Das tägliche Brot
Jetzt fällt es auch den Deutschen auf: Steigende Lebensmittelpreise sind ein Problem, allerdings weniger für uns hier in Deutschland, wir können uns das leisten, sondern vor allem für die wenig zahlungskräftigen Konsumenten in den Entwicklungsländern. In Deutschland beispielsweise sind die Großhandelspreise für Lebensmittel im März 2008 verglichen zum März 2007 um 7,1 Prozent gestiegen. Das ist eine Menge, und es wird auch die Inflationsrate in der Eurozone treiben, aber es ist verkraftbar für eine relativ wohlhabende Bevölkerung, die auch nur einen relativ geringen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgibt.
Aber jetzt wird es schon häßlich: die Preise für Getreide und Saatgut sind im gleichen Zeitraum um sagenhafte 52 Prozent gestiegen. Man kann sich vorstellen, daß dies die Budgets von Konsumenten schwer belastet, die fast ihr gesamtes Einkommen für Grundnahrungsmittel ausgeben müssen, um sich ernähren zu können. Insofern sind Aufstände, die sich gegen hohe Lebensmittelpreise richten, wie etwa in Ägypten und Haiti, kein Wunder.
Was also tun? Wir beobachten hier einerseits wieder einmal unintendierte Konsequenzen staatlicher Interventionen: die Nachfrage nach Biosprit verdrängt kurzfristig die weniger zahlungskräftige Nachfrage nach Lebensmitteln. Das konnte man schon vor ein paar Jahren wissen, aber im Rausch des Klimaschutzes wollte man es so genau wohl nicht hören. Die damals veröffentlichten Zahlen waren schon Besorgnis erregend:
One-fifth of corn and almost one sixth of the U.S. grain harvest overall goes toward ethanol production, according to the institute’s report. And while the world’s production of grain will grow by about 20 million tons this year, 70 percent of the increase could be used to generate ethanol for U.S. automobiles, Brown says.
Aber es war ja für einen guten Zweck, gegen den Klimawandel und für die heimische Bauernlobby — da sieht man doch gerne mal über die knappen Lebensmittelbudgets der Menschen in Entwicklungsländern hinweg. Einige Schätzungen gehen davon aus, daß rund zwei Drittel der aktuellen Preissteigerungen beim Getreide auf die Ethanol-Produktion zurückzuführen sind. Der Rest verdankt sich dem steigenden Wohlstand in Schwellenländern und der daraus folgenden steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln.
Wenn man sich jetzt also nach politischen Optionen umschaut, dann sollte man natürlich eines definitiv nicht versuchen: Preiskontrollen einzuführen. Die aktuellen Preissteigerungen sind wichtig, sie sind lebenswichtig, denn sie zeigen die größer gewordene Knappheit von Lebensmitteln an, und sie signalisieren, daß es sich lohnt, den Getreideanbau auszudehnen. Wenn man dieses Preissignal beseitigt, produziert man Hungersnöte. Das kann man nicht eindringlich genug sagen. Leider wird aber genau dies gerade in einigen betroffenen Ländern versucht. Und einige von denen — hier wird es dann ganz bizarr — leisten sich trotz Lebensmittelknappheit weiterhin Importzölle auf Lebensmittel. Zu soviel Idiotie fällt einem nichts mehr ein.
Was man sich auch verkneifen sollte, sind Versuche, von Lebensmittelproduzenten an die Konsumenten umzuverteilen, z.B. indem man die zusätzlichen Gewinne höher besteuert, welche die Produzenten derzeit aufgrund der höheren Nachfrage einfahren. Auch dies verzerrt indirekt das Preissignal. Ein Signal, auf das die Anbieter übrigens bereits reagieren: die Produktion von Getreiden wird bereits massiv ausgeweitet, z.B. indem Flächen genutzt werden, deren Nutzung sich bisher wirtschaftlich nicht lohnte. Wer auch immer versucht, Produzenten für hohe Preise zu bestrafen, gefährdet diese Ausweitung der Produktion — und riskiert in seinem Umverteilungswahn Hungersnöte.
