Das Mittelalter ist nur 1.500 Kilometer entfernt
Wieder mal ein kleiner Zivilisationsbruch mitten in Europa:
Auch die seriösen Medien des Landes, darunter La Repubblica, verbreiten ganz selbstverständlich die Mär von den “Zigeunern, die Kinder stehlen”.
(taz)
Und Neapel ist das neue Rostock-Lichtenhagen:
Als die Feuerwehr anrückte, wurde sie mit Pfiffen begrüßt. Anstatt die Löscher zu unterstützen, applaudierten die Umstehenden dem lodernden Feuer. Zwei Nomadencamps am Stadtrand Neapels waren bereits am Dienstagabend in Flammen aufgegangen, am Mittwoch wurden weitere Barackensiedlungen von bislang Unbekannten in Brand gesetzt. Verletzt, so hieß es, wurde dabei niemand. In den Ruinen der Holzhütten fand die Polizei die Spuren mehrerer Molotowcocktails.
Da ist es doch gut, daß Berlusconi ein hartes Law-and-Order-Regime führt:
Am Vormittag wurden über 400 Festnahmen aus neun italienischen Regionen gemeldet.
Was? Die 400 Festgenommenen sind keine Brandstifter, und gehören auch nicht dem entfesselten Mob an, sondern sind Einwanderer?
Oh.








Wurde nicht Adam Smith als Kind mal von Zigeunern entführt?
Wenn’s stimmt ist’s schlimm, aber SZ und taz würde ich nicht als seriöse Quellen betrachten. Nicht dass die keine Recherche betrieben oder gar bewusst lögen, aber da wird immer noch gern viel hineininterpretiert, damit’s besser ins eigene Weltbild passt.
Stimmen die genannten Fakten oder stimmen sie nicht? Und was genau wird denn hineininterpretiert?
Die reinen Fakten stimmen vielleicht. Aber es macht einen riesen Unterschied, ob einmal 400 verwahrloste, kriminellen Kreisen nahe stehende Illegale verhaftet werden oder das andere Mal 400 hungernd und leidende Emigranten.
Minus das Kinderfressen und die Pfiffe, dafür aber mit Molotowcocktails schreibt das auch der Telegraph. Und denen kann man nun kein linkisches Weltbild zuschreiben.
Und auch die Times berichtet in dieser Weise. Insofern wird an der Sache schon was dran sein.
Ich überlege gerade, wo ich meinen Zorn über die Regierung abladen könnte, wenn ich schon meinen Müll nicht abladen kann, weil er in Ermangelung eines Konzepts zur Beseitigung noch immer vor meiner Tür liegt. Ich würde zwar deshalb nicht in eine “Stimmung gegen das Fremde” geraten und Hütten abfackeln, aber der Stadtverwaltung wo auch immer sonst die Hölle heiss machen wollen, so *demoralisiert* wäre auch ich.
Auch Müll ist Mittelalter. Ich will damit sagen, dass die Situation, in der sich Neapolitaner seit Monaten befinden, ein solches Fanal begünstigt haben wird. Wäre da nicht auch der Müll, meine ich, stünden die Hütten noch.
(Nur ein kleiner, wenig entlastender Aspekt, ich weiss.)
Aber die 400 sind natürlich Migrantenkriminelle, die Migrantenkriminalität begehen. Na, und wenn sogar “La Reppublica” “die Wahrheit” schreibt.
Scheint so, als wären die Mechanismen, die in den 90ern zum deutschen “Asylkompromiß” geführt haben, auch in Italien am Werk: Gegen Fremdenhass vorgehen, indem man die Fremden los wird.
Ja, und solche Massenaktionen machen die dort auch nicht zum ersten Mal.
Die Figur des Migrantenkriminellen wird, behaupte ich jetzt mal, nachdem ich vorgestern abend “Arena” im schweizer TV gesehen habe, mit Blocher und Toni Brunner vs. ihre eigene SVP-Bundesrätin, die unglaublich seriöse Frau Widmer-Schlumpf, regelrecht installiert.
Es geht um Rechtsbeugung.
Ist zwar off-topic, aber mir geht der Hut hoch, wenn die FAZ die Neuigkeiten über die Katastrophen in China und Burma auf ihrer Kuriositätenseite “Deutschland und die Welt”, neben Lothar Mathäus und Britney Spears verramscht.
Zitat Statler: “Gegen Fremdenhass vorgehen, indem man die Fremden los wird.”
Als Rezept nicht neu. Dazu vielleicht etwas “Zivilisationskunde”: Das Übel an der Wurzel ausreissen, nennt man sowas, ob es einem gefällt oder nicht. Mir gefällt’s nicht.
