40% der Arbeitnehmer in 400 Euro Mini-Jobs!

18.06.2008 12:17 - Notizen aus dem U-Boot by jo@chim

Richtig. Erschreckend oder? Aber so viele sind es laut der SOEP-Studie tatsächlich.

Die Antwort auf Frage Nr. 8 im Quiz “Arbeit und Einkommen” auf statista.org, dem neuen Statistik-Portal von SPON (Assoziationswolke: Working Poor, Neoliberalismus, Hungerlöhne, Managergehälter, schlimm, schlimm, immer schlimmer… ).

Einen Link tiefer dann eine aufschlussreiche Ergänzung zur statistischen Aussage: sie bezieht sich lediglich auf Erwerbstätige mit weniger als 30 Stunden Wochenarbeitszeit - insgesamt etwa 21% der Arbeitnehmer. Jede Verkaufsaushilfe mit 10 Wochenstunden und der Rentner, der bei uns die Papierkörbe aus den Büros einsammelt inbegriffen. Korrekte Folgerung aus der Statistik wäre also gewesen: 8,4% der Erwerbstätigen arbeiten in sogenannten Mini-Jobs.

Hätte der Quiz-Autor nur den Beitrag Lügen mit Statistiken auf dem selben Portal gelesen (oder vielleicht hat er ja eben dies getan…)

By the way: ein Agitprop-Dauerbrenner aus dieser Kategorie ist auch der alljährliche “Armutsbericht”, dessen Grundtenor wie jedes Jahr lautet “die Armut steigt!!!” (Assoziationswolke: hohlwangige Käthe-Kollwitz-Kinder, bärtige Arbeiterführer, Mindestlohn, Vermögenssteuer… ).

Gemeint ist jedoch nicht wirkliche Armut, sondern die sogenannte “relative Armut”, mithin jeder, der weniger als 60% des mittleren Einkommens verdient. Dargestellt wird also der Abstand zwischen hohen und niedrigen Einkommen, der in der Tat in den letzten Jahren geringfügig gewachsen ist*.

Dies allerdings vor allem, weil das wachsende Bruttosozialprodukt nicht “unten” ankommt. Die Wahrheit ist: die Steuererhöhungen der grossen sozialdemokratischen Koalition haben vor allem Geringverdiener - die einen höheren Teil ihres Einkommens für die Lebenshaltung ausgeben (müssen) - getroffen und beim Mittelstand zu Stagnation geführt.

Erschreckend, oder?

(*Eine etwas differenziertere Auswertung zum Thema auf tagesschau.de)

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65 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

FG, 18.06.2008 12:43

Dieses “Statistik-Portal” wird bei der derzeit erkennbaren Konzeption lediglich als Munitionslager für Personen (Politiker, Journalisten, Blogger, …) dienen, die Zahlen benutzen wie Betrunkene eine Straßenlaterne. Zum Halt und nicht zur Erleuchtung. Ein unmögliches Sammelsurium.
Mitlerweile stehen die Fachserien der statistikämter auf Europa-, Bundes- und Länderebene fast durchgängig kostenlos zur Verfügung. Die sind zwar nicht so hübsch bunt aufgemotzt und die Erschließung nimmt Zeit in anspruch, aber man kann zu fast allen Fragen weitgehend fundierte Daten finden.

Zu Deinem letzten Absatz: Zum einen stammen die Daten des Armutsberichts aus 2005, können also mit der Umsatzsteuererhöhung nichts zu tun haben, zum anderen sind die Gütergruppen, die überwiegend von Geringevrdienern konsumiert werden mit dem verminderten steuersatz belegt und waren somit von der steuererhöhung nicht betroffen. Über die Verteilungswirkungen der Erhöhung wage ich keine einfache Aussage, weil das doch eher komplex ist.

(Vielleicht hat ja jemand irgendwelche Infos über Studien zum thema?)

 
che2001, 18.06.2008 12:43

Interessant wäre mal ein Reichtumsbericht. Ob unsere Gesellschaft auf dem Weg zu mehr sozialer Ungleichhheit ist, wäre dann indizierbar, wenn nicht nur die Kaufkraft der Geringverdiener nachlässt, sondern der Reichtum der im engeren Sinne Reichen ansteigt.