Also nochmal: Was tun? Natürlich sollten die Industrieländer den Ethanol-Blödsinn schnellstmöglich beenden, so daß die Lebensmittelnachfrage nicht mehr mit fehlgeleitetem Klimaaktivismus konkurrieren muß. Aber das wird auch nur mittelfristig helfen. Wenn man kurzfristig Hungeraufstände und Mangelernährung verhindern will, dann kann man nur eines machen: die notleidende Nachfrage subventionieren. Das ist das einzige halbwegs unschädliche, die Preissignale nicht besonders stark verzerrende Instrument, das man anwenden kann.
Amartya Sen ist mal aufgefallen, daß es in Demokratien praktisch niemals verheerende Hungersnöte gab, weil Regierungen dort es sich im politischen Wettbewerb nicht leisten können, eine nicht zahlungskräftige Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln unsubventioniert zu lassen. Das impliziert im Umkehrschluß natürlich düstere Aussichten für Haiti, Ägypten und all die anderen, wo sich Macho-Führer lieber der Instrumente aus dem command-and-control-Werkzeugkasten bedienen, weil diese ihnen das Gefühl geben, das Ruder fest in der Hand zu haben.







Schöner Artikel!
Unglücklicherweise erscheinen Subventionen für die Ärmsten zum Ausgleich des externen Schocks der steigenden Lebensmittelpreise in suboptimal organisierten Ländern schwieriger als einfach mal Höchstpreise zu verkünden und ein paar Türsteher in Supermärkte zur Überprüfung zu schicken.
Den sich unweigerlich bildenden Schwarzmarkt kontrolliert man dabei zwar auch nicht, aber da kann man dann schön Händler- und Produzenten-Prangerung betreiben, die dann – aus “egoistischen” und angeblichen Destabilisierung-der-Regierung Motiven – die Maßnahmen des furchtlosen Führers zum Schutze des Volkes untelaufen.
Hmm, mit der letzten Schlussfolgerung wäre ich mir nicht so sicher.
Haben denn nicht auch die meisten kommunistischen Regierungen Lebensmittel subventioniert? Trotzdem gab es Hungersnöte.
Da kommt es wohl eher auf das allgemeine Wirtschaftssystem an -> je freier umso weniger Hungersnöte, weil Kapitalismus nunmal größtenteils funktioniert.
Wenn Statler von “Nachfrage subventionieren” redet, meint er nicht etwa eine Subventionierung von Produkten (die den Mehrverbrauch eher anheizen würde), sondern eine von Menschen.
In dem Punkt sind wir uns wohl einig, entscheidend ist aber, dass wir wenn wir wirklich die Produktion steigern wollen uns mit der Subvention der Produktion beschäftigen müssen. Subventionen jenseits von akuter Nothilfe. Was heißt das? Im Prinzip nichts anderes als die Herstellung von “Waffengleichheit”. Wenn der Kollege in einem Afrikanischen Binnenstaat, im Vergleich zum Kollegen hier oder in den Staaten teilweise 4-6fache für ertragssteigernde Produktionsmittel aufbringen muss, halte ich derartige Subventionen nicht nur für gerechtfertigt sondern dringend erforderlich. Zusätzlich abgesichert durch ein nationales Bevorratungssystem bis hin zu zeitweiligen Exportbeschränkungen.
Ich will mir deswegen einen Autoaufkleber machen:
„Fahren statt fressen“ – (Im Hintergrund ein Konterfei von Gabriel aus seinen wohlgenährtesten Zeiten.)
Vielleicht abgerundet mit haitiansicher Malerei. Ein paar verhungernde Menschen und so. Leider bin ich ziemlich untalentiert was Grafiken angeht, ich arbeite aber daran.
Denke mal, wir sollten uns endgültig von der Mär entfernen, dass, vielleicht abgesehen von einigen sehr naiven Menschen, Agrospritproduktion und Klimaschutz jemals was miteinander zutun hatten. Ein Blick auf die Kosten und Ertragsstruktur in der Agrarindustrie vor und seit dem Hype hilft vielleicht weiter.
Eine völlige Suspendierung aller Subventionen für Agrosprit würde zwar zu einer Reduzierung der Prod. In den entwickelten Nationen führen, global allerdings die Preise z.B. für Ethanol um runde 20% steigen lassen. Hängt natürlich auch vom Ölpreis ab, die Berechnungen stammen aus dem Jahr 2006 und wenn ich nicht völlig den Überblick verloren habe, haben sich die Energiepreise seitdem nicht gerade nach unten bewegt.
