Künstler! Sozial! Kasse!

14.07.2008 20:44 - F.M.R. by Bodo Wünsch - 143 Kommentare

Seit geraumer Zeit klopfen neben den Betriebsprüfern der Finanzämter noch solche der Rentenversicherer an die Unternehmenstür: Abgesandte EURES ach so sozialen Staates, die mal nachsehen, ob sie freiberufliche “Künstler und Publizisten” beauftragt oder beschäftigt haben, ohne Abgaben an die Künstlersozialkasse zu leisten. Haben sie das nämlich nicht, …
… und waren oder sind der oder die Auftragnehmer Künstler oder Publizisten im Sinne der Definition der KSK (dank der schwammigen Zusatzdefinition “… und sonstige” also ALLE Freiberufler, die jetzt nicht gerade Anwalt, Steuerberater, Arzt oder Architekt sind), so haben sie rückwirkend (!) bis 1991 Rückzahlungen an dieselbe inklusive etwaiger Bußgelder zu zahlen. So ein noch junges Gesetz aus 2006.

Warum? Der KSK muss es wohl nass reingehen; aus meinem näheren Umfeld sind mir aktuell zwei heftige ( = übelst kostenträchtige) Fälle zu Ohren gekommen – und ich erst aufmerksam – als da wären: Der Klassiker, ein schluckarmer Web-Bastelgrafiktexter strickt und pflegt die Mittelständler-Website über eine längere Zeit , und hält sich damit über Wasser, ein anderes Mal geht es um ein Unternehmen, das seine Gäste auf einer Abendveranstaltung mit der Vorstellung eines Berufszauberers unterhalten hatte. Letzter Fall inzwischen vor Gericht.

Das “Beste” dabei: Erstens dürfte den vielen JunX und MädelZ da draußen, die seit Abgang der sog. DotCom-Ära notgedrungen vor allem in den Städten freiberuflich kämpfen – zahllosen Werber, freien Journalisten und Textern, PR-Leuten, Grafikern, Fotografen, Sprechern, Filmemachern, Dekorateuren und vor allem: Webdesignern inkl. der vielen Hausfrauen, die mit ihren Homepage-Baukästen gewerblich unterwegs sind – die neue gesetzliche Bestimmung und, fataler, ihren Auftraggebern (zumeist KMU, die sich angestellte Kreative oft nicht leisten oder wollen) völlig unbekannt sein. Wie mir bis heute morgen.

Zweitens: Es spielt keine Rolle, ob der/die Freiberuflerin selbst Mitglied in der KSK ist oder nicht. Der Auftraggeber hat die Abgabe zu leisten. Für mich eine Dreistigkeit, die kaum zu überbieten ist; der nicht bei der KSK Versicherte Freie preist in der Regel seine eigenen Vorsorgekosten (Krankheit, Rente, Alter usw) ein. Der Auftraggeber wird am Ende also doppelt belastet.

Es ist zum Kotzen, tut mir leid, ich kann es nicht anders sagen: “Unsere” Politiker des Zwangsumverteil-Staates haben’s mal wieder – hoppla! wer hätte das gedacht! - falsch eingeschätzt: Es gibt deutlikch mehr KSK-Versicherte als ‘geplant’, schwupps musste das Gesetz her, mit dem man mal eben per Schnüffelstaat die Kohle reinholt. Und wir sprechen hier nicht über Peanuts.

Inzwischen geben sich bei noch halbwegs gutgehenden deutschen Mittelstandsunternehmen (und die sollen angeblich das so gelobte “Rückgrat” der deutschen Wirtschaft darstellen) Betriebsprüfer, Zoll, Polizei, GEZler und jüngst eben Rentenprüfer Klinke und Kaffeetasse in die Hand, während die laufenden Kosten für Anwälte, Steuerberater und der täglichen exogenen Betriebs-Bürokratie stetig steigen.

Vor geraumer Zeit wollte ich als frischgebackener PR-Berater auch mal in die KSK; sie hätten mich abgelehnt, da kein “Künstler und Publizist”. Zum Glück hatte ich damals keinen Antrag gestellt, ich könnte nicht wieder raus! Der Spieß ist ohnehin umgedreht: Der PR-Berater ist jetzt als “Wortkünstler” gelistet, wenn es um die Taxierung der Auftraggeber geht.

Also, Webdesigner, Grafiker, Texter: Warnt Eure Auftraggeber!

(weiterführende Informationen siehe hier: KSKontra.de)

 

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Ping.fm

RSS Kommentar-Feed Trackback-URI Druckansicht Tags: , , , , , , ,

143 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

Lina, 14.07.2008 21:52

Verstehe die Aufregung nicht. Ist es die behördliche Drohung, dass auch nachträglich bestraft wird, wer davon nicht gewusst hat? Und nun auch für denjenigen “Künstler” nachzahlen soll, der gar nicht selbst in der KSK versichert ist? Das wäre das Einzige, worüber ich mich aufregen könnte – wäre ich nicht mein eigener “Künstler” – oder kommt da doch noch was auf mich zu ;-)?

Oder ärgert der Umstand, dass “Künstler” sozialabgabenmässig so günstig wegkommen? Der Neidfaktor – mal anders herum? Es ist eben alles eine Frage möglichst verdeckter Operationen… sofern sich das machen lässt; sonst kommt man an der Hauptkasse nicht vorbei…

Rayson, 14.07.2008 22:35

Und nun auch für denjenigen “Künstler” nachzahlen soll, der gar nicht selbst in der KSK versichert ist?

Das ist der sachliche Grund für die Aufregung. Der Staat erhebt anlässlich einer Vertragsbeziehung eine Abgabe, an der keiner der beiden Vertragspartner interessiert ist, und für deren Funktion diese bereits eine alternative Lösung gefunden haben.

Daran wird deutlich, wie sehr sich Sozialabgaben und Steuern mittlerweile aneinander annähern. So langsam wird der Preis, den wir für die Aufrechterhaltung der Illusion zahlen, da handele es sich in irgendeiner Form um “Versicherungen”, etwas hoch.

Aber wichtiger ist die emotionale Betroffenheit, und da wundert mich dann wirklich, dass gerade du die nicht mitbekommst.

Bodo betrachtet anlässlich dieses weiteren Tropfens nochmal das ganze Fass und stellt fest, dass KMUs zwar in Sonntagsreden zu Recht gelobt werden, realiter aber mit Abgaben und Vorschriften zugedeckt werden, bis ihnen die Luft zum Atmen fehlt.

Lina, 15.07.2008 16:17

So langsam wird der Preis, den wir für die Aufrechterhaltung der Illusion zahlen, da handele es sich in irgendeiner Form um “Versicherungen”, etwas hoch.

Ich bekäme das nicht mit, meinst Du. Doch, aber ich sehe zunächst folgendes: der Staat gibt eine Versicherungspolice mit Eigen- und Fremdbeteiligung aus, woraus der begünstigte “Künstler” einen Rentenanspruch ableiten kann; den soll er auch haben, finde ich.

Es ist im freien Unternehmertum am Auftraggeber, sich einen Vorteil daraus zu verschaffen, dass er den Preis mit dem “Künstler” frei verhandelt , also auch – wie im genannten Fall – die Kosten einsparen kann, die ihm aus dem “Arbeitgeberanteil” für die KSK entstehen.

Die hohe Belastung Selbstständiger durch Abgaben und Vorschriften sehe ich zwar, und sie gefällt auch mir nicht. Wenn sie aber als Selbstständige versäumen, sich (vor Vertragsabschluss mit einem “Künstler”) zu informieren und abzusichern, sich ihres eigenen, selbstgewählten Entscheidungsrahmens nicht kreativ bedienen – warum sollte ich dann “emotional betroffen” sein, wenn ihnen nachträglich Kosten entstehen? Ich bedaure es, das ja.

 
Lina, 15.07.2008 19:36

Aber wichtiger ist die emotionale Betroffenheit, und da wundert mich dann wirklich, dass gerade du die nicht mitbekommst.

Ein Missverständnis von vorhin ruft mich nochmal zurück: die “emotionale Betroffenheit” (Bodos) habe ich in die Kategorie der persönlichen “Beleidigung” durch staatliche Eingriffe eingeordnet, weil er freies Unternehmentum dadurch geschändet sieht, dass ein Staat den Aktionsradius zugunsten Dritter einschränkt. Dagegen habe ich die “emotionale Betroffenheit” als Forderung von Dir an mich verstanden – mein lieber Schwan, das will was heissen ;-)…

Mir wäre es doch prinzipiell auch lieber, der Staat würde sich weitgehend heraushalten, sehe aber langfristig null Chancen dafür und halte somit persönlichen Auswege und -fluchten für probate Gegenwehr; ich kann’s doch in Wahrheit nicht aufhalten, was sich da (plus “Brüsseler Spitzen”) noch alles zusammenbraut.

 
 
 
marc, 14.07.2008 22:12

ich frage mich, welche Segnungen der schwarz-roten Koalition uns bisher noch so verborgen geblieben sind…

 
Florian (das Original), 14.07.2008 22:38

@ Lina:
Wenn Du einen selbständigen Handwerker engagierst um Dein Wohnzimmer neu zu streichen, rechnest Du dann damit, später von der “Handwerker-Sozialkasse” dazu gezwungen zu werden, dessen Sozialbeiträge zu zahlen?
Nein, sicher nicht.

Weil Du nämlich zu recht davon kannst, dass der Handwerker sich selbst um seine Sozialbeiträge kümmert.

Einzige Ausnahme sind hier die “Künstler”.

Und besonders frech wird es dadurch, dass diese Sozialbeiträge bis zu 17 (!) Jahre nachträglich zu entrichten sind.

Lina, 15.07.2008 07:14

Eine Frage der Information, würde ich sagen. Wenn er mein Wohnzimmer als “Künstler” streicht und nicht als Maler, er selbst mich vertraglich darauf aufmerksam macht, dass er SKS-versichert ist und ein Arbeitgeberanteil fällig wird, dann ziehe ich den Betrag im Einverständnis mit ihm vom Honarar ab. Ist er es nicht, dann sehe ich keine Veranlassung dazu, meinerseits zu zahlen;

“Künstler” sind Sonderfälle in der Sozialgesetzgebung, das Gesetz ist uralt, und nur dieses Detail, einseitig bezahlen zu sollen, hat mich aufgeregen können: der Staat als kostenpflichtige Leihagentur für “Künstler”, die ich weder beauftragt noch beansprucht habe.)

(Sozialbeiträge bis zu 17 Jahre nachzahlen zu sollen, ist tatsächlich ein Unding und ich bin sicher, dass es möglich sein wird, rechtlich dagegen vorzugehen.)

