Das tägliche Brot

13.04.2008 10:03 - Statler & Waldorf by Statler

Jetzt fällt es auch den Deutschen auf: Steigende Lebensmittelpreise sind ein Problem, allerdings weniger für uns hier in Deutschland, wir können uns das leisten, sondern vor allem für die wenig zahlungskräftigen Konsumenten in den Entwicklungsländern. In Deutschland beispielsweise sind die Großhandelspreise für Lebensmittel im März 2008 verglichen zum März 2007 um 7,1 Prozent gestiegen. Das ist eine Menge, und es wird auch die Inflationsrate in der Eurozone treiben, aber es ist verkraftbar für eine relativ wohlhabende Bevölkerung, die auch nur einen relativ geringen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgibt.

Aber jetzt wird es schon häßlich: die Preise für Getreide und Saatgut sind im gleichen Zeitraum um sagenhafte 52 Prozent gestiegen. Man kann sich vorstellen, daß dies die Budgets von Konsumenten schwer belastet, die fast ihr gesamtes Einkommen für Grundnahrungsmittel ausgeben müssen, um sich ernähren zu können. Insofern sind Aufstände, die sich gegen hohe Lebensmittelpreise richten, wie etwa in Ägypten und Haiti, kein Wunder.

Was also tun? Wir beobachten hier einerseits wieder einmal unintendierte Konsequenzen staatlicher Interventionen: die Nachfrage nach Biosprit verdrängt kurzfristig die weniger zahlungskräftige Nachfrage nach Lebensmitteln. Das konnte man schon vor ein paar Jahren wissen, aber im Rausch des Klimaschutzes wollte man es so genau wohl nicht hören. Die damals veröffentlichten Zahlen waren schon Besorgnis erregend:

One-fifth of corn and almost one sixth of the U.S. grain harvest overall goes toward ethanol production, according to the institute’s report. And while the world’s production of grain will grow by about 20 million tons this year, 70 percent of the increase could be used to generate ethanol for U.S. automobiles, Brown says.

Aber es war ja für einen guten Zweck, gegen den Klimawandel und für die heimische Bauernlobby — da sieht man doch gerne mal über die knappen Lebensmittelbudgets der Menschen in Entwicklungsländern hinweg. Einige Schätzungen gehen davon aus, daß rund zwei Drittel der aktuellen Preissteigerungen beim Getreide auf die Ethanol-Produktion zurückzuführen sind. Der Rest verdankt sich dem steigenden Wohlstand in Schwellenländern und der daraus folgenden steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln.

Wenn man sich jetzt also nach politischen Optionen umschaut, dann sollte man natürlich eines definitiv nicht versuchen: Preiskontrollen einzuführen. Die aktuellen Preissteigerungen sind wichtig, sie sind lebenswichtig, denn sie zeigen die größer gewordene Knappheit von Lebensmitteln an, und sie signalisieren, daß es sich lohnt, den Getreideanbau auszudehnen. Wenn man dieses Preissignal beseitigt, produziert man Hungersnöte. Das kann man nicht eindringlich genug sagen. Leider wird aber genau dies gerade in einigen betroffenen Ländern versucht. Und einige von denen — hier wird es dann ganz bizarr — leisten sich trotz Lebensmittelknappheit weiterhin Importzölle auf Lebensmittel. Zu soviel Idiotie fällt einem nichts mehr ein.

Was man sich auch verkneifen sollte, sind Versuche, von Lebensmittelproduzenten an die Konsumenten umzuverteilen, z.B. indem man die zusätzlichen Gewinne höher besteuert, welche die Produzenten derzeit aufgrund der höheren Nachfrage einfahren. Auch dies verzerrt indirekt das Preissignal. Ein Signal, auf das die Anbieter übrigens bereits reagieren: die Produktion von Getreiden wird bereits massiv ausgeweitet, z.B. indem Flächen genutzt werden, deren Nutzung sich bisher wirtschaftlich nicht lohnte. Wer auch immer versucht, Produzenten für hohe Preise zu bestrafen, gefährdet diese Ausweitung der Produktion — und riskiert in seinem Umverteilungswahn Hungersnöte.

Also nochmal: Was tun? Natürlich sollten die Industrieländer den Ethanol-Blödsinn schnellstmöglich beenden, so daß die Lebensmittelnachfrage nicht mehr mit fehlgeleitetem Klimaaktivismus konkurrieren muß. Aber das wird auch nur mittelfristig helfen. Wenn man kurzfristig Hungeraufstände und Mangelernährung verhindern will, dann kann man nur eines machen: die notleidende Nachfrage subventionieren. Das ist das einzige halbwegs unschädliche, die Preissignale nicht besonders stark verzerrende Instrument, das man anwenden kann.

Amartya Sen ist mal aufgefallen, daß es in Demokratien praktisch niemals verheerende Hungersnöte gab, weil Regierungen dort es sich im politischen Wettbewerb nicht leisten können, eine nicht zahlungskräftige Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln unsubventioniert zu lassen. Das impliziert im Umkehrschluß natürlich düstere Aussichten für Haiti, Ägypten und all die anderen, wo sich Macho-Führer lieber der Instrumente aus dem command-and-control-Werkzeugkasten bedienen, weil diese ihnen das Gefühl geben, das Ruder fest in der Hand zu haben.

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61 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Bernhard, 13.04.2008 10:58

Schöner Artikel!