Sie beziehen sich lediglich auf Produzenten, womit sie wohl die Urproduktion meinen, und die Verbraucher. Was ist mit den Strukturen, genauer gesagt den Oligopol Strukturen, dazwischen? Die real existierende Umverteilung, sowohl von den Urproduzenten wie auch von den Verbrauchern an die, den Handel auf allen Ebenen beherrschenden Multis wird von Ihnen völlig ignoriert.
Ihre Vorstellungen konzentrieren sich allein auf den Preis, Nachfrage und Angebot, als Regulierungsmechanismus. Die wirklichen Ursachen für diese Entwicklung werden nicht thematisiert wie zum Beispiel die ungesunde Bodenverteilung in wesentlichen Produzentennationen. Das heißt, wenn ich Sie richtig interpretiere: Weiter so, abgefedert durch das eine oder andere Notpflaster.
Die aktuell extremen Ausschläge in den ärmsten Ländern sind auch eine Folge der Schleifung nationaler Bevorratungssysteme infolge von WB, IMF und WTO Auflagen. Diese Systeme waren mitnichten ohne Mängel, sie sicherten allerdings einen national und sofort verfügbaren Notvorrat und führten durch Abnahme/Abgabe von Mengen zu einer Preisstabilisierend sowohl bei den Konsumenten wie auch den Produzenten, dieses wird durchaus deutlich wenn man den von Ihnen FAO Bericht aufmerksam liest. Noch eines wird deutlich, sie sprechen lediglich die Importzölle an und mit Blick auf die akute Notsituation teile ich Meinung, für viel bedeutender halte ich jedoch die Verweise auf Exportzölle, Exportbeschränkungen und die massive Wiedereinführung von Subventionen auf der Produzentenebene. Länder die das, neben anderen Maßnahmen wie eine partielle Neuorientierung der Produktionsmethoden, bereits längerem praktizieren produzieren mittlerweile bedeutend höhere Mengen an Grundnahrungsmitteln bis hin zu Überschüssen, siehe Sambia.
Sorry, etwas unstrukturiert, wenn ich Zeit hab werd ich mich mit dem Artikel nochmal befassen. Persönlich halte ich Ihren Artikel für ausgesprochen interessant aber er klammert die wirklichen Probleme meines Erachtens aus. In der Summe sehe ich in der gegenwärtigen Entwicklung so etwas wie den Anfang vom Endes des Globalen Handels im Bereich Agrarprodukte und dieses birgt in meinen Augen mehr Chancen als Risiken.
“In der Summe sehe ich in der gegenwärtigen Entwicklung so etwas wie den Anfang vom Endes des Globalen Handels im Bereich Agrarprodukte und dieses birgt in meinen Augen mehr Chancen als Risiken.”
Jo richtig, schluss mit diesem unsäglichen “Freihandel” auf dem Agrarsektor! Autarkie und Subsistenzwirtschaft wird völlig unterbewertet heutzutage…
Ich fang dann schonmal an mir ein paar Orangenbäume neben meine Bananenplantage im Schrebergarten zu pflanzen…*rolleyes*
Sehr nett, sehr mainstream, sehr unoriginell. Nachdem der Staat im Lebensmittelsektor (zumindest im Westen) den Markt zu einem kaum lebensfähigen Krüppel degradiert hat, und nachdem er das internationale Geldwesen so verzerrt hat, dass Anleger scharenweise in Commodities fliehen – was tun? Die Nachfrage mit Geld subventionieren, das dann… äh… an Bäumen wächst? Oder einfach gedruckt wird und damit das Problem weiter eskaliert? Aber das ist dann wahrscheinlich auch wieder eine “unintendierte Konsequenz staatlicher Intervention”.
Man hat ja fast den Eindruck, dass die Mainstream-Ökonomie vom Herumdoktern an diesen lebt. Bloss nie zu kritisch, nie zu radikal denken, immer nur an kleinen Schräubchen drehen, dann geht die Arbeit garantiert nie aus.