Bodo Wünsch, 15.07.2008 08:47

> dann ziehe ich den Betrag im Einverständnis mit ihm vom Honarar ab.

Sie werden Dir einen Orden um den Hals hängen^^

Lina, 15.07.2008 10:00

Wer denn? Ich sammle Orden ;-).

Natürlich begleiche ich den Betrag – nach Abzug und somit auf Rechnung des “Künstlers”.

Bodo Wünsch, 15.07.2008 10:14

Was nicht im Sinne des Erfinders liegt – und Du selbigen damit hintergehst: Die KS-Abgabe des AG’s entspricht quasi dem Arbeitgeber-Anteils der Sozial-”versicherung” eines Angestellten.

Aber egal: Wir Rayson richtig sieht, mischt sich hier einmal mehr der Staat in die freiwillige Interessenbeziehung zweier Parteien ein, ohne darum gebeten worden zu sein – und übrigens ohne dass es hier eine “Not” der zwei Parteien gäbe.

Eines der letzten weißen Flecke auf der Karte, die einmal Vertragsfreiheit hieß, verschwindet damit.

Im Grunde gibt es in Schland weder Freiberuflertum noch Selbstständigkeit. Das sind nur noch Worthülsen.

Gehen scheint mir die einzige Option, weil besser wird das sicher nicht.

Lina, 15.07.2008 10:29

Die KS-Abgabe des AG’s entspricht quasi dem Arbeitgeber-Anteils der Sozial-”versicherung” eines Angestellten.

Ja, war mir klar. Was mir nicht klar ist: warum Du den hintergangenen “Erfinder” verteidigst, anstatt meine selbst- und eigenständig praktizierte Vertragsfreiheit zu würdigen.

Ich nehme mir das Recht dazu, indem ich den Abzug intern mit dem “Künstler” aushandle, wonach er genauso wie ich für sein Soziales selbst aufkommt – auch wenn ich proforma für ihn bezahle.

So geht das doch auch in Schland ;-)…

stefanolix, 15.07.2008 10:31

Ja klar: sicher kannst Du das ab heute tun. Aber Du kannst beim Künstler nicht rückwirkend bis 1991 diesen Abzug geltend machen.

Lina, 15.07.2008 10:48

Hätte ich aber (und hab’ ich auch…) im Wissen um die Gesetzeslage schon 1991 so gemacht. Wie gesagt, nur eine Frage der Information…

 
 
 
 
 
 
 
Alexander, 15.07.2008 08:42

Gewaltätige Nazis sind schon mal deswegen nicht verurteilt worden, weil das Verfahren mehr als zehn Jahre verschleppt worden ist. Eine fragwürdige Prioritätensetzung.

 
 
Marco, 15.07.2008 06:53 Subscribed to comments via email

Wer sich grundsätzlich an die Gesetzes des Staates hält und alles tut, diesen zu gehorchen, der muss sich nicht wundern dann auch von den total blödsinnigen, kranken Gesetzen penetriert zu werden. Ziviler Widerstand ist gegen den Staat angesagt. Nonkooperation.

Sozialismus abschalten!

Bodo Wünsch, 15.07.2008 08:42

> Nonkooperation.

Geht leider nicht. Die haben die stärkeren Argumente.

Marco, 15.07.2008 10:22 Subscribed to comments via email

Da gehste aber nur hin, wenn Du das System akzeptiert, d.h. beispielsweise schön ordentlcih vor Gericht erscheinst. Stell denen dumme Fragen, bevor das alles passiert und mach’n Video. Wenn die Dich trotzdem in den Knast schmeißen hast Du das Video.Und ich garantiere Dir, dass die Beamten irgend einen Fehler machen, während sie sich versuchen einzubuchten. Das kannst Du dann gemütlich ausschlachten. Aber wahrscheinlich haben die meisten dafür “zu viel zu verlieren”. Das wundert mich eigentlich, denn gibt es mehr zu verlieren als die Freiheit?

F.Alfonzo, 15.07.2008 18:02

Nun, es gibt ja auch unkompliziertere Alternativen, z.B. sich den Affenzirkus aus dem Exil anzuschauen. Eine Option gerade auch für die, die “viel zu verlieren” haben.

Marco, 16.07.2008 13:29 Subscribed to comments via email

Eine Möglichkeit, ja. Aber für so Typen wie mich nicht wirklich. Riecht für mich nämlich nach Feigheit. Bleiben und kämpfen! Es gibt noch genung Möglichkeiten dazu.

Sky, 16.07.2008 13:47

Ich wandle da gerne mal aus der Distanz und ganz snobistisch den alten (und falschen) Brecht-Satz um:
“Wer nicht kämpft hat schon gewonnen.”

Marco, 16.07.2008 14:06 Subscribed to comments via email

“… Distanz und ganz snobistisch …”

Genau das ist überhaupt das Problem mit vielen, die sich im “liberalen” und “libertären” Spektrum tummeln. Die Umschreibung als “distanziert” und “snobbistisch” ist doch unangemessen harmlos: “faule, fette, satte Feiglinge” trifft’s eher.

Sky, 16.07.2008 14:19

“Snobistisch” wäre richtiger, wir wollen doch gerade auch auf die Details achten; ich erlaube mir noch die weitere Ergänzung: D kriegt das, was es verdient.
;)

BTW, die Liberalen kämpfen doch gegen sozialistisch erscheinende oder tatsächliche sozialistische Mangel-, Minder-, Fehl- und Minusleistungen an vorderster Front. (Wenn man mal die Linksliberalen der FDP, die Bäume und Hirsche und die Damen mit den schrecklichen Doppelnamen aussen vor lässt, das sind und waren ja nie richtige Liberale. Sondern als “Sozialliberale” (ein Igitt! diesem Wort) eine pol. Scheinlebensform.)

Ein Lob dem Antibürokratieteam an dieser Stelle.

 
 
 
 
 
 
 
 
stefanolix, 15.07.2008 10:29

Aus Deinem Artikel geht eines nicht hervor: was passiert denn dann mit dem Geld, das von dem Auftraggeber eingezogen wurde? Diese Abgabe müsste doch nach der bisherigen KSK-Logik einem »Künstler« zugeordnet werden. Das hätte aber auch zur Folge, dass die KSK für den »Künstler« ein Konto anlegen müsste. Dann würde sich aber notwendigerweise auch die Anzahl der KSK-Versorgten erhöhen.

Ich habe das Wort »Künstler« nicht aus Missachtung der bildenden Künste und der Künstler in Gänsefüßchen gesetzt. Ich bin nur der Meinung, dass sehr viele Web-Designer gerade keine Künstler, sondern eher Techniker, Mediengestalter oder beides sind. Mit ist nicht bekannt, dass es eine Zwangsmitgliedschaft in der KSK gäbe. Im Gegenteil: gerade die Leute aus der Web-Branche wurden in der Vergangenheit oft als »nicht künstlerisch« abgelehnt. Daraus folgt aber, dass es auch keine Abgabenpflicht geben kann.

Eines Tages werden sie auch vor der Tür des Betreibers eines gewissen Gruppenblogs stehen und ihm Abgaben für die Autoren abziehen, denn es kann ja wohl nicht sein, dass die alle ohne Honorar gearbeitet haben ;-)

Bodo Wünsch, 15.07.2008 17:06

Wie gesagt, viele Informationen dazu finden sich noch auf http://www.kskontra.de. Ich weiß auch nicht, wie im KSK-Systematik die “Abgabe” (es ist natürlich gestohlenes Eigentum) zugeordnet wird – aber DAS war und ist ja der Hund.

Exakt über einen Definitionsstreit, wer nun Künstler und Publizist ist und wer nicht, versucht man, seine Interessen auszukarteln. Ein Webdesigner mag zwar kreativ, aber deswegen noch lange kein Künstler im obigen Sinne sein.

Die Ein- und Beitreiber schert das einen Schei*dreck.

stefanolix, 16.07.2008 08:29

Dann bin ich davon überzeugt, dass die Sache in Karlsruhe landen wird. Das Einziehen von Abgaben ohne jede »Gegenleistung« für den betroffenen Künstler steht doch im Widerspruch zum gesetzlich festgelegten Sinn der KSK. Das Bundesverfassungsgericht hat ja die eigentliche Aufgabe der KSK so bestätigt, ich glaube aber nicht, dass es dieses Vorgehen durchgehen lässt.

 
 
 
Florian (das Original), 15.07.2008 11:21

Lina:

“Wenn er mein Wohnzimmer als “Künstler” streicht und nicht als Maler, er selbst mich vertraglich darauf aufmerksam macht, dass er SKS-versichert ist und ein Arbeitgeberanteil fällig wird, dann ziehe ich den Betrag im Einverständnis mit ihm vom Honarar ab. ”

Sehr vernüfntig. Genau so sollte es sein.

Leider ist es aber so, dass
(1) Dich niemand vertraglich darauf aufmerksam macht. Bzw. diese Zahlungsaufforderung ja eben gerade neben dem Vertrag besteht. Und weil das ganze nachträglich erfolgt ist Du das ganze auch nicht in Deine Konditionenverhandlung mit dem Dienstleister einpreisen konntest.
(2) Es nicht in Deiner oder des Dienstleisters Interpretationsfreiheit liegt, ob er ein “Künstler” ist oder nicht.

Nebenbei gesagt:
Der Fragebogen der KSK ist ein ein vielseitiges Konvolut mit vielen schwammig formulierten Fragen. Meine Sekretärin hat sich daran die Zähne ausgebissen.

 
Lina, 15.07.2008 12:24

Du das ganze auch nicht in Deine Konditionenverhandlung mit dem Dienstleister einpreisen konntest.

Das stimmt so nicht: ich kürze das Honorar in mündlicher Vereinbarung mit ihm auf einen versicherungstehnisch zu bewertenden Gesamtbetrag. – Wo ist da das Problem, bzw. was übersehe ich hier?

…ob er ein “Künstler” ist oder nicht.

Er wird mir auf Anfrage (!) mitteilen, ob er als “Künstler” in die KSK einzahlt; das muss mich interessieren, mehr nicht – oder?

P.S.:Wer kommt nun für die “Dritten” Deiner Sekretärin auf ;-)?

Hardy, 15.07.2008 14:13

Und was ist, wenn sowohl Finanzamt als auch KSK ihm mitteilten das er kein Künstler ist? Und die Mitgliedschaft in der KSK wiederholt ablehnend beschieden wurde?

Lina, 15.07.2008 15:16

Ich kenne die Buchstaben des Gesetzes nicht, aber wenn einer sich selbst als “Künstler” bezeichnet (so war es jedenfalls noch um die Jahrtausendwende), dann ist er für den Gesetzgeber auch einer; die KSK kann ihn dann als Mitglied nicht ablehnen.