 
Lemmy Caution, 13.04.2008 11:57

Unglücklicherweise erscheinen Subventionen für die Ärmsten zum Ausgleich des externen Schocks der steigenden Lebensmittelpreise in suboptimal organisierten Ländern schwieriger als einfach mal Höchstpreise zu verkünden und ein paar Türsteher in Supermärkte zur Überprüfung zu schicken.
Den sich unweigerlich bildenden Schwarzmarkt kontrolliert man dabei zwar auch nicht, aber da kann man dann schön Händler- und Produzenten-Prangerung betreiben, die dann - aus “egoistischen” und angeblichen Destabilisierung-der-Regierung Motiven - die Maßnahmen des furchtlosen Führers zum Schutze des Volkes untelaufen.

 
Jorad, 13.04.2008 11:58

Hmm, mit der letzten Schlussfolgerung wäre ich mir nicht so sicher.
Haben denn nicht auch die meisten kommunistischen Regierungen Lebensmittel subventioniert? Trotzdem gab es Hungersnöte.
Da kommt es wohl eher auf das allgemeine Wirtschaftssystem an -> je freier umso weniger Hungersnöte, weil Kapitalismus nunmal größtenteils funktioniert.

Rayson, 13.04.2008 12:59

Wenn Statler von “Nachfrage subventionieren” redet, meint er nicht etwa eine Subventionierung von Produkten (die den Mehrverbrauch eher anheizen würde), sondern eine von Menschen.

balou, 13.04.2008 13:38

In dem Punkt sind wir uns wohl einig, entscheidend ist aber, dass wir wenn wir wirklich die Produktion steigern wollen uns mit der Subvention der Produktion beschäftigen müssen. Subventionen jenseits von akuter Nothilfe. Was heißt das? Im Prinzip nichts anderes als die Herstellung von “Waffengleichheit”. Wenn der Kollege in einem Afrikanischen Binnenstaat, im Vergleich zum Kollegen hier oder in den Staaten teilweise 4-6fache für ertragssteigernde Produktionsmittel aufbringen muss, halte ich derartige Subventionen nicht nur für gerechtfertigt sondern dringend erforderlich. Zusätzlich abgesichert durch ein nationales Bevorratungssystem bis hin zu zeitweiligen Exportbeschränkungen.

 
 
 
Die Stimme auf dem Off, 13.04.2008 12:00

Ich will mir deswegen einen Autoaufkleber machen:
„Fahren statt fressen“ – (Im Hintergrund ein Konterfei von Gabriel aus seinen wohlgenährtesten Zeiten.)
Vielleicht abgerundet mit haitiansicher Malerei. Ein paar verhungernde Menschen und so. Leider bin ich ziemlich untalentiert was Grafiken angeht, ich arbeite aber daran.

 
balou, 13.04.2008 13:20

Also nochmal: Was tun? Natürlich sollten die Industrieländer den Ethanol-Blödsinn schnellstmöglich beenden, so daß die Lebensmittelnachfrage nicht mehr mit fehlgeleitetem Klimaaktivismus konkurrieren muß.

Denke mal, wir sollten uns endgültig von der Mär entfernen, dass, vielleicht abgesehen von einigen sehr naiven Menschen, Agrospritproduktion und Klimaschutz jemals was miteinander zutun hatten. Ein Blick auf die Kosten und Ertragsstruktur in der Agrarindustrie vor und seit dem Hype hilft vielleicht weiter.

Eine völlige Suspendierung aller Subventionen für Agrosprit würde zwar zu einer Reduzierung der Prod. In den entwickelten Nationen führen, global allerdings die Preise z.B. für Ethanol um runde 20% steigen lassen. Hängt natürlich auch vom Ölpreis ab, die Berechnungen stammen aus dem Jahr 2006 und wenn ich nicht völlig den Überblick verloren habe, haben sich die Energiepreise seitdem nicht gerade nach unten bewegt.

Sie beziehen sich lediglich auf Produzenten, womit sie wohl die Urproduktion meinen, und die Verbraucher. Was ist mit den Strukturen, genauer gesagt den Oligopol Strukturen, dazwischen? Die real existierende Umverteilung, sowohl von den Urproduzenten wie auch von den Verbrauchern an die, den Handel auf allen Ebenen beherrschenden Multis wird von Ihnen völlig ignoriert.
Ihre Vorstellungen konzentrieren sich allein auf den Preis, Nachfrage und Angebot, als Regulierungsmechanismus. Die wirklichen Ursachen für diese Entwicklung werden nicht thematisiert wie zum Beispiel die ungesunde Bodenverteilung in wesentlichen Produzentennationen. Das heißt, wenn ich Sie richtig interpretiere: Weiter so, abgefedert durch das eine oder andere Notpflaster.

Die aktuell extremen Ausschläge in den ärmsten Ländern sind auch eine Folge der Schleifung nationaler Bevorratungssysteme infolge von WB, IMF und WTO Auflagen. Diese Systeme waren mitnichten ohne Mängel, sie sicherten allerdings einen national und sofort verfügbaren Notvorrat und führten durch Abnahme/Abgabe von Mengen zu einer Preisstabilisierend sowohl bei den Konsumenten wie auch den Produzenten, dieses wird durchaus deutlich wenn man den von Ihnen FAO Bericht aufmerksam liest. Noch eines wird deutlich, sie sprechen lediglich die Importzölle an und mit Blick auf die akute Notsituation teile ich Meinung, für viel bedeutender halte ich jedoch die Verweise auf Exportzölle, Exportbeschränkungen und die massive Wiedereinführung von Subventionen auf der Produzentenebene. Länder die das, neben anderen Maßnahmen wie eine partielle Neuorientierung der Produktionsmethoden, bereits längerem praktizieren produzieren mittlerweile bedeutend höhere Mengen an Grundnahrungsmitteln bis hin zu Überschüssen, siehe Sambia.

