärtsverteidigung: ich habe den Jungs erzählt, dass die mich schon einberufen könnten – sie müssten aber gewärtig sein, dass ich alles was ich zu sehen bekäme, fotografieren und unverzüglich nach Moskau senden würde. Das half! Ich fiel zwar mit meiner Wehrdienstverweigerung durch – weil zum Zivildienst “charakterlich nicht geeignet” (sic!) – aber gezogen haben sie mich nie :D
Inzwischen werden 45,9% all derjenigen, die zur Musterung antreten, zeitweilig oder dauerhaft untauglich gemustert. Angelika Beer von den Grünen zu WELT ONLINE:
Die Einberufungskriterien sind ein Statistikinstrument, dessen sich die Politik bedient, um so zu tun, als gäbe es die Wehrpflicht noch. In Wirklichkeit ist sie doch längst abgeschafft
Dem kann ich nur beipflichten: um Jugendarbeitslosigkeit zu kaschieren, ist sie zu teuer, als Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit damals wie heute schlicht ein Witz – und als Versuch, über Billig-Zivis die Löhne im Sozialbereich niedrig zu halten, ein Skandal.
antibuerokratieteam.net





Ein Witz sind geradezu auch die verzweifelten Anstrengungen, junge Menschen in 12 statt in 13 Jahren durch das Bildungssystem zu schleusen, damit sie ein Jahr länger dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen – nur um ihnen dann das gewonnene Jahr mit einem sinnlosen Zwangsdienst zu stehlen.
Abgeschafft? Toll, merk ich nur leider nicht viel von… wurde letztes Jahr T2 gemustert und darf ab Herbst ein wertvolles Jahr meines Lebens mit total sinnlosen Zivildienst verschwenden…
Ich habe dasselbe Problem, aber noch gibt es eventuell Mittel und Wege.
“ich habe den Jungs erzählt, dass die mich schon einberufen könnten – sie müssten aber gewärtig sein, dass ich alles was ich zu sehen bekäme, fotografieren und unverzüglich nach Moskau senden würde.”
Hast Du das wirklich so gesagt? 1979? Und damit hat man Dich durchkommen lassen?
Also ich hätte Dich geraden dann ja gezogen und dafür gesorgt, dass Du garantiert nichts fotografieren kannst in den 360 Tagen im Zelt in der Lüneburger Heide, ohne Urlaub… ;-)
Jetzt mal im ernst: Bis du damit wirklich durchgekommen?
Ja, 1979. “Durchkommen” aber eben nicht: ich wurde nie als Verweigerer anerkannt, 1986 haben sie’s noch einmal mit einer “Ankündigung der Einberufung” versucht – der Verweis auf Studium und unverändert wehrkraftzersetzende Gesinnung hat die Behörden aber dann endgültig von ihrem Vorhaben abgebracht…
:D
100% Zustimmung von mir. Die Wehrpflicht gehört abgeschafft, und das nicht wie derzeitig heimlich und verstohlen durch die Hintertür, sondern mit offenem Visier. Wird wohl trotzdem noch ein paar Jährchen dauern, obwohl es keine wirklich treffenden Argumente mehr gibt, falls es sie überhaupt jemals gab, die noch für die Wehrpflicht sprechen.
Ich hatte ja mal die Theorie entwickelt, dass die Frage ob man ausgemustert wird oder nicht in erster Linie vom Musterungstermin abhängt: Vielleicht gibt es irgendein internes “Ziel” an benötigten Wehrpflichtigen (die Verweigererquote kennt man ja), und wenn dieses erreicht ist, werden alle weiteren Anwärter großflächig ausgemustert…
Meine Untauglichkeit zum Dienst an der Waffe (oder an sonst irgendwas) wurde damals (~2000) jedenfalls in wenigen Minuten festgestellt.
Zugegeben, der Gesundheitszustand war nicht ideal; bin am Abend vor der Musterung von einer einwöchigen Studienfahrt (hust*sauftour*hust) zurückgekommen. Aber angeblich hat diese Strategie ja früher auch nix gebracht…
Ich wurde auch in kürzester Zeit ausgemustert – der Arzt hat mich gefragt, ob ich denn Lust dazu habe und ich meinte “Eigentlich nicht.”
Daraufhin wurde ich wegen Untergewicht ausgemustert. (Ja, ich war etwas leicht, aber die hätten wohl auch einfach sagen können “Iss mehr!”)
Kommt wohl wirklich teilweise auf Termin und/oder den Arzt auch an, den man dort trifft.
Soweit ich weiß, ist es aber wohl im Westen leichter durch das Raster zu rutschen, weil von meinen Freunden in Sachsen nahezu alle entweder Wehr- oder Zivildienst machen mussten.
Nunja, ich hatte eigentlich schon seit der Grundschule damit gerechnet, dass die Wehrpflicht wegfällt bis ich dran bin – hat sich dann leider doch nich bestätigt, aber ich bin ja dran vorbeigekommen.
Sinn macht es nicht und von einer allgemeinen Zivildienstpflicht, wie einige es als Ersatz der Wehrpflicht fordern, will ich auch nichts hören.
Ich schulde (?) der “Gesellschaft” sicher nicht ein Jahr ‘Sklavenarbeit’. (Ja, ich weiß dass man mit etwas Geschick eine entspannte Stelle finden kann, aber das ändert nix am Prinzip.)
