Jawohl, doch, zugegeben: Freiheitsliebe ist ein Reflex, der von mir nicht immer — vielleicht sogar eher selten — begründet wird. Und wieso auch? Jeder, der schonmal vom Münchhausen-Trilemma gehört hat, weiß, daß Letztbegründungen schon für wissenschaftliche Aussagen nicht existieren. Wer da noch Letztbegründungen für politische Präferenzen sucht, oder gar vorgibt, über sie zu verfügen, der macht sich lächerlich.

Trotzdem versuchen natürlich die meisten politisch Interessierten, ihre Positionen doch irgendwie zu begründen. Die Wenigsten werden zugeben, daß ihre Positionen einfach das Ergebnis einer mehr oder weniger zufälligen Kette von Diskussionen, Lektüren, prägenden persönlichen Antipathien oder auch Freundschaften sind. Also machen wir uns alle auf die Suche nach guten Begründungen für unsere Positionen, und da fangen wir an, uns zu verzetteln.

Die liberalen Klassiker des letzten Jahrhunderts — Popper, Albert, Berlin, Hayek — haben bei allen Unterschieden eine Gemeinsamkeit: Ihre konsequente Opposition gegen alle politischen Heilslehren, ihre Einsicht, daß von Menschen bevölkerte Gesellschaften immer nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum arbeiten werden. Perfektion sollte man da nicht erwarten, und wer Perfektion verspricht, der ist ein Scharlatan. Aber dahinter steckt natürlich noch etwas mehr, nämlich eine geradezu störrische Utopiefeindlichkeit. Und vor allem: Das Wissen, daß es in jeder Gesellschaft miteinander konkurrierende, unversöhnliche Werte gibt. Man weiß, daß man in einer zivilisierten Gesellschaft lebt, wenn Konflikte zwischen diesen unversöhnlichen Werten in Diskussionen ausgetragen werden, in denen niemand den Anspruch hat, einen Sieg durch die physische oder moralische Vernichtung seiner Konkurrenten herbeizuführen.

Wenn zivilisierte Gesellschaften dadurch gekennzeichnet sind, daß zwischen konkurrierenden Zielen — Freiheit, Gleichheit, Sicherheit, Offenheit und anderen — ein friedlicher Wettstreit herrscht, dann folgt daraus natürlich auch, daß demokratische Politik immer eine Art von Verhandlung um einen möglichen Ausgleich dieser Ziele ist. Diese Verhandlung hört nie auf, das Ergebnis ändert sich ständig, und wir werden nie die eine, richtige Balance zwischen verschiedenen, eigentlich unversöhnlichen Zielen finden.

Als bekennender Rückenmarksliberaler, also als jemand, dessen Präferenz für die Freiheit zu einem großen Teil aus dem vegetativen politischen Nervensystem kommt, neige ich in solchen Zielkonflikten immer im Zweifelsfall dem Ziel der individuellen Freiheit zu. Das bedeutet auch, daß ich beispielsweise bereit wäre, einiges an ökonomischer Effizienz zu opfern, wenn ich dafür mehr Freiheit bekäme. Genauso verzichte ich gerne auf ein weiteres Sicherheits-Sahnehäubchen, wenn ich dafür Freiheit aufgeben muß. Aber natürlich erkenne ich an, daß es zu solchen Zielkonflikten kommen kann. Die Präferenz für die Freiheit ist dann eben genau das, eine persönliche Präferenz, zu verorten im politischen Rückenmark, das aus irgendeinem Grund meine politischen Reflexe so steuert.

Was so einen Rückenmarksliberalen wie mich nervös macht, das sind, wie schon angedeutet, die Utopisten. Und zwar nicht nur die sozialistischen Utopisten, die Geschichtsdeterministen oder die rechtsextremen Spinner, die uns alle in irgendeiner Variante die Geschichte erzählen, daß sich eine kohärente Gesellschaft, frei von Zielkonflikten und lästigen Debatten, schon herstellen ließe, wenn man ihnen nur mal für siebzig oder tausend Jahre die Macht überließe. Was mich nervös macht, das sind auch die liberalen, oder die libertären Utopisten, die meinen, daß alle anderen Probleme und Zielkonflikte schon irgendwie aufgelöst werden, wenn nur erstmal der Staat verschwunden ist, oder die Staatsquote wenigstens unter zehn Prozent fällt.

Ehrlich gesagt: Wenn man von Hayek, Popper und all den anderen eines lernen kann, dann doch wohl, wie unnütz große Gesellschaftsentwürfe sind. Aber Anarchie und alles, was ihr nahe kommt, ist vom Status Quo ausgehend nunmal ein ziemlich großer Gesellschaftsentwurf.

Außerdem frage ich mich, wie robust der utopische Liberalismus eigentlich sein kann. Nehmen wir ein hypothetisches Beispiel: Nehmen wir mal an, was zugegeben sehr hypothetisch ist, daß Lange und Lerner die socialist calculation debate für sich entschieden hätten. Nehmen wir also an, effizienter Sozialismus, vielleicht sogar ein Sozialismus, der effizienter ist, als die Marktwirtschaft, wäre möglich. Mir wäre es egal, als Rückenmarksliberaler wäre mir die Freiheit der Märkte immer noch lieber, eben weil ich eine starke Präferenz für die Freiheit an sich habe, während mir Effizienz eigentlich eher nicht so wichtig ist. Aber was würde das für die utopischen Liberalen bedeuten, die in ihrer Utopie des Minimalstaates oder der Staatenlosigkeit immer gleich das ganze Paket aus Freiheit, Frieden, Wohlstand, Harmonie und Abwesenheit von Inflation verkaufen müssen?

Die utopischen Liberalen machen sich Gedanken über gesellschaftliche Szenarien, die in jeder politischen Dimension unendlich weit weg sind; daher können wir nur unendlich wenig über sie wissen. Meine Vermutung wäre, daß jeder Versuch ihrer Verwirklichung den Weg aller utopistischen Gesellschaftsexperimente gehen würde — wir wissen, wo und wie sowas endet. Das mag jetzt ein wenig oder auch sehr paradox klingen, aber wenn man seine liberalen Klassiker mit ihrem Skeptizismus ernst nimmt, dann muß eine reine Lehre des Liberalismus darauf bestehen, daß es keine reine Lehre geben kann. Liberalismus muß dann pragmatisch sein, vom Status Quo ausgehen, Utopien scheuen. Wenn man in jeden einzelnen, kleinen Zielkonflikt mit der Maxime „Im Zweifel für die individuelle Freiheit“ geht, dann ist das jedenfalls schon ziemlich viel. Dagegen steht auf der utopischen Seite die fehlende Bereitschaft zum politschen Durchwursteln im Hier und Jetzt, zum Schließen von Kompromissen zwischen konkurrierenden gesellschaftlichen Zielen und zum pragmatischen Durchsetzen kleiner Veränderungen. Genau das kommt mir aber vom politischen Ansatz und oft auch vom persönlichen Habitus der Vertreter des utopischen Liberalismus oft eher unliberal vor — selbst wenn sie andauernd von Freiheit reden.