Andere Vorschläge? Mir scheint, wir stecken in einer evolutionären Krise, einer Sackgasse, aus der kein Weg ohne Zivilisationsbruch herauszuführen scheint. Und warum? Weil krasse materielle Ungleichheit ihn verstellt…IMHO
Und dennoch scheint mir das Konzept der EU, über Schengen durch Armut zu “fluten”, bevor die Dämme brechen, sinnvoll. Die Frage ist, nur, wie wir (ohne geeignete Triebabfuhr) damit fertig werden können.
“Und dennoch scheint mir das Konzept der EU, über Schengen durch Armut zu “fluten”, bevor die Dämme brechen, sinnvoll. Die Frage ist, nur, wie wir (ohne geeignete Triebabfuhr) damit fertig werden können.”
Wenn das das Konzept ist, dann gute Nacht! Scheint mir eher so zu sein als ob einige Linke mehr Immigration wollen; aus mir unklaren Gründen auch und gerade bildungsschwache.
Nichtsdestotrotz ist das was da in Italien abläuft schon recht übel.
@ Sky
“Scheint mir eher so zu sein als ob einige Linke mehr Immigration wollen.”
Ob Linke das wollen oder nicht (ich fürchte, sie *müssen* es wollen ;-) : mit jedem EU-Beitritt östlicherseits entstand (inkl. freier Beweglichkeit) ein gefahrvoll erweiterter (gemeinsamer) Wirtschaftsraum, von dem man halten mag, was man will; er ist eine Tatsache.
Aus ihr kommt es zwangsläufig (und vorhersehbar!) zu Wanderbewegungen von Arm nach Reich – wie denen von Rumänen nach Italien… Das Paradoxe und Ärgerliche ist, finde ich, dass die Politik den ebenso zwangsläufig entstehenden Konflikten nichts entgegenzusetzen hat – ausser neuen (der von ihr selbst eingeleiteten Entwicklung) gegenläufigen Verboten. Das nervt.
Dei EU ist grundsätzlich OK, was m.E. nicht OK ist, wenn durch die zusätzliche Schicht demokratische Prozesse überlagert werden und/oder Bürokratismus (guter Blogtitel BTW, Chapeau!) das Leben des Einzelnen oder der Unternehmen erschweren.
Mit den dann natürlicherweise folgenden Migrationen ist m.E. – Vorsicht aber bei Moslems! ;) – durchaus umzugehen.
Das Rumänen-/Zigeunerproblem in Italien ist nach meiner Kenntnis auf eine Fehlauslegung des Schengen-Abkommens durch einige EU-Länder zurückzuführen. Hier reagiert Berlusconi m.E. angemessen (nein, ich rechtfertige nicht die spontanen Mob-Vorfälle).
Die Linke setzt nach 1989 mehr auf Umverteilung und Zersetzung als auf Revolution, nutzt auch recht geschickt die EU-Institutionen.
Hier darf der Wähler m.E. gerne deutliche Zeichen setzen.
@ Sky
Bez. der EU: wen oder was meinst Du mit “zusätzlicher Schicht!? Arbeiten sie dort in Schichten, leisten Schichtarbeit (höre immer nur vom Gegenteil …). Nein, weiss schon, was Du meinst: die Überlagerung durch zusätzlichen *Bürokratismus*. Das ist in jeder Beziehung ein gewichtiger Einwand, nicht nur auf Migrationen bezogen, aber gerade dort. fehlen m.E. gesetzliche Vorkehrungen für das, was man lange wissen konnte…
Was die Linke betrifft, glaube ich, dass sie im Grunde noch einem “Proletarier-aller-Länder-vereinigt-Euch”- Motiv hinterherdenkt, oder abgewandelt und aktualisiert eben eines “Armutsflüchtlinge-aller-Länder…” . Ich will sie aber nicht verurteilen dafür, denn etwas soziale “Aufrüstung” in Form von Aufklärung über Rechte und Pflichten im Gastland halte ich schon für notwendig. Es würde sich besser miteinander leben lassen, meine ich;
Geschieht das nicht, entstehen als rechtsfrei empfundene Räume, die – wie in Neapel geschehen – einer wahnwitzigen Selbstjustiz Tür und Tor öffnen.
[ZITAT] Mir scheint, wir stecken in einer evolutionären Krise, einer Sackgasse, aus der kein Weg ohne Zivilisationsbruch herauszuführen scheint. Und warum? Weil krasse materielle Ungleichheit ihn verstellt. [TATIZ]
Eher eine zivilisatorische Krise als eine evolutionäre, dennoch wohl richtig. Fragt sich nur, warum diese materielle Ungleichheit, die auch früher schon herschte, heute zu einem Zivilisationsbruch führt.
[ZITAT]
Und dennoch scheint mir das Konzept der EU, über Schengen durch Armut zu “fluten”, bevor die Dämme brechen, sinnvoll.[TATIZ]
Warum ? Ist ein Bürgerkrieg einem Frontgenkrieg zu bevorzugen ?
”
[ZITAT]
Und dennoch scheint mir das Konzept der EU, über Schengen durch Armut zu “fluten”, bevor die Dämme brechen, sinnvoll.[TATIZ]
Warum ? Ist ein Bürgerkrieg einem Frontgenkrieg zu bevorzugen ?
”
Du solltest mal einen Abreger schlucken.
@ Sky
…vielleicht sollte erst ich mich mal einer weniger drastischen Sprache bedienen…? Mal überlegen…
(Der Frontenkrieg muss aufhören, meine ich. Und den Bürgerkrieg sollten zivilisierte Bürger erst gar nicht anfangen.)
Wer regt sich denn auf ? ist es verboten eine pessimistische Einschätzung der mittlere Zukunft zu haben ? Das kann man ganz unaufgeregt tun, aufgeregt erlebe ich eigentlich eher diejenigen, die zivilisatorische Konflikte gerne negieren möchten.
Ich bleibe bei der Frage, warum ist es sinnvoll Europa mit Armut zu fluten ? Es scheint ja nicht so, als würde das irgendwelche Probleme lösen sondern eher erst schaffen.
@ Llarian
“Fragt sich nur, warum diese materielle Ungleichheit, die auch früher schon herschte, heute zu einem Zivilisationsbruch führt.”
Na, weil sie lange unter sich blieben und sich jetzt erst bei uns sehen lassen, genauer: weil die Ungleichheit erstmals sichtbar wird, weil sie selbst sichtbar werden; am Beispiel Italien als Zivilisationsbrecher unter Zivilisationsbrechern, indem beide Seiten qualitative zivilisatorische Normen brechen – vom Landes- oder EU-Recht mal ganz abgesehen…
[ZITAT] weil die Ungleichheit erstmals sichtbar wird, weil sie selbst sichtbar werden; [TATIZ]
Wenn das die Ursache ist, dann könnte man ohne Probleme zu dem Ergebnis kommen, dass es dann von vorneherein besser ist, diese Ungleichheit nicht sichtbar zu machen.
Das würde sich aber ganz massiv mit liberaler Einwanderungspolitik beissen.
Du sagst es: “Das würde sich aber ganz massiv mit liberaler Einwanderungspolitik beissen.”
Weil die nämlich in der Theorie so viel besser aussieht als in der Praxis…
Bin begeistert, dass Statler in letzter Zeit oefter mal auf Situationen hinweist, die sowohl von den Mainstream-Medien, als auch von Blogs, eher wenig thematisiert werden. Weiterer Kommentar zu der Story eruebrigt sich dann ja wohl.
Ist jedoch interessant mal auf die Tatsache hinzuweisen, dass die EU von den USA in Sachen Immigrationsmanagement noch einiges lernen koennen. Wie schon so haufig in der amerikanischen Geschichte sind im Moment die zweiten Generationen vieler Einwanderergruppen auf dem Wege, zu den wohlhabensten Schichten des Landes vorzudringen. Koreaner, aber auch, von vielen unterschaetzt, viele Perser und Armenier, sowie weiterhin juedische Einwanderer aus Osteuropa oder Israel gehoren dazu. Das Vermitteln von Idealen als Basis der Gesellschaftordnung ansatt Gefasel von Blut und Boden bestimmen hier in den USA das Bild. Der American Dream ist immer noch am Leben, was allerdings in Europa nicht wirklich wahrgenommen wird.
Was nicht heissen soll, dass die amerikanische Methode in allen Teilen der Gesellschaft einwandfrei funktioniert. Probleme gibt es jedoch eher mit einigen Bevoelkerungsgruppen ohne Migrationshintergrund, diese sind jedoch spezifisch US-historisch bedingt. Ein Problem scheint durch die wunderbare Welt des amerikanischen Rechtssystems jedoch auf dem besten Wege, geloest zu werden. Ich komme eben gerade aus einem Reservat zurueck, dass noch vor 20 Jahren zu den aermsten Stellen des ganzen Landes gehoerte. Dort steht jetzt ein Mega-Casino, mit angeschlossenen Mega-Hotel, und von den Stammesmitgliedern, unter denen der Gewinn nach alter Regel gleichmaessig verteilt wird, muss keiner mehr auch nur einen Finger ruehren. Das andere Problem koennte demnaechst einen ganz starken Anschub auf dem Wege zur Loesung bekommen. Ich sage nur, wie ich hier schon vor Monaten verkuendet habe:
OBAMA 08!!!
Macht Hoffnung! Muss ja nicht gleich ein Mega-Casino mit Mega-Hotel für rumänische Sinti und Roma an Neapels Peripherie sein – aber warum eigentlich nicht? Mit Berlusconi & Cosa Nostra als Sponsoren ;-) ?
Nein, im Ernst: ich glaube, wir brauchen noch Zeit und vor allem Ideen. Die USA sind uns um Meilen voraus, wir fangen erst an und müssen da durch. Aber wir könnten es gleich zivilisierter anpacken und den Weg über Ghettos vermeiden. Wär’ das nicht schön, so als alternativer “European Dream”…?
Und was ist mit den Hispanics?
“Der American Dream ist immer noch am Leben, was allerdings in Europa nicht wirklich wahrgenommen wird.”
Klingt original amerikanisch positiv, aber wie passen die Nachrichten von der mexikanischen Grenze ins Bild?
> OBAMA 08!!!
Ich sach nur: Carter 77 !!!
So ganz allein sind die Italiener anscheinend nicht:
http://www.n-tv.de/Gewaltwelle_in_Suedafrika_Hetzjagd_geht_weiter/190520084314/966294.html
In Suedafrika spielt sich aehnliches ab.
Tja, knappe Ressourcen. Da fallen einem Mad Max und ähnliche Endzeitvisionen ein. Vielleicht leben auf der Erde inzwischen wirklich einfach zu viele Menschen?
Danke für den ergänzenden Hinweis, der mir jetzt eine Vorlage liefert, mich nochmal aufzuregen – wenn sich sonst keiner aufregt.
Fremdenfeindlichkeit, Ausländerhass – Begriffe, die unsereins “befremden”, wenn wir sie aus Afrika kommen hören, mich jedenfalls. Wo sie dort doch alle beisammen und unter sich sind, die uns hier nach Meinung etlicher Zeitgenossen “überfremden” – was wir ihnen gern auch gelegentlich “heimzahlen”…
Komische Sache, erst mal. Stellt gewissermassen unser Denken auf den Kopf: sind doch schliesslich alles Schwarze… und doch sich “fremd”?
Dann stossen wir (nach ntv) auf die selbe Motivlage, gegen die wir sie irgendwie für immun gehalten haben: “Sie werfen ihnen vor, Südafrikanern die Arbeitsplätze wegzunehmen und für die hohe Verbrechensrate in dem Land verantwortlich zu sein.” Na sowas.
Und wir stellen – jenseits von Afrika – wieder fest: “Alles eine Sosse” (wie ein Kommentator oben anmerkte) in der Neid und Missgunst schwimmen wie bei uns. Und während wir sie ideologisch etikettieren, werden sie dort ausgelebt als das, was sie sind: Ängste, Ur-Ängste, Existenz-Ängste. Es ist zum Verzweifeln.
Was meinen Statler&Waldorf mit “Zivilisationsbruch”: Die primitiven Nomadencamps innerhalb innerhalb von Urbanität oder das Vorgehen gegen diese? Oder beides?
Italien hat wohl größere Probleme mit Einwanderung als derzeit noch Deutschland, liegt näher an Afrika, und das Meer verbindet eher, als dass es trennt.
Einwanderer nehmen zwar nicht die Arbeitsplätze weg, wie die NPD meint, drücken aber die Löhne (nach unten), was systematisch verschwiegen wird, aber sich im Ökonomie-Lehrbuch leicht nachlesen lässt.
(Männliche) Einwanderer, die keinen Platz im Arbeitsmarkt finden, sind selbstverständlich anfällig für Kriminalität. Hat nichts mit Aberglaube zu tun, das anzunehmen.
Ich möchte die feinen Herren Statler&Waldorf sehen, wenn sie im Restaurant von bettelnden Rumänen behelligt würden, laut einem älteren Beitrag in diesem Blog stoßen sie sich ja schon an Kleinkindern.
“Einwanderer nehmen zwar nicht die Arbeitsplätze weg, wie die NPD meint, drücken aber die Löhne (nach unten), was systematisch verschwiegen wird, aber sich im Ökonomie-Lehrbuch leicht nachlesen lässt.”
Achso, es sind die Einwanderer, die die Löhne drücken. Drum kommen die.
Und in soziologischen Büchern über Stadtplanung und Städtebau steht was von “Urbanität” vs. “primitive Nomadencamps”?
Oder benutzen Sie noch eine Neufert-Bauentwurfslehre aus den fünziger, sechziger Jahren mit dem Kapitel “Lagerbau”?