Ökonomenpoesie

13.05.2008 14:12 - London Calling by Oliver M.H.

Von den Analysten aus der Londoner City erhalte ich regelmäßig Updates zum Zustand der britischen Wirtschaft. Dabei wundere ich mich immer wieder, was Ökonomen so alles mit der englischen Sprache anstellen können. Heute zum Beispiel erklärt mir der Analyst einer sehr großen US-Bank, dass wegen Inflationsgefahren mit einer schnellen Zinssenkung durch die Bank of England (BoE) wohl erst einmal nicht zu rechnen ist. Dabei wären niedrigere Zinsen eigentlich geboten, meint der Analyst. Und warum? Darum:

BoE will have to lower rates modestly further to support a rapidly moderating economy.

Das ist Londoner City-Ökonomen-Englisch, wie es schöner nicht sein kann. Vulgärökonomen und Laien hätten vielleicht angenommen, dass sich das britische Wirtschaftswachstum schlichtweg und einfach abgeschwächt hätte. Das ist auch unschwer zu übersehen, weshalb es dafür eigentlich gar keine Analysten bräuchte. Aber diese können das Offensichtliche flugs in eine sich “schnell mäßigende Wirtschaft” umbenennen - und schon haben sie die Deutungshoheit wiedergewonnen.

Neuesten Meldungen zufolge entlassen die Londoner Banken derzeit übrigens über 300 Analysten pro Woche. Anscheinend hat sich die Nachfrage nach ökonomischer Poesie drastisch gemäßigt.

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6 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

marc, 13.05.2008 15:18

Einfach Großartig! :-D

…der erste richtige Lacher heute…

Danke!

 
Shin, 13.05.2008 15:25

“Wirtschaftsanalysten - was dümmeres findeste in keinem Zoo”, wie schon der semi-sozialistische Antiamerikanist Volker Pispers offenbar in einem zustand kurzzeitiger Erleuchtung sagte.

http://youtube.com/watch?v=ko5CCSomDMY

 
Lina, 13.05.2008 16:47

“Ökonomenpoesie” also. Auch erst sehr gelacht!

Wenn aber doch Wirtschaft Psychologie ist, wie es immer heisst, sollte die Seele für dergleichen empfänglich (und ansprechbar!) sein.

Die 300 Entlassungen pro Woche verstehe ich deshalb nicht ;-)…

 
Sky, 16.05.2008 20:33

Analysten sind das Bindeglied zwischen Investor und Investment.
Letztlich also Vertriebsmenschen, da darf man dann die Erwartungen ein wenig nach unten schrauben. ;)

 
Lina, 17.05.2008 06:42

Die Erwartung des Verfassers war nicht allzu hoch, wie mir schien ;-).

Wären sie nicht zu so verbindlichen Bindegliedern geworden, wäre der Schaden, den sie mit ihrer “Poesie” anrichten konnten, wahrscheinlich geringer ausgefallen.

In Verbindung mit Zahlen würde ich sowieso eher Prosa erwarten.
Aber wer kauft heute noch ohne ansprechende Verpackung ;-D?

 
Ulrich Berger, 20.05.2008 20:52

Hallo Oliver,

Da ich wg. t-onlines dollem Service derzeit “Mail-stumm” bin, nutze ich mal diesen zweifelhaften Weg, Dich zu kontaktieren:

In D geht der Zank ja nun auch ständig darum:
Steuern runter/ Steuern rauf?

Steuern runter - Ankurbelung des Konsums etc., aber Staatsverschuldung steigt…
Steuern rauf - Bürger ärmer, aber Staatsverschuldung kann abgebaut werden.

Öffentliche Liberalen - Antwort: Staatsausgaben senken (und Steuern runter?)!

Was würde passieren, wenn man z.B. die Steuern heute tatsächlich deutlich senken würden?

Will man die Strafe dafür nicht unseren Enkeln überhelfen, muss man die Staatsausgaben senken - was vor allem den bisher staatsalimentierten Bedürftigen schaden würde.

Dies scheint mir ein gordischer Knoten zu sein - weiß jemand aus der Ökonomenzunft eine Lösung?

LG, Ulli

 

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