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Bush-Bashing als Droge

01.07.2008 13:26 - Notizen aus dem U-Boot by jo@chim

Das Klischee vom dummen, fanatischen Bush ist den Deutschen lieb und teuer geworden, weil es ex negativo eine trügerische Identität stiftete. Jeder mittelmäßige Kabarettist kann sich johlenden Beifalls sicher sein, wenn er darüber eine Zote reißt, und fühlt sich für einen Moment als Teil der weit überlegenen Kultur eines durch und durch aufgeklärten „alten Europas“. Vergessen sind dann für den Augenblick der Pisa-Schock, der Zustand der eigenen Eliten und die mangelnde Fähigkeit großer Teile der deutschen Gesellschaft, Zwänge und Chancen der Globalisierung zu begreifen.

Das Bush-Bashing wirkte wie eine Droge, die es erleichterte, sich in eigenem Realitätsverlust und Provinzialismus einzurichten. Mit dem neuen US-Präsidenten, wer es auch sein mag, werden es die Deutschen damit so leicht nicht haben. Sie werden ihr liebstes Feindbild deshalb noch arg vermissen.

Schönes Zitat* aus einem lesenswerten Text von Richard Herzinger in der WELT: Mit Bush verlieren die Deutschen ihr Feindbild. In der Tat, das wird bestimmt spannend mitanzusehen, wenn linke und liberale Obama-Cheergirls ab November sukzessive bemerken werden, dass Barack “auch bloss ein Ami” ist :-)

(*erst jetzt entdeckt via the story so far…, dem immer wieder interessanten Reisetagebuch eines Bambergers in Vietnam)

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120 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Christian Hoffmann, 01.07.2008 14:26

Die Deutschen waren ja nicht immer so Amerika-kritisch wie heute - da hat sich Bush Jr. schon einiges zuzuschreiben. Noch unter JFK gab es regelrechte Liebestaumel. Obama findet also viele Optionen bzgl. der deutschen Zu- und Abneigung vor. Bisher sieht es eher nach ersterem aus.

Frank Martin, 01.07.2008 14:56

Noch ulkiger als die Vorstellung, “die Deutschen” seien Amerika-kritisch, ist die Idee, die US-Regierung sei Amerika.

Weder das eine, noch das andere trifft zu. Auch Obama wird nicht Amerika werden, sondern nur ein neuerlicher Blender in viel zu kurzen Hosen.

 
jo@chim, 01.07.2008 15:17

Die Deutschen waren ja nicht immer so Amerika-kritisch wie heute

Es geht in dem Beitrag nicht um Kritik an den USA oder ihrer Administration, Christian, sondern um das Feindbild USA. Und dass das nicht schon lange (sehr lange) eine Grundkonstante doitschen Be- und Empfindens ist, würde ich zu bezweifeln wagen: wenn die Berliner Kennedy zujubelten, war dies angesichts des antifaschistischen Schutzwalls in Sichtweite nicht verwunderlich. In der bayrischen Provinz sah es dann aber schon völlig anders aus. In meiner Jugend in den 70ern war z.B. noch jede zweite Diskothek “off limits” (das heisst Amerikaner wurden dort nicht eingelassen ). Und in der DDR war die Kontinuität deutscher Feindschaft gegen den “amerikanischen Traum”, der immer auch ein Postulat individueller Freiheit vs. Recht, Ordnung und Klassenstrukturen garantierender Obrigkeiten darstellte, sowieso ungebrochen.
Richtig ist, dass die westdeutschen Eliten und Mainstream-Medien sich lange nicht getraut haben, mit den dumpfen Ressentiments vieler Deutscher gegen “die Besatzer” und “die Wallstreet” Politik zu machen. Nicht zu vergessen die vielgescholtene Springer-Presse, die sich grosse Verdienste um die Popularisierung eines transatlantischen Bündnisses der rechtsstaatlichen Demokratien erworben hat. Offenes “Ami-Bashing” blieb Rechts- und Linksextremen vorbehalten.
Das änderte sich erst mit der Friedensbewegung, die Antiamerikanismus wieder salonfähig machte. Der traurige Höhepunkt war dann die Instrumentalisierung dieser nationalpazifistischen und amerikafeindlichen Stimmungen in Schröders 2002er Wahlkampf.