Und dann noch das:
“sind die Großhandelspreise für Lebensmittel im März 2008 verglichen zum März 2007 um 7,1 Prozent gestiegen. Das ist eine Menge, und es wird auch die Inflationsrate in der Eurozone treiben”
Die Lebensmittelpreise treiben vielleicht das Mass der Inflationsrate, die Inflation sicher nicht – da ist das Verhältnis immer noch umgekehrt: Die Inflation treibt die Lebensmittelpreise (natürlich nur, wenn man wieder erkennt, dass Inflation ein monetäres Phänomen ist).
Wirklich Statler, selbst Establishment-Profs wie Sinn, Starbatty oder Straubhaar sind mutiger, als deine Blog-Einträge…
Es muß schon *sehr* bequem sein, in einer Welt zu leben, in der es realwirtschaftlich verursachte Preissteigerungen nicht gibt.
Oder nicht geben darf. If I had hammer, everything would look like a nail. Und if I read Mises, then everything would look like asset price inflation. Anders formuliert: Deine Schallplatte hängt.
“Es muß schon *sehr* bequem sein, in einer Welt zu leben, in der es realwirtschaftlich verursachte Preissteigerungen nicht gibt.”
Sagen wir so, es wäre deutlich bequemer, in einer Welt zu leben, in der Preissteigerungen primär realwirtschaftlich verursacht wären. Vor allem da diese wohl durch die dem Markt inhärenten Preisreduktionen weitestgehend aufgefangen würden. Dass dieser Mechanismus aber auch heute wirkt, da sind ja unsere Zentralbanken vor…
Einen 50%igen Anstieg der Getreide- und Saatgutpreise durch die Ethanol-Subventionierung zu erklären, ist dagegen bestenfalls wishful thinking. Setz mal das Volumen der weltweiten Getreidenachfrage der Lebensmittelindustrie in ein Verhältnis zu den in wenigen Staaten ausgezahlten Ethanol-Subventionen. Da passt doch was nicht. Hier wird massiv spekuliert. Und spekuliert wird nunmal mit “heimatlosem Geld”.
Der Vorschlag der Nachfragesubventionierung wird in jedem Fall die fiskalischen und monetären Probleme nur weiter eskalieren. Aber das ist wahrscheinlich schon wieder zu grundsätzlich gedacht…
Hast Du Dir eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, wie der Markt für Grundnahrungsmittel aussieht? Die Nachfrage ist so preisunelastisch, wie eine Nachfrage in der realen Welt nur werden kann und das Angebot ist es — kurzfristig — ebenso, da das Durchsetzen neuer Technologien, die Erschließung neuer Flächen usw. Zeit brauchen. Eine kleine Ausweitung der Nachfrage hat da schon enorme Preiseffekte. Im Moment beobachten wir eine große Ausweitung de Nachfrage, durch Ethanol und durch die Entwicklungsschübe in den Schwellenländern, und eine Ausweitung des Angebotes, die damit nicht Schritt hält.
Einen Anstieg der Getreidepreise um 50% mit der Nachfrageausweitung zu erklären, ist bei dieser Marktsituation alles andere als “wishful thinking”. Schau Dir halt einfach nochmal das Zitat oben Text an — die Größenordnung, in der die Ethanol-Produktion die vorhandenen Angebotsausweitungen auffrißt, ist extrem.
Um aus dem von dir verlinkten Spiegel-Artikel zu zitieren: “Nach ernstzunehmenden Untersuchungen gingen 30 bis 70 Prozent der Nahrungsmittel-Preissteigerungen auf den forcierten Anbau und die Verwendung von Pflanzen für Kraftstoffe zurück.” Ich halte die untere range dieser Schätzung für plausibler, aber gut.
Dennoch zeigt doch gerade auch das Ethanol-Beispiel, dass im Agrar-Sektor von einem “Markt” wirklich nur in Anführungszeichen gesprochen werden kann. Wenn du schon von Angebots- und Nachfrageelastizität sprichst, wäre vielleicht zumindest hier mal ein geeigneter Ansatzpunkt der Kritik.
Mag ja sein, dass dir in diesem Zusammenhang keine monetären Hintergründe ersichtlich sind, aber fällt dir ernsthaft keine originellere, kritischere oder auch nur fiskalisch verantwortungsvollere Position ein, als “Nachfragesubventionen”?
Doch, Hungersnöte eben.
Spricht nicht eben für die Breite deines politischen oder ökonomischen Horizonts, bester Rayson.