BtW. seit Platzen der New-Economy-Blase ist allerdings die Zahl der Dienstporschefahrer fast gegen Null gesunken. Wenn das nicht mal ein erschreckendes Beispiel für grassierende Verarmung ist…

FG, 18.06.2008 12:48

Haben wir schon. Der Bericht heißt ja vollständig “Armuts- und Reichtumsbericht”.

 
jo@chim, 18.06.2008 14:30

Interessant wäre mal ein Reichtumsbericht.

Warum? Um etwas Umverteilungs(Politiker) fördernden Neid zu wecken?

 
Sky, 18.06.2008 17:27

“BtW. seit Platzen der New-Economy-Blase ist allerdings die Zahl der Dienstporschefahrer fast gegen Null gesunken.”

LOL, mir fallen da auf die Schnelle zwei Deutsche ein.
Aber - nimms mir bitte nicht übel - wieder mal ein Beitrag Deinerseits, der nur Linke interessieren dürfte.
Und zum Buzzword New Economy fällt mir auch nur Web 2.0 ein, LOL.
Ohren steif halten!

che2001, 19.06.2008 09:11

… und was heißt hier Buzzword. Ich habe mal zu den Tonträgern des Hypes gehört, und unser Motto lautete: “Found a Company, bring it up, sell it and run away!”. So wirtschaftsfern, wie man mich aufgrund meiner Gesinnung halten mag bin ich nun nicht.

Michael Kastner, 19.06.2008 10:26

Die falschen Anreize, die durch billiges Geld geschaffen werden, können jeden treffen.

Sog. get-rich-quick-schemes sind ein typisches Beispiel für monetär induzierte Booms.

> So wirtschaftsfern, wie man mich aufgrund meiner
> Gesinnung halten mag bin ich nun nicht.

Doch, genau dieses Verhalten ist ziemlich wirtschaftsfern. Es zeigt, daß Du genauso auf Anreize reagierst wie jeder andere.

Jemand, der etwas von wirtschaftlichen Zusammenhängen versteht, springt nicht auf breite wirtschaftliche Booms auf.

Hit and run ist eine Glücksspielermentalität. Mit Kapitalismus, also dem Aufbau eines Kapitalstocks, hat das nichts zu tun.

Du bist nicht der einzige Linke, der sich auf die Boom-Nummer eingelassen hat. Ich hoffe mal, Du hast nicht allzuviel Geld verloren.

Ich kenne einige Linke, die gemeint habe, jetzt auch auf den Zug mit dem schnellen Geld aufspringen zu müssen und die auch glaubten, das wäre die Gelegenheit, das _System_ mit den eigenen Mitteln zu schlagen.

Unternehmer bzw. Kapitalist zu sein, ist aber etwas ganz anderes. Es bedeutet, das anzubieten, was die Nachfrage tatsächlich möchte und nicht das anzubieten, was gerade mal aufgrund einer Geldlaune der Zentralbank am Markt angeboten wird.

Fast jeder hat zu dot-com-Zeiten plötzlich mit irgendwelchen pseudowirtschaftlichen Phrasen um sich geworfen.

Plötzlich hat fast jeder “Deals” gemacht - mit wenigen Ausnahmen! Wirtschaftsnah, so wie Du das nennst, war das nicht.

Es war nur ein Aufspringen auf einen Boom, der dann ziemlich schnell auch wieder geplatzt ist.

Wirtschaftsnah wäre gewesen, sich zu überlegen, was man macht, wenn der Boom vorbei ist.

che2001, 19.06.2008 10:57

So richtig diese Überlegungen im Grundsatz sind, meine Rolle war noch einmal eine Andere. @”Jemand, der etwas von wirtschaftlichen Zusammenhängen versteht, springt nicht auf breite wirtschaftliche Booms auf.

Hit and run ist eine Glücksspielermentalität. Mit Kapitalismus, also dem Aufbau eines Kapitalstocks, hat das nichts zu tun.