Und insofern, als sich (gesellschaftlich gesehen) das Bild vom “Künstler” eher erweitert als verengt hat, gehe ich davon aus, dass er zum angestrebten Ziel, d. h. dem Status als sozialversicherter “Künstler” kommt, wenn er das will. Kreativ muss er halt sein, während es mir als Auftraggeberin nur auf den Nachweis dieser Sozialversicherung ankommt – und die daraus resultierende interne “Preisabsprache”.

Ist er keiner, bzw. kann er seinen Künstlerstatus vor mir nicht belegen, wird er mir die Rechnung eines selbstständigen Malers/Anstreichers schicken müssen und ich werde sie meinerseits – ohne drohende Folgekosten – begleichen.

Hardy, 15.07.2008 15:31

Dann lies Dir doch bitte mal die Webseite von KSKontra durch. Du wirst dort leider mehrere Fälle selbiger Art finden.

 
 
 
 
Lina, 15.07.2008 16:40

Nicht gefunden – dafür aber diesen Kommentar, der die Kehrseite der Forderung der Wirtschaft nach Abschaffung der KSK beleuchtet:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/576/149219/

Und diesen Artikel aus der WELT, der sie befürwortet:

http://www.welt.de/wirtschaft/article1470904/Kuenstlersozialkasse_soll_weg.html

Hardy, 16.07.2008 13:31

Von der KSK abgelehnt und dennoch Künstler:
http://www.kskontra.de/dialog.d26.htm
einschließlich Kommentare!

Alles ist Kunst:
http://www.kskontra.de/situation4.htm
http://www.kskontra.de/branchen.htm

 
 
F.Alfonzo, 15.07.2008 18:20

“Ein Kreativer verdient 1000 Euro im Monat und will auch noch eine Versicherung? Etwas viel verlangt, findet offenbar die Wirtschaft und ruft nach Abschaffung der Künstlersozialkasse.”

Eigentlich könnte man nach diesem Satz schon aufhören zu lesen; ich hab’s mir trotzdem noch angetan.

Was spricht nun gegen die Abschaffung der KSK?

Eigentlich nur ein Argument, nämlich jenes, dass Künstler ihr Lebensrisiko nicht mehr auf andere Leute abwälzen können.
Dieses Argument ist aber nicht nur opportunistisch, sondern auch falsch, weil dahinter die Idee steckt, dass das “Gehalt” des Künstlers nicht davon abhängt, wer seine Versicherungsleistungen tragen muss.
Ein Auftrag- (oder Arbeitgeber) interessiert sich aber i.d.R. für die _gesamten Kosten_ und preist solche Nebenleistungen in seine Kalkulation ein. Das ist wieder das alte Traglast=Zahllast Märchen, welches sich ja schon bei den Lohnnebenkosten so “gut bewährt” hat.

 
Epameroi, 15.07.2008 20:57

Konsequenz wird sein, dass Auftraggeber Künstler dann eben nicht mehr regelmäßig Aufträge geben.

Mission accomplished.

 
Epameroi, 15.07.2008 22:55

“Das Bundesverfassungsgericht hat bei einem Einwand entschieden, die Künstlersozialabgabe sei rechtmäßig und verfassungskonform, denn freischaffende Künstler und Publizisten stehen ihren Auftraggebern gegenüber in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis – vergleichbar mit Arbeitnehmern. Aus diesem Grund sollen die Auftraggeber an der sozialen Absicherung beteiligt werden.”

Absurd. Selbständigkeit zeichnet sich bekanntlich gerade dadurch aus, dass ich NICHT in einem Abhängigkeitsverhältnis stehe. Ob ich nur für einen oder zehn oder 100 Auftraggeber arbeite, bleibt mir überlassen. Ich kann Aufträge annehmen oder ablehnen.

Lina, 15.07.2008 23:18

Absurd? – Wäre da nicht vielleicht einzuwenden, dass Künstler eine besondere Spezies sind, die in ihrer Selbstständigkeit ganz besonders von eher raren Auftraggebern abhängen – das rare Gut Kultur betreffend und an der Quantität und den Möglichkeiten der Aufragsgewinnung gemessen?

Oder bin ich da schon wieder zu weichherzig und sollte rein leistungsbezogen demjenigen das Prädikat “Künstler” aberkennen, der sich trotz seines Talents am Markt nicht durchsetzt?

Ist er denn wirklich ein Selbstständiger wie jeder andere oder steht er nicht doch in einem besonderen, einem arbeitnehmerähnlichen Abhängigkeitsverhältnis?

F.Alfonzo, 17.07.2008 02:41

Wenn wir hier von “Künstlern” im ursprünglichen Sinn sprechen (darüber, ob ein Unternehmensberater Künstler ist, will ich mich jetzt mal nicht auslassen), dann nicht.

Gerade Künstler sind extrem vom Markt abhängig: ihre Vergütung erfolgt danach, wie die Konsumenten ihre Kunst einschätzen.
“Leistung” hat übrigens mit Vergütung nichts zu tun (siehe Managerdebatte), Vergütung erfolgt auf Märkten nach Knappheit. Ein bekannter Künstler kann nur noch Schund produzieren und trotzdem tausendmal mehr verdienen als ein (subjektiv eingeschätzt) unbekannter Künstler.
btw: Darüber scheint sich, im Gegensatz zu den Managergehältern niemand aufzuregen… Warum ist das so?

Zur “besonderen Spezies”:
Nun, wenn das so ist, kündige ich morgen meinen Job, entstaube die Gitarre und gründe eine Death Metal Band. Wenn der Erfolg dann ausbleibt (wovon auszugehen ist), lasse ich mich als “schützenswerte Spezies” von der Solidargemeinschaft durchbringen.

Talentierte Musiker (zumindest die, die ich kenne) fahren i.d.R. übrigens zweigleisig: Zur Finanzierung des Lebensunterhalts nimmt man Aufträge an, die man als Künstler für lächerlich hält, und lebt die wahre Kunst dann privat (oder vor einem Publikum von 20 Leuten) aus.

Lina, 17.07.2008 09:26

Darüber scheint sich, im Gegensatz zu den Managergehältern niemand aufzuregen… Warum ist das so?

Weil der Arbeit von Künstlern etwas Irrationales, nicht konkret Bezifferbares anhaftet? Dagegen vom Job eines Managers ein klares Bild mit Vergleichscharakter vorherrscht? (Da mache ich mir aber jetzt mal keine Sorgen, warum etwa ein Gerhard Richter auf dem Kunstmarkt Höchstpreise erzielt – nein, ich würde mir gern selber einen hinhängen ;-)…

…lasse ich mich als “schützenswerte Spezies” von der Solidargemeinschaft durchbringen.

Da ist die Solidargemeinschaft aber entschieden dagegen! “Death Metal” ist nicht marktgängig, und ein gewisse Orientierung am Geldverdienen erwartet sie schon von Dir, wenn sie für Dich zahlen soll. (Ja, so heruntergekommen ist das Verhältnis zur “schützenswerten Spezies”. Früher waren es Mäzene, die sie förderten und mit Hilfe deren sie leben und arbeiten konnten; eine Solidargemeinschaft sieht darin keinen Sinn…)

Ja, stimmt, heute muss ein (klassischer) Künstler schon zweigleisig fahren, um leben und sich seine Rente auch “ordentlich” verdienen zu können. Irgendwie schade, finde ich ;-).

F.Alfonzo, 19.07.2008 03:16

“Weil der Arbeit von Künstlern etwas Irrationales, nicht konkret Bezifferbares anhaftet? Dagegen vom Job eines Managers ein klares Bild mit Vergleichscharakter vorherrscht?”

Da mag etwas dran sein, ich gebe dir recht…
Allerdings ist der Mechanismus der selbe:
Die Arbeit einer Person wird von abertausenden anderen Personen hoch eingeschätzt; deshalb ist die Arbeit dieser Person so teuer.

Das ließe sich übrigens beliebig erweitern:
Sportler (Schumacher, Becker) kommen da genauso in Betracht.

Ich habe aber in meinem ganzen Leben noch keinen Zeitungsartikel gelesen, in dem Michael Schumacher für seine “Steuerflucht” in die Schweiz jemals verurteilt worden wäre….
…im Gegensatz zu einem Josef Ackermann, der in Deutschland soger Einkommensteuern zahlt (und das wahrscheinlich nicht zu knapp, selbst wenn er 200 Steuerberater beschäftigt).

Grüße,
F.

Lina, 19.07.2008 10:28

…noch keinen Zeitungsartikel gelesen, in dem Michael Schumacher für seine “Steuerflucht” in die Schweiz jemals verurteilt worden wäre…

Doch, ich schon, aber verurteilend mit leichtem Augenzwinkern, so etwa: ;(.

Da ist wohl die Aura des VIP im Spiel, der als Rennfahrer “Künstler” ist, und dem man gönnt – statt neidet.

Das hiesse doch auch, dass nur überdurchschnittliche Leistung auf unkalkulierbaren Gebieten die Triebe kontrolliert und einen Bonus aus dem Gemüt bezieht; da ist uns dann “teuer”, was anderswo kränkt…

Ich seh’ das positiv :)

LG, Lina

 
 
 
 
 
 
Epameroi, 15.07.2008 23:30

Nun ich bin so einer. Ich suche mir meine Auftraggeber frei aus, habe auch genügend davon und bin auch von keinem abhängig. Ich kann auch gut davon leben.

Ich bin nicht in der KSK obwohl ich das vermutlich sein müsste. Das heißt, sollten meine Auftraggeber rückwirkend zur Kasse gebeten werden, habe ich überhaupt nichts davon, außer vermutlich verärgerte Kunden, obwohl ich überhaupt nichts dafür kann.

Ich selbst sehe auch keine Vorzüge, in der KSK zu sein. Ich leiste private Altersvorsorge, bin privat versichert und werde später niemandem zur Last fallen.

Die KSK verlangt von Auftraggebern auch Abgaben für Selbständige, denen sie Aufträge gegeben haben, ohne dass diese Mitglied der KSK sind.

Warum das nicht rechtswidrig ist, weiß ich auch nicht.

Rayson, 16.07.2008 00:11

Ich leiste private Altersvorsorge, bin privat versichert und werde später niemandem zur Last fallen.

Alle Achtung – selten trifft man Menschen, die ihr Leben gegen alle Anreize dieses Staates ausrichten ;-)

Rational wäre es natürlich, die gesetzlichen Zwangsabgaben zu vermeiden, aber sein Einkommen im guten Best’schen Sinne zu verwenden, den Rest zu verprassen und dann später auf die Sozialhilfe zurückzugreifen. Zumal der Unterschied zum Payback der Zwangsabgaben so groß auch nicht sein dürfte…

Epameroi, 16.07.2008 02:04

Ich bin mir relativ sicher, dass dem Staat da noch was einfallen wird. Eigenverantwortung mag man in Deutschland nicht so. Wenn das jeder täte, wo kämen wir da hin?