Sorry, etwas unstrukturiert, wenn ich Zeit hab werd ich mich mit dem Artikel nochmal befassen. Persönlich halte ich Ihren Artikel für ausgesprochen interessant aber er klammert die wirklichen Probleme meines Erachtens aus. In der Summe sehe ich in der gegenwärtigen Entwicklung so etwas wie den Anfang vom Endes des Globalen Handels im Bereich Agrarprodukte und dieses birgt in meinen Augen mehr Chancen als Risiken.

Amanda Hugankiss, 13.04.2008 14:54

“In der Summe sehe ich in der gegenwärtigen Entwicklung so etwas wie den Anfang vom Endes des Globalen Handels im Bereich Agrarprodukte und dieses birgt in meinen Augen mehr Chancen als Risiken.”

Jo richtig, schluss mit diesem unsäglichen “Freihandel” auf dem Agrarsektor! Autarkie und Subsistenzwirtschaft wird völlig unterbewertet heutzutage…

Ich fang dann schonmal an mir ein paar Orangenbäume neben meine Bananenplantage im Schrebergarten zu pflanzen…*rolleyes*

 
 
Christian Hoffmann, 13.04.2008 15:53

Sehr nett, sehr mainstream, sehr unoriginell. Nachdem der Staat im Lebensmittelsektor (zumindest im Westen) den Markt zu einem kaum lebensfähigen Krüppel degradiert hat, und nachdem er das internationale Geldwesen so verzerrt hat, dass Anleger scharenweise in Commodities fliehen - was tun? Die Nachfrage mit Geld subventionieren, das dann… äh… an Bäumen wächst? Oder einfach gedruckt wird und damit das Problem weiter eskaliert? Aber das ist dann wahrscheinlich auch wieder eine “unintendierte Konsequenz staatlicher Intervention”.
Man hat ja fast den Eindruck, dass die Mainstream-Ökonomie vom Herumdoktern an diesen lebt. Bloss nie zu kritisch, nie zu radikal denken, immer nur an kleinen Schräubchen drehen, dann geht die Arbeit garantiert nie aus.

Und dann noch das:
“sind die Großhandelspreise für Lebensmittel im März 2008 verglichen zum März 2007 um 7,1 Prozent gestiegen. Das ist eine Menge, und es wird auch die Inflationsrate in der Eurozone treiben”

Die Lebensmittelpreise treiben vielleicht das Mass der Inflationsrate, die Inflation sicher nicht - da ist das Verhältnis immer noch umgekehrt: Die Inflation treibt die Lebensmittelpreise (natürlich nur, wenn man wieder erkennt, dass Inflation ein monetäres Phänomen ist).

Wirklich Statler, selbst Establishment-Profs wie Sinn, Starbatty oder Straubhaar sind mutiger, als deine Blog-Einträge…

Statler, 13.04.2008 16:01

Es muß schon *sehr* bequem sein, in einer Welt zu leben, in der es realwirtschaftlich verursachte Preissteigerungen nicht gibt.

Oder nicht geben darf. If I had hammer, everything would look like a nail. Und if I read Mises, then everything would look like asset price inflation. Anders formuliert: Deine Schallplatte hängt.

Christian Hoffmann, 13.04.2008 18:59

“Es muß schon *sehr* bequem sein, in einer Welt zu leben, in der es realwirtschaftlich verursachte Preissteigerungen nicht gibt.”

Sagen wir so, es wäre deutlich bequemer, in einer Welt zu leben, in der Preissteigerungen primär realwirtschaftlich verursacht wären. Vor allem da diese wohl durch die dem Markt inhärenten Preisreduktionen weitestgehend aufgefangen würden. Dass dieser Mechanismus aber auch heute wirkt, da sind ja unsere Zentralbanken vor…
Einen 50%igen Anstieg der Getreide- und Saatgutpreise durch die Ethanol-Subventionierung zu erklären, ist dagegen bestenfalls wishful thinking. Setz mal das Volumen der weltweiten Getreidenachfrage der Lebensmittelindustrie in ein Verhältnis zu den in wenigen Staaten ausgezahlten Ethanol-Subventionen. Da passt doch was nicht. Hier wird massiv spekuliert. Und spekuliert wird nunmal mit “heimatlosem Geld”.
Der Vorschlag der Nachfragesubventionierung wird in jedem Fall die fiskalischen und monetären Probleme nur weiter eskalieren. Aber das ist wahrscheinlich schon wieder zu grundsätzlich gedacht…

Statler, 13.04.2008 19:49

Hast Du Dir eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, wie der Markt für Grundnahrungsmittel aussieht? Die Nachfrage ist so preisunelastisch, wie eine Nachfrage in der realen Welt nur werden kann und das Angebot ist es — kurzfristig — ebenso, da das Durchsetzen neuer Technologien, die Erschließung neuer Flächen usw. Zeit brauchen. Eine kleine Ausweitung der Nachfrage hat da schon enorme Preiseffekte. Im Moment beobachten wir eine große Ausweitung de Nachfrage, durch Ethanol und durch die Entwicklungsschübe in den Schwellenländern, und eine Ausweitung des Angebotes, die damit nicht Schritt hält.

