Der Abbau von Vorurteilen
Hayek was a surprise, in several ways. He’s nowhere near as extreme as his ideological descendants. He admits that there are a few rare economic circumstances in which market forces cannot deliver the optimum result, and that when these occur, the state may legitimately intervene. He recognizes such a thing as the social interest and will even endorse some limited redistributionalism—he goes so far as to suggest that the state ensure a minimum standard of living, an idea that surely embarrasses the good folks at Cato. Politically, Hayek is not the cynic I had braced for. Plainly, transparently—and in stark contrast to many modern conservative intellectuals—he is a man concerned with human freedom. One of the unexpected things in Road is that he writes with passion against class privilege.
Cato wird eher wissen wie Hayek zu verstehen ist … Das zu bekämpfende Hauptprivileg ist das Privileg des Staates … Das muß zuerst weg … Hayek zu lesen und damit Staatstätigkeit zu begründen ts ts ts … Hayek wäre heutzutage viel radikaler … Gegen alle Sozialdemokraten ob in CDU ob in SPD ob in FDP ob in GRÜN … Es ist zynisch, wenn man den munter wuchernden Staat als Problem klein macht während uns zugleich fünfzig Prozent aller Einkommen vom Staat geraubt werden … Linke können Hayek nicht verstehen … Statler kommt vom rechten Weg ab …
Welch bezaubernder Stil, Herr Pfarrer.
ich wusste gar nicht, dass Hayek von den Konservativen in den USA so vereinnahmt wird. …das mutet schon ein wenig seltsam an, wenn man bedenkt, dass er bei uns als Vorzeige-Liberaler gilt(!)
… was heisst “vereinnahmt”? Ronald Reagan und (in GB) die Konservative Margaret Thatcher haben versucht, Hayeks Ideen umzusetzen. Nicht ganz ohne historischen Erfolg - die zu Sozialdemokraten mutierten Konservativen des 21.Jahrhunderts könnten sich eine Scheibe davon abschneiden (und auch all die libertären Maulhelden, die bisher nichts besseres zustande gebracht haben, als radikalen Liberalismus marginal zu halten - aber das nur am Rande).
Wo die Vereinnahmung liegt, zeigt schon, dass der Autor im Link die doktrinäre Marxistin Rosa Luxemburg als “more libertarian” charakterisiert. Ridiculous. Eben die zitierten “nontotalitarian models of social democracy” hat Hayek als Wegmarken auf der Road to Serfdom analysiert.
Schön wenn Linke Hayek lesen (und die Berührungspunkte z.B. zu Gramscis politischer Theorie der kulturellen Hegemonie sind ja wirklich erstaunlich). Aber selbstverständlich war Hayeks Programm trotzalledem eine klare Kampfansage: den Sozialisten in allen Parteien gewidmet.
@Liberale Eskapaden
Zitat: “Hayek wäre heutzutage viel radikaler”
solche Behauptungen finde ich immer lustig. :-)
…einfach toten Leuten die eigene Meinung in den Mund legen. …kann ja niemand mehr überprüfen, was sie heute sagen würden, und wehren können sie sich auch nicht.
@jo@chim
ich glaube, ich habe mich durch die Sprache des Artikels verwirren lassen… darin wird ja hauptsächlich nur von Rechten/Konservativen geredet… und die genannten Politiker ordne ich auch rechts ein. …aber zum Beispiel das mehrmals genannte Cato Institute scheint ja gar kein konservativer Think Tank zu sein sondern eher ein liberaler. (ich hab mich gerade mal ein bisschen dazu informiert, ich kannte das vorher nicht…)
Das Cato Institute - Motto: Individual Liberty, Free Markets and Peace - ist auch kein konservativer, sondern ein libertärer Think Tank. Es wurde 1977 u.a. von Murray Rothbard mitgegründet und steht zwar der GOP nahe, hat aber z.B. im Gegensatz zum republikanischen Mainstream das Engagement der USA im Irak abgelehnt und tritt gegen den Patriot Act und andere Bürgerrechtseinschränkungen im Namen des War on Terrorism ein.