Würde mich nicht wundern, wenn die allgemeine Sozialversicherungspflicht für Selbständige noch kommt.

Nur bin ich dann weg,

Bodo Wünsch, 16.07.2008 13:28

> Würde mich nicht wundern, wenn die allgemeine Sozialversicherungspflicht für Selbständige noch kommt.

Ist doch im Gespräch! Abschaffung der PKV, Kammerzwang für diverse Gruppen gibt es schon lange, Honorarordnungen usw…

Ich bin jetzt fürderhin “Unternehmensberater”. Das hat mit Kunst und Publizistik aber mal sowas von niX zu tun…

Epameroi, 16.07.2008 16:25

Abschaffing der PKV wäre enormer staatlicher Diebstahl. Schließlich habe ich dort über viele Jahre beträchtliche Summen einbezahlt, um im Fall des Falles die bestmögliche Versorgung zu haben.

 
 
 
F.Alfonzo, 16.07.2008 03:16

@Rayson:

Ich weiss nicht, ob es sonderlich Rational ist, das Einkommen heute zu verprassen und sich auf die Sozialleistungen des Staates in 20-30 Jahren zu verlassen, vor allem wenn das Verhältnis Leistende/Leistungsbezieher stark sinken sollte (was ich vermute).
…da könnte man ja gleich in die gesetzl. Rentenversicherung einzahlen ;-)

 
 
Bodo Wünsch, 16.07.2008 13:26

So sieht das bei mir auch aus – nur nebenbei: “Privat” in diesem Land ist eigentlich nicht mehr viel. Verfassungsmäßiger Schutz der eigenen Wohnung? Irgendeine Straftatsverdacht wird sich immer finden lassen…

Zum Thema: Ich habe auch Sorge, dass meine Kunden verärgert sein könnten – und psychologisch schiebt man nicht dem Staat oder der KSK, sondern dem AN den schwarzen Kater zu, KSK hin, KSK her. Der “Freiberufler” hat in D ohnehin nicht das Image, was viele meinen…Auf ‘ner Party: “Ich bin Freiberufler.” – da kommt dann meistens nix mehr….

KSK: Ich habe nicht nur meine Kunden vorsorglich gewarnt, sondern tatsächlich noch einige andere Maßnehmen getroffen.

Lina, 16.07.2008 13:41

…den schwarzen Kater zu.

Schieb’ mir mal den schwarzen Kater zu; ich hab’ den meinen kürzlich verloren. Ich geb’ Dir den Peter dafür. (Sorry, musste sooo :-D!)

Ansonsten: Gratulation zu den Massnahmen!

Bodo Wünsch, 16.07.2008 13:48

Kater – Peter – mir doch egal— ;-)

Wer anderen eine Grube gräbt, hat Gold im Mund’!

So ungefähr ;-))

 
 
 
 
Epameroi, 15.07.2008 23:39

Das Lustige an dem “Versicherungszwang” besteht darin, das laut Website die Versicherungspflicht (incl. Rentenversicherung) erst nach der Anmeldung besteht.

Lustig wurd es, wenn die KSK künftig Selbständige (natürlich die gutverdienenden) zum Eintritt ZWINGT. Andererseits wehrt sie, wie berichtet wird, den Eintritt vieler Antragsteller ab, oft unter fadenscheinigen Begründungen.

Man will bei den Auftraggebern abkassieren, gleichzeitig aber möglichst wenig Mitglieder haben, die Geld kosten. Außerdem fliegt man auch sehr schnell raus. Lustige “Sozialversicherung”.

Lina, 16.07.2008 07:50

Lustig wurd es, wenn die KSK künftig Selbständige (natürlich die gutverdienenden) zum Eintritt ZWINGT.Lustig wurd es, wenn die KSK künftig Selbständige (natürlich die gutverdienenden) zum Eintritt ZWINGT.

So wie die PKVen zum Solidarverhalten mit der GKV? Ja, das wäre lustig. Da fehlte nicht viel zu privater Enteignung zugunsten der Bildung von “Volkseigentum”; wär’ dann sowas wie das zwangsweise Legen einer Magensonde als Sättigungsbeilage für den Staatskörper; oder Zwangsbeatmung vor Erstickungstod im (an-)reizlosen Sozialismus.

(Ich glaube nicht, dass solcher Zugriff vom Begriff “soziale Marktwirtschaft” noch gedeckt ist; für die ich aber eigentlich grundsätzlich bin. Hilfe!

Bodo Wünsch, 16.07.2008 13:41

Eigentlich, Lina, ist mir der Sarkasmus vergangen. De facto gehen ‘wir’ riesigen Schrittes auf einen “VEB Deutschland AG” zu…

Ich weiß gar nicht, worüber man mehr lachen soll (wenn schon das Ganze “mit Humor” nehmen) – über das “Sozial” in Sozialdemokratie oder das “-demokratie”….

Lina, 16.07.2008 14:12

Hast Recht, Sarkasmus bringt es nicht mehr.

Ich lach’ übrigens vermehrt über die “Demokratie”, vor allem die Parteien-Demokratie, und weniger über das “Sozial”… was es halt doch irgendwie braucht, finde ich.

Wenn es nämlich nur noch um Stimmenfang (siehe Huber am Dingolfinger Werkstor…) und Machterhalt (siehe Beck vor der Presse…) geht, dann kann auch die zweitbeste aller Staatsformen demnächst abdanken. Mir egal, sogar Chaos wär’ mir lieber…

Marco, 16.07.2008 14:17 Subscribed to comments via email

““Sozial”… was es halt doch irgendwie braucht, finde ich.”

Klar, aber der so genannte “Sozialstaat” ist ja ein Oxymoron. Wenn man mit dem mal zu tun hatte, weiß man, dass “Staat” und “sozial” (i.S.v. gemeinschaftlicher Fürsorge/Hilfe zur Selbsthilfe) zwei paar Schuhe sind.

“Mir egal, sogar Chaos wär’ mir lieber…”

Yeah, bin dabei!

Lina, 16.07.2008 14:25

Reservieren bitte: ich nehme das eine, das zweite Paar – wenn schon :)…

Marco, 16.07.2008 14:53 Subscribed to comments via email
 
 
 
Bodo Wünsch, 16.07.2008 22:00

>“Sozial”… was es halt doch irgendwie braucht, finde ich.

Absolut wahr. Das können die Leute aber selbst, da braucht es keinen Zwang – und damit keinen _Sozial_staat. Soviel zur Empirie.

Und es darf dafür keinen Zwang geben. Es wäre ein “Gemeinzweck”, der mit der Freiheitsidee als der Idee von der gesetzlichen Übereinstimmung der Freiheit des einen mit der Freiheit jedes anderen im Widerspruch steht. Soviel zur Philosophie.

Sky, 17.07.2008 01:37

> Das können die Leute aber selbst, da braucht es keinen Zwang – und damit keinen _Sozial_staat. Soviel zur Empirie.

Wobei die Bedürftigkeit bearbeitet werden muss, es wäre inakzeptabel, wenn Leute in D verhungern würden.
Und dafür braucht es ein Sozialsystem, am besten das gute alte Bürgergeld, dann kann man endlich die Sozialfuzzies weghauen, denn _die_ sind das Problem.

Bodo Wünsch, 17.07.2008 10:50

Niemand verhungert, es sei denn, aufgrund grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz Dritter.

Sky, 17.07.2008 15:01

Aber es würde gehungert ganz ohne ein System, das die Bedürftigkeit bearbeitet. Oder wird diese Annahme hier in Frage gestellt?

Lina, 17.07.2008 15:29

Von mir nicht – gemessen an den schlechtnachbarlichen Beziehungen und Verhältnissen, die sich (Presseberichten zufolge) gesellschaftlich eingestellt haben.

Ich räume auch ein, dass sie sich gerade *wegen* einer indirekt geförderten Verantwortungslosigkeit ergeben haben könnten, aber das ändert nichts an der Annahme, dass (nach Arbeitsmarktlage) ohne Förderung gehungert würde; kein Zweifel.

Sky, 17.07.2008 15:37

Ach, die Presseberichte, es gehten den Deutschen besser denn je. Allerdings ist eine gewisse wirtschaftliche Stagnation festzustellen, ganz vermutlich wegen den verstärkten sozial. Tendenzen der letzten 40 Jahre.

Die Bedürftigkeit besteht übrigens so zu sagen unabhängig von allem, denn egal wie man die Leute auch ermuntert für ihr Fortkommen selbst zu sorgen (das geschieht in der Tat in völlig unzureichendem Masse) wird es immer Punks, Alte, Kinder und Kranke geben, die bedürftig sind.

Wir müssen also – ich setze mich da gerne in den Gegensatz zum Vorredner (libertär?) – die Bedürftigkeit bearbeiten, aber den Sozialstaat auf die Bearbeitung der Bed. reduzieren.

Und zwar auf das Bürgergeld bzw. bedingungslose Grundeinkommen für alle. :)

Andere ernstzunehmende Bearbeitungsmöglichkeiten bestehen nicht, oder zumindest nicht, wenn man die jetzige Bearbeitung mit dem ineffizienten Bürokratiemonster nicht ernst nehmen möchte.

Nennen wir den Mist, der jetzt läuft, den _alten_Sozialstaat und sagen ganz deutlich: Das ist etwas für die anderen.

Cheers!

Lina, 17.07.2008 16:28

Das ist etwas für die anderen.

Willst Du ihn patentieren und exportieren, den *alten Sozialstaat*? Ich rate ab. Den kriegst Du nicht los.

Er soll der Überladenste der Welt sein, d. h. aus England (Labour) hört man ähnliches; und die satteln immer noch drauf. (Lass’ ihn mal da, vielleicht geht auch hier noch was, hmm…?

(Das war die unwürdige *Bearbeitung* einer unwürdigen Angelegenheit, darauf: Cheers!;)

Sky, 17.07.2008 18:02

“Das ist etwas für die anderen.” ist doch ein Münteferingismus.
“Cheers” ist englisch und ist u.a. auch eine populäre Abschiedsformel.