Dann lass und doch mal teilhaben an Deiner überwältigenden Originalität: Was kann man denn sonst machen? Und denk dran: Es muß schnell helfen, keine Wolkenkuckucksheime, denn sonst sind die Leute tot.
Statler, Nachfragesubvention in Entwicklungsländern SIND Wolkenkuckucksheime. Der Hunger in der Dritten Welt wurde in den letzten 50 Jahren nicht durch Subventionen besiegt, das wird sich auch in den nächsten 5 nicht ändern. Da scheint es sogar sinnvoller, im Falle akuter Lebensmittelknappheiten diese schlicht vor Ort zu verteilen. In jedem Fall besser, als ein nach Korruption schreiendes, auf Dauer fiskalische Verschwendung institutionalisierendes Umverteilungssystem zu installieren.
Aber was dann? Wann fängt man an, das Problem anzugehen, statt an den Symptomen rumzudoktern?
Das Thema Getreidepreise gibt nun derzeit wirklich viel Stoff für eine fundierte freiheitliche Kritik her. Man bedenke nur den, gerade auch im Westen, planwirtschaftlich völlig verkorksten Agrarsektor, ein von Protektionismus dominiertes Welthandelssystem, eine verfehlte Entwicklungshilfepolitik, die Fragwürdigkeit von Agrarpatenten und und und.
Es liegt mir fern, dir vorzuschreiben, welcher Lösungsansatz dir am sinnvollsten erscheint. Aber es sollte schon so etwas wie ein Lösungsansatz sein.
Das A’team gehört zu den wenigen liberalen deutschsprachigen Blogs, die ich noch lese – und dann finde ich hier eine vierfünftel-etatistische Stellungnahme, die so auch von Paul Krugman hätte kommen können.
Ich habe den Eindruck, dass selbst ein Hayek heute von dir und Rayson als ein spinnerter Radikalinski verlacht werden würde. “Liberale Blogosphäre”… naja…
Ach herrje, da hat wieder jemand gegen das Reinheitsgebot verstoßen, und schon kommt die heilige libertäre Inquisition zur peinlichen Befragung.
Es steht dir natürlich frei, dir als Umgebung nur Wolkenkuckucksheime zu wünschen, in der es z.B. so etwas wie eine unendliche Anpassungsgeschwindigkeit gibt (was ich mal als Hintergrund annehme, denn die Alternative, zugunsten der Aufrechterhaltung von Prinzipien ein paar Menschen über die Klinge springen lassen zu wollen, traue ich dir nicht zu).
Es ist eins der Grundübel aller Radikalinskis, sich den Weg zu ihrem Ideal nur als totalen vorstellen zu können, der keine unperfekten Zwischenschritte zulässt. Und ein weiteres ist es, bei Konflikten zwischen Realität und Idee die Wahrnehmung der Realität nach der Idee auszurichten. Bei Hayek kann ich das nicht feststellen.
Man kann leider nicht ausschließen, dass zumindest über gewisse Zeiträume hier und da arme Menschen nicht in der Lage sind, sich ausreichend zu ernähren. Statt jetzt bei einer Tasse Latte Macchiato und einem Stück Gebäck vom Sofa aus zu predigen, was daran alles schuld sei und welchen alle ökonomischen Probleme dieser Welt beseitigenden Weg man hätte stattdessen einschlagen sollen (wofür man selbst heroisch bloggend kämpft), könnte man denen auch mal einfach nur konkret helfen wollen. Wenn die Katze ein Pferd wäre…
Rayson, ich habe nichts gegen Zwischenschritte – wenn sie in die richtige Richtung gehen. Das tun Nachfragesubventionen nicht. Lebensmittellieferungen sind sicher keine libertäre Ideallösung, deine Kritik läuft hier also ins Leere.
Mein Punkt zielt in eine andere Richtung: Das A’team ist nicht die UNO, hier wird kein einziges afrikanisches Kind gerettet. Es ist ein Medium mit begrenzter Reichweite, das der Meinungsbildung dient. Und galt zumindest mal als ein “liberales” Medium.
Wenn nun schon die liberalen Blogs derart bräsig staatstragend unkritisch daherkommen – wo sollen überhaupt nich freiheitliche Impulse entstehen?