Einen Anstieg der Getreidepreise um 50% mit der Nachfrageausweitung zu erklären, ist bei dieser Marktsituation alles andere als “wishful thinking”. Schau Dir halt einfach nochmal das Zitat oben Text an — die Größenordnung, in der die Ethanol-Produktion die vorhandenen Angebotsausweitungen auffrißt, ist extrem.

Christian Hoffmann, 13.04.2008 21:12

Um aus dem von dir verlinkten Spiegel-Artikel zu zitieren: “Nach ernstzunehmenden Untersuchungen gingen 30 bis 70 Prozent der Nahrungsmittel-Preissteigerungen auf den forcierten Anbau und die Verwendung von Pflanzen für Kraftstoffe zurück.” Ich halte die untere range dieser Schätzung für plausibler, aber gut.
Dennoch zeigt doch gerade auch das Ethanol-Beispiel, dass im Agrar-Sektor von einem “Markt” wirklich nur in Anführungszeichen gesprochen werden kann. Wenn du schon von Angebots- und Nachfrageelastizität sprichst, wäre vielleicht zumindest hier mal ein geeigneter Ansatzpunkt der Kritik.
Mag ja sein, dass dir in diesem Zusammenhang keine monetären Hintergründe ersichtlich sind, aber fällt dir ernsthaft keine originellere, kritischere oder auch nur fiskalisch verantwortungsvollere Position ein, als “Nachfragesubventionen”?

Rayson, 13.04.2008 22:37

Doch, Hungersnöte eben.

Christian Hoffmann, 13.04.2008 22:39

Spricht nicht eben für die Breite deines politischen oder ökonomischen Horizonts, bester Rayson.

Statler, 13.04.2008 23:16

Dann lass und doch mal teilhaben an Deiner überwältigenden Originalität: Was kann man denn sonst machen? Und denk dran: Es muß schnell helfen, keine Wolkenkuckucksheime, denn sonst sind die Leute tot.

Christian Hoffmann, 14.04.2008 00:27

Statler, Nachfragesubvention in Entwicklungsländern SIND Wolkenkuckucksheime. Der Hunger in der Dritten Welt wurde in den letzten 50 Jahren nicht durch Subventionen besiegt, das wird sich auch in den nächsten 5 nicht ändern. Da scheint es sogar sinnvoller, im Falle akuter Lebensmittelknappheiten diese schlicht vor Ort zu verteilen. In jedem Fall besser, als ein nach Korruption schreiendes, auf Dauer fiskalische Verschwendung institutionalisierendes Umverteilungssystem zu installieren.

Aber was dann? Wann fängt man an, das Problem anzugehen, statt an den Symptomen rumzudoktern?
Das Thema Getreidepreise gibt nun derzeit wirklich viel Stoff für eine fundierte freiheitliche Kritik her. Man bedenke nur den, gerade auch im Westen, planwirtschaftlich völlig verkorksten Agrarsektor, ein von Protektionismus dominiertes Welthandelssystem, eine verfehlte Entwicklungshilfepolitik, die Fragwürdigkeit von Agrarpatenten und und und.

Es liegt mir fern, dir vorzuschreiben, welcher Lösungsansatz dir am sinnvollsten erscheint. Aber es sollte schon so etwas wie ein Lösungsansatz sein.
Das A’team gehört zu den wenigen liberalen deutschsprachigen Blogs, die ich noch lese - und dann finde ich hier eine vierfünftel-etatistische Stellungnahme, die so auch von Paul Krugman hätte kommen können.
Ich habe den Eindruck, dass selbst ein Hayek heute von dir und Rayson als ein spinnerter Radikalinski verlacht werden würde. “Liberale Blogosphäre”… naja…

Rayson, 14.04.2008 10:19

Ach herrje, da hat wieder jemand gegen das Reinheitsgebot verstoßen, und schon kommt die heilige libertäre Inquisition zur peinlichen Befragung.

Es steht dir natürlich frei, dir als Umgebung nur Wolkenkuckucksheime zu wünschen, in der es z.B. so etwas wie eine unendliche Anpassungsgeschwindigkeit gibt (was ich mal als Hintergrund annehme, denn die Alternative, zugunsten der Aufrechterhaltung von Prinzipien ein paar Menschen über die Klinge springen lassen zu wollen, traue ich dir nicht zu).

Es ist eins der Grundübel aller Radikalinskis, sich den Weg zu ihrem Ideal nur als totalen vorstellen zu können, der keine unperfekten Zwischenschritte zulässt. Und ein weiteres ist es, bei Konflikten zwischen Realität und Idee die Wahrnehmung der Realität nach der Idee auszurichten. Bei Hayek kann ich das nicht feststellen.

Man kann leider nicht ausschließen, dass zumindest über gewisse Zeiträume hier und da arme Menschen nicht in der Lage sind, sich ausreichend zu ernähren. Statt jetzt bei einer Tasse Latte Macchiato und einem Stück Gebäck vom Sofa aus zu predigen, was daran alles schuld sei und welchen alle ökonomischen Probleme dieser Welt beseitigenden Weg man hätte stattdessen einschlagen sollen (wofür man selbst heroisch bloggend kämpft), könnte man denen auch mal einfach nur konkret helfen wollen. Wenn die Katze ein Pferd wäre…

Christian Hoffmann, 14.04.2008 16:32

Rayson, ich habe nichts gegen Zwischenschritte - wenn sie in die richtige Richtung gehen. Das tun Nachfragesubventionen nicht. Lebensmittellieferungen sind sicher keine libertäre Ideallösung, deine Kritik läuft hier also ins Leere.