Ist das denn vgrundsätzlich erstanden orden mit dem von mir skizzierten “neuen Sozialstaat”? (Wobei dann auch gerne auf den Wortmissgriff “Sozialstaat” verzichtet werden darf, LOL, es geht einfach darum die Bedürftigkeit zu bearbeiten und eben nicht das Bürokratiemonster mit seinen vielen Sozialfuzzies entstehen zu lassen, das beim ineffizienten Überprüfen der Bedürftigkeit automatisch entsteht. Man soll halt nicht das Unverwaltbare verwalten wollen, ich behaupte einfach mal, dass keine private Firma so doof wäre sich eine dermassen gestaltete Geschäftslogik zuzulegen.)

Lina, 17.07.2008 19:00

Ja, Sky, es ist grundsätzlich verstanden worden, jedenfalls von mir.

Deine Skizze des neuen “Sozialstaats” suche ich noch, aber dass er ein Bürgergeld, bzw. ein BGE enthalten soll, habe ich lesen können.

Das *Unverwaltbare verwaltbar machen* soll demnach die Devise sein, und ich werde sie direkt an Stoibers Antibürokratieteam nach Brüssel melden, damit sie die Dimension des Vorhabens schon mal vorsichtig ins Auge fassen können.

(War doch vorhin und jetzt wieder nur Selbstironie meinerseits, echt. – Cheers!)

 
Sky, 17.07.2008 23:56

> Ja, Sky, es ist grundsätzlich verstanden worden, jedenfalls von mir.

Sehr gut, wichtig ist eben, dass der Mann nicht vor sich hin räsoniert und gelegentlich mal auf die Sachlage hingewiesen wird.
Ich kann ja nicht jeden Problemfall ganz alleine bearbeiten.

 
 
 
 
 
 
 
 
Lina, 17.07.2008 08:13

Ach, Freiheit. Ist es nicht libertäre Blasphemie zu sagen, der philosophische Freiheitsbegriff würde die konkreten Effekte materieller Armut in irgendeiner Weise tangieren, bzw. aufwiegen können? Ideen haben es leicht, sich zu behaupten.

Empirisch gesehen haben es sozial Schwache (Bedürftige, Verarmte) schwer, im freiheitlichen Sinn zu interagieren; sie sind mehrfach Abhängige, stehen unter Zwang, weil ihnen der Job und die Kohle fehlt, sich frei zu bewegen.

Ich nenne es aber mehr als paradox, wenn der gebende, statt heraushelfende Sozialstaat sie im Einzelfall das Verhungernlassen von Kindern lehrt oder ihnen Hobbys finanziert, die psychologisch und volkswirtschaftlich gesehen blanken Unsinn darstellen; hier kippt das Prinzip, das in seiner derzeitigen Form vom Tisch gehört.

Bodo Wünsch, 17.07.2008 10:57

Richtig, von Ideen ist noch niemand satt geworden. Für solche _gestorben_ schon eher.

Mit “sozial Schwache”, “Bedürftige”, “Arme”, “Kohle fehlt” gebrauchst Du materielle, wenn nicht moralische Wertbegriffe und -phrasen. Maßstab hierfür ist Dein Urteil. Daran ist nichts zu kritisieren.

Die Kritik richtet sich an das, was per Zwang legitimerweise möglich ist, und was nicht. Ich bin nicht nur der Meinung, sondern der Überzeugung, dass der sog. “Sozialstaat” nicht nur in seiner aktuellen Form, sondern auch in jeder denkbaren Form das Erreichen jenes Ziels vereitelt, das er zu erreichen vorgibt, und zwar durch Anlage und Methode seiner selbst.

Das lehrt die Erfahrung. Sozialstaat in jeglicher Form gehört vom Tisch, wenn wir Armut und Bedürftigkeit loswerden wollen.

Im übrigen: Sozialstaat zu fordern heißt, Verantwortung auf Dritte abzuschieben. Hilf Du Deinen Bedürftigen, und Dir wird sicher niemand im Wege stehen.

Lina, 17.07.2008 14:48

Hilf Du Deinen Bedürftigen, und Dir wird sicher niemand im Wege stehen.

Das habe ich schon zu oft gehört, als dass ich es noch gelten liesse. Dieser Hinweis kommt immer dann, wenn eigentlich zu begründen wäre, warum in der Freiheit des Einzelnen, hier seiner sog. Vertragsfreiheit, für sog. soziale Marktwirtschaft kein Platz ist. Ich sag’ Dir was: dann muss eben Platz gemacht werden, wenn die Wirtschaft (also wir alle) es nicht leisten kann, dass wir “Armut und Bedürftigkeit loswerden”. Dafür, dass wir sie loswerden, braucht es ein taugliches politisches Konzept. Das aber wiederum – geht es nach Dir – nicht das eines Ausgleichs sein darf.

Was dann? Wie soll es gehen? Wir leben in einem funktionalen Staatswesen, das uns über Steuern gewisse Verbindungen und Verbindlichkeiten schafft. (Über Quantitäten oder Qualitäten rede ich hier nicht.) Ein Staat kann wie wir nur ausgeben, was er einnimmt; er hat keine “Wundertüte”, aus der sich erledigen und tilgen lässt, was sich an Armut und Bedürftigkeit einstellt.

Sag’s doch einfach, wie es ist – anstatt die Idee philosophisch zu verbrämen: Du willst frei sein (praktisch bist Du es nicht). Du siehst keine Veranlassung, Dritte zu stützen. Dein Eigentum ist ungeteilt Dein Eigentum, wie des Nachbarn Eigentum ungeteilt seines ist. Verantwortung trägst Du nur für Dich & Deines, wie der Nachbar für sich & seines. Ins Gehege kommen wollt Ihr Euch nicht (praktisch werdet ihr es). Wenn der Nachbar in Not gerät, ist das nicht Deine Sache (aber es wird zu Deiner gemacht).

Solltest Du danz privat weniger unfreundlich *denken*, okay, sorry, aber politisch *gehandelt* werden soll nach der Maxime, dass jeder seines eigenen “Glückes Schmied” sei – und bleiben solle. Und zwar auch im sichtbar und fühlbar existenten Kollektiv – das Dich aber nichts angehen soll. Es ist denkbar legitim, so zu denken und zu handeln, wenn die Idee gegenüber der Wirklichkeit nicht so verdammt blass aussähe ;-).

Bodo Wünsch, 17.07.2008 18:41

Es gibt kein “wir”.

Es “muss” auch kein “Platz gemacht” werden. Es interessiert mich nicht, wie “es” (was??) gehen soll. Wohl habe ich ein Interesse, wie es mir geht.*

Ja, und die Betonung liegt auf “ich”.

* Es _könnte_ MIR ja schlecht gehen, wenn es anderen schlecht geht… – die Vernunft bietet so unendlich viele Ansätze und Möglichkeiten – JA MUSS ES DENN AUSGERECHNET EUER “SOZIALSTAAT” SEIN???

PS: Ich bin ein sehr freundlicher Mensch :-)

Sky, 17.07.2008 18:59

Egozentrik ist aber keine Grundlage für die Erörterung gesellschaftlicher Gegebenheiten.
Ich will jetzt mal das Guidomobil und die Spassgesellschaft zitieren, aber dort landet man mit solchen Anschauungen.
Sind solche Grundhaltungen libertär?

 
jo@chim, 17.07.2008 19:29

PS: Ich bin ein sehr freundlicher Mensch

Kann ich nur bestätigen! (wenn auch manchmal etwas impulsiv ^ ^)

 
Lina, 17.07.2008 19:36

…wenn wir Armut und Bedürftigkeit loswerden wollen.

Hättest Du es nicht selbst eingeschleust, dieses *wir* (da oben), ich hätte nicht gewagt, es zu übernehmen – weiss ich doch, dass ein *wir” aus libertärer Sicht nicht existiert ;-).

JA MUSS ES DENN AUSGERECHNET EUER “SOZIALSTAAT” SEIN???

Nein, es soll ein Marktwirtschaft mit flexibler sozialer staatlicher Balance geben.

P.S.: Ich bin ein kühler Mensch ;-)

jo@chim, 17.07.2008 20:09

weiss ich doch, dass ein *wir” aus libertärer Sicht nicht existiert

Wer sagt das?

P.S. – zum Thema noch ein schönes Zitat von Stefan Blankertz:

Die Behauptung von der sozialen Kälte des Liberalismus ist umzukehren. Die Verfechter des Sozialstaats sind die wahren Träger der Kälte. Denn die Verfechter des Sozialstaats müssen davon ausgehen, dass nicht genug Solidarität in der Gesellschaft vorhanden ist, um ein effektives und ausreichendes System freiwilliger Hilfe zu gewährleisten. Statt auf freiwillige Hilfe setzen sie auf erzwungene Leistungen. Es ist dieser Zwang, in dem sich Kälte ausdrückt: Die Kälte derjenigen, die Mitmenschen gegen ihren Willen zur Hilfe zwingen. Die Verfechter des Sozialstaates geben ja immer freigiebig das Geld anderer Leute aus und nennen das Solidarität. Es ist die Solidarität von Räubern.

Als wenn nicht EBEN der Nanny State Verantwortung gegenüber den Mitmenschen durch Abgabe jeglicher Verantwortung an das zuständige Amt ersetzen würde…

Lina, 17.07.2008 21:52

Wer sagt das?

Bodo selbst. Er hat das *wir* hier schon mehrfach (zu meinem nachhaltigen Erstaunen) negiert.

Als wenn nicht EBEN der Nanny State Verantwortung gegenüber den Mitmenschen durch Abgabe jeglicher Verantwortung an das zuständige Amt ersetzen würde…

Sag’ ich doch, auch schon mehrfach.

Stefan Blankertz in Ehren, , aber: “Träger der Kälte”? Ein Schwergewicht an Zuweisung, die m. E. nur insofern trifft, als die Erfinder des Sozialstaats Realisten waren und erkannten (wie er sagt), “dass nicht genug Solidarität in der Gesellschaft vorhanden ist, um ein effektives und ausreichendes System freiwilliger Hilfe zu gewährleisten”. Dem haben sie wohl den Gedanken folgen lassen, dass die fehlende Solidarität aus den über Steuern eingesammelten Mitteln der übergeordneten Instanz namens Staat kommen müsse. Einen räuberischen Solidargedanken würde ich das nicht nennen; ich käme nicht drauf, ehrlich; ich teile gern :).

Dass der Grundsatz des temporären Ausgleichens wirtschaftlicher Härten sich zum heutigen “Sozialstaat” aufblasen konnte, liegt in der Verantwortung populistischer und gedankenloser Politiker (fast) aller Parteien, die den Effekten einer globalen Wirtschaft auf den hiesigen Arbeitsmarkt erst ratlos, dann in Spendierlaune, dann wieder restriktiv gegenüber standen, und neuerdings – unter dem Druck der Linken – geneigt, sich erneut spendabler zu zeigen. Ein Irrsinn, wie ich finde.

