Archiv: Mai 2008

Warten auf die Umverteilung

Interessanter Beitrag in der Neuen Zürcher(!) Zeitung:

Eine Studie kommt zum Schluss, dass die alternde deutsche Gesellschaft wenig Leistungsbereitschaft und Ehrgeiz zur Wohlstandsvermehrung zeige.

Die Studie weist nach, dass eine Mehrheit der Bevölkerung gar nicht den Ehrgeiz zum beruflichen und sozialen Aufstieg und zur Wohlstandsvermehrung hat. Nur ein Viertel der Befragten erklärt, er strebe nach mehr Besitz, 59% wollen ihren Besitz so erhalten, wie er ist. Die warten wohl auf Umverteilung.

Ende der Schweizer Woche

Liebe Leser, zum Ende der Schweizer Woche beim antibürokratieteam (wo ist eigentlich der Rest der Mannschaft?) noch dies:

201 889 Deutsche lebten Ende 2007 in der Schweiz. Im Kanton Zürich sind sie mit 19 Prozent die grösste Ausländergruppe. Ein neues Buch beschäftigt sich mit dem angespannten Verhältnis zum wenig geliebten Nachbarn und Mitbürger.

Die WELTWOCHE, wo auch Herr Broder über Israel, Islam und den Untergang des Abendlandes schreibt, hat einen exklusiven Vorabdruck online zugänglich gemacht. Weil die Deutschen in Deutschland sicher nicht die WELTWOCHE kaufen.

Für auswanderungswillige Bundesrepublikaner, Auszug als Appetithappen: Birgit (aus Landshut) und Jenny (aus Leipzig) finden die Schweizer:

  • extrem langsam; und zwar noch langsamer, als man gedacht hatte;
  • extrem verschlossen; in fünf Jahren Schweiz hat Birgit lediglich eine gute Freundin gefunden (Jenny) und Jenny auch nur eine (Birgit);
  • total unspontan; zum Glühweintrinken muss man sich vier Wochen vorher anmelden;
  • überpünktlich – wenn man mal eine Dreiviertelstunde zu spät kommt, nehmen sie es grad persönlich;
  • überheblich – glauben, sie könnten besser Englisch als die Deutschen, was überhaupt nicht stimmt.

Zudem:

  • Die Joghurt-Auswahl ist viel zu klein, und beim Bäcker gibt’s um zehn nach zwölf nicht einmal mehr ein Sandwich zu kaufen, da fragt man sich dann schon: Sind wir hier in Polen?
  • muss man hier bei jedem geschäftlichen Anruf mit jedem mindestens fünf Minuten lang quatschen;
  • trennen Schweizer Job und Privatleben ganz streng, weswegen man bei der Arbeit kaum Leute näher kennenlernt;
  • nehmen sie im Job immer alles persönlich; man muss immer alles fünfmal diskutieren, jeden um seine Meinung fragen und Kritik immer in einen Blumenstrauss packen;
  • ist der Schweizer Mann ein Waschlappen; deutsche Männer sind selbstbewusster und machen auch mal ’ne Ansage;
  • begegnen sie Österreichern viel freundlicher als Deutschen.

Ich freue mich!

Ich freue mich auf die Euro’8! Ich freue mich auf tolle Fussballspiele! Ich freue mich auf all die Besucher aus Europa!

Herr Broder hat mich etwas irritiert

Herr Broder war kürzlich in der Schweiz. Er hat dort nicht nur Rösti gegessen sondern auch einen Vortrag gehalten. Über sein zentrales Thema: Der Islam und der lendenlahme Westen.

Nun ist es ja nicht so, dass wir Herrn Broder nicht schätzten. Nein, nein, wir verfolgen hier und hier mit Interesse seine Anmerkungen zur Zeit, wobei wir uns zwischendurch wünschten, er möge sich auch mal einem anderen Thema als immer nur Israel, den Islam und so weiter zuwenden. Er kann ja schreiben, der Mann. Und die Dinge zuspitzen. Was beides dem geneigten Leser durchaus Vergnügen und Erbauung bereitet.

Wir fanden es einfach ein wenig irritierend, von wem sich Herr Broder in die Schweiz einladen liess. Es war der Herr Schlüer, der Chefredaktor von Schweizerzeit, einer ziemlich weit rechts angesiedelten Politzeitschrift, der ihn vor seinen Karren spannte.