Mein Punkt zielt in eine andere Richtung: Das A’team ist nicht die UNO, hier wird kein einziges afrikanisches Kind gerettet. Es ist ein Medium mit begrenzter Reichweite, das der Meinungsbildung dient. Und galt zumindest mal als ein “liberales” Medium.
Wenn nun schon die liberalen Blogs derart bräsig staatstragend unkritisch daherkommen - wo sollen überhaupt nich freiheitliche Impulse entstehen?
Wenn ein junger VWLer wie Statler schon die Scheuklappen semi-keynesianischer Kompromiss-schein-lösungen herumreicht, wo bleiben die originellen, frischen, unkonventionellen Ideen, die eine geistige Bewegung vorantreiben? Dieser Beitrag ist für mich symptomatisch für die schwachbrüstigkeit der deutschen Liberalen. Selbst eine INSM wirkt dagegen ja radikal.

Rayson, 14.04.2008 16:58

Lebensmittellieferungen sind sicher keine libertäre Ideallösung, deine Kritik läuft hier also ins Leere.

Einverstanden.

Aber erstens dann gilt das andere Argument, das Statler gebracht hat und dem ich weiter unten schon gefolgt bin: Lebensmittellieferungen sind ökonomisch nachteilig, weil sie Preissignale verschleiern. Und außerdem natürlich verglichen mit direkten monetären Hilfen eine Bevormundung des Nahrungsmittelkonsumenten. Also eher eine Verschlimmbesserung von Statlers Vorschlag.

Und zweitens geht dann auch deine Kritik ins Leere, denn dass Statler Nachfragesubventionen als anzustrebenden Idealzustand oder einzig mögliche Maßnahme bezeichnet hätte, kannst du auch nicht ernsthaft behaupten.

Also was bitte soll an Statlers Beitrag “brasig staatstragend unkritisch” oder “semi-keynesianisch” (habe ich etwa den Begriff “Konjunktur” irgendwo überlesen?) sein? Dir sind anscheinend die Absagen an Umverteilungen von Produzenten zu Verbrauchern, Importzöllen und Preiskontrollen gänzlich entgangen, wenn du fehlendes freiheitliches Engagement monierst.

Liberale Blogs sind keine Tempel, in denen libertäre Rituale aufgeführt werden. Da kann ein VWLer wie Statler schon mal auf die Erkenntnisse seiner Wissenschaft zurückgreifen, statt ein Glaubensbekenntnis aufzusagen.

Christian Hoffmann, 14.04.2008 22:21

Die Frage ist, ob man temporär Hilfe bereitstellen, oder dauerhaft den Markt weiter verzerren und den Staat näher an die Pleite treiben will. Nachfragesubventionen wären letzteres, Lebensmittellieferungen ersteres.

Beide Massnahmen können ohnehin das strukturelle Problem nicht lösen - das liegt in den Landwirtschaftssubventionen, Produktionsquoten, im Protektionismus, den hohen Steuern und und und. (Wie gesagt, ich würde das Geldwesen auch dazurechnen.) Hier hat eine tatsächliche Lösung des Problems anzusetzen. Vor allem, wenn man nicht immer von Fall zu Fall Leben retten, sondern eine stabile und bezahlbare Lebensmittelversorgung sicherstellen will - gerade auch für die sich entwickelnden Regionen der Erde.

Das hat nichts mit libertären Ritualen, sondern mit ganz banalem liberalen Sachverstand zu tun. S.a. mein Zitat des Cato-Reports unten.

 
 
 
 
Die Stimme auf dem Off, 14.04.2008 12:32

Lebensmittellieferungen sind keine dauerhafte Lösung. Sie machen die lokalen Märkte kaputt und führen zu Verteilungsstreitigkeiten und ethnischen Spannungen bei zunehmender Urbanisierung, sowie einem Rückgang des Anbaus von Lebensmitteln.

Das kann immer nur kurzfristig ein Mittel der Wahl sein.

Die Stimme auf dem Off, 14.04.2008 14:42

Ich altes Stadtkind. Ich meine natürlich des Anbaus von Nutzpflanzen und der Produktion von Lebensmitteln, nicht den Anbau von Lebensmitteln.

 
Christian Hoffmann, 14.04.2008 16:26

Das soll doch wohl auch keine dauerhafte Lösung sein - eine solche würde schon an die Strukturen gehen müssen. In diese Richtung zielte ja aber hier Statlers Frage.
Nachfragesubventionen sind übrigens sicher nicht weniger disruptiv als vorübergehende Lebensmittellieferungen. Gerade bei geschlossenen Agrarmärkten treiben sie nur die Preise in die Höhe und retten nicht ein Menschenleben.

Rayson, 14.04.2008 17:17

Ein interessantes Argument: Die Bekämpfung von Armut treibt nur die Preise in die Höhe.

Oder andersherum gesagt: Armut als Bekämpfung von Inflation.

Wie ist das also, wenn schon allein der lebensnotwendige Konsum jenseits der Budgetgerade zu finden ist - haben die Betreffenden dann nur noch Anspruch auf Sachzuwendungen?