Rayson, 17.07.2008 22:00

Ein Schwergewicht an Zuweisung, die m. E. nur insofern trifft, als die Erfinder des Sozialstaats Realisten waren und erkannten (wie er sagt), “dass nicht genug Solidarität in der Gesellschaft vorhanden ist, um ein effektives und ausreichendes System freiwilliger Hilfe zu gewährleisten”. Dem haben sie wohl den Gedanken folgen lassen, dass die fehlende Solidarität aus den über Steuern eingesammelten Mitteln der übergeordneten Instanz namens Staat kommen müsse.

Jetzt bin ich nur noch gespannt, wer aus welcher Berechtigung meint, die Solidarität der Gesellschaft toppen zu müssen. Die Gesellschaft kann es ja nicht sein.

 
jo@chim, 17.07.2008 22:14

Bodo selbst

Bodo Bothbard himself? Da kann ich nur noch schweich’n…

Der Irrsinn Sozialstaat hat System, gerade weil er den gutmenschelnd meinenden (gutmeinend menschelnden) Umverteilern Macht und Mittel gibt. Ich glaube nicht, dass die politische Klasse “gedankenlos” handelt – im Gegenteil, die “Spendierlaune” der Demokraten ist konsequent. Wer nicht mitmacht wird nicht gewählt.

 
Lina, 17.07.2008 22:42

@ Rayson

Wüsste nicht, wer da in Frage käme. Die Kirchen? Mehr Mitmenschlichkeit bitte, hat der Papst gerade in Sydney gefordert ;-).

 
Lina, 17.07.2008 22:45

@

Wer nicht mitmacht wird nicht gewählt.

So ist es. Tausche *gedankenlos* gegen *berechnend* ;-).

 
Rayson, 17.07.2008 22:48

@Lina

Was fragst du mich? Du behauptest die Notwendigkeit einer solchen Existenz.

 
Lina, 17.07.2008 22:50

@

PS: Oder soll ich gleich *machtgeil* nehmen? (Gefällt hier, glaube ich, besser ;-)…

 
Lina, 17.07.2008 23:00

@ Rayson

Der Existenz von Solidarität oder Gesellschaft oder Staat oder gar *Sozialstaat*, wegen dessen heute fragwürdig gewordener und mehrfach in Zweifel gezogener Existenz ich mir hier – in die Defensive getrieben – die Finger wund schreibe?

Sag’s doch gleich.

 
Rayson, 17.07.2008 23:03

@Lina

Die Existenz einer Solidarität jenseits der Gesellschaft. Auf deren Begründung bin ich gespannt. Bringst du sie?

 
Lina, 17.07.2008 23:10

@ Rayson

Bringst du sie?

Heute nicht mehr – wenn überhaupt ;-)…

 
Lina, 18.07.2008 08:18

@ Rayson

Guten Morgen! – Eine verordnete *Solidarität* verdient den Namen nicht, also ist sie als solche nicht existent; existent ist ein Solidarität substituierendes Konstrukt von Volksvertretern, die sich die Legitimität ihrer “Stiftung” demokratisch erworben haben.

Ist es das, was Du (nicht) hören wolltest ;-)?

P.S.: Einer “Solidarität von Räubern” (Blankertz) entspricht sie m. E. nicht.

 
Rayson, 18.07.2008 12:00

Verstehe ich dich also so richtig;

Die Gesellschaft selbst ist nicht solidarisch genug, aber sie wählt sich Herrscher, die ihr ein Ersatzkonstrukt aufzwingen, das weiter geht?

Äh – wer bestimmt denn, was “solidarisch genug” ist? Und warum wählt die Gesellschaft diesen komplizierten Weg, wenn sie doch gleich anders handeln könnte?

Oder löst sich das logische Problem dadurch, dass einer Mehrheit die Minderheit nicht “solidarisch genug” ist und sie diese deshalb zu einem ihr genehmen Verhalten nötigen will?

 
Lina, 18.07.2008 12:55

@ Rayson

Oder löst sich das logische Problem dadurch, dass einer Mehrheit die Minderheit nicht “solidarisch genug” ist und sie diese deshalb zu einem ihr genehmen Verhalten nötigen will?

Wenn Du ein logisches Problem gesehen haben willst, dann löst es sich (wie schon erwähnt) dadurch, dass wir in einer *Demokratie* leben; von einer für diese Staatsform gültigen mehrheitlichen Nötigung einer Minderheit kann man zweifellos sprechen.

Ad *Äh* :

Multisachverständigengremien – im akkurat wörtlichen Sinn. – Und: es ist für die Mehrheit der einfachere Weg.

 
Sky, 18.07.2008 14:47

Wie locker Du, liebe Lina, hier wieder von einer “Nötigung” schreibst:
Eine Nötigung ist eine Straftat; dass die dem. Mehrheit in einer Demokratie (hier lobe ich Dich für die Verwendung der Anführungszeichen ;) Massnahmen beschliesst, die nicht jedem gefallen, liegt in der Natur der Sache.
Überhaupt finde ich Dein Systemverständnis dezent formuliert etwas ungünstig, wenn natürlich auch nicht ohne Charme. Verzeihe die neugierige Frage; verdient man mit sowas irgendwo Geld oder ist das Privatmeinung?

 
Lina, 18.07.2008 19:08

@ Sky

Dein Systemverständnis dezent formuliert etwas ungünstig (…) verdient man mit sowas irgendwo Geld oder ist das Privatmeinung?

*Ungünstiges Systemverständnis?* Ungünstig für wen oder was? Darf ich um nähere Aufkünfte bitten?

Lieber Sky, zunehmend werde ich mir gravierender Mängel am demokratischen System bewusst; ich weiss nicht, ob es mit zunehmender Verblödung des Volkskörpers zusammenhängt oder nur mit dessen käuflichen Vertretern, aber die erste Diagnose ist gestellt: Gehirnschwund, lat. ??? – Nein, Geld verdiene ich damit nicht, denn mit mir rechnet keine Kasse ab, auch keine private ;-)…

 
Sky, 19.07.2008 12:33

Yo, danke für die Inf!
Hab mir schon gedacht, dass man damit irgendwo Geld verdienen kann. Du schreibst ja recht hübsch.
LG, Cheers!

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Bodo Wünsch, 18.07.2008 08:38

@Lina

Bitte nicht persönlich nehmen: Du redest wie ALLE.

Es gibt schlicht kein Defizit “der” oder “des” _freien_ Wirtschaftens, das ein Sozialstaat auszugleichen hätte, um “Härten” herauszunehmen, mal ganz abgesehen davon, worüber wir eigentlich zu reden hätten, wenn wir über “Härten” oder “Armut” reden wollten.

Es sind schlichte Behauptungen ohne Grundlage. Da “wir” aber seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, von Auto- und sonstigen -kraten nichts anderes gewohnt sind zu hören, wirkt das ganze Gerede von Solidarität und Ausgleich und bla bla wie ein sedatives Nervengift.

Sehr wohl gibt es ein Defizit individuellen Handelns – Menschen sind in ihren Urteilen und in ihrem Handeln nun man “fallibel”, wie Popper es gesagt hätte. Es passieren Fehler, und das ist gut so. Es entstehen Konflikte, und das ist gut so. Denn nur Fehler und Konflikte bergen die Chance auf historische Verbesserung. Das ist vielleicht der Preis der Freiheit.

Der Preis jedweden “Sozial”-staats ist mir (viel) zu hoch: Er lässt die Chance auf Fehler nicht nur nicht zu, er provoziert Fehlverhalten, er “triggert” Unsolidarität. Er ist zutiefst antiindividualistisch und reibt Sand in die Augen. Er MUSS es sein um seiner selbst. Weil aber die Menschen nicht per se dumm sind, und DENNOCH ausweichen bzw. den “Sozial”-staat doch in quasikapitalistischer Weise, jedenfalls antisolidarischer Weise (aus-)nutzen, muss und wird jeder “Sozial”-staat immer schärfer, immer enger, dringt immer mehr in die noch privaten Belange und Beziehungen ein, bis er schließlich Mauern errichtet.

Am Ende fallen Schüsse. Immer.

Sorry für den Pathos, aber er hilft mir über Aggressionen gegenüber dem Solidaritätsgeschwafel hinweg, vor allem dann, wenn urplötzlich “der Papst” hervorlugt…- und der ist wohl wirklich der Letzte, den ich fragen würde, wie Freiheit unter Menschen geht. Der Letzte!

Sky, 18.07.2008 08:46

Zu diesem Vortrag passt das Zitat, das gerade rechts angezeigt worden ist:

Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.

Klaus Kinski

LOL, auch empfehlenswert:
http://www.youtube.com/watch?v=go9yz74c4Y8 (“Wenn Sie mein Niveau haben”)
und natürlich die kleine Youtube-Serie
http://www.youtube.com/watch?v=JP3swFN47SU&feature=related
(man beachte auch den anwesenden Manfred Krug, der wohl ganz DDR-mässig dachte, dass er nichts sagen darf)

 
Lina, 18.07.2008 09:57

Bitte nicht überrascht sein, Bodo: ich stimme Deinen (individualistischen) Theorien weitgehend zu.

Dass ich wie ALLE rede, kommt vielleicht daher, dass ich (wie nicht ALLE?) materielle Not der persönlicher Freiheit abträglich, sie für entwürdigend halte – gerade in einem Gemeinwesen, das es sich leisten könnte, dem in Massen sinnvoll entgegenzuwirken. Wenn das ALLE denken, soll’s mir Recht sein. Ich persönlich gewinne an persönlicher Freiheit, wenn ich sie auch Anderen wünsche, oder besser: ihnen persönlich – direkt oder indirekt – dazu verhelfen kann. (Ein “Helfer-Syndrom” kannst Du aber beruhigt stecken lassen ;)!)

P.S.: Das mit dem Papst war natürlich ein Scherz, bei dem ich Rayson gegenüber ohne Smiley auskomme – momentan nicht achtend, dass es auch Mitleser gibt. – Und das mit den Schüssen am Ende kannst Du einpacken; darüber sind wir definitiv hinaus.

Bodo Wünsch, 18.07.2008 15:00

Wer würde das je abstreiten – dass Not persönlicher Freiheit, ja Würde abträglich wäre? Ich sicher nicht.

Auf einem ganz anderen Blatt steht jedoch die Frage, wie sich eine Legitimation eines Zwangseingriffs begründen ließe, “Nöte” zu beseitigen (und zwar schonmal ohne andernorts neue Nöte zu reißen).

Und wieder: Es gibt kein (normatives) Gemeinwesen.

Zu den Schüssen: Ich halte das für _nicht_ erledigt. Ich traue Staaten nicht – eben weil, wie Du sagst, _indirekt_ Verantwortungen verteilt wurden….