Frank Martin, 01.07.2008 15:37

“Richtig ist, dass die westdeutschen Eliten und Mainstream-Medien sich lange nicht getraut haben, mit den dumpfen Ressentiments vieler Deutscher gegen “die Besatzer” und “die Wallstreet” Politik zu machen.”
Selbstverständlich nicht, das haben ‘Neues Deutschland’ und ‘Aktuelle Kamera’ hinsichtlich der “Freunde” auch nicht getan. Deren Ansehen bei der DDR-Bevölkerung war ja unbeschreiblich hoch.

Wo gibt es das schon, dass eine fremde Armee über Jahrzehnte hinweg im Gebiet eines einst besiegten “staates” stationiert ist und zugleich behauptet wird, die so installierte und beschützte neue politische Klasse vertrete “das Volk”?

Wer ein fremdes Gebiet militärisch besetzt hält, ist ein Besatzer, der offenbar den Menschen, deren Gebiet er besetzt, nicht traut. Wer zudem Geldpolitik betreibt, kann nicht auf das Vertrauen derer rechnen, die er zwingt, sein Papiergeld zu verwenden.

Boche, 01.07.2008 15:48

Na, da stinkt einem aber gewaltig, dass das Volk sich dann doch immer wieder für die importierte Demokratie entschieden hat.
Alle umerzogen, gehirngewaschen, gelle?

Frank Martin, 01.07.2008 15:56

Wann und wo hat “das Volk” sich für Demokratie entschieden?
Wie macht “es” das?

Boche, 01.07.2008 16:14

Ich gebe mal ein paar Tipps: Wahlen. Wahlbeteiligung. Wahlergebnisse.

Frank Martin, 01.07.2008 16:23

Könntest Du Deine Tipps vielleicht auch mit Deiner Behauptung, “das Volk” habe sich für Demokratie entschieden, in Zusammenhang bringen?

Boche, 01.07.2008 16:55

Gern kann ich den Zusammenhang herstellen.
Ich machs mal mit einem Vergleich:
Zu DDR-Zeiten mussten Wahlbeteiligungen zum Teil heftigst gefälscht werden. Die Wahl war teilweise informelle Pflicht.
Bist du der Meinung, die Zahlen zu Wahlbeteiligungen in Deutschland sind grundsätzlich gefälscht?
Falls nein: Warum beteiligen sich die Bürger doch recht aktiv an einem System, das deiner Meinung nach nicht viel mehr als fremdherrschaftlich aufgezwungen ist?
Warum wählen sie nicht einmal aus Protest massenhaft die braune “Alternative”, die ihnen in etwa das erzählt, was du hier vertrittst? Sollten sie hinsichtlich der Akzeptanz des Systems (zu dem sich übrigens die Ostdeutschen 1990 fast schon gewaltsam Zutritt verschafft haben, freiwillig will mir scheinen) vielleicht doch mehrheitlich anderer Meinung als du sein?

Frank Martin, 01.07.2008 17:09

Du schreibst zwar einiges, wie aber die Beteiligung von Personen an einer Wahl als Zustimmung “des Volkes” zum dieser Wahl zugrundegelegten Verfahren gewertet werden kann, bleibt im Dunklen. Schließlich bewirkt eine Nichtteilnahme von Personen an der Wahl nicht, dass das Wahlergebnis im Sinne der Demokraten ungültig wird. Weder die Teilnahme einer Person an der Wahl, noch ihre Nichtteilnahme haben irgendeinen Einfluss auf die Anwendung demokratischer Prinzipien bei der Wahl.

Nun wirst Du womöglich anführen, die Mehrheit der Personen habe gewählt. Nur ist das Mehrheitsargument bereits ein demokratisches, mit dem man eben nicht eine Entscheidung “des Volkes” begründen kann, ohne einem Zirkelschluss zu erliegen.

Vertreter brauner Parteien mögen zuweilen lichte Momente haben, sie sind jedoch hinsichtlich ihrer Programmatik nicht weniger sozialdemokratisch, als andere Parteien auch. Wer würde wohl die Traufe wählen, wenn er im Regen steht?

Zuguterletzt will auch ich bekennen, dass ich 1989/90 anders gehandelt und gedacht habe, als heute. Hierin aber eine lebenslange Unterwerfung unter demokratische Prinzipien zu entdecken, bedarf jedoch eines gehörigen Überschusses an Phantasie.