Und selbstredend ist der Herr Schlüer im Schweizer Politzirkus ebenso rechtsaussen wie seine Zeitschrift positioniert, so dass es sogar den Zürchern zuviel wurde und den strammen SVP-Mann nicht mehr ins nationale Parlament wählen mochten. Auf die deutsche Politik übertragen könnte man sagen, dass Herr Schlüer am rechten Rand der CSU anzusiedeln ist.

Ich kann mir das nur so erklären, dass Herr Broder wohl denkt, der Feind meines Feindes ist mein Freund. Oder er hat einfach nicht gewusst, von wem er sich da ein Honorar plus Reisespesen bezahlen lässt.

Lieber Herr Broder – rufen Sie mich das nächste Mal an, wenn Sie eine Einladung aus der Schweiz erhalten. Ich kenne mich da ein wenig aus.

Das Mittelalter ist nur 1.500 Kilometer entfernt

17.05.2008 14:58 - Statler & Waldorf by Statler - 33 Kommentare

Wieder mal ein kleiner Zivilisationsbruch mitten in Europa:

Auch die seriösen Medien des Landes, darunter La Repubblica, verbreiten ganz selbstverständlich die Mär von den “Zigeunern, die Kinder stehlen”.

(taz)

Und Neapel ist das neue Rostock-Lichtenhagen:

Als die Feuerwehr anrückte, wurde sie mit Pfiffen begrüßt. Anstatt die Löscher zu unterstützen, applaudierten die Umstehenden dem lodernden Feuer. Zwei Nomadencamps am Stadtrand Neapels waren bereits am Dienstagabend in Flammen aufgegangen, am Mittwoch wurden weitere Barackensiedlungen von bislang Unbekannten in Brand gesetzt. Verletzt, so hieß es, wurde dabei niemand. In den Ruinen der Holzhütten fand die Polizei die Spuren mehrerer Molotowcocktails.

(Süddeutsche Zeitung)

Da ist es doch gut, daß Berlusconi ein hartes Law-and-Order-Regime führt:

Am Vormittag wurden über 400 Festnahmen aus neun italienischen Regionen gemeldet.

(Süddeutsche Zeitung)

Was? Die 400 Festgenommenen sind keine Brandstifter, und gehören auch nicht dem entfesselten Mob an, sondern sind Einwanderer?

Oh.

Ökonomenpoesie

13.05.2008 14:12 - London Calling by Oliver M.H. - 6 Kommentare

Von den Analysten aus der Londoner City erhalte ich regelmäßig Updates zum Zustand der britischen Wirtschaft. Dabei wundere ich mich immer wieder, was Ökonomen so alles mit der englischen Sprache anstellen können. Heute zum Beispiel erklärt mir der Analyst einer sehr großen US-Bank, dass wegen Inflationsgefahren mit einer schnellen Zinssenkung durch die Bank of England (BoE) wohl erst einmal nicht zu rechnen ist. Dabei wären niedrigere Zinsen eigentlich geboten, meint der Analyst. Und warum? Darum:

BoE will have to lower rates modestly further to support a rapidly moderating economy.

Das ist Londoner City-Ökonomen-Englisch, wie es schöner nicht sein kann. Vulgärökonomen und Laien hätten vielleicht angenommen, dass sich das britische Wirtschaftswachstum schlichtweg und einfach abgeschwächt hätte. Das ist auch unschwer zu übersehen, weshalb es dafür eigentlich gar keine Analysten bräuchte. Aber diese können das Offensichtliche flugs in eine sich “schnell mäßigende Wirtschaft” umbenennen – und schon haben sie die Deutungshoheit wiedergewonnen.

Neuesten Meldungen zufolge entlassen die Londoner Banken derzeit übrigens über 300 Analysten pro Woche. Anscheinend hat sich die Nachfrage nach ökonomischer Poesie drastisch gemäßigt.

Die Ö-KO Steuer muss weg!

10:34 - Liberté d'abord! by Oliver Luksic - 35 Kommentare

Die Ökosteuer war von Anfang an eine konzeptionelle Mißgeburt: eine Steuer, die der Umwelt helfen soll, aber zur Quersubventionierung der Rentenkasse dient ohne der Umwelt direkt zu helfen gehört angesichts immer weiter steigender Preise an den Zapfsäulen abgeschafft!