Lina, 18.07.2008 18:50

@ Bodo

Es gibt kein (normatives) Gemeinwesen.

Aber praktisch hast Du es doch, sitzt mitten drin – und damit in der Patsche. Wie lässt sich das ignorieren, bzw. leugnen? Es ist die aktuelle (gesellschaftliche) Situation, aus der bestenfalls eine bessere zu machen ist; die optimale sitzt als Idee im Kopf, von wo aus sie sich nur als treibende Kraft realisiert.

…wie sich eine Legitimation eines Zwangseingriffs begründen ließe

Durch eine Ethik, die dem Heranwachsenden (gegen seine Natur?) eingetrichtert wurde? Nach der (aus Rücksicht gegenüber dem Mitmenschen) Besitzverhältnisse so zu sein haben, dass sie keinen Anlass zu ungerechtfertigter (???, ja, weiss schon…) Benachteiligung geben? Das Prinzip der Umverteilung dürfte derselben Ethik entsprungen sein. Woher aber ein “Recht” zum Zwangseingriff kommen soll, weiss ich auch nicht, es sei denn, Volkes Stimme, genauer die Mehrheit, hätte es per Stimmzettel so gewollt. Ich sag’ ja, es ist die Demokratie ;-)…

Ich glaube nicht, dass jemand mit dieser Ethik andernorts Nöte aufreissen WILL; er weiss es nur nicht besser, als dass die (“linke”) Stossrichtung seiner Politik immer nach OBEN zu gehen hat, wo er die Übeltäter vermutet, bei denen etwas für UNTEN zu holen ist – und “samma moi (auf bayrisch) ehrlich”, Bodo, die meisten (schon) Habenden vermehren lieber als dass sie abgeben würden; zu Recht, wirst Du sagen, von mir aus, sag’ ich. Und frage mich im Anschluss, wie der breiter und tiefer werdende Graben (…und sag’ jetzt nicht, es gäbe ihn nicht!) zwischen Habenden und Habenichtsen sich auf Zeit auswirkt; nur für den Fall, dass er unüberwindbar wird, kann ICH mir Schüsse vorstellen…

Frank Martin, 22.07.2008 09:30

Aus der Behauptung eines Gemeinwesens folgt noch nicht seine Existenz.
Nicht umsonst kann jeder um sich schauen und erkennen:

“Der Sozialstaat ist am beliebtesten bei den Asozialen. ”
Michael Klonovsky

Ein Repressionsapparat wie der Sozialstaat kann nicht zugleich ein Gemeinwesen sein, denn es fehlt an der Zustimmung und Zuwendung der Gepressten und Gegängelten.

Es hat auch nichts mit Ethik zu tun, wenn behauptet wird, die Menschen seien schlecht und dumm und müßten daher von der Guten gezwungen werden, ihre Ersparnisse abzugeben. Das ist blanke Menschenverachtung.

Aus einer Mehrheit für Zwang ergibt sich auch kein Recht auf Zwang, Demokratie legitimiert keine Angriffe auf die Nichtdemokraten. Es ist auch nicht einzusehen, warum wir, den Willen der Umverteiler berücksichtigen sollten, allein ihre Not und Elend erzeugenden Taten sind entscheidend und es ist mit keiner Logik zu erklären, warum der Graben zwischen den Menschen größer werden sollte, wenn da niemand ist, der systematisch raubt und hehlt.

 
 
 
 
 
Marco, 18.07.2008 22:11 Subscribed to comments via email

Es gibt kein (normatives) Gemeinwesen.

Richtig, “Gemeinwesen” kann nur ein deskriptiver Begriff sein, alles andere in Fantasy.

@Lina

Aber praktisch hast Du es doch, sitzt mitten drin …

Und daraus ergibt sich was? Du kannst doch für dieses von Dir wahrgenomme Gemeinwesen tun, was immer Du möchtest, aber bitte formuliere keine Verbindlichkeiten für andere, die einfach nicht existieren.

Lina, 18.07.2008 23:15

@ marco

Du kannst doch für dieses von Dir wahrgenomme Gemeinwesen tun, was immer Du möchtest

Ah, noch so ein Hinweis von der üblichen (auf private Caritas verweisenden) Sorte! Die Sammlung wächst.

Es gibt also kein Gemeinwesen. In akademischen Kategorien (als normativen oder deskriptiven Begriff), nicht aber in echt. Demnach ist es falsch zu glauben, der Raum für “politisches Handeln” sei (als Nachfahre der Polis) ein real existierendes *Gemeinwesen*. Oki ;).

(Sorry für die Verbindlichkeiten, Bodo!)

 
 
Marco, 18.07.2008 23:21 Subscribed to comments via email

@Lina

Du brauchst mich gar nicht in den Elfenbeinturm schieben zu wollen. Ich bin kein Akademiker und im Gegensatz zu Dir — so mutmaße ich mal — weiss ich, was Armut bedeutet und wer einem hilft und nicht hilft, sich aus dieser Armut zu befreien. Der Staat gehört zu letzterer Sorte, Freunde, Familie, gute Menschen allgemein zu ersterer.
Begreif endlich, dass der Staat kein Interesse an der Minimierung von Armut haben kann, denn die Abhängigkeit der Menschen vom Staat bedeutet für diesen Macht. So einfach.

Lina, 19.07.2008 09:11

Sorry – diesmal für Verbindlichkeiten zu einem Elfenbeinturm, von dem ich auch nicht weiss, wie es sich darin wohnt. Dogmatiker suche ich dort aber nicht – oder ist das etwa kein Glaubenssatz?

…dass der Staat kein Interesse an der Minimierung von Armut haben kann, denn die Abhängigkeit der Menschen vom Staat bedeutet für diesen Macht

Der Staat als (Droh-)Fetisch, oder: wie man ein Pferd aus Überzeugung vom Schwanz her aufzäumt ;)…

Marco, 19.07.2008 16:06 Subscribed to comments via email

… oder ist das etwa kein Glaubenssatz?

Nein, liebe Lina, das ist eine Mischung aus persönlicher Erfahrung, dem (oberflächlichen) Studium der “Österreichischen Schule” der Ökonomie) und meiner moralischen Grundhaltung, das Zwang und Gewalt etwas schlechtes sind, egal mit welcher Begründung sie initiiert werden.

Lina, 20.07.2008 09:50

Wenn ich hier tatsächlich “Zwang und Gewalt” erkennen könnte, würde ich Dir zustimmen, lieber Marco – aber so? Die Behauptung, dass “der Staat” aus Gründen des Machterhalts (die zweifellos wirksam sind) kein Interesse an der Minimierung von Armut habe, erscheint mir konstruiert, d. h. ich finde keinen Beleg dafür

Was tut “er” mit der Macht, die ihm Deines Erachtens aus Armut zuwachsen soll? “Er” befriedigt das Wahlvolk, indem “er” vorgibt, ihm die Armut nehmen zu wollen.

Doch nicht er, der Staat als Gebilde, sondern die Mehrheiten der Parteiendemokratie sind es, die “ihn” dazu zwingen; “er” selbst ist folglich nur Instrument für gewalttätige Volksvertreter. Deine Kritik, die eigentlich Demokratiekritik wäre, trifft also den Falschen ;-) – IMHO.

jo@chim, 20.07.2008 11:41

“Der Staat”, liebe Lina, ist ein Popanz aus dem Sozialkundeunterricht 8. Klasse (und dem aktuellen libertären Mainstream der BRD).

Wer Hayek – und/oder auch Gramsci – gelesen hat, wer überhaupt politische und soziologische Debatten im 21. Jahrhundert jenseits von PFS und DKP zur Kenntnis nimmt, weiss dass die Gesellschaft nicht dichotomisch aufgebaut ist, dass der real existierende staatsmonopolistische Kapitalismus keineswegs alleine oder auch nur vorwiegend auf “Zwang und Gewalt” beruht.

Richtig ist freilich, dass die jeweils demokratisch gewählten Bürokratenfraktionen sehr wohl ein Interesse daran haben, sich ihre Wählerklientel (die die nicht laufen können/wollen im Sinne von Kant) zu erhalten.

Wer Leibrente bezieht, den muss man nicht mit dem Prügel zwingen, ein Loblied auf seinen Herrn zu singen…

… problematisch wirds allerdings, wenn das Geld für die Alimente knapp(er) wird: dann werden die Schäflein bös und blöken in braun und rot oder treten auch mal nach den wirklich Schwachen, wie in den national befreiten Zonen des Ostens so schön traurig zu beobachten ist…

Sky, 20.07.2008 12:01

Mal aus nicht-libertärer Sicht nachgefragt:
- Besteht denn Einigkeit darüber, dass die aktuellen Gegebenheiten alleinige Folge der aktuell laufenden Systeme sind?
- Dass der Mensch ohne Systeme also nichts wäre?
- Dass es auch in einer “Plutokratie” (Ihr versteht das wohl positiv, also denkt Euch hier bitte ein Euch genehmes System.) pol. Macht zu verteilen gäbe, da diese automatisch entsteht, wenn Menschen zusammen sind?

Nichts gegen die hayeksche Beobachtung, dass der Markt bzw. die Marktwirtschaft auf natürliche Weise entsteht und pos. zu sehen ist. Staatliche Macht muss aber den natürlichen Bemühungen der Menschen Win-Wins zu schaffen nicht entgegen stehen.

Lina, 20.07.2008 17:30

@ Sky

Heute in einer TV-Diskussion gehört, dass das Verhältnis Mann / Frau grundsätzlich nicht “friedensfähig” sei; das war mir nicht ganz neu, hat mich aber (so unumwunden ausgesprochen!) doch beeindruckt.

Ungefähr dasselbe, scheint mir, gilt für das Verhältnis zwischen Libertären und Ordoliberalen – wenn auch aus ganz anderen Gründen ;-).

Mit mehr zur Sache:

…wenn Menschen zusammen
sind…

…kann ich derzeit leider nicht dienen, sorry; aber Du wirst Dir ja selbst ein Bild machen :-D.

Sky, 20.07.2008 17:54

Was gibts denn da so alles?
Ich kenne namentlich:
- Ordoliberale (keine Ahnung was das ist)
- Neo-Liberale
- Libertäre (auch noch nicht lange, LOL)
- Anarcho-Kapitalisten

Dass hier Instanzen dieser Glaubensrichtungen in doch recht geballter Form auftreten hätte ich nicht erwartet. Finde ich auch ein wenig unangenehm.
Zu den Umständen des Statler-Abgangs gahörten ja auch einige, äh, Vorfälle, LOL.