Du bist nicht der einzige Linke, der sich auf die Boom-Nummer eingelassen hat. Ich hoffe mal, Du hast nicht allzuviel Geld verloren.” — Ich war schlicht ein angestellter PR-Mensch eines geldverbrennenden Unternehmens, der auf den Job angewiesen war. Später habe ich auf dotcomtod bzw. boocompany jahrelang die Fehler dieses Zockertums - “wirtschaften” würde ich es nicht nennen - beißend gegeißelt und einige betrügerische Machenschaften mitaufgedeckt. Aktive Reue, sozusagen ;-)

 
 
Lina, 19.06.2008 10:50

Wie kam’s? Wie findet so ein Runaway ins konträr gegenüber liegende Lager? Was ist da passiert? Muss ja direkt von weltbewegender Bedeutung gewesen sein. Cuba besucht ;-)?

(Sorry, wenn ich so indiskret frage! Unter uns: bin möglicherweise auch dem Trip, lege dabei aber interessante Zwischenstopps ein…)

che2001, 19.06.2008 12:53

Ich bin eigentlich autonomes Urgestein und war ansonsten mit 4
auf meiner ersten Demo (Vietnam). In der New Economy landete ich, weil man ja irgendwie sein Geld verdienen muss und zu diesem Zeitpunkt die einzige Alternative Sozialhilfe geheißen hätte. Und so fragwürdig das Konzept der
Firma war, die Leute waren rein mitmenschlich sehr in Ordnung - auch später
niemals wieder ein so gutes Betriebsklima erlebt. Ansonsten habe ich beruflich schon alles Mögliche gemacht, vom Referenten einer NGO über den Enthüllungsjournalisten bis zum Werbetexter.

Lina, 19.06.2008 18:13

@ che08

“…niemals wieder ein so gutes Betriebsklima erlebt.”

Das gibt zu Denken ;-)!

che2001, 19.06.2008 19:13

Das war auch ne heiße Mischung: Leute im Kapuzenshirt mit Outdoorhose und Dr. Martens neben Versaceträgern, ein Chef, der zur Mitarbeitermotivation mal den Ferrari verlieh, Sprüche wie: “Software an den Bundesgrenzschutz zu verkaufen ist für die Gegenseite, das sollten wir bleiben lassen” und ein CEO, der bei eingetretener Insolvenz die einkommensschwächsten Mitarbeiter drei Monate lang aus seiner Privatschatulle bezahlt. Er war auch Jahre nach dem Ende der Firma noch mit Rat und Tat für seine Mitarbeiter da. Ich pflege nach einem knappen Jahrzehnt immer noch Kontakt zu den alten Kollegen. Und ansonsten war die New Economy genauso sehr eine in sich abgeschlossene Subkultur wie die linksradikale Szene, nur mit gänzlich anderen Inhalten.

Lina, 19.06.2008 20:10

Tja, so wie die als “unsinkbar” bezeichnete “Titanic” untergehen musste, so platzen auch Blasen, die sich “New Economy” nennen; man hätte vielleicht doch bei der guten alten Ökonomie bleiben sollen…

Um dieses bunte Subkultur-Bläschen, von dem Du da sprichst, ist es aber direkt schade - auch insofern, als Gleichschaltung bei Dresscode und Image seither wieder schwer im Kommen sind ;-).

che2001, 19.06.2008 22:09

Ja, leider. IN der Agentur- und IT-Branche sind allerdings immer noch Reminiszenzen an die gewissen Freiheiten der New Economy erhalten.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
Lemmy Caution, 18.06.2008 13:27

[quote]
BtW. seit Platzen der New-Economy-Blase ist allerdings die Zahl der Dienstporschefahrer fast gegen Null gesunken. Wenn das nicht mal ein erschreckendes Beispiel für grassierende Verarmung ist…
[/quote]
Zumindest 3 gibt es noch. Die Versicherung in dem Gebäude meines Arbeitgebers hat 1 roten, 1 gelben und 1 schwarzen.
Als alte Sozialneider hat das unsere Geschäftsführung das natürlich direkt beim Hausmeister angezeigt, als die die Teile immer in einer Art weichen Parkverbot auf dem Gehsteig vor der Treppe abgestellt haben.
Es ist allerdings so, dass in praktisch allen Regionen dieses Planeten die Gini-Koeffizienten eher Steigen als Sinken.

jo@chim, 18.06.2008 14:31

[quote]

Lemmy, versuchs mal mit “blockquote” in HTML-Tags, dann klappts auch mit dem Zitieren :-)

marc, 18.06.2008 15:20

apropos, gibt es irgendwo eine Übersicht, welche Tags man in eurem Blog benutzen kann?

jo@chim, 18.06.2008 15:32

Du kannst Standard-HTML-Tags benutzen (a href,em,strong, blockquote, etc.). Eine Übersicht gibts bisher nicht - ich habe das aber für meinen Ideenspeicher registriert. Danke.