@²Linke können Hayek nicht verstehen ” —- Watt für ein blödsinniger Satz! Das hätte ja zur Voraussetzung, das Maß an Reflektion, Bildung und Empathie, das notwendig ist, um einen Philosophen lesen zu können von der eigenen ideologischen Verortung abhinge. Das hieße dann in logischer Konsequenz: Liberale können Luxemburg nicht verstehen, Konservative können Adorno nicht verstehen, Grüne können Ortega y Gasset nicht verstehen, Libertäre können Fromm nicht verstehen. Es lebe die babylonische Verwirrung und das Nicht-miteinander-reden-Können!
Ansonsten gebe ich schon zu bedenken, dass Hayek, ganz ähnlich wie Hanna Arendt, George Orwell oder die Herren Horkheimer/Adorno, extrem durch die Zeit geprägt war, in der er wirkte. Die doppelte Erfahrung von NS und Stalinismus war noch frisch, die Sozialdemokratie noch nicht weichgespült, sondern eine zumindest in der Theorie klassisch sozialistische Partei, in Deutschland forderte die CDU die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, und auch in den US und Großbritannien hatte es kriegsbedingt Strukturen gegeben, die mit dem Begriff “Kommandowirtschaft” gut beschrieben wären. Aus einer solchen Zeitperspektive “Wege in die Knechtschaft” zu sehen und seine Sorgen zu Papier zu bringen, ist etwas ganz anderes, als diese Betrachtungen auf die heutige Situation zu übertragen. Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn… Ihr seht immer und überall Sozialisten bei SPD und CDU. Ich würde hingegen vom bereits erfolgten Siegeszug des Neoliberalismus sprechen. Was sind Agenda 2010 und Hartz-Gesetze anderes als eine hayekianisch/friedmanianische Politik?
Bei einem Staatsanteil von ca. 50% von hayekianischer Politik zu reden, belegt nur die bestrittene Ausgangsthese.
Hayek widmete sein Buch nicht “den Stalinisten in allen Parteien”, sondern “den Sozialisten in allen Parteien”. Ich gehe davon aus, dass er gewusst hat, was er meint.
Er spricht auch nicht von seinen “Sorgen”, analysiert vielmehr die beiden totalitären Systeme und die sozialistischen Wurzeln des Nationalsozialismus und warnt vor der schleichenden Gefährdung der Freiheit durch staatlichen Interventionismus.
Er bezog sich allerdings, das ist richtig, auf “jenen älteren Sozialismus [..] der eine Vergesellschaftung aller Produktionsmittel und damit notwendig eine zentrale Planwirtschaft anstrebte” (aus der Vorbemerkung zur Neuauflage 1971), nicht auf die Sozialdemokratie heutiger Prägung.
Na ja, aber seit Kohl wird reprivatisiert und dereguliert. Ob VEBA-Privatisierung, Post, Telekom, Bahn, Stadtwerke, Privatfernsehen, seit 1982 wird daran gearbeitet, die Staatsquote zu senken und in Bereichen, wo es früher ausschließlich ein Staatsmonopol gab massivstens zu privatisieren. Wenn das keine hayekianische Politik gegenüber einer vorher keynesianischen ist, was sonst? Wobei ich ja sogar ideologiefrei genug wäre, es in bestimmten Situationen für sinnvoll zu halten, beides im Wechselrythmus zu betreiben, Pendelpolitik sozusagen.
Nehmen wir die Energieversorger als Beispiel für Privatisierung und schauen wir uns an, wieviel Prozent des Preises einer Kilowattstunde durch staatliche Eingriffe bestimmt werden …
Nehmen wir die Post als Beispiel für Privatisierung und schauen wir uns den Eingriff des Staates in den Wettbewerb an: der Mindestlohn als protektionistische Maßnahme zugunsten des Staatskonzerns.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist nicht privatisiert worden, sondern es wurde private Konkurrenz »zugelassen«, willst Du das rückgängig machen?;-)
Also wirklich: Wenn ich von der Zugspitze ein paar hundert Meter abtrage, wird noch lange keine Ebene daraus.