Wenn ein junger VWLer wie Statler schon die Scheuklappen semi-keynesianischer Kompromiss-schein-lösungen herumreicht, wo bleiben die originellen, frischen, unkonventionellen Ideen, die eine geistige Bewegung vorantreiben? Dieser Beitrag ist für mich symptomatisch für die schwachbrüstigkeit der deutschen Liberalen. Selbst eine INSM wirkt dagegen ja radikal.
Einverstanden.
Aber erstens dann gilt das andere Argument, das Statler gebracht hat und dem ich weiter unten schon gefolgt bin: Lebensmittellieferungen sind ökonomisch nachteilig, weil sie Preissignale verschleiern. Und außerdem natürlich verglichen mit direkten monetären Hilfen eine Bevormundung des Nahrungsmittelkonsumenten. Also eher eine Verschlimmbesserung von Statlers Vorschlag.
Und zweitens geht dann auch deine Kritik ins Leere, denn dass Statler Nachfragesubventionen als anzustrebenden Idealzustand oder einzig mögliche Maßnahme bezeichnet hätte, kannst du auch nicht ernsthaft behaupten.
Also was bitte soll an Statlers Beitrag “brasig staatstragend unkritisch” oder “semi-keynesianisch” (habe ich etwa den Begriff “Konjunktur” irgendwo überlesen?) sein? Dir sind anscheinend die Absagen an Umverteilungen von Produzenten zu Verbrauchern, Importzöllen und Preiskontrollen gänzlich entgangen, wenn du fehlendes freiheitliches Engagement monierst.
Liberale Blogs sind keine Tempel, in denen libertäre Rituale aufgeführt werden. Da kann ein VWLer wie Statler schon mal auf die Erkenntnisse seiner Wissenschaft zurückgreifen, statt ein Glaubensbekenntnis aufzusagen.
Die Frage ist, ob man temporär Hilfe bereitstellen, oder dauerhaft den Markt weiter verzerren und den Staat näher an die Pleite treiben will. Nachfragesubventionen wären letzteres, Lebensmittellieferungen ersteres.
Beide Massnahmen können ohnehin das strukturelle Problem nicht lösen – das liegt in den Landwirtschaftssubventionen, Produktionsquoten, im Protektionismus, den hohen Steuern und und und. (Wie gesagt, ich würde das Geldwesen auch dazurechnen.) Hier hat eine tatsächliche Lösung des Problems anzusetzen. Vor allem, wenn man nicht immer von Fall zu Fall Leben retten, sondern eine stabile und bezahlbare Lebensmittelversorgung sicherstellen will – gerade auch für die sich entwickelnden Regionen der Erde.
Das hat nichts mit libertären Ritualen, sondern mit ganz banalem liberalen Sachverstand zu tun. S.a. mein Zitat des Cato-Reports unten.
Lebensmittellieferungen sind keine dauerhafte Lösung. Sie machen die lokalen Märkte kaputt und führen zu Verteilungsstreitigkeiten und ethnischen Spannungen bei zunehmender Urbanisierung, sowie einem Rückgang des Anbaus von Lebensmitteln.
Das kann immer nur kurzfristig ein Mittel der Wahl sein.
Ich altes Stadtkind. Ich meine natürlich des Anbaus von Nutzpflanzen und der Produktion von Lebensmitteln, nicht den Anbau von Lebensmitteln.
Das soll doch wohl auch keine dauerhafte Lösung sein – eine solche würde schon an die Strukturen gehen müssen. In diese Richtung zielte ja aber hier Statlers Frage.
Nachfragesubventionen sind übrigens sicher nicht weniger disruptiv als vorübergehende Lebensmittellieferungen. Gerade bei geschlossenen Agrarmärkten treiben sie nur die Preise in die Höhe und retten nicht ein Menschenleben.
Ein interessantes Argument: Die Bekämpfung von Armut treibt nur die Preise in die Höhe.
Oder andersherum gesagt: Armut als Bekämpfung von Inflation.
Wie ist das also, wenn schon allein der lebensnotwendige Konsum jenseits der Budgetgerade zu finden ist – haben die Betreffenden dann nur noch Anspruch auf Sachzuwendungen?
Abgesehen davon, dass die Preise sicher nicht dadurch vergleichsweise niedriger werden, dass irgendjemand als verteilender Zwischenhändler einspringt…