Abgesehen davon, dass die Preise sicher nicht dadurch vergleichsweise niedriger werden, dass irgendjemand als verteilender Zwischenhändler einspringt…

 
 
 
 
 
Rayson, 14.04.2008 10:08

Gebe ich zu: Wenn ich nur die Alternative sehe, Subventionen zu geben oder Leute verrecken zu lassen, bin ich für die Subventionen. Das ist unoriginell, unkritisch und fiskalisch verantwortungslos, aber ehrlich. Man kann sich dann noch fragen, ob man Produkte oder Menschen subventioniert, und dann bin ich aus grundsätzlichen, eben auch marktlichen Überlegungen heraus immer für die Menschen. Wie Sen so treffend sagt: Hunger ist kein Versorgungs-, sondern ein Armutsproblem.

Das heißt zwar nicht, dass man Bemühungen einstellen sollte, das grundlegende Problem anzugehen, aber es wäre intellektuell unredlich, keine kurzfristige Lösung anzubieten.

Lina, 14.04.2008 12:04

“…aber es wäre intellektuell unredlich, keine kurzfristige Lösung anzubieten.”

Finde ich auch. Aber hast Du nicht eigentlich “moralisch” (statt “intellektuell”) schreiben wollen? Na ja, wolltest Dich bloss wieder aus der Verantwortung stehlen ;-)…

(Andererseits: wenn der Intellekt tatsächlich für die Moral zuständig wäre, könnte mir das gut gefallen.)

Rayson, 14.04.2008 12:34

Nein, wollte ich nicht schreiben, denn ich unterstelle, wie oben auch explizit erwähnt, Christian eben keine fragwürdige Moral.

Täte ich das, beginge ich denselben Fehler, den ich anderen gerne vorhalte, nämlich eine Handlung, die ein moralisch erwünschtes Ergebnis herbeiführen soll, mit ebendiesem Ergebnis selbst zu verwechseln und dadurch wie kürzlich Schreiner gegenüber Sinn Alternativvorschläge als verwerflich abzulehnen.

Lina, 14.04.2008 14:17

Oh, sorry, stimmt ja, danke…

Diese Unterscheidung hat es (für mich) gebraucht, weil sie die intellektuell redliche Begründung dafür liefert, dass “moralisch” hier das ganz falsche Wort gewesen wäre.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
F. Alfonzo, 14.04.2008 02:55

@ Christian:

Wenn ich deine These richtig verstehe bist du also der Ansicht, dass die Lebensmittelpreise deshalb so hoch sind, weil die Investoren aufgrund von durch die Zentralbanken gesetzte Fehlanreize in Commodities gedrängt werden?

…halte ich für gewagt.
Mag sein, dass Investoren in “hard assets” flüchten, wenn sie andere Anlagemöglichkeiten als zu riskant erachten, wie man am Goldpreis ablesen kann (ob das Risiko durch Geldpolitik verursacht wurde oder nicht, lassen wir mal aussen vor).
…aber kennst du jemanden, der seine Aktien verkauft und sich als Investment statt dessen als 20 halbe Schweine und 50 Sack Weizen in den Keller legt?
Spekulationsblasen dürften hier relativ flüchtig sein (genau wie die zugrundeliegenden “assets”). Das ist schon etwas fundamentales, was hier die Preise explodieren lässt, wenn man sich die langfristige Preiserhöhung ansieht (also weit jenseits der Laufzeiten irgendwelcher Optionskontrakte).

Aber ich muss in einem Punkt zustimmen:
Bevor man anfängt, Menschen zu subventionieren, sollte man erst mal hinterfragen, ob das Problem nicht durch Subventionen verursacht wird.
Dass das Angebot zu gering ist, kann auch an Subventionen jenseits des Biosprits liegen.
Z.B. an Agrarsubventionen in Industrieländern im Grundsatz; durch Subventionen animierte Überproduktion, die evtl. kostengünstig exportiert werden kann werden die Anbieter in Entwicklungsländern massiv vom Markt vertrieben. Frei nach dem Motto: Ist die Landwirtschaft in Afrika erst ruiniert, lebt es sich als Exporteur mit Monopolstellung ganz ungeniert…
Eine europäische,steuerfinanzierte Verknappung des weltweiten Angebots muss nicht wirklich sein.

Christian Hoffmann, 14.04.2008 16:41

“dass die Lebensmittelpreise deshalb so hoch sind, weil die Investoren aufgrund von durch die Zentralbanken gesetzte Fehlanreize in Commodities gedrängt werden?”

Sicher nicht nur - die Spekulanten haben ja gute Gründe anzunehmen, dass die Saatgut- und Getreidepreise steigen werden. Aber man sollte doch nicht übersehen, dass auch diese Commodities auf Märkten gehandelt werden. Und dass gerade in den USA derzeit viel Geld auf der Suche nach einem neuen Zuhause ist. Es ist einfach nur logisch, dass ein Teil davon auch die genannten Lebensmittelpreise aufbläht. Auch wenn Statler das als “Platte mit Sprung” empfindet - der riesige Haufen Geld, den unsere ZBs produzieren, ist nunmal da und sucht sich Investitonsmöglichkeiten - dadurch werden so lange immer neue Probleme entstehen, bis das Phänomen einmal grundsätzlich angegangen wird.

Das war aber auch nicht der zentrale Punkt meiner Kritik, insofern gestehe ich hier Statler gerne zu, dass er kein monetäres Problem sieht.

 
 
 

[...] Sie hierzu auch den Beitrag “Das täglich Brot” bei unseren Kollegen vom [...]

 

[...] Antibürokratieteam reist man richtigerweise auf das Preissignal hin, das zusätzliche Investitionen in die [...]