 
 
 
dagny, 18.06.2008 16:15

Interessant waere doch mal, den Gini-Koeffizienten mit der Staatsquote zu vergleichen?

Auch sagt der Gini-Koeffizient NICHTS ueber die absolute Armut aus, sondern nur uber den Unterschied zwischen oben und unten. Steigt der Wohlstand unten um das doppelte, der oben um das vierfache, erhoeht sich die ‘Ungleichheit’ obwohl es allen besser geht.

 
 
Sky, 18.06.2008 14:08

> Gemeint ist jedoch nicht wirkliche Armut, sondern die sogenannte “relative Armut”, mithin jeder, der weniger als 60% des mittleren Einkommens verdient.

Waren das nicht früher mal weniger als 60%?
Aber auch egal, es ist schon erschreckend, wenn die Sozen immer wieder über nichtvorhandene Armut fabulieren.

Da ist das Interesse erkennbar, die Armut zu pflegen und zu erhalten, die Steuerbelastungen (Mineralöl- u.a.) und die Kosten für Energie und Mobilität werden sehr hoch gehalten, so bleibt die Unzufriedenheit und das Wählerpotential.

“Relative Armut” ist übrigens ein anderes Wort für Neid.

Holger, 18.06.2008 19:20

60 Prozent des Medians des Nettoäquivalenzeinkommens definieren meist die “Armutsgefährdung”. Die richtige Armut fängt erst bei 50 Prozent an. Eine verbindliche Definition gibt es aber nicht, das kann sich jeder nach gusto selbst basteln.

Sky, 18.06.2008 20:52

Vor allem ist das Wort “Armut” falsch gewählt und eine Beleidigung für wirklich Arme in anderen Ländern.
Wie joatchim schon richtig angedeutet hat, geht es bei “rel. Armut” um den Erhalt des soz. Objekts, das für Neiddebatten und Wählerbindung geeignet ist.
Eine unschöne Sache, ich werde aber nicht so arm sein diese Sache weiter zu kommentieren. Bin reich an Freunden und muss jetzt weg, cheers!

 
 
flawed, 20.06.2008 12:37

Lügen mit Statistik auch beim Antibürokratieteam:

Die relative Armutsdefinition bezieht sich nicht auf das mittlere (Nettoäquivalenz-)Einkommen, sondern auf dessen Median.

Rayson, 20.06.2008 12:45

Und das Gegenteil steht nochmal wo?

flawed, 20.06.2008 13:03

Im Artikel von

“Gemeint ist jedoch nicht wirkliche Armut, sondern die sogenannte “relative Armut”, mithin jeder, der weniger als 60% des mittleren Einkommens verdient.”

googlehupf, 20.06.2008 14:07

Ich würde mal behaupten, dass das Wort “mittleres” sich auch durchaus auf den Median beziehen kann. Steht ja nichts von “arithmetisch mittleres” da.

flawed, 20.06.2008 14:25

Ich bin dagegen der Ansicht, dass das Wort “mittleres” sich immer auf den (arithmetischen) Mittelwert bezieht, wenn nichts anderes da steht.

Im Wort “Mittelwert” steckt “mittel” drin, im Wort “Median” nicht.

Zumindest, wenn man anderen Leuten Lügen mit Statistiken unterstellt, sollte man sich nicht damit herausreden wollen, mit “mittleres Einkommen” sei ein Median gemeint.

Sky, 20.06.2008 14:36

Richtig, der Median ist nicht das arithmetische Mittel. Hab ich aber auch nicht gewusst, dass die “Armuts”-Definition mit dem Median arbeitet, danke für den Hinweis.

Hab noch mal kurz die geläufigen “Armuts”-Definitionen gescannt, die Wikipedia ist da auch recht lustig mit Formulierungen bzgl. der Metaphorik und mit den Anführungszeichen. Bemerkenswert auch die EU-Definition mit “arm<60% Medianeinkommen”.