Monopole nur umzuetikettieren, ist übrigens sicher nicht hayekianisch. So lange durch Gesetze Wettbewerb verhindert wird und der Staat beteiligt bleibt, ist das alles Stückwerk.
Ob die betroffenen Betriebe in Staatshand sind oder nicht, betrifft zwar deren Kunden, aber die Umfang des Staatsanteils wird durch ganz andere Dinge bestimmt. Die Höhe der Abgaben sicher, aber - meistens unterschätzt - vor allem auch das Ausmaß an Regulierung.
Und da gilt, trotz 90.000 Bestimmungen, die hierzulande ein Unternehmer zu beachten hat: Die Zahl der Gesetze kann nur zunehmen.
Wenn dem so sein sollte, dann mit bemerkenswert geringem Erfolg…
Ich bin mit Euch ja einig darin, dass diese ganze Privatisierungs- und Deregulierungspolitik ineffizientes Stückwerk war und ist. Insofern würde ich sagen: Seit 26 Jahren findet in Deutschland eine neoliberale Wirtschaftspolitik statt, die inkonsequent und wenig erfolgreich ist. Das “sozialistisch” zu nennen ist aber Humbug. Ich befürworte weder das eine noch das Andere, sondern würde den Perspektiven “hohe Staatsquote” und “Privatisierung” die Alternative “Genossenschaftsmodell” bzw. “Mitarbeiteraktien” bei paritätischer Mitbestimmung der Belegschaften gegenüberstellen.
Ach, überhaupt: Wir alle reden nicht von Fußball. Erfrischend ;-)
@”Nehmen wir die Post als Beispiel für Privatisierung und schauen wir uns den Eingriff des Staates in den Wettbewerb an: der Mindestlohn als protektionistische Maßnahme zugunsten des Staatskonzerns.” — Die Alternative, siehe PIN AG, ist Wohngeld und ergänzende Sozialhilfe für die Nicht-Mindestlohnbezieher, d.h. der Staat subventioniert die Niedriglöhne privater Unternehmen (das ist die reale Seite neoliberal inspirierter Politik, die ein Hayek sich nicht hätte träumen lassen).
@”Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist nicht privatisiert worden, sondern es wurde private Konkurrenz »zugelassen«, willst Du das rückgängig machen?” — Ja, will ich.
@”So lange durch Gesetze Wettbewerb verhindert wird und der Staat beteiligt bleibt, ist das alles Stückwerk.” — Ich würde den Staat da ja eher als einen Wettbewerber unter anderen sehen, wenn es Dir aber darauf ankommt, dass das Wirtschaftsgeschehen durch möglichst wenig Gesetze beeinflusst wird, so weiß ich wirklich nicht, ob da Staaten mit liberalerem Wirtschaftsssystem (USA,GB) anders sind. International wird doch eher versucht, liberale Ökonomien vertraglich und gesetzlich durchzusetzen,und zwar, siehe EU, auf höchst bürokratische Weise. Der liberale Nachtwächterstaat ist ein Kind der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wer ihn zurückhaben will, sollte dann auch Raddampfer und Winkertelegrafen wiederhaben.
International wird doch eher versucht, liberale Ökonomien vertraglich und gesetzlich durchzusetzen,und zwar, siehe EU, auf höchst bürokratische Weise.
Vertraglich wäre ja vielleicht noch ok, aber das Modell EU als “liberales” zu bezeichnen, fände ich recht amüsant.
Der liberale Nachtwächterstaat ist ein Kind der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wer ihn zurückhaben will, sollte dann auch Raddampfer und Winkertelegrafen wiederhaben.