Boche, 01.07.2008 17:22

Wir müssen unsere Diskussion nicht unnötig durch sophistische Sprachspielereien verkomplizieren. Der Feierabend naht und die Dr.House-Fernseh-Couch will präpariert werden. Deshalb in aller Kürze:

Ersetze “das Volk” meinetwegen mit “die Mehrheit der Bürger”.
Und meinetwegen erkläre den Gedanken, eine Mehrheitsentscheidung als irgendwie bedeutungsvoll anzuerkennen, zum gedanklichen Zirkelschluss.

Sei es so. Dann erkläre ich den Begriff “das Volk” außerhalb meiner Begrifflichkeit eben als nicht-existent.
Und harre eben deines gelegentlichen Existenzbeweises

Frank Martin, 01.07.2008 17:31

Damit ist also Deine Behauptung , “das Volk” habe sich immer wieder für Demokratie entschieden, gegenstandslos.

Die “Mehrheit der Bürger” kann keine verantwortlichen Entscheidungen für jene treffen, die nicht zu dieser Mehrheit gehören.

Und noch immer bleibst Du Die Erklärung schuldig, wie eine Beteiligung an einem unausweichlich wirkmächtigen Wahlverfahren als Zustimmung zu dem verfahren gedeutet werden kann.

DDH, 01.07.2008 17:49

Genausogut könnte man jemanden verschleppen, auf ein Schlachtfeld schaffen, ihm eine Lanze in die Hand drücken und beim Anrücken des feindlichen Heeres den Notwehr-induzierten Gebrauch der Lanze durch den Verschleppten als konkludente Einwilligung in die Kriegshandlungen interpretieren. Demokratie setzt Perversion im Denken voraus!

Boche, 01.07.2008 18:09

Ach, DDH…
Man kann sich leicht in selbstgebastelte schlechte Vergleiche verrennen. Mit oder ohne Lanze gerät man dann in Not.

 
multi_io, 02.07.2008 01:03

Wahlteilnahme = Notwehr. Damit gewinnt DDH mal wieder den ersten Preis für den beklopptesten Vergleich des Monats. Gratuliere!

 
 
Rayson, 01.07.2008 17:55

Wenn es ein überzeugendes anderes Konzept gäbe, haben wir es wohl einer weltumspannenden Verschwörung zu verdanken, dass die Menschen nicht ebenso danach gieren, es umzusetzen, wie sie vergleichbar ihre Sehnsucht nach demokratischer Teilhabe in ihren Abstimmungen mit den Füßen oder auch durch ihr Eintreten gegen widrigste Umstände im eigenen Land immer wieder unter Beweis stellen.

jo@chim, 01.07.2008 18:12

Naja Rayson, ich weiss nicht, ob das unbedingt die Sehnsucht nach demokratischer Teilhabe ist, die die Menschen umtreibt. Wohl eher der Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben und Chancen für sich und ihre Kinder. Und das gewährleisten ganz offensichtlich am ehesten demokratisch und rechtsstaatlich verfasste Marktwirtschaften. Trotzalledem und alledem. So rum wird ein Schuh draus :-)

 
DDH, 01.07.2008 18:12

@Rayson: Zwei Gefängsniszellen: Zelle A: Wassersuppe mit Brot dreimal am Tag, Stockhieb einmal pro Woche.

Zelle B: Stockhieb dreimal am Tag, Brotkante aller zwei Tage.

Würdest Du als Insasse von Zelle B nicht auch alles daran setzen, bei Dir die Regeln von Zelle A einführen zu dürfen?

Aber die Menschen können sich eben nicht vorstellen, daß ein Leben außerhalb der Gefängnismauern - ohne den nötigen “Schutz” (sic!) möglich wäre!!!

 
Rayson, 01.07.2008 18:45

@joachim

Wollen wir uns nicht mit der Frage aufhalten, ob die Menschen das Mittel anstreben oder den Zweck. Wichtig ist allein, dass sie die Verbindung von beidem erkennen.

 
Rayson, 01.07.2008 18:46

@DDH

Wie gesagt - das überzeugende andere Konzept, das dem Leben in Saus und Braus entspräche, wird also anscheinend den Menschen von finsteren Mächten vorenthalten.

