Liberale Grundausstattung

08.04.2008 22:18 - Statler & Waldorf by Statler - 8 Kommentare

Ein treuer Leser fragte per E-Mail an, was man denn als Einstieg in den klassischen Liberalismus von Autoren wie Hayek und Berlin lesen sollte. Meine bescheidene Meinung ist diese:

Als Hayek-Einstieg könnte man es sich natürlich leicht machen und den Weg zur Knechtschaft empfehlen, aber das wäre zu leicht. Es ist ein schönes, unterhaltsames und nicht zuletzt dünnes Buch, aber es ist ein Pamphlet, und damit fällt es aus dem Werk Hayeks ein wenig heraus. Natürlich sollte man auch den Weg zur Knechtschaft lesen, früher oder später. Aber wenn man den sorgfältig argumentierenden, geistesgeschichtlich versierten, abwägenden Hayek kennenlernen will — und das ist eigentlich der interessantere, verglichen mit dem Pamphletisten — dann führt an der Verfassung der Freiheit kein Weg vorbei. Dieses Buch ist eine wahre Schatzkammer, hier findet der Leser Querverweise in die gesamte, reiche Geschichte des Liberalismus. Es ist der ideale Anfang, denn wenn man auch die Fußnoten aufmerksam liest, Hayeks Quellen in Antiquariaten aufstöbert und selbst nach den Wurzeln gräbt, dann beginnt hier tatsächlich ein jahrelanges Lesevergnügen.

Was Isaiah Berlin angeht, so würde ich zunächst mal nicht ihn selbst empfehlen, sondern die Berlin-Biographie von Michael Ignatieff. Man wird überrascht sein, was für ein interessantes Leben dieser scheinbare Prototyp des zurückgezogenen Oxford-Intellektuellen geführt hat. Von Berlin selbst müssen dann natürlich zuerst die Four Essays on Liberty auf dem Programm stehen, in denen man die klassische Unterscheidung von positiver und negativer Freiheit findet, und die vehemente Verteidigung der negativen Freiheit, der Abwesenheit von Zwang, als erstrebenswertes Ziel. Man findet aber auch Berlins Argument für Pluralismus, seine Einsicht, daß negative Freiheit einer von vielen erstrebenswerten Zielen ist, und daß es in modernen Gesellschaften letztendlich immer darum geht, Konflikte zwischen eigentlich widersprüchlichen, unvereinbaren Werten friedlich auszuhalten.

Unbedingt lesen sollte man aber auch die Essays, in denen Berlin kämpferisch abrechnet: Freedom and Its Betrayal. Six Enemies of Human Liberty. Gerade auch für Ökonomen sind diese Aufsätze eine Herausforderung. Wenn man die Abhandlungen über Rousseau und Helvetius aufmerksam liest, wird man den utilitaristischen Ansatz der Wohlfahrtsökonomik nur noch sehr vorsichtig interpretieren, und der neueren Welle der Happiness-Forschung mit äußerster Skepsis begegnen, jedenfalls den Beiträgen, die einen politischen Auftrag zu einem neuen Glücks-Paternalismus daraus ableiten.

Ein allgemeiner Ratschlag: Erstmal bei den Klassikern bleiben. Bei Hayek, Berlin, bei Adam Smith, John Stuart Mill und Adam Ferguson, oder auch Wilhelm von Humboldt. Lesezeit ist knapp, man sollte sie nicht an zeitgenössische Spinner und Fanatiker verschwenden — was natürlich nicht impliziert, daß alle Zeitgenossen Spinner oder Fanatiker wären, aber das Risiko ist größer, auf solche zu stoßen.

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8 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

dagny, 09.04.2008 12:19

Wer Romane lesen will und sich nicht gleich an Ayn Rands 1000 Seiten Waelzer heranwagen will, dem wuerde ich ‘G.A.S. die Trillogie der Stadtwerke’ von Matt Ruff ans Herz legen. Oder ‘Der Mond ist eine herbe Geliebte’ von Heinlein.

 
steffen4iuf, 09.04.2008 12:59

Oder wem das Original vom Vater der modernen Ökonomie zu lang ist und wer gleichzeitig ordentlich lachen will:

P. J. O’Rourke: Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen
http://www.amazon.de/Adam-Smith-Wohlstand-Nationen-ORourke/dp/3423344598

 
W.U.R.S.T, 09.04.2008 13:45

Freiheit lässt sich nicht bei der ‘nem Glas Rotwein und der lektüre pdeudointellektuellen Geblubbers verteidigen. Aber genau bis dahin reicht ja der Einsatz für die Freiheit von “liberalen” Neocon-Schwuchteln wie denen, die hier schreiben. Ekelhaft.

jo@chim, 09.04.2008 15:40

@Würstla – hier etwas Fisch: <8(+++< <<
btw: Check that

 
 
Christian, 09.04.2008 16:00

Vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag.

 
Dirk, 09.04.2008 22:32

John Locke’s zweite Abhandluing über die Regierung nicht zu vergessen. Oder als Appetitanreger das “Kleines Lesebuch über den Liberalismus” der FNST.

 

[...] und Markt näher beschäftigen möchten, rudern Sie einfach rüber zum Kollegen Statler und holen sich ein paar Lesetipps. Alles sicherlich hochinteressant, spannend und von klugen [...]

 

[...] und Markt näher beschäftigen möchten, rudern Sie einfach rüber zum Kollegen Statler und holen sich ein paar Lesetipps. Alles sicherlich hochinteressant, spannend und von klugen [...]

 

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