Oh, der Mantel der Geschichte, der unaufhaltsame “gesellschaftliche Fortschritt” - ein überzeugendes Argument… Natürlich ist es viel logischer und fortschrittlicher, Modelle zu vertreten, die noch nirgendwo umgesetzt wurden. Und cooler sowieso. Die Ankaps können sich meines Neids sicher sein.
Unsereiner ist viel bescheidener. Der freut sich schon, wenn sich der zusätzliche Mist in Grenzen hält. Aber leider ist es eher zu erwarten, dass aus den 90.000 Vorschriften 100.000 werden statt der 80.000, mit denen ja dann wohl der Nachtwächterstaat realisiert wäre.
@Jo@chim:
“seit 1982 wird daran gearbeitet, die Staatsquote zu senken
Wenn dem so sein sollte, dann mit bemerkenswert geringem Erfolg…” —- Ich wiederhole mich jetzt bereits mehrfach, aber ich habe ja gesagt, dass ich die Grundzüge der deutschen Wirtschafts-und Sozialpolitik seit Kohl, vor allem aber in der Ära Schröder als neoliberal inspiriert bezeichne, dabei aber höchst ineffizient und inkonsequent in der Umsetzung. Allerdings drückte ich mich falsch aus: Ich meinte keine Senkung der Staatsquote an sich, sondern eine Senkung dfer staatlichen Beteiligungen an Unternehmen. Dass von VEBA über Post und Bahn bis hin zur Diskussion um das VW-Gesetz ein allgemeiner Trend zur Privatisierung besteht, das wird im Ernst ja niemand bestreiten wollen.
Wie so oft scheint nicht sauber zwischen Privatisierung und Liberalisierung unterschieden zu werden. Der Verkauf von Tafelsilber ohne den politischen Einfluss aus der Hand geben zu wollen ist eine Privatisierung, der Erloes ist notwendig um den Sozialstaat am Leben zu halten. Eine Liberalisierung (hat es am ehesten auf dem Telefon/Mobilfunkmarkt gegeben) fuehrt zu mehr Wettbewerb, fallenden Preisen und weniger politischen Einfluss auf die Unternehmen.
In welchem Sinne verwendest Du denn das Wort ‘neoliberal’?
@rayson, dann schau Dir mal an, was die WTO macht: Ein irrsinnig bürokratisches Institutionenmonstrum, dessen alleiniger Zweck es ist, der ganzen Welt eine liberale Wirtschaftsordnung aufzuzwingen.
http://nadir.org/nadir/initiativ/agp/free/wto/kuzeb.htm
http://www.stoppgats.ch/fileadmin/unterlagen/Schulen_und_GATS_2005_D_Jenny.PDF
@”Oh, der Mantel der Geschichte, der unaufhaltsame “gesellschaftliche Fortschritt” - ein überzeugendes Argument…” —- rayson, ich habe ganz exklusiv mit Euch BLOGs, nicht mit Statler, nicht mit ein Problem. Wenn ich Eure Theorierezeption so lese, habe ich den Eindruck, dass Ihr wirklich zurück ins 19.Jahrhundert wollt, genauer: In den Vormärz, und alle Entwicklungen, die das politische Denken seither vollzogen hat ungeschehen machen. Zumindest in dem Sinn, dass Ihr sie selber ignoriert. Da ist Hayek dann schon der aktuellste Autor, der von Euch diskutiert wird, sonst nimmt man gleich Bastiat. und Oliver betreiben ja in erster Linie Institutionenkritik auf der Basis aktueller politischer Debatten, Statler steht in den wirtschaftspolitischen Diskursen, die an die Chicago-Boys anknüpfen, beides Dinge, mit denen ich etwas anfangen kann. Eure Herangehensweise mutet mir hingegen ausschließlich retroseptiv an.
@rayson, dann schau Dir mal die WTO an: Eine höchst bürokratische Institution, deren einziger Zweck es ist, der ganzen Welt eine liberale Wirtschaftsordnung aufzuzwingen.
http://www.monde-diplomatique.de/pm/2008/01/11.mondeText.artikel,a0003.idx,1
http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/global/organ/organ-120.html
http://www.stoppgats.ch/fileadmin/unterlagen/Schulen_und_GATS_2005_D_Jenny.PDF
Uuups, “retrospektiv”, und zweiter Kommentar doppelt gemoppelt, sorry!