 
 
Boche, 01.07.2008 18:00

Gegenstandslos ist meine Behauptung nur, wenn man Mehrheitsentscheidungen nicht als notwendiges Übel zu akzeptieren bereit ist.

Die “Mehrheit der Bürger” kann keine verantwortlichen Entscheidungen für jene treffen, die nicht zu dieser Mehrheit gehören.

Sagt wer? Du?
Kannst du das belegen?

Und noch immer bleibst Du Die Erklärung schuldig, wie eine Beteiligung an einem unausweichlich wirkmächtigen Wahlverfahren als Zustimmung zu dem verfahren gedeutet werden kann.

Mitgegangen, mitgefangen. Könnte man flapsig antworten. Wenn meine bisherigen Ausdrucksweisen nicht zur Verdeutlichung beitragen konnten - vielleicht verstehst du es so?

DDH, 01.07.2008 20:13

@Boche: Gegenstandslos ist Dein pro-demokratisches Bekenntnis-Gesülze schon deswegen, weil Du alle Kriege bejahst, die demokratische Mehrheiten diesseits wie jenseits des Atlantiks ABLEHNEN!!!

 
Rayson, 01.07.2008 20:37

Hm, DDH - vielleicht erklärt sich deine Aversion ja ein wenig aus einem Missverständnis: In einer Demokratie darf man die eigene Meinung nämlich auch dann behalten, wenn die Mehrheit eine andere hat.

 
Frank Martin, 02.07.2008 07:36

Warum sollte irgendein Übel irgendeine Not wenden? Mehrheitsentscheidungen sind mir Rille.

Keine Mehrheit hat je Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen übernommen. Oder kennst Du ein Gegenbeispiel?

Deine Logik ist wirklich abenteuerlich.
Die Demokraten fangen eben gerade nicht nur die zur Wahl Mitgegangenen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
DDH, 01.07.2008 16:35

Nicht einmal in Amerika hat sich “das Volk” je für “Demokratie” entschieden, das zu behaupten, ist pure Ideologie (vergleichbar dem dümmlichen Gerede vom “Arbeiter- und Bauernstaat”, das Du ja auch noch im Ohr haben dürftest)! Nicht einmal die Gründerväter der Vereinigten Staaten waren Demokraten, und Gottseidank waren sie es nicht!

“Das Volk” hat sich, wenn es etwas zu entscheiden hatte, sowohl bei Jefferson in Amerika als auch auf dem Rütli in der Schweiz in Wirklichkeit für “Sezessionismus” entschieden. Bloß führt allgemeine Begriffskonfusion dazu, daß die Ereignisse nachsorgend in Demokratie-Mythen umgelogen werden.

Boche, 01.07.2008 17:01

Es gibt auch eine Entscheidung durch Mittun.

Merkwürdigerweise brauchen Demokratien keine Mauern und nach innen gerichtete Gewehre. Warum bloß?

DDH, 01.07.2008 17:28

Keine Mauern? Keine nach innen gerichteten Gewehre? Bist Du sicher?

Mauern gegen ausländische Waren errichten EU- genauso wie US-Faschos! Abwehr gegen Zuwanderung verschärfen sowohl US- als auch EU-Faschos! Und die nach innen gerichteten Gewehre? Nun ja, abwarten. Nach innen richtet sich schon immer mehr die Militanz auch und gerade des demokratischen Staates. Mit “patriot acts” und “Otto-Katalogen” fing es scheinbar ganz harmlos an. Und der Faschismus-Pegel steigt und steigt…

jo@chim, 01.07.2008 17:46

Ach Dominik, Du benutzt den Begriff “Fascho” in etwa in der selben Frequenz wie mein 5-jähriger Sohn derzeit das Wort “Pimmelscheisse” - und mit dem selben analytischen Gehalt.

Dass der Weltuntergang äh Faschismus ganz nah sei, davon hat schon der KBW in den 70ern gepredigt… und die Linksterroristen haben aus der Faschisierungsthese die Legitimation ihrer bewaffneten Aktionen gegen “das Schweinesystem” hergeleitet.

Mir kommt bei derlei Gewäsch immer die Grütze hoch, egal ob das von irgendwelchen “Antifas” kommt, von Dir oder ob Schüsslbrenner sich in der ef daran abarbeitet zu belegen, dass die Sozen die eigentlichen Faschisten gewesen seien: da drin steckt IMHO immer eine grosse Portion ungewollte (oder manchmal auch gewollte) Verharmlosung der Shoah drin.