Der eigentliche Skandal (statt der joatchimschen Mangelleistung) aber natürlich, dass es keine Armut im Sinne des Wortes gibt in D, sondern nur Sozen, die das behaupten. Die Armutsdefinition und -diskussion in reichen Ländern wie D beleidigt die wirklich Armen in anderen Ländern.

 
Rayson, 21.06.2008 15:20

Ich muss mich nicht “herausreden”, denn ich habe es nicht geschrieben. Dennoch kann man das Median-Einkommen als “mittleres Einkommen” bezeichnen und tut es übrigens auch weitgehend so in allen Presse-Mitteilungen zu solchen Armuts- und Reichtumsstatistiken.

 
 
 
 
 
 
 
Ben Czerny, 18.06.2008 17:46

Das Neidargument mal wieder.
Ein polemischer Reflex.

Kommt davon, wenn man als Liberaler seinen Rawls nicht gelesen hat..

Das ist doch unter eurem Niveau!

jo@chim, 18.06.2008 17:51

Aha. Und was sagt dann der Rawls zur Notwendigkeit von Reichtumsberichten? Erklär ihn mir mal.

Rayson, 21.06.2008 15:21

Ich wüsste auch nicht, warum durch Rawls-Lektüre der Neid von der Welt verschwunden sein sollte.

Es gibt doch zig Untersuchungen darüber, dass viele Menschen sich wohler fühlen, wenn ihr Nachbar nicht besser dasteht als sie selbst es tun.

Ben Czerny, 21.06.2008 23:15

Rawls zeigt halt, dass man bei Verteilungsfragen ohne Neidkeule auskommen kann.

“Ich wüsste auch nicht, warum durch Rawls-Lektüre der Neid von der Welt verschwunden sein sollte.”

Das hab’ ich nicht behauptet. Wie kommst du denn darauf?

Rayson, 22.06.2008 00:04

Rawls zeigt halt, dass man bei Verteilungsfragen ohne Neidkeule auskommen kann.

“Neidkeule”? Na ja. Für den Neider ist es natürlich praktisch, wenn es scheinbar eine philosophische Begründung für seinen Affekt gibt, aber das allein verleiht dem keine höheren Weihen. Bei den meisten Freunden der gepflegten Umverteilung lassen die begründenden Aussagen allerdings nicht auf gründliche Rawls-Lektüre schließen.

Das hab’ ich nicht behauptet. Wie kommst du denn darauf?

Ich habe nicht behauptet, dass du es behauptet hast. Ich würde nur gerne darauf hingewiesen haben, dass Neid ein reales Phänomen ist.

Ben Czerny, 22.06.2008 00:21

Der Knackpunkt ist - und das ist nun wirklich eine “Glaubensfrage”- dass die Wahl eines politischen und ökonomischen Systems bereits als grundlegende, erste Umverteilung angesehen werden kann. Oder zumindest als Verteilung irgend einer Art. So gesehen ist “Umverteilung” nicht unbedingt “Umverteilung” im herkömmlichen Sinne, sondern vielleicht vielmehr eine Art Kompensation.

Ich sehe eine gewisse Beteiligung aller am “Kuchen” schon als Legitimität stiftend an. Warum sollten freie Individuen sonst auf ihr “Recht auf alles” verzichten und das Gewaltmonopol an den Staat übertragen?

Rawls’ Argumentation mit “Schleier des NIchtwissens” und Urzustand ist zu stark, um einfach übergangen zu werden.

Lina, 22.06.2008 11:02

“Ich sehe eine gewisse Beteiligung aller am ‘Kuchen’ schon als Legitimität stiftend an. Warum sollten freie Individuen sonst auf ihr “Recht auf alles” verzichten und das Gewaltmonopol an den Staat übertragen?”

Ja, warum dann? - Nehme ich den Kuchen als Weltkugel, dann fängt es doch schon damit an, dass ich mich (etwa beim Gang durch den Villenvorort ;-) fragen muss, wie es sein kann, wie es kommt und ob es Recht ist, dass einer ein Stück unvermehrbaren (ihm aber Mehrwert schaffenden) Grund (der Erde) besitzt und ein Anderer nicht. Wobei am Anfang nur die (unschuldige) Überlegung steht, aus der (schuldhaft?) Neid erwachsen kann.