Wer an der 12-Jahre-Arbeitsmarkt-Sichtweise grundsätzlich nichts Falsches findet, weiß natürlich auch, dass Militärdienst sehr hilfreich bei der Charaketerbildung ist und ebenso ein sehr wirksames Mittel, junge Menschen mit der Unbedingtheit von Hierarchien bekannt zu machen.
Ich hoffe natürlich, dass es so sein wird, wie du sagst, aber sind die Kulturdifferenzen mit z. B. den Muslimen heute wirklich schon ausgestanden und bereinigt? Gibt’s da nicht auf beiden Seiten unversöhnliche Standpunkte, die über kurze Umwege zu weiteren Dauerauseinandersetzungen á la Afghanistan und Irak führen können? Die Nato expandiert immer weiter Richtung Osten. Ist denn heute schon klar, dass wir da keine zusätzlichen Bündnisfälle bekommen (siehe türkische Aktivitäten im Nordirak)? Mögliche Einsätze im Innern könnten auch sehr schnell anstehen, wenn ein Innenminister die passenden Argumente von einschlägigem Tagesgeschehen in die Hände gespielt bekommt.
Was für ein Stelle meinst du? Eine Stelle in deinem Leben, wo du etwas unentgeltlich von der Gesellschaft erhalten hast, das du nur mit Leistungen deinerseits wieder ableisten kannst. Meinst du etwa die vollautomatische Einbettung in eine Überflussgesellschaft, zu deren Reichtum die Generationen vor dir beigetragen haben?
Hätte ich das gewusst, , hätte ich die russischen Panzer zu deinem Wohnort durchgewinkt, statt dich 15 Monate und eine Woche heldenhaft zu verteidigen.
Ich plädiere ja nicht für das Abschaffen der Bundeswehr, sondern für das Abschaffen der Wehrpflicht und für eine gut ausgebildete Berufsarmee. Die darf dann auch ruhig was kosten.
Vor fünf Wochen stand die Postbotin mit einem Einschreiben von der Wehrverwaltung vor der Türe. Als ich selbiges geöffnet und mich erfolgreich durch den darin enthaltenen Papierwust gewühlt hatte (was ja an sich schon eine echte Heldentat darstellt), erfuhr ich, dass ich tatsächlich noch die Ehre habe, meinem Vaterland mit der Waffe in der Hand dienen zu dürfen. In der Truppengattung der Infanterie, nebenbei bemerkt.
Damit hätte ich eigentlich auch kein Problem, aber man kommt sich leicht verarscht vor, wenn in deinem gesamten Freundes- und Bekanntenkreis KEINE SAU außer dir eingezogen wird. Untergewicht, Übergewicht, Herzprobleme, krumme Wirbelsäule, diverse Allergien… dann gibts ein paar Zivis und eine ganz große Anzahl von Leuten, die einfach nicht gezogen werden.
Man darf sich auf die GWDl-Statistik 2008 freuen!
Libertärer Blog gegen Zwangsdienste:
http://zwanglos.wordpress.com/
Danke für den Hinweis! Gute Aktion, ich hab das “Weblog gegen Zwangsdienste” in unsere Linkliste eingetragen.
@georg:
Das hast du jetzt davon, dass du dich die letzten 2 Jahre nicht bei McDonalds ernährt hast… nix als Ärger.
Ich persönlich finde McDonalds gut: Du bekommst ein preiswertes, nahrhaftes Mittagessen.
…oder du hast, gem. meiner Theorie, einfach nen schlechten Musterungstermin erwischt…
Ich wünsche dir auf jeden Fall mein persönliches Beileid.
P.S.:
Hab am Montag den Film “Supersize me” gesehen (daher das Burger-Beispiel); extrem unterhaltsam und dabei nicht annähernd so popelig populistisch wie Michael Moore (von 1-2 Details abgesehen); empfehlenswert.
- Flo
Anmerkung am Rande:
Es gibt schlimmeres.
Ein Arbeitskollege von mir (türkischer Staatsbürger) hat vor einigen Monaten aufgrund von Gerüchten einiger in der Türkei ansässiger Familienmitglieder rausgefunden, dass er in der Türkei als “Fahnenflüchtig” geführt wird…
…er hatte dann einige Zeit im zuständigen Konsulat zugebracht; war nach seiner Aussage wohl nicht sehr unterhaltsam; die Türkei kann auch in Deutschland foltern, und zwar in Form von Formularen, die zugestellt werden müssen, aber nirgends erhältich sind geschweige denn erklärt werden.
…nur am Rande, zum Thema “deutsche Wehrpflicht”.
F.A.
Und nach 15 Monaten und einer Woche habt ihr aufgegeben, weil keine echte Armee gekommen ist?
Ich weiß nicht, ob da was dran ist, aber sollte diese Statistik stimmen, dann wäre das schon ziemlich peinlich:
Nö, da war das Maßband alle ;-) (obwohl ich nie eins hatte…)
Es gibt immer noch eine Chance. Piss einfach zwei- dreimal ins Bett, dann wirst Du garantiert ausgemustert und bist frei von allen Zwangsdiensten.
Ich denke schon einmal ins Bett pissen genügt um zum Arzt geschickt zu werden. Der Rest ist Förmelei… ;-)