DDH, 01.07.2008 17:55

Mit anderen Worten: Wo keine Shoah, da auch kein Faschismus??? DAS ist Verharmlosung, mein Lieber! Und ein Blanco-Scheck für alle Politkriminellen der Gegenwart und Zukunft!

P.S.: Erzieh mal besser Deinen Sohn, anstatt hier den mittig-bourgeoisen Oberlehrer raushängen zu lassen! Ich hatte mit 5 Jahren ein anderes Vokabular!

 
Sky, 02.07.2008 10:53

> Ach Dominik, Du benutzt den Begriff “Fascho” in etwa in der selben Frequenz wie mein 5-jähriger Sohn derzeit das Wort “Pimmelscheisse” - und mit dem selben analytischen Gehalt.

LOL, wo hat der Kleine denn dieses Wort gelernt? Stark auch die Pointe mit dem “analytischen” Gehalt, bravo!

 
 
Boche, 01.07.2008 17:49

Begriffliche Faschismus-Inflation ermüdet mich. Und dann wird noch nicht einmal das Argument des nach innen gerichteten Einmauerns widerlegt…

Entschuldige also bitte, dass ich mich absentiere.

DDH, 01.07.2008 17:58

Bevor Du absentierst: das nach innen gerichtete Einmauern geht langsam vonstatten. Siehe Amsterdamer Vertrag! Siehe Ansätze einer neuen “Reichsfluchtsteuer”, siehe politisch gewollte Verteuerung von Flugreisen durch die EU! Je mehr der Integrationsprozeß fortschreitet, desto schwieriger wird nicht nur das Reinkommen sondern auch das Rauskommen gemacht werden! Wart’s halt ab!

Denjenigen, der 1934 vorausgesagt hätte, wohin die Scheiße 1944 geführt haben würde, hätte man auch für verrückt erklärt.

Boche, 01.07.2008 18:29

Denjenigen, der 1934 vorausgesagt hätte, wohin die Scheiße 1944 geführt haben würde, hätte man auch für verrückt erklärt.

Das heißt aber nicht, dass manche Voraussagen im Jahr 1934 auch falsch gewesen sein mögen.

DDH, 01.07.2008 19:05

“Falsch” im Sinne von “untertrieben”, ja! Diese Sorge quält mich in der Tat! Aber weißt Du, wer historisch immer recht behält: Kassandra!

 
 
Sky, 01.07.2008 18:40

“Denjenigen, der 1934 vorausgesagt hätte, wohin die Scheiße 1944 geführt haben würde, hätte man auch für verrückt erklärt.”

Das stimmt so nicht, die “Scheisse” war absehbar.

DDH, 01.07.2008 19:06

Absehbar? Für die wenigsten! Lies die Berichte hellsichtiger Zeitgenossen, die an ihrer Umgebung verzweifelt sind mit ihrer “Nichts wird so heiß gegessen…”blabla eiapopeia-Haltung!

Sky, 03.07.2008 09:01

Hab mit einigen Leuten geredet, die dabei waren, die meisten haben Adolf (und gerade auch die Visagen in seiner Umgebung) von Anfang an als Verbrecher eingestuft. Die sofort nach der “Machtergreifung” einsetzende Hatz auf die Juden war dann einigen der letzte Hinweis, viele Christen haben sich auch gefürchtet als nächstes dranzukommen. Die Judenvernichtung war übrigens zumindest im Osten Deutschlands ein offenes Geheimnis. Auch dass es Krieg gibt wollen einige vorhergesehen haben. Kein Wunder eigentlich, oder?

Die Auswahl derjenigen, die sich erklärt haben, ist natürlich nicht repräsentativ. :)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
Schmock, 01.07.2008 17:50

“Wer ein fremdes Gebiet militärisch besetzt hält, ist ein Besatzer, der offenbar den Menschen, deren Gebiet er besetzt, nicht traut.”
Kurz nach dem zweiten Weltkrieg gab es doch ganz gute Gründe den Deutschen nicht zu trauen und heutzutage sind die Nachbarn immer trarig wenn die USA wieder mal Soldaten aus Deutschland abziehen.

 
 
Christian Hoffmann, 01.07.2008 21:18

Nun, in der öffentlichen Wahrnehmung vermischen sich m.E. Kritik an der US-Regierung mit Kritik an “den” USA. Die Regierung ist nunmal leider aus ausländischer Sicht das Gesicht des Landes. Eine Identifikation kann den (v.a. wenig bereisten) ausländischen Beobachtern also nur bedingt vorgeworfen werden.
Ich kann letztlich die Verbreitung des von dir beschriebenen Antiamerikanismus nicht beurteilen - m.W. hat die (undifferenzierte) Amerika-Kritik unter “W” deutlich zugenommen. Ich bin daher schon der Ansicht, dass das US-Image unter einem populären Präsidenten Obama auch entsprechend wieder gewinnen kann.

 
 
 
F.Alfonzo, 01.07.2008 15:01

Hmm, kann sich noch jemand erinnern, wie es zu Amtszeiten Clintons war? Clinton war ja auch nicht gerade das _ideale_ Feindbild… ich würde Vermuten, dass sich der Fokus des Hasses von Politikern hin zu Konzernen verschieben wird.

Übrigens, herzinger hat es angesprochen: “Mit dem neuen US-Präsidenten, wer es auch sein mag…”
…nicht nur ein Präsident Obama wird es den Bashern schwer machen.

 
Lina, 01.07.2008 15:29

Kann Herzinger nicht folgen. “Realitätsverlust und Provinzialismus”? Nein, nicht gegeben, würde ich sagen, und vor allem: sie machen noch keine Feindbilder.

Die Deutschen wollen entschieden keinen Krieg mehr und auch nicht mehr - sorry! - mit Rosinenbombern aus dem Dreck gezogen werden und dafür dankbar und willfährig sein müssen. Mit dem (ich betone:) IMHO angezettelten Irak-Krieg hat Bush es ihnen gründlich verdorben, wobei sie bedauerlicherweise nicht zwischen Amerika und seiner Aministration unterscheiden. Wenn also von Amerikanismus oder Antiamerikanismus die Rede ist, ist immer der Protagonist gemeint, der eine Idee (und ihre praktische Durchführung) verkörpert; deshalb trifft es gerade Bush so hart. Aber dass sie ihn als “Feindbild” vermissen würden? Das ist Polemik, und ihr glaube ich nicht.

Was Obama betrifft, so verkörpert er (für mich) zunächst nur eine diffuse Abkehr von dem, was Bush veranlasst hat. An ihm lässt sich nichts aufhängen. Und weil Clinton angesprochen wurde: eine Lewinsky-Affäre verzeihen die “realitätsfernen Provinzler” viel leichter als einen Krieg; das haben sie doch inzwischen gelernt ;-)..

Boche, 01.07.2008 15:33

Die Deutschen wollen keinen Krieg mehr?

Das scheint aber ein Phänomen, das doch vorrangig amerikanische Kriege betrifft. Russlands wirklich schmutziger Krieg in Tschetschenien oder der auch nicht unblutige Krieg der NATO gegen Serbien bringt und brachte nicht diesen Grad an Pazifismus hervor.

Das lässt sich mit Pazifismus allein nicht erklären.

DDH, 01.07.2008 16:25

Was die Sache noch komplizierter macht ist, daß der “warfare state” genauso wie der “welfare state” ein Import “Made in Germany” ist. Und Bush ist genauso wie übrigens FDR ein legitimer Erbe des deutschen Faschismus. Die deutsche Friedensbewegung mit ihrer traditionellen Moskau-Hörigkeit war/ist aber ebenfalls ein legitimer Erbe deutschen Faschismus. Der Punkt mit der selektiven Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit geht tatsächlich an Boche.

Die verbrecherischen Kriege Washingtons (nicht Amerikas! Wir sollten uns da vom “Rad Geek” Charles Johnson inspirieren lassen, der eine Analogie Rom-Washington D.C. erkennt und folgerichtig Las Vegas für vom Washingtoner Reich widerrechtlich besetztes Gebiet erklärt) diesen den deutschen Dummbeuteln als gefundenes Fressen. So kann man an Amerika in einem Abwasch alles bashen, was man EIGENTLICH haßt (und zwar mehr haßt als den Krieg, den der Teutone im tiefsten Innern seines Herzens eigentlich liebt; was die “Westler” auch noch erschüttert feststellen werden, wenn sie die Büchse der Pandora endlich aufgekriegt haben): relativ mehr Markt und wirtschaftliche Freiheit, mehr Individualismus, mehr Nonzentralismus und Gemeindeautonomie und weniger STAAT und gouvernementale Omnipräsenz als in allen kontinentaleuropäischen Ländern. Wobei es paradoxerweise Bush mit seinem Kriegskeynesianismus ist, der hier rasant aufholt und den warfare-statism auf europäisches Niveau hebt. Eigentlich müßten die verrückten Teutonen ihn lieben!

Im Grunde sind geschürte antiamerikanische Ressentiments in Kontinentaleuropa und abfällige Bemerkungen in Amerika über “Alteuropa” nichts weiter als ein globales Schaulaufen, wer der Menschheit den schöneren Faschismus überstülpen kann: Washington D.C. mit seinem Kriegstreiber- oder Brüssel mit seinem Autarkie- und Sozial-Faschismus. Am Ende gewinnt den Contest der Islamo-Faschismus, weil er keine so große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit überwinden muß. Der verspricht ja erst garnicht, im Namen der Freiheit zu zwingen, verheddert sich somit nicht in ideologische Widersprüche, wie die westliche Konkurrenz.

DDH, 01.07.2008 16:28

Korrektur:

“und den warfare-statism auf europäisches Niveau hebt” muß heißen “durch den zunehmenden warfare-statism den Etatismus-Pegel auf europäisches Niveau hebt”.

 
Christian S., 01.07.2008 17:11

Wir sollten uns da vom “Rad Geek” Charles Johnson inspirieren lassen, der eine Analogie Rom-Washington D.C. erkennt und folgerichtig Las Vegas für vom Washingtoner Reich widerrechtlich besetztes Gebiet erklärt

Vielleicht sollte das mal jemand den Menschen in Las Vegas sagen? Die wissen das wohl gar nicht!

 
 
Lina, 01.07.2008 16:54

Das lässt sich mit Pazifismus allein nicht erklären.

Wenn Du das unbedingt Pazifismus nennen willst, was die Deutschen zu Kriegsgegnern macht, dann nicht.

Ich würde aber sagen, deren entschiedene Abwehr besteht aus Erfahrungswerten und bis heute wach gehaltener Erinnerung an den Umfang ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit; zuzügl. echter oder verordneter Schuldgefühle!

(Übrigens ist jeder Krieg schmutzig.)

Boche, 01.07.2008 17:06

Auf meinen Hinweis, dass die Kriegsgegnerschaft nicht generell sondern offenbar vorrangig auf Kriege eines bestimmten Landes gerichtet ist, gehst du nicht ein?

Ironischerweise sprechen auch die Erfahrungswerte eigentlich nicht gegen Kriege generell. Denn erst ein Krieg hat die Deutschen schließlich befreit (vom DIktator und von der eigenen verblendeten Gefolgschaft).

(Übrigens ist jeder Krieg schmutzig.)

Sehe ich nicht so. Jeder Krieg ist furchtbar. Schmutzig wird er, wenn er Zivilisten gezielt angreift.

Lina, 01.07.2008 18:45

Auf meinen Hinweis, dass die Kriegsgegnerschaft nicht generell sondern offenbar vorrangig auf Kriege eines bestimmten Landes gerichtet ist, gehst du nicht ein?

Deshalb nicht, weil mir das Offenbare nicht offenbar genug erschien. Betrachte ich aber die Dimension des amerikanischen Irak-Krieges will ich gern Vorrangigkeit nachschieben, wenn Dir daran liegt.

Mit der Ambivalenz in der Bewertung von Kriegen hast Du Recht, leider; nur anfreunden will ich mich doch nicht mit ihnen.

Jeder Krieg ist furchtbar. Schmutzig wird er, wenn er Zivilisten gezielt angreift.

Sehe ich anders, seit im sog. “War against Terrorism” Kollateralschäden ungeahnten Ausmasses in Kauf genommen werden. Aber bitte.

P.S.: Ist die Couch schon präpariert? Frieden ist eine feine Sache, n’est pas? Fällt nur Dr.House ein, aber das Dach über Dir nicht zusammen ;-). Halleluja.

Boche, 02.07.2008 09:49

Sehe ich anders, seit im sog. “War against Terrorism” Kollateralschäden ungeahnten Ausmasses in Kauf genommen werden.

