Jetzt fällt es auch den Deutschen auf: Steigende Lebensmittelpreise sind ein Problem, allerdings weniger für uns hier in Deutschland, wir können uns das leisten, sondern vor allem für die wenig zahlungskräftigen Konsumenten in den Entwicklungsländern. In Deutschland beispielsweise sind die Großhandelspreise für Lebensmittel im März 2008 verglichen zum März 2007 um 7,1 Prozent gestiegen. Das ist eine Menge, und es wird auch die Inflationsrate in der Eurozone treiben, aber es ist verkraftbar für eine relativ wohlhabende Bevölkerung, die auch nur einen relativ geringen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgibt.

Aber jetzt wird es schon häßlich: die Preise für Getreide und Saatgut sind im gleichen Zeitraum um sagenhafte 52 Prozent gestiegen. Man kann sich vorstellen, daß dies die Budgets von Konsumenten schwer belastet, die fast ihr gesamtes Einkommen für Grundnahrungsmittel ausgeben müssen, um sich ernähren zu können. Insofern sind Aufstände, die sich gegen hohe Lebensmittelpreise richten, wie etwa in Ägypten und Haiti, kein Wunder.

Was also tun? Wir beobachten hier einerseits wieder einmal unintendierte Konsequenzen staatlicher Interventionen: die Nachfrage nach Biosprit verdrängt kurzfristig die weniger zahlungskräftige Nachfrage nach Lebensmitteln. Das konnte man schon vor ein paar Jahren wissen, aber im Rausch des Klimaschutzes wollte man es so genau wohl nicht hören. Die damals veröffentlichten Zahlen waren schon Besorgnis erregend:

One-fifth of corn and almost one sixth of the U.S. grain harvest overall goes toward ethanol production, according to the institute’s report. And while the world’s production of grain will grow by about 20 million tons this year, 70 percent of the increase could be used to generate ethanol for U.S. automobiles, Brown says.

Aber es war ja für einen guten Zweck, gegen den Klimawandel und für die heimische Bauernlobby — da sieht man doch gerne mal über die knappen Lebensmittelbudgets der Menschen in Entwicklungsländern hinweg. Einige Schätzungen gehen davon aus, daß rund zwei Drittel der aktuellen Preissteigerungen beim Getreide auf die Ethanol-Produktion zurückzuführen sind. Der Rest verdankt sich dem steigenden Wohlstand in Schwellenländern und der daraus folgenden steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln.

Wenn man sich jetzt also nach politischen Optionen umschaut, dann sollte man natürlich eines definitiv nicht versuchen: Preiskontrollen einzuführen. Die aktuellen Preissteigerungen sind wichtig, sie sind lebenswichtig, denn sie zeigen die größer gewordene Knappheit von Lebensmitteln an, und sie signalisieren, daß es sich lohnt, den Getreideanbau auszudehnen. Wenn man dieses Preissignal beseitigt, produziert man Hungersnöte. Das kann man nicht eindringlich genug sagen. Leider wird aber genau dies gerade in einigen betroffenen Ländern versucht. Und einige von denen — hier wird es dann ganz bizarr — leisten sich trotz Lebensmittelknappheit weiterhin Importzölle auf Lebensmittel. Zu soviel Idiotie fällt einem nichts mehr ein.

Was man sich auch verkneifen sollte, sind Versuche, von Lebensmittelproduzenten an die Konsumenten umzuverteilen, z.B. indem man die zusätzlichen Gewinne höher besteuert, welche die Produzenten derzeit aufgrund der höheren Nachfrage einfahren. Auch dies verzerrt indirekt das Preissignal. Ein Signal, auf das die Anbieter übrigens bereits reagieren: die Produktion von Getreiden wird bereits massiv ausgeweitet, z.B. indem Flächen genutzt werden, deren Nutzung sich bisher wirtschaftlich nicht lohnte. Wer auch immer versucht, Produzenten für hohe Preise zu bestrafen, gefährdet diese Ausweitung der Produktion — und riskiert in seinem Umverteilungswahn Hungersnöte.

Also nochmal: Was tun? Natürlich sollten die Industrieländer den Ethanol-Blödsinn schnellstmöglich beenden, so daß die Lebensmittelnachfrage nicht mehr mit fehlgeleitetem Klimaaktivismus konkurrieren muß. Aber das wird auch nur mittelfristig helfen. Wenn man kurzfristig Hungeraufstände und Mangelernährung verhindern will, dann kann man nur eines machen: die notleidende Nachfrage subventionieren. Das ist das einzige halbwegs unschädliche, die Preissignale nicht besonders stark verzerrende Instrument, das man anwenden kann.

Amartya Sen ist mal aufgefallen, daß es in Demokratien praktisch niemals verheerende Hungersnöte gab, weil Regierungen dort es sich im politischen Wettbewerb nicht leisten können, eine nicht zahlungskräftige Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln unsubventioniert zu lassen. Das impliziert im Umkehrschluß natürlich düstere Aussichten für Haiti, Ägypten und all die anderen, wo sich Macho-Führer lieber der Instrumente aus dem command-and-control-Werkzeugkasten bedienen, weil diese ihnen das Gefühl geben, das Ruder fest in der Hand zu haben.