@dagny, den Begriff neoliberal verwende ich so, wie in der entwicklungspolitischen Debatte und in der neueren Industriesoziologie üblich. Als neoliberal werden hier alle Bereiche definiert, in denen stark institutionalisierte und korporatistische, oft mit öffentlicher Kontrolle über privates Eigebtum resp. hoher Arbeitnehmermitbestimmung verbundene Strukturen, die in der keynesianischen Zeit aufgebaut wurden, auf deregulierte privatkapitalische Verhältnisse zurückgeführt werden sollen. In dem Sinne sind sowohl die Hartz-Gesetze neoliberal als auch die Privatisierung staatlicher Monopolkonzerne, aber auch eine Unternehmenspolitik, die auf Outsourcing und Abgabe von Unternehmensteilen außerhalb des Kerngeschäfts (z.B. Verkauf des Fuhrparks und Beauftragung von Speditionen, Ersatz fest angestellter Sales-Mitarbeiter durch freie Handelsvertreter). In der Geschichtsforschung ist man z.T. der Auffassung, dass die keynesianische Form des Kapitalismus seit den späten 70ern schrittweise durch den Neoliberalismus als die nächste historische Epoche abgelöst wird. Hierfür wird häufig auch der Begriff Postfordismus verwendet.
Danke fuer die Standortbestimmung. Was ist denn Industriesoziologie? Und warum soll der Vorteil der Spezialisierung und Arbeitsteilung (=outsourcing) nicht verwendet werden duerfen?
Letzlich bedeutet “stark institutionalisierte und korporatistische … Strukturen” ein Schubladendenken in Kollektiven und eine Absage an jeglichen Individualitaet.
Link für Dich: http://de.wikipedia.org/wiki/Industrie-_und_Betriebssoziologie
Ich habe nicht gesagt, ein Vorteil sollte nicht benutzt werden dürfen, sondern einen historischen Wandel in der Wirtschafts-Sozial- und Finanzpolitik sowie auch in der Unternehmensführung, eigentlich einen komplexen gesellschaftlichen Wandel insgesamt beschrieben. Ich habe nicht gesagt, dass ich stark institutionalisierte und korporatistische Strukturen besser finden würde, sondern eigentlich gar kein Werturteil abgegeben. Dass meine politischen Zielvorstellungen weder korporatistisch noch liberal, auch nicht sozialistisch im Sinne von Staatsbürokratismus sind steht auf einem anderen Blatt.
Che, in welcher Welt lebst Du? Mit welchen Mitteln willst Du Unternehmen dazu zwingen, sämtliche Hilfsprozesse von der Lohnbuchhaltung bis zur EDV selbst im eigenen Unternehmen auszuführen?
Mit welchen Mitteln willst Du die Unternehmen dazu zwingen, jeden fest anzustellen, der für sie arbeitet? Wie stark willst Du die Vertragsfreiheit einschränken? Das würde im Grunde das Aus für einen Großteil der Freiberufler bedeuten. Ohne unternehmerische Freiheit (auf beiden Seiten) gibt es keinen Wohlstand.
Man hat doch an dieser unterirdisch schlechten Gesetzgebung zum Sachverhalt der »Scheinselbständigkeit« gesehen, was bei solcher Regulierung herauskommt. Kaum eine Gesetzgebung der letzten zehn Jahre war so lächerlich. In zehntausenden Verträgen steht jetzt eine vollkommen sinnfreie Scheinselbständigkeitsklausel drin, es wurde sinnlos herumbürokratisiert und es hat am Ende überhaupt nichts geändert.
@che
Wie zwingt die WTO Staaten denn dazu, Mitglied zu werden und zu bleiben?