Wir wollen uns doch nicht über die genauen Unterschiede zwischen “furchtbar” und “schmutzig” streiten, liebe Lina.

Ist die Couch schon präpariert? Frieden ist eine feine Sache, n’est pas? Fällt nur Dr.House ein, aber das Dach über Dir nicht zusammen

Das ist nicht genug zu würdigen, da hast du Recht.

Lina, 02.07.2008 10:27

Wir wollen uns doch nicht über die genauen Unterschiede zwischen “furchtbar” und “schmutzig” streiten

Nein, das nicht, aber Du warst es doch, lieber Boche, der die Unterscheidung zu treffen beliebte - n’est ce pas? (Um zugleich mein lückenhaftes Fanzösisch korrigiert zu haben ;-).

Boche, 02.07.2008 10:49

Richtig, ich habe versucht, die Unterscheidung in unser Gespräch einzuführen. Was ich inzwischen bedaure, weil es wenig fruchtbar erscheint.

Lina, 02.07.2008 12:34

Ja, es erscheint in der Tat “wenig fruchtbar”. Bei der Bewertung von Kriegen verhält es sich IMHO wie mit der Liberalität: entweder man ist liberal oder man ist es nicht - entweder man lehnt Kriege ab oder nicht. Dazu muss man noch nicht einmal erklärter “Pazifist” sein - Mensch allein genügt schon. Und dass sie auf der ganzen Welt hundertfach Realität sind, ändert daran rein gar nichts.

So ist es auch “wenig fruchtbar”, darüber verhandeln zu wollen, welches Adjektiv sich eignet oder nicht, oder wie sich ein Nutzen zum Schaden verhält. Für mich zählt hier nur der als Zivilist zu Unrecht (”furchtbar” oder “schmutzig”) Geschädigte.

 
 
 
 
 
 
 
 
DDH, 01.07.2008 16:30

Hat nicht Mr. Clinton auf dem Höhepunkt der Lewinsky-Affäre zur Ablenkung auch mal Bagdad bombardiert???

 
dagny, 01.07.2008 16:41

Bischen Oel ins Feuer, gefaellig?

Zuerst sind es die Atomraketen der Amerikaner, welche die Russen von Westdeutschland fernhielten und zum Dank dafuer verweigern die Deutschen einen Beitrag im Kampf gegen den Terror?

Wo bleibt denn die unbedingte Buendnistreue, aehh, uneingeschraenkte Solidaritaet, die Kanzler Schroeder nach dem 11.September im Bundestag erklaerte?

Mitgegangen, Mitgefangen, moechte man da entgegnen. Aber so ist das eben, mit mittleren (Friedens-)Maechten in Europa, wenn man im Spiel der echten Maechte mitspielen will.

Lina, 01.07.2008 20:34

Bischen Oel ins Feuer, gefaellig?

Wird gelöscht ;-)!

Aus Dankbarkeit das Falsche zu tun, empfiehlt sich eben nicht - selbst “realitätsfernen Provinzlern” nicht (wenn es nach Herzingers persönlichem Feindbild geht…)

 
 
 
DDH, 01.07.2008 16:07

Möchte Folgendes zur Anzeige bringen: Der Antiamerikaner wirft mir vor, ich sei das “Obama-Cheer”!!! ;-)

 
che2001, 01.07.2008 16:14

Ich weiß nicht - als Clinton regierte, hat mein linkes Umfeld den nicht gebasht, wohl aber Russen-Boris, damals die Spottfigur schlechthin. Natürlich wurde der Tschetschenien-Krieg entsprechend kritisiert (wir haben ja ganz unmittelbar tschetschenische Flüchtlinge und russische Deserteure unterstützt), und der NATO-Krieg gegen Serbien brachte uns nicht nur auf die Straße, sondern führte öfter zum sozialen Schneiden von Grünen, mit denen man sich nicht mehr an einen Tisch setzte. Dieses “Feindbild USA” kenne ich als Erinnerung aus meiner Kindheit (70er Jahre) und mit vielen Relatvierungen und Einschränkungen (man bezog sich da positiv auf das “andere Amerika”, d.h. die US-Linke) noch aus den Antiatomraketen-Protesten der frühen 80er, aber definitiv nicht mehr aus der Zeit nach 1983.