Die Energiepreise sind seit der Einführung der Ökosteuer so stark gestiegen, dass zum Sparen keine weitere künstliche Verteuerung neben der Mineralölsteuer nötig ist- es sei denn, man will einen Preis von 5 DM für den Liter Benzin wie die Grünen. Den Tanktourismus, gerade in Grenzregionen wie dem Saarland, kann man so endlich auch begrenzen- das bringt dem Staat auch mehr Geld. Der Staat hat trotz Steuersenkungen auch nicht dauerhaft nicht weniger Einnahmen, da die Treibstoff-Preise sowieso weiter steigen- und damit auch die Steuern immer weiter mit.

Die Ökosteuer muss weg- Mobilität darf kein Luxusgut werden!

“A good life is an autonomous life”

10.05.2008 16:44 - Statler & Waldorf by Statler - 1 Kommentar

Der optimistische Liberalismus des John Stuart Mill, im Podcast mit Richard Reeves bei Philosophy Bites.

Die Befindlichkeit des Landes

08.05.2008 22:23 - Statler & Waldorf by Statler - 142 Kommentare

Einhundertsechsunddreißig. Das ist die Anzahl der von rechtsradikal motivierten Tätern ermorderten Menschen in Deutschland, zwischen 1990 und 2005, zu finden in einer Liste in der aktuellen Ausgabe der ZEIT. Wieviele genauso motivierte Taten für wieviele Opfer nicht im Grab, sondern in Krankenhäusern oder Rollstühlen endeten, erfahren wir nicht.

Wir Rückenmarksliberale

02.05.2008 21:16 - Statler & Waldorf by Statler - 60 Kommentare

Jawohl, doch, zugegeben: Freiheitsliebe ist ein Reflex, der von mir nicht immer — vielleicht sogar eher selten — begründet wird. Und wieso auch? Jeder, der schonmal vom Münchhausen-Trilemma gehört hat, weiß, daß Letztbegründungen schon für wissenschaftliche Aussagen nicht existieren. Wer da noch Letztbegründungen für politische Präferenzen sucht, oder gar vorgibt, über sie zu verfügen, der macht sich lächerlich.

Go for it, Boris!

01.05.2008 18:29 - Liberté d'abord! by Oliver Luksic - 8 Kommentare

Boris Johnson hat Marihuana geraucht, Kokain geschnupft und erklärt, dass er es sich gut vorstellen könnte, mit der Frau des britischen Ex-Premiers Tony Blair Sex zu haben. Portsmouth ist für ihn eine Hafen-Stadt mit “zu vielen Fettsüchtigen und Labour-Abgeordneten”. Während alle Welt sich über die grassierende Fettleibigkeit und die Sucht für Fastfoood ereiferte, meinte Johnson – “und sie schmecken doch gut”. Im vergangenen Jahr schrieb er, die Tories hätten sich einer Orgie von Häuptlingsmord und Kannibalismus hingegeben, wie sie “in Papua-Neuguinea üblich” sei; nun mache sich die Labourparty daran. Das führte zu einem scharfen diplomatischen Protest, woraufhin Boris Johnson erwiderte, er werde Papa-Neuguinea auf die globale Liste der Orte für seine Entschuldigungstour setzen. Humor hat Boris!

Besser als der “rote Ken” ist er auf jeden Fall: Einen jüdischen Reporter des Londoner Evening Standards, der ihm Fragen stellen wollte, bezeichnete er als “KZ-Wächter”, was ihm eine 14-tägige Suspendierung vom Amt einheimste. Er preist einen autoritären Linksdiktator wie Hugo Chávez und modelte eine ursprünglich als Verkehrsberuhigung geplante Gebühr für Londons Innenstadt in ein Instrument des Klassenneides um. Den Blick fest auf muslimische Gemeindeführer Londons gerichtet, lädt er immer wieder einen extremistischen Imam aus dem Nahen Osten ein und bezeichnet ihn als “moderat”, obgleich der heilige Mann in seinen Predigten für Selbstmordbomber, die Unterdrückung der Frau und die Todesstrafe für Schwule eintritt. Hinzu kommt Vetternwirtschaft und Korruption. Deswegen: Go for it, Boris!