Und was die vermeintliche “Theoriekonzeption” angeht: Ich finde es ja witzig, von Leuten, die sich letztlich auf einen bärtigen Trierer aus dem 19. Jahrhundert berufen, der Retrospektive geziehen zu werden.
Auch wenn ich dieses woanders zu beobachtende Definieren des eigenen Standpunktes über Autoren-Namedropping nicht nachmache, erlaube ich mir trotzdem hin und wieder zu bemerken, dass Hayek viele vernünftige Dinge gedacht hat. Ich glaube auch nicht, dass Statler oder der Meinung wären, diese seien von grandiosen “Entwicklungen des politischen Denkens” (was auch immer das letztlich sein soll) mittlerweile überholt worden. Im Gegenteil, gerade bei relativ modernen Ansätzen z.B. der Ökonomie stellt man verblüfft fest, wie modern Hayeksche Konzepte heute anmuten.
Und Bastiat war nun kein Theoretiker, sondern ein genialer Publizist. Dass wir den Mann des Lesens für würdig befinden, teilen wir übrigens mit vielen anderen Liberalen, insbesondere aus dem angelsächsischen Raum. Das sagt im Grunde auch überhaupt nichts über uns aus, sondern weit mehr über die Langlebigkeit der populären Irrtümer, die Bastiat schon damals so gekonnt demontiert hat.
Die Idee der individuellen Freiheit ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, das stimmt. Stören tut mich das allerdings nicht.
Ich finde es jedenfalls sehr spannend, immer wieder neu zu entdecken, welche interessanten Einsichten wann und von wem schon einmal formuliert wurden. Gute Ideen und scharfsinnige Beobachtungen haben kein Verfallsdatum.
Ich glaube aus den Beiträgen der gestandenen Linken (Jahrgang 1965 und älter) eine Sehnsucht nach der Zeit vor der Globalisierung und dem Protektionismus früherer Jahrzehnte herauszulesen. Ich lasse mich von Che gern korrigieren, falls das nicht so sein sollte. Aber dadurch ließe sich die Kritik an der WTO erklären. Die WTO wird auf eine Rolle als »Schuldige« der Globalisierung reduziert. Da höre ich doch fast den Lafontaine heraus (sorry, Che!).
@Stefanolix “Che, in welcher Welt lebst Du? Mit welchen Mitteln willst Du Unternehmen dazu zwingen, sämtliche Hilfsprozesse von der Lohnbuchhaltung bis zur EDV selbst im eigenen Unternehmen auszuführen?” — Ich habe nicht gesagt, dass Unternehmen zu irgend etwas gezwungen werden sollen, sondern lediglich einen Prozess beschrieben, der historisch stattgefunden hat. Die alten fordistischen Industrien kannten kein Outsourcing und keine schlanke Produktion, es gab auch keine Just-in-Time-Produktion, sondern eine Fertigung für riesige Warenlager auf Vorrat und alle drei Jahre Gehaltserhöhung, alle 5 Jahre eine Kur usw. als selbstverständliche Leistungen für die gesamte Belegschaft. Die Industrien vor den späten 70ern waren einfach völlig anders organisiert, als das heute der Fall ist. Wo ich lebe? U.a. in einem im höchsten Maße deregulierten, äußerst dynamischen Unternehmen, für das ich z.B. Private Public Partnership-Projekte organisiere.
OK, Du beschreibst als wesentliches Anzeichen des Neoliberalismus, dass sich die Industrie seit der »fordistischen Zeit« weiterentwickelt hat. Gleichzeitig ist in Deinen Kreisen der Neoliberalismus etwas abgrundtief Böses. Ich kann aber an der Entwicklung, die Du beschreibst, nichts Böses erkennen und ich verstehe nicht, wieso man »dagegen« sein muss.