 
 
jo@chim, 20.07.2008 17:58

Wen meinst Du mit “Ihr” Sky? An was, was ich von mir gegeben habe, knüpfst Du mit Deinen Projektionen an?
Kann mich nicht erinnern, jemals das Wort “Plutokratie” benutzt zu haben…

Sky, 20.07.2008 21:49

Darum ja auch “Plutokratie”, also der Sprung in die Abstraktion per Anführungszeichen. (Anarcho-Kapitalismus scheint mir bspw. in diese Richtung zu gehen.)

Das “Ihr” ist natürlich vereinfachend gemeint, selbstverständlich sind hier unterschiedliche Meinungsmengen am Start. Aber _Du_ darfst Dich angesprochen fühlen.

Ich hatte als ich frisch auf dieses Inhaltsangebot gestossen bin mal nach einer Agenda gefragt, da es die nicht gab und gibt weiss ich manchmal nicht, welche Meinungsmengen hier präsentiert von den sehr geehrten Bloggern.
Ich kannte nur Oliver Hartwich, der schien mir aber eher konservativ, LOL.

Lina, 21.07.2008 09:16

Wenn ich (unangesprochen) was dazu sagen darf: suchst Du nach etikettierten Schubladen? Wie der Name des Blogs schon sagt, treffen hier Leute aufeinander, die immerhin der Ärger eint, dass zu viel Din-A-4-formatiertes Denken aus staatlichen Aktenordnern angewendet und abgelegt wird – und nicht nur dort.

Verfechter von Freiheit also, denen Bürgerrechte wichtiger sind, als sie Bürokraten je sein könnten. Um den Anteil Staat wird gestritten; die einen wollen den liberalstmöglichen Minimalstaat, die anderen libertärerweise gar keinen. Das ist IMHO der Punkt, um den es hier geht. Schieber offen, Ende offen.

Sky, 21.07.2008 11:45

Sagen wirs mal so, als konservativ-liberaler Mensch habe ich eigentlich kein Bock langfristig dieses Blog zu lesen um dann bspw. irgendwann festzustellen, dass hier bspw. grösstenteils staatskeptizistische und progressive Liberale am Start sind, die bspw. einen wehrlosen “Minimalstaat” wollen.
Oder, dass die Bedürftigkeit unbearbeitet bleibt.

Das wäre nicht mein Ding. Zudem möchte ich hier einräumen auch schon mal auf pseudo-konservative Blogs hereingefallen zu sein, die irgendwo im Junge Freiheit-Milieu angesiedelt sind, mit Schreibern, die unter Leidensdruck stehen.
(Kennt eigentlich jemand ein konservatives Blog, das Niveau hat. Mit Leuten ohne Leidensdruck und gelegentlichen rechten Ausfällen?)

Ich hoffe natürlich, dass meine Befürchtungen bzgl. dieses Blogs nicht zutreffen, aber, LOL, ganz sicher bin ich mir da nicht.

jo@chim, 21.07.2008 12:02

Also gut Sky, dann fühl _ich_ mich eben angesprochen :-)

Agenda gibt es übrigens durchaus.

Das darüber hinaus gehende starke Bedürfnis nach ein-eindeutigen Schubladenbeschriftungen, gerade vieler die sich mehr oder weniger liberal verorten, nehme ich immer leicht amüsiert zur Kenntnis: ich würde es eher mit Marion Gräfin Dönhoff halten, die einmal gesagt hat, der legitime Platz des Liberalen sei der zwischen den Stühlen…

Aber mit staatskeptizistischer und progressiver Liberaler der bspw. einen wehrlosen “Minimalstaat” (oder vielleicht einen Minimalstaat mit wehrhaften Bürgern? *gg*) will, hast Du es – bei mir – schon ganz gut getroffen :D

Zu Deinen Fragen:

Besteht denn Einigkeit darüber, dass die aktuellen Gegebenheiten alleinige Folge der aktuell laufenden Systeme sind?

Ich bin mir einig ;-) dass es keinen utopischen Endzustand oder gar eine perfekte Organisation der Gesellschaft gibt. Wenn also einmal der unheilvolle Einfluss des Staates auf ein notwendiges Mindestmass zurückgefahren sein sollte (Vorsicht Dialektik!) wird es immer noch genügend Dinge geben, über die man sich tierisch aufregen können wird

- Dass der Mensch ohne Systeme also nichts wäre?

Erklärt sich doch – ausser vielleicht für’n paar ausgeflippte Individualanarchisten oder radikale Konstruktionisten – von selbst, oder? Schöner Trick der Etatisten übrigens, das Zurückfahren staatlicher Tätigkeit mit der Auflösung gesellschaftlicher Beziehungen zu “verwechseln”. Das Gegenteil ist der Fall. Der Nanny-State zerstört soziale Verantwortung, IMHO.

Dass es auch in einer “Plutokratie” (Ihr versteht das wohl positiv, also denkt Euch hier bitte ein Euch genehmes System.) pol. Macht zu verteilen gäbe, da diese automatisch entsteht, wenn Menschen zusammen sind?

Unter “Plutokratie” verstehst Du wohl ein System, das weniger auf Zwang und Enteignung, sondern mehr auf freiwillig geschlossenen Verträgen, vermittelt über das universelle Tauschmittel Geld, beruht? Machtausübung, auch ungerechtfertigte (z.B. patriarchale Machtverhältnisse in Familien) gibt es natürlich auch da. Politische Macht im Sinne Herrschaft über die Ressourcen (das Eigentum) anderer ist allerdings per Definition nicht möglich, wenn es nichts umzuverteilen gibt.

Zufrieden?

P.S.: mit dem Konservativismus von OMH komme ich als eher anarchoider ;-) Liberaler ausgezeichnet zurecht, weil sich das bei ihm als positive Werteorientierung äussert, nicht als diese piefige, meist xyz-phobe, Abwehrhaltung gegen alles was nicht dem eigenen engen Horizont entspricht, die oft als “konservativ” verkauft wird. Und auf der Ergebnisseite (d.h. bei den politischen Forderungen) sind wir dann wieder ganz nah beisammen (Anekdote am Rande: Anfang der 80er habe ich in London in einem der besetzten Häuser gelebt, über die Oliver ein Buch geschrieben hat… )

Sky, 21.07.2008 18:53

Danke, also ist doch Vernunft da.
Nicht ganz meine Meinungsmenge, aber ich hätte das mit dem “radikalen” Liberalismus auch nicht überlesen sollen.
LG + weiterhin viel Erfolg, Sky

 
Oliver M.H., 21.07.2008 19:18 Subscribed to comments via email

Nur um das einmal festzustellen: Ich halte mich überhaupt nicht für konservativ. Vielleicht noch eher in einem britischen Sinne, aber eigentlich auch da nicht. Da bin ich doch lieber ein Liberaler, wenn auch kein anarchoider …

 
 
Lina, 21.07.2008 12:13

@ Sky

Was sind Schreiber, die “unter Leidensdruck stehen” anderes als Leute, die es mit ihren Ansichten ernst meinen, hier wie dort, in Politik oder Literatur? – (Mir fällt da gleich Kafka ein: Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? (…) Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.)

Gefrorene Staatsgebilde gibt es auch und die Axt wäre nicht das schlechteste Werkzeug, finde ich, das Bürokraten & Antibürokraten (im Duo) mal in die Hand nehmen könnten.

Du hast keinen Bock? Es zwingt Dich doch keiner, hier schon gar nicht, wo die Abwesenheit von Zwang Freiheit bedeutet. – Nein, ein anständiges konservatives Blog kenne ich nicht, braucht’s anscheinend nicht – vielleicht, weil es da nicht gross was zum Streiten gibt? Eine Vermutung ;)…

Sky, 21.07.2008 12:23

Ach, das mit dem Leidensdruck (man beachte bitte das Fachwort), da sind bspw. Leute am Start, die gesellschaftliche Entwicklungen merkwürdig persönlich nehmen. Beliebt sind auch Untergangsszenarien und Verschwörungstheorien und – ganz typisch – der Glaube, dass die BRD in der jetzigen Form in 10 Jahren (das typische Intervall) zusammenbricht. Gähn, sowas haben schon die Punks 1978 aufgetischt.

Den Rest verstehe ich mal wieder nicht, LOL, LG Sky

 
 
 
 
 
 
 
Marco, 20.07.2008 14:33 Subscribed to comments via email

Wer Hayek – und/oder auch Gramsci – gelesen hat, wer überhaupt politische und soziologische Debatten im 21. Jahrhundert jenseits von PFS und DKP zur Kenntnis nimmt, weiss dass die Gesellschaft nicht dichotomisch aufgebaut ist, dass der real existierende staatsmonopolistische Kapitalismus keineswegs alleine oder auch nur vorwiegend auf “Zwang und Gewalt” beruht.

Oh mann, wie ich es liebe wenn (studierte?) Leute unbedingt den Intellektuellen raushängen lassen wollen, dann aber die geistige Unterhose runterlassen. Also, , dir ist schon bekannt, dass die Grundlage staatlichen Handelns, was ihn von den anderen gewälttätigen Gangs unterscheidet, diese Fetzen Papier ist, den die Menschen, die sich als Staat bezeichnen, Gesetz nennen. Das Charakteristikum eines Gesetzes ist, dass mit immer mit dessen gewaltsamer Durchsetzung gedroht wird. Deshalb reklamieren die Damen und Herren mit den lustigen Bezeichnungen und weniger Lustigen “Zuständigkeiten” ja auch dieses komische Gewaltmonopol für sich. Beispiel eins: Merkels Vorgänger, Adolf Hitler, hat mit seinen Freunden ein Gesetz ausgekaspert, dass alle Eltern ihre Kinder in staatliche Schulen oder in staatlich beaufsichtigte Schulen in “freier Trägerschaft” abzuschieben haben. Die meisten Leute machen natürlich was ihnen gesagt wird und schicken die Kinna da hin. Dann gibt es aber noch die seltenen Fälle in Deutschland, in denen die Leute abzuweichen wagen. Familie Dudek tut dies, unterrichtet ihre Kinder in eigener Verantwortung. Plötzlich kommen Menschen an, die sich selbst “Schulamt” nennen, sagen, das geht so nicht. Den Dudeks ist das relativ wurscht, sind ja schließlich ihre Kinder. Die Menschen, die sich “Schulamt” nennen, laufen nun zu ‘nem Menschen, der sich selbst “Richter” nennt. Der “lädt” die Dudeks (ebenfalls auf “gesetzlicher Grundlage” unter der Androhung von Zwangsmaßnahmen) ein, sagt denen, die hätten nun an ihn Kohle zu zahlen. Warum eigentlich? Die Dudeks machen’s trotzdem, denn sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden, wissen aber dass die Typ, der sich “Richter” nennt, Freunde hat, die Knallