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Spiel und Spaß ohne staatliches Gewaltmonopol

09.04.2008 08:01 - Statler & Waldorf by Statler

oder: Hobbes im Wasser.

Das Besondere an Somalia ist, dass es als Staat gar nicht mehr existiert. Hier herrschen Clanführer, die an Land keine Verdienstmöglichkeit mehr sehen und ganz klar auf Lösegeld setzen. Sie schicken ihre Leute mit Kalaschnikows und Raketenwerfern los. Bei so schwerem Geschütz ist die Hand schneller am Abzug als früher, als man mit Messern und Macheten zur Sache ging. Das sind Leute, mit denen nicht zu spaßen ist.

via SPIEGEL ONLINE.

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22 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Stefan Sedlaczek, 09.04.2008 09:49

Ist ja furchtbar! Da kann man sich doch gleich wieder nach dem Schoß der heimischen Staatspiraten sehnen…

Geht das vielleicht irgendwie in die Richtung?

Die, die hierzulande die Staatsgewalt okkupiert haben, lassen einen ja so toll und komfortabel friedlich leben. Man muß nur machen, was die sagen und die 180.000 Vorschriften und Gesetze beachten. Außerdem muß man brav fast alles abliefern, was man wertschöpft. Und die Kinder muß man in Leviathans Schulen schicken, damit sie dessen Glaubensbekenntnis ja auch wirklich verinnerlichen. Und natürlich muß man den säkularisierten dreieinigen Staatsgott huldigen und anbeten, der da drei Gewalten in einem Gewaltmonopol wundersam vereinigt.

Man mag - ohne Herz und Verstand - dem hobbesschen Rattenfänger folgen und dem Wolf, der Kreide gefressen hat, für ein ebensolches Schaf halten, wie man selbst eines ist - der Staat sind wir ja alle. Weswegen die einen die Steuern eintreiben und Waffen tragen und die anderen keine Probleme haben, weil sie brav kleingeben. Was sollen sie auch dagegensetzen? Sie haben ja nicht einmal ein Gespür mehr für die Freiheit. Sie wähnen sich frei, ob all der Möglichkeiten, die doch nur ein anderer Geist vorgibt, es sind die willigsten Sklaven in Millionenzahl, die diese Erde jemals bevölkert haben. Wehrlos und willig, sich selbst als demokratische Herren wähnend, treiben sie doch bloß tumb das Spiel ihrer Spielmannsführer.

jo@chim, 09.04.2008 10:58

Und wo ist jetzt der “Link” zwischen Deiner Predigt und Statlers Beitrag, Stefan?

Stefan Sedlaczek, 09.04.2008 13:28

Die Frage ist jetzt nicht ernst gemeint, oder?
Das staatliche Gewaltmonopol steht in der Überschrift, gleich darunter wird auf Hobbes angespielt, was auch angebracht ist, da er wesentlicher Begründer der politischen Moderne ist und der ironisierende Hinweis auf “Spiel und Spaß”, ebenfalls in der Überschrift macht das Gedankengut und die Stoßrichtung dieser Veröffentlichung deutlich. Ich beziehe mich ja nicht auf den Artikel im Spiegel, sondern auf den Blogbeitrag, und widerspreche dessen Versuchung und Tendenz.

 
 
 
jo@chim, 09.04.2008 10:53

Somalia ist in der Tat ein Beispiel, dass das vulgär-libertäre Dogma “Staat weg - alles gut” so nicht funktioniert. Insbesondere wenn man berücksichtigt, dass der Kolonialismus und die späteren national-sozialistischen Regime in dem Land jegliche gesellschaftlichen Beziehungen und Zusammenhänge zerrüttet haben. Die Ursache des Problems dürfte also nicht in der aktuellen Abwesenheit staatlicher Strukturen begründet liegen, sondern in den “Umerziehungsdiktaturen” der Vergangenheit. Der Islamismus (”Union islamischer Gerichte”) spielt in dem Zusammenhang auch noch eine üble Rolle.

 
Rayson, 09.04.2008 12:54

Somalia verdeutlicht, wie sehr die Entwicklung in einer Region von Voraussetzungen abhängig ist, die über die alleinige Frage, ob denn da ein Staat existiert oder nicht, weit hinausgehen.

Es ist ein libertärer Denkfehler anzunehmen, das Verschwinden des Staates wäre immer und überall gleichzusetzen mit einem Freiheitsgewinn des Individuums. So lange der ideale libertäre Mensch noch nicht geschaffen ist, wird es nämlich immer wieder Exemplare dieser Gattung geben, die sich ganz selbstverständlich überlieferten Gemeinschaften und Autoritäten unterwerfen und als Teil dieser Systeme archetypische Mittel der Konfliktlösung durchaus goutieren. Was denjenigen, die auf ihre Individualität pochen, nicht immer besonders gut bekommt, so dass ein Sezessionsrecht in der Regel erst im Jenseits wahrnehmbar ist und in dieser Richtung auch gerne ermöglicht wird.

 
steffen4iuf, 09.04.2008 12:55 Subscribed to comments via email

Vielleicht nicht mehr ganz frisch, aber eventuell bei dieser Debatte mitzuberücksichtigen:

Many people believe that Somalia’s economy has been in chaos since the collapse of its national government in 1991. We take a comparative institutional approach to examine Somalia’s performance relative to other African countries both when Somalia had a government and during its extended period of anarchy. We find that although Somalia is poor, its relative economic performance has improved during its period of statelessness. We also describe how Somalia has provided basic law and order and a currency, which have enabled the country to achieve the coordination that has led to improvements in its standard of living.

Benjamin Powell (2006): Somalia after State Collapse: Chaos or Improvement?

http://www.independent.org/publications/working_papers/article.asp?id=1861

 
Bodo Wünsch, 09.04.2008 13:48

Wenn ich ehrlich bin: Ich kann den regelmäßig wiederkehrenden Wink auf (oder sollte hier ein ‘mit’ stehen?) Hobbes nicht mehr hören; der ist so platt wie falsch.

Mit den Realitäten in einem bürgerlichen Schrotthaufen wie Somalia - hinterlassen wohlgemerkt von jahrzehnte - wenn nicht jahrhundertelanger _STAATS_Interventioniererei (als ob so ein gequältes Land heute Beweis ausgerechnet für das Nichtfunktionieren der libertären Marktvorstellung wäre - ham wir gelacht!) - hat die eigentliche epochale Leistung eines Thomas Hobbes nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Das ist analog zu etwas wie etwa den von links so gern genommenen “amerikanischen Verhältnissen”.

Mit solchen Pop-Einwürfen verstellt man nur den Blick auf die Rechtsphilosophie. Wer Hobbes auf “homini hominem lupus” verkürzt, verkürzt auch Nietzsche auf “wenn du zum Weibe gehst,…” und Schröder auf “basta”.

PS: Wobei letzteres sogar mal stimmt ;-))

Statler, 09.04.2008 17:30

Die Diagnose, daß der Mensch, wenn er in Gesellschaft mit vielen, fremden, anderen Menschen ist, gezähmt werden muß, ist aber nunmal der Kern von Hobbes’ Leviathan. Daß er in seiner politischen Schlußfolgerung, daß nur ein absoluter Staat das leisten kann, übers Ziel hinaus geschossen ist, ist auch nichts neues, das haben schon die liberalen Autoren eine Generation nach ihm bemerkt. Aber an der Richtigkeit der Diagnose ändert das nichts.

Natürlich hätte ich auch gleich mit dem Zaunpfahl meines ökonomischen Hausheiligen winken können, aber den kennt ja hierzulande leider kaum jemand.

 
 
Luke, 09.04.2008 15:42 Subscribed to comments via email

>Es ist ein libertärer Denkfehler anzunehmen, das Verschwinden des Staates wäre immer und überall gleichzusetzen mit einem Freiheitsgewinn des Individuums.

das ist kein “libertärer” Denkfehler, sondern eine Denke, die Liberalalas konsequenten Liberalen in die Schuhe schieben möchten, weil sie die Konsequenz der eigenen Ideen aus irgendeinem Grund überfordert und sie sich lieber in die bequeme Utopie vom “Minimalstaat” flüchten. Wobei ich mir beim “Anti”bürokratieteam und den gnadenlos zahnlosen BLOGern nicht mal hier sicher bin.

Ich kenne niemanden, der sowas wie “Staat weg, alles gut” von sich geben würde, was Neoliberale regelmäßig aber nicht daran hindert via oberflächlicher Pop-Einwürfe (sehr schön, BW) den staatus quo zu verteidigen und ausgerechnet die konsequenten Verteidiger des Rechts der Wolkenkuckucksheim-Phantasien zu bezichtigen.

http://www.paxx.tv/?p=752

 
N. Neumann, 09.04.2008 15:58

Mit den Realitäten in einem bürgerlichen Schrotthaufen wie Somalia - hinterlassen wohlgemerkt von jahrzehnte - wenn nicht jahrhundertelanger _STAATS_Interventioniererei (als ob so ein gequältes Land heute Beweis ausgerechnet für das Nichtfunktionieren der libertären Marktvorstellung wäre - ham wir gelacht!) - hat die eigentliche epochale Leistung eines Thomas Hobbes nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Dream on. Du redest wie Sahra Wagenknecht von Portfoliotheorie.

Weder gab es in Somalia (falls du das gemeint haben solltest) ein Bürgertum, dass irgendwie etatistisch hätte intervenieren können, noch einen Staat, dessen Funktionen auch nur annähernd an westliche Maßstäbe heranreichten. In Somalia gab es vor und nach der Unabhängigkeit immer nur das freie Spiel der Clans gewürzt mit ordentlich Islam. Und Siad Barre - zwischendurch gab es mal ein bisschen Zentralgewalt (nur eine Staatsfunktion unter mehreren) - war nicht viel mehr als ein Clanführer der sich durchgesetzt hatte.

Bodo Wünsch, 09.04.2008 16:36

> Du redest wie Sahra Wagenknecht …

ahhh - endlich… ich wollte schon immer mit der Wagenknecht ‘verglichen’ werden. Ich hab’s geschafft! :-D

Im Ernst: Ich lehne den “wilden Naturzustand” ab - der übrigens mit praktischem Libertarismus nichts gemein hat. Es ist ein Zustand rechtloser Gewalt.

Ich sehe gar nicht, wofür Somalia überhaupt Beispiel geben soll. Die Gewalt und Unfreiheit dort ist in der Tat schlimm. Es ist und bleibt aber Aufgabe der Somalis und ihrer “Clans” (gleich welcher Religion), sich auf rechtliche Freiheitlichkeit zu einigen. Soviel wäre das gar nicht… - Gewalt erscheint tatsächlich bequemer zuweilen - wer würde das abstreiten?

 
steffen4iuf, 09.04.2008 16:49 Subscribed to comments via email

Du bringst es auf den Punkt. Es gibt keine demokratisch-kooperative Politikkultur, d.h. keine sozioökonomischen und kulturellen Voraussetzungen für einen Zentralstaat. Wie also soll dann ein Zentralstaat zum Problemlöser werden? An genau diesem Problem ist die USA bei ihrem Versuch mit militärischen Interventionen Demokratien zu exportieren mit einigen seltenen Ausnahmen immer wieder gescheitert. Insofern ist der Ruf nach einem starken Staat in Somalia hier etwas zirkulärer Natur.

Ich empfehle hierzu die letzte Folge von EconTalk (http://www.econtalk.org/archives/2008/04/coyne_on_export.html) in der Russell Roberts Christopher Coyne, den Autoren des Buchs “After War: The Political Economy of Exporting Democracy”interviewt.

 
 
Rayson, 09.04.2008 16:04

Korrektur: Ich nehme das “Denk” im “Fehler” zurück, jedenfalls soweit daraus eine Allgemeingültigkeit abgelesen werden könnte.

 
tigger, 09.04.2008 22:11

“Die Diagnose, daß der Mensch, wenn er in Gesellschaft mit vielen, fremden, anderen Menschen ist, gezähmt werden muß”

Dann hoffen wir, dass eine der rivalisierenden Banden, oder gar die Islamisten, irgendwann die anderen besiegt und zähmt, und damit die de-facto Staatsmacht ausübt ?

Statler, 09.04.2008 22:16

Nein, man hofft, daß die Somalier, wie so viele andere Länder vor ihnen, auch irgendwann mal den Schritt tun, sich eine vernünftige, liberale Verfassung zu geben, die Gewalt sowohl beim Staat monopolisiert, als auch sie effizient kontrolliert.

Luke, 09.04.2008 22:19 Subscribed to comments via email

Gewalt effizient kontrollieren heißt aber nicht die Gewalttäter gleichzeitig zu Kontrolleuren zu machen, oder? Oder gilt das Hobbes’sche Urteil für alle, außer Staatsdiener?

Daniel, 09.04.2008 23:14

Hobbes gilt für alle außer denen, die sich die Waffen nicht nur aus den toten, kalten Händen nehmen lassen…

 
 
Die Stimme auf dem Off, 09.04.2008 22:57

Ganz ehrlich? Ich glaube nicht, dass die Menschen das jemals von sich aus getan haben. Ich konnte jedenfalls noch keine Hinweise darauf in der Rechtsgeschichte finden. Es scheint so, als ob alle Revolutionen und auch Liberalisierungen immer erst mit massiver Macht und Gewalt durch Obrigkeit umgesetzt werden konnten. Gegenbeispiele sind mir leider keine bekannt.

Darum bin ich auch etwas weniger europaskeptisch als viele andere. Es scheint mir nämlich so, als ob man die Menschen meistens zu ihrem Glück zwingen müsste.

In einem “failed state” wie Somailia wird man wohl bis in alle Ewigkeiten darauf warten können, dass die Menschen zur Besinnung kommen. Vermutlich braucht es auch eine - jetzt folgen ganz böse Worte von mir - gewisse Zivilisationsstufe in einer Gesellschaft, bevor Veränderungen eintreten können.

An Kenya hat man ja ganz gut gesehen, wie wenig weit es eigentlich mit der Demokratisierung gekommen ist. Jahrzehntelang haben alle geglaubt, Kenya sei demokratisch und dann das. Wie ist dort eigentlich die aktuelle Lage? Ich habe das ganz aus den Augen verloren.

Aber so weit weg braucht man ja gar nicht zu gehen. Selbst (oder besser: gerade in) in Deutschland gibt es doch kaum demokratischen Fortschritt. Gut, die Rechtsprechung wird etwas liberaler, aber was gab es schon an großen Fortschritten? Was hat sich in Deutschland schon groß getan, in einem demokratisierendem Sinne? Eigentlich doch nichts, wann wurde hier schon einmal ein Volksentscheid erfolgreich durchgezogen? Überhaupt schon einmal?

Glaubst Du wirklich, dass Rechtsetzung ohne Zwang und Druck funktioniert?

 
Bodo Wünsch, 10.04.2008 08:59

>die Gewalt sowohl beim Staat monopolisiert, als auch sie effizient kontrolliert.

Der is gut! ^^ … vor allem das “als auch”…

 
 
 
tigger, 10.04.2008 02:05

“Nein, man hofft, daß die Somalier, wie so viele andere Länder vor ihnen, auch irgendwann mal den Schritt tun, sich eine vernünftige, liberale Verfassung zu geben”

Bei so viel einkehrender Vernunft könnten sie dann auch auf den Staat als Gewaltmonopolist verzichten und die Verfassung dezentral durchsetzen und schützen. Ich glaube, es ist nicht der Staatsapparat, an dem es hier mangelt.

 
R.A., 10.04.2008 10:00

Nicht nur die Libertären verengen den Begriff Staat auf die UN-offizielle Variante mit Fahne und top-level-domain.

Das Gebiet eines Clanchefs in Somalia ist aber ähnlich ein Staat wie jede x-beliebige Diktatur dieser Welt - mit Chef, Armee, Abgabepflichten für die Untertanen und in harten Revierkämpfen abgestecktem Territorium.

Es gibt und gab noch nie eine herrschaftsfreie Gesellschaft, ob diese sich “Staat” nennt ist ziemlich nebensächlich.

Viel wichtiger ist eigentlich nur, ob man im Bereich eines Machthabers gewisse (einklagbare) Rechte hat, ob man den Machtbereich nach Belieben verlassen kann, wenn es einem nicht paßt, und ob man den Machthaber friedlich per Wahl auch wechseln kann.

Bei allen Unzulänglichkeiten der BRD ist mir das Leben hier immer noch deutlich lieber als Untertan eines somalischen Clanchefs zu sein.

 
DDH, 11.04.2008 15:41

@Statler: Dein Problem ist, daß Du am Staat nur negativ und irgendwie lästig findest, daß er schlecht für Wirtschaftswachstum ist. Die moralischen Implikationen haben Dich noch nie interessiert, Dir ist nicht einmal bewußt, daß Staat ipso facto eine unmoralische Veranstaltung ist, was auch alle Deine falschen Schlußfolgerungen erklärt. Dieser “Zuviel-Staat-ist-schlecht-fürs-Business”-Schrumpfliberalismus ist eine leichte Beute für den ideologischen Gegner.

 

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