Die Technik ermöglicht erst seit relativ kurzer Zeit eine weltweite Vernetzung von Unternehmen bzw. Unternehmensstandorten. Seitdem wurden unter anderem das Auslagern von Hilfsprozessen und die »just-in-time«-Produktion möglich (die man inzwischen schon wieder weiterentwickelt hat). Dadurch entstanden neue Unternehmen mit neuartigen Kerngeschäftsprozessen. Warum sollte das Alte bestehenbleiben?
Die Gehaltserhöhungen gibt es heute noch. Die Kur ist seltener notwendig, weil die Arbeitsbedingungen wesentlich verbessert wurden. Und Kuren sind ja trotzdem nicht abgeschafft. Die Mitarbeiter sind heute im Schnitt jedenfalls gesünder als vor 40 Jahren oder zur Zeit von Henry Ford.
Wer sagt eigentlich, dass in meinen Augen der Neoliberalismus etwas abgrundtief Böses ist? Ich halte ihn in weiten Teilen für falsch, ich würde sagen, dass bestimmte Teile neoliberaler Wirtschaftsweise, z.B. in Afrika, ganz direkt für Massentode verantwortlich sind, dies beinhaltet aber nicht aber ein “Böse finden” der gesamten Entwicklung. Abgesehen davon hat auch die alte, fordistische Wirtschaftsweise ihre Leichenberge produziert (Stellvertreterkriege, Putschregime, Arbeitsbedingungen in Bergwerken und Plantagen der “Dritten” Welt, postkolonial-halbfeudale Strukturen).
@”Dadurch entstanden neue Unternehmen mit neuartigen Kerngeschäftsprozessen. Warum sollte das Alte bestehenbleiben?” —- Es gibt keinen Grund, warum es bestehenbleiben sollte. Meine Wahrnehmung beinhaltet ja nicht die Position des Anklägers, sondern eher die des Chronisten. Allerdings würde ich schon sagen, dass das alles auch Auswirkungen hat, die mich mehr als bedenklich stimmen. Die heutige weltweit vernetzte Ökonomie mit ihren Just-In-Time-Lieferungen bedingt eben auch eine gewaltige Zunahme an Schadstoffemissionen und Verkehrstoten (Mindestens einmal am Tag ist bei mir in der Gegend die Autobahn mal wieder 2-3 Stunden dicht, weil irgend ein polnischer, lettischer oder ukrainischer LKW einen Unfall mit Totalsperrung produziert hat). Die erzwungene Öffnung afrikanischer Märkte für EU-Lebensmittel (die ganz unliberal subventioniert werden) stürzt ganze afrikanische Bevölkerungen in Hunger und Verzweiflung. Jedes Jahr sterben an den Außengrenzen der EU mehr Flüchtlinge bei dem Versuch, in die EU hineinzukommen, als in der ganzen DDR-Zeit starben, um hinauszukommen. Man kann natürlich auch sagen, jede Epoche hat ihre Menschenopfer, früher brachte man sie den Göttern dar, heute sterben sie aufgrund des Verpachtens von Fischereirechten oder der Marktdurchdringung von EU-Agrarprodukten. Der Wohlstand, den wir in der EU genießen können, produziert anderswo Leichenberge. Die Welt ist halt ein Schlachthaus. Das kann man auch ganz ohne moralisierende Anklage konstatieren, es war auch in den letzten Jahrtausenden nie groß anders.
@ “Die Gehaltserhöhungen gibt es heute noch. Die Kur ist seltener notwendig, weil die Arbeitsbedingungen wesentlich verbessert wurden.” — In der Industrie gilt das, in den vielen deregulierten Arbeitsverhältnissen in Einzelhandel und z.B. ITK-Branche und Medien nicht. Was ich da kenne, ist, dass man als Außertariflicher sein Leben lang zum Anfangsgehalt beschäftigt wird und Überstunden gar nicht erfasst werden. Und das sind jedenfalls Arbeitsbedingungen, die in den 1970ern undenkbar gewesen wären.
@rayson “Ich finde es ja witzig, von Leuten, die sich letztlich auf einen bärtigen Trierer aus dem 19. Jahrhundert berufen, der Retrospektive geziehen zu werden.” — Ich finde es ja äußerst billig, eine nachweislich falsche Behauptung untergeschoben zu bekommen. AutorInnen, auf die ich mich beziehe, sind Detlef Hartmann, Karl-Heinz Roth, Susanne Heim, Robert Kurz, Gadi Algazi, Rosanna Rossandas, Nicos Poulantzas, Arundhati Roy, Eleuterio Fernandez Huidobro, Ignacio Ramonet, Judith Butler, Jaqueline Kasun, Pierre Bourdieu oder Jean Baudrillard, für mich wichtige Zeitschriften sind Materialien für einen Neuen Antiimperialismus, Wildcat, Blätter des IFZ3W, Prokla, Ästhetik&Kommunikation oder Historische Anthropologie. Wann hast Du auf meinem Blog zuletzt ein Marx-Zitat gelesen?
@”Entwicklungen des politischen Denkens” —- Es geht nicht darum, ob jemand überholt ist, sondern darum, dass man anfang des 21. Jahrhunderts nicht über politische Philosophie diskutieren kann, ohne deren aktuellen Stand zu reflektieren. Die Kritische Theorie, den Kritischen Rationalismus, den Positivismusstreit, den Existentialismus und die Debatte zwischen Liberalen und Kommunitaristen, also die Debatte um Rawls Theorie der Gerechtigkeit muss man einfach kennen, um heute über politische Theorie/Philosophie debattieren zu können, da hilft es nicht, Hayek so zu lesen, wie er in den 40ern/50ern schrieb. Max würde ich auch nur durch die historisch-kritische Brille lesen. Alles Andere ist wie Fundamentalisten, die Bibel oder Koran wörtlich nehmen.
@Che
Die Kritische Theorie, den Kritischen Rationalismus, den Positivismusstreit, den Existentialismus und die Debatte zwischen Liberalen und Kommunitaristen, also die Debatte um Rawls Theorie der Gerechtigkeit muss man einfach kennen, um heute über politische Theorie/Philosophie debattieren zu können, da hilft es nicht, Hayek so zu lesen, wie er in den 40ern/50ern schrieb.
Abgesehen davon, dass Hayek bis in die 80er Jahre schrieb und dass deine Fundamentalismus-Unterstellung eine ziemlich platte und haltlose ist, halte ich den Rest deiner Aussage für seltsam. Wer will denn “über” politische Theorie/Philosophie in dem akademischen Sinn “debattieren”, dass man die verschiedenen Theorien und ihre Vertreter auflistet und beurteilt? Das mag in Seminaren ja eine angemessene Methode sein, aber du wirst mir schon zugestehen müssen, dass ich mich im Streit der Ideen positiv auf jene beziehe, in deren Gedanken und Vorstellungen ich mich ansatzweise wiederfinden kann, und nicht auf andere.
Und da erwarte ich dann schon noch, dass eine Gegenposition auch formuliert werden kann und nicht nach formalen Kriterien wie dem Datum von Veröffentlichungen abgeleitet wird.
@”Ich glaube aus den Beiträgen der gestandenen Linken (Jahrgang 1965 und älter) eine Sehnsucht nach der Zeit vor der Globalisierung und dem Protektionismus früherer Jahrzehnte herauszulesen.” —-Eine Zeit vor der Globalisierung? Die Globalisierung war schon in vollem Gange, als Urgk und Bragh feststellten, dass auch außerhalb des Neandertals Leute leben ;-)
Nee, ernsthaft: Es gibt eine ganze Reihe Linke, die sich nach der alten BRD (und zwar der vor Kohl) zurücksehen, obwohl das eine zeit war, in der man als radikaler Linker verhältnismäßig schnell mit Knast und sicher mit Berufsverbot zu rechnen hatte. Aber ob sich eine derartige Nostalgie generalisieren lässt weiß ich nicht. Ich sehne mich ja eher nach einer Zeit, die noch gar nicht gekommen ist :-)