 

[...] Hab noch einen guten Artikel dazu gefunden: Das tägliche Brot Tags für diesen Artikel: Biogas - IWF - [...]

 
Christian Hoffmann, 14.04.2008 22:12

Hier ein Beispiel für eine sicher nicht radikale, aber ordnungspolitisch saubere Analyse, bereitsgestellt durch das Cato Institute:

http://www.freetrade.org/pubs/FTBs/FTB-031.html

Fazit:
Instead of conflating the harm done to consumers from high global food prices, the federal government should abandon its protection of U.S. farmers from competition and its pursuit of a misguided biofuels policy whose environmental benefits are spurious at best. Politicians especially keen to “stimulate” the economy by putting more money in the hands of consumers should start by reducing the taxes on imported dairy products, sugar, rice, and ethanol.

Et jeht doch…

Statler, 14.04.2008 22:27

Und wenn die USA ihre Importzölle senken und damit noch mehr Getreide importieren, dann hilft das kurzfristig den notleidenden Konsumenten in Afrika, deren Zahlungsfähigkeit ja… ähm… ja sicher hoch genug ist, um mit der amerikanischen Nachfrage zu konkurrieren…

Ein schönes Beispiel für das Runterbeten von Glaubensbekenntnissen ohne Rücksicht auf den aktuellen Kontext — aber mehr auch nicht. Klar, wenn wir noch drei, vier Jahre Zeit hätten für eine effiziente Anpassung der Agrarproduktion an zollfreie Rahmenbedingungen, dann wäre ich auch dafür. Aber als kurzfristige, schnell wirkende Lösung — und die wird jetzt gebraucht — ist das doch völliger Humbug.

Christian Hoffmann, 14.04.2008 22:50

Das eine tun und das andere nicht lassen, ist hier die Devise. Wie bereits oben erwähnt - endlich mal aufzuhören, nur an den Symptomen rumzudoktern und mal etwas kritischer und tiefgängiger zu denken kann doch wohl nicht schaden.

Ausserdem, wie gesagt, auch für eine kurzfristige Hilfe halte ich Nachfragesubventionen für institutionell gefährlich, fiskalisch unverantwortlich und wenig bis gar nicht effektiv.

Ich finde es ja aber noch drolliger, wenn du jetzt ernsthaft sagen willst, dass die USA WEGEN der Lebensmittelkrise ihren Landwirtschaftsprotektionismus fortsetzen sollte. Das schlägt wirklich dem Fass den Boden aus!
Als ob eine Liberalisierung hier über Nacht den Afrikanern das Getreide vom Teller saugen würde. Eine Handelsliberalisierung ist ein dringend notwendiger Schritt um die derzeitigen Marktverzerrungen zu beseitigen - und die idiotischen Zölle der Dritten Welt kann der Westen nunmal bestenfalls nur indirekt beeinflussen, z.B. indem er mit gutem Beispiel vorangeht.

Die Stimme auf dem Off, 16.04.2008 22:37

“Als ob eine Liberalisierung hier über Nacht den Afrikanern das Getreide vom Teller saugen würde.”

Ich denke in ungefähr dieser Zeit wird es geschehen. Wie lange sollen die Großhändler auch sonst brauchen, um die Bestände aufzukaufen?

Als ich das letzte Mal einen Broker vor einem Monitor gesehen habe, wurden die Geschäfte jedenfalls noch in annähernder Echtzeit abgewickelt (den Smalltalk am Telefon wegen des “Meetings” in der Disse am Wochenende vor der Abwicklung mal ausgenommen). Das ging ungefähr so, dass das Telefon klingelte und man irgendwelche dubiosen Papiere zu unverständlichen Kursen und Bezeichnungen orderte und der Verkäufer das quasi sofort bestätigte - wobei allerdings noch eine andere Abteilung den Deal erst noch “checken” musste.

Da viele Lebensmittelproduzenten aber mittlerweile den Großhandel ausgeschaltet haben und eigene Plantagen in den Anbauländern ihr eigen nennen, gehe ich eher von einer Zeitspanne aus, die in ungefähr genau dem Verfassen einer kurzen E-Mail an den örtlichen Repräsentanten oder aber eines kurzen Telefonanrufes entsprechen dürfte.

Schon verschieben sich die Gütertransporte.

Jetzt kommt auch noch hinzu, dass es (wohl) im Moment wieder Transportkapazitäten bei den Schüttgütern gibt, womit man wohl davon ausgehen kann, dass die ersten Getreidelieferungen nach einer Importbeschränkung in ungefähr drei Wochen aus Afrika in den USA eintreffen würden. In Europa sogar noch schneller. D.h. natürlich nicht, dass es drei Wochen dauern würde, bis die Afrikaner nichts mehr zu beißen haben, nein, das ginge wesentlich schneller. Denn das Getreide muss ja erst einmal gelagert werden, bevor es verladen werden kann. Just in time funktioniert in Afrika noch nicht so gut und Lagerkapazitäten sind vergleichsweise günstig.

Ganz unberücksichtigt ist dabei, dass eine Leiter mehr als zwei Sprossen hat. Wenn nämlich die Nachfrage in den USA und/oder Europa steigt, dann dürfte der Preis für alle anderen steigen. Das bedeutet dann aber auch, dass Ägypten vielleicht noch etwas von dem “Stoff” kaufen kann, während der Senegal ziemlich dumm aus der Wäsche guckt und Mozambique wohl bald gar nicht mehr guckt.

 
 
 
 
 

[...] Ländern gehören, weil sie in den Entwicklungsländern als Grundnahrungsmittel benötigt werden. Antibürokratieteam und openeuropeblog machen die Politik für diese Fehlentwicklung verantwortlich. Da kann man sich [...]

 
che2001, 15.04.2008 12:02

Na ja, da gibt es aber noch andere Faktoren, nämlich die Tatsache, dass die WTO von Ägypten und Haiti die Aufgabe des subventionierten fixen Brotpreises verlangte, worauf nach der Preisfreigabe es zu einer im Wortsinn mörderischen Teuerung kam, und die Tatsache, dass die subventionierten EU-Agrargprodukte die afrikanischen Märkte kaputt machen - sie sind dort billiger als alles im Lande Produzierte, was den Bauern die Existenzgrundlage raubt. Dass der Biospritwahn ein völlig disfunktionales Monster ist bleibt dabei natürlich unbenommen.

Boche, 15.04.2008 15:39

dass die subventionierten EU-Agrargprodukte die afrikanischen Märkte kaputt machen - sie sind dort billiger als alles im Lande Produzierte, was den Bauern die Existenzgrundlage raubt

Was im Gegensatz dazu und außerhalb der Bauernschaft aber den allgemeinen Wohlstand heben dürfte. Denn das Geld, das die Konsumenten weniger für Nahrung ausgeben müssen, wird ja nicht verbuddelt und vergessen.

Lina, 15.04.2008 18:11

“…wird ja nicht verbuddelt und vergessen.”

Versoffen vielleicht? Um sich mit den politischen Verhältnissen arrangieren zu können?

Und: “…ausserhalb der Bauernschaft”? Handelt sich bei den Belieferten nicht vorwiegend um Agrarstaaten, denen wir mit EU-subventionierter Ware die Preise für ihre eigenen Produkte verderben? Kann sich das “Hilfe zur Selbsthilfe” (durch Steuergelder) nennen? Wohl kaum.

Ich jedenfalls will so nicht “helfen”, muss aber. Bin echt gespannt auf die Ernte…

Boche, 16.04.2008 10:09

Ich will ja keineswegs den Subventionen das Wort reden. Nationen, die tatsächlich vorrangig Landwirtschaft betreiben, könnten die Folgen, zumindest kurzfristig, wohl tatsächlich eher negativ als positiv sein. Aber Agrarsubventionen an sich verbilligen eben erst einmal die Lebensmittel fürs importierende Ausland. Und das wäre ja der entgegengesetzte Effekt des hier Beklagten.

Lina, 16.04.2008 21:01

“Und das wäre ja der entgegengesetzte Effekt des hier Beklagten.”

Kannst Du mir das “in einfachen Worten” erklären? Ich verstehe nicht, warum es nicht vom Effekt her sinnvoller sein sollte, Deine und meine Steuergelder statt in die Milch direkt in die förderungswürdigen nationalen Landwirtschaften zu stecken, anstatt den Handel abschöpfen zu lassen, was für ihn aus der Destabilisierung des nationalen Preisgefüges herausspringt.

Nach mener (Milchmädchen-?) Rechnung verursacht dieses Vorgehen doch wieder nur neue Kosten in Form von Entwicklungshilfegeldern aus dem Etat der “roten Heidi”…

(Ich kapiere das einfach nicht, sehe in dieser Politk nur noch Negativeffekte. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu doof, die Effekte nach ihrer temporären Wirksamkeit zu sortieren.)

 
 
 
 
 

[...] (oder überhaupt zu lesen), sollte man auch nicht argumentationsbefreit dagegen anwettern. an anderer Stelle wird das Ganze immerhin halbwegs richtig betrachtet und es wird von (in dem Zusammenhang wichtigen) [...]

 
che2001, 16.04.2008 15:45

Ja lieber Boche, aber genau darum geht es doch: Die im eigenen Land erzeugten Nahrungsmittel in Ländern wie Senegambien, Mali, Elfenbeinküste, Sierra Leone können den importierten EU-Produkten preislich nicht das Wasser reichen, auch wenn die Bauern 15 Stunden am Tag auf dem Feld arbeiten kriegen sie das nicht hin, und die Fischereirechte vor den Küsten dieser Länder sind an spanische und portugiesische Fanggesellschaften verpachtet, in Ländern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung aus Fischern und Bauern besteht. Den Bauern bleibt eigentlich nichts übrig als die reine Subsistenz: Die eigene Ernte selber essen und kein Geld mehr für Nahrungsmittel ausgeben. Ansonsten kann man sagen, dass, nachdem die Zeit der Bürgerkriege in diesem Teil Afrikas allmählich zu Ende gegangen ist, die EU-Agrarsubventionitis dort gerade die aktuellen Fluchtgründe erzeugt.

Boche, 16.04.2008 21:09

Besteht denn die Mehrheit aus Fischern und Bauern?
Und was ist dann mit der Minderheit? Kann die nicht profitieren und sich zur Mehrheit mausern?

Wie zu Lina gesagt: Ich finde die Subventionen unsinnig und sie sollten so schnell als möglich abgeschafft werden. Ich bin auch bereit anzunehmen, dass bei mehrheitlich agrarische Ökonomien kurzfristig eher die Nachteile überwiegen.
Das ändert aber meiner laienhaften Meinung nach nichts am grundlegenden Umstand, dass Subventionen an deutsche Bauern weiterfließen - nämlich in die Portemonnaies der Käufer deutscher Agrarprodukte im Ausland.

K