Neid und Neidkeule. Man wird ihnen so oder so, mit oder ohne Rawls, immer begegnen, wo relative Ungleichheit ist. Mit Neid betrachtet wird sie zu Unrecht, ohne ihn zur unbefriedigendenTatsache; aus ihr kommt der legitime Wunsch nach Umverteilung - IMHO.

(Ich glaube nicht, dass es (politisch) liberal sein kann, gleichgültig über den Unruhe stiftenden Charakter diese Tatsache hinwegzusehen zu wollen.)

 
Rayson, 23.06.2008 20:33

Ich weiß nicht… Ich finde es nicht besonders “stark”, zur einen Fiktion eine zweite dazuzugesellen. There are no such things as social contracts, original positions or veils of ignorance.

Nichtsdestotrotz ist die Beschäftigung mit Rawls intellektuell lohnend.

 
 
 
 
 
 
 
Ben Czerny, 18.06.2008 18:48

“Und was sagt dann der Rawls zur Notwendigkeit von Reichtumsberichten?”

Nichts. Ich bezog mich auf den Beitrag von Sky, der meinem vorausging.

Wieso Bürger nicht über die Einkommensverteilung in Form anonymisierter Statistik informiert sein dürfen, verstehe ich nicht.

Sky, 18.06.2008 20:54

@Ben:
“Wieso Bürger nicht über die Einkommensverteilung in Form anonymisierter Statistik informiert sein dürfen, verstehe ich nicht.”

Besser wäre dennoch - wie bei den Managergehältern bspw. - wenn die Informationen auf das einzelne Individuum heruntergebrochen werde würde. Sonst müssten die Neiddebatten zu abstrakt gehalten werden. Die Bezüge der Kunstschaffenden und Entertainer gehen mir auch ganz massiv auf den Sack.

Ben Czerny, 20.06.2008 15:01

Da komme ich nicht ganz mit. Kannst du das nochmal anders formulieren? Bin mir nicht sicher, wie du das meinst.

 
 
 
che2001, 19.06.2008 08:19

@sky: “Aber - nimms mir bitte nicht übel - wieder mal ein Beitrag Deinerseits, der nur Linke interessieren dürfte.” — Das heißt also, alle New-Economy-Konjunkturritter, die früher mal Dienstporsche fuhren und das heute nicht mehr können stehen politisch links?

*staun*

Sky, 20.06.2008 14:17

Ich hab nur geschreiben, dass ich zwei Porschefahrer kennen, die im Webgeschäft sind. Das Platzen der “Blase” hat wohl eher die substanzloseren Unternehmen erwischt - wir erinnern uns, von 1995-2000 sprangen da etliche junge Leute rum mit dicker Fresse und mässiger Kompetenz und fast ohne Geschäftsmodell.

Merkwürdig, dass Du einerseits webkompetent kommunizierst und mit Deiner Linksausrichtung doch sehr peinlich und rückständig bist.
Moderner linker Stammtisch halt, aber nicht ohne Talent.
Vielleicht ist es noch nicht zu spät mal langsam vernünftige Meinungen zu entwickeln?

Ben Czerny, 20.06.2008 15:08

Es macht sich natürlich immer gut, in einer Diskussion altväterlich die eigene Position als die einzig reflektierte, objektive und progressive darzustellen. ;)

Che passt also nicht in dein Weltbild. Hoffentlich ändert er sich schnell, damit bei dir wieder alles zusammenpasst. ;)

Sky, 20.06.2008 15:12

Schon der Name irritiert, “Pinochet(yyyy)” wäre mir auch nicht willkommen.

Ben Czerny, 20.06.2008 15:20

Pinochet - “Links”?

Wenigstens sind deine Beiträge überraschend und unterhaltsam.

Sky, 20.06.2008 15:25

Che vs. Pinochet, beides Mördernamen, oder?
Auf Unterhaltsamkeit lege ich in der Tat einen gewissen Wert, da ja bekanntlich schon alles geschrieben worden ist (aber nicht von allen) ist es wichtig markant und unterhaltsam zu kommunizieren; gerade zu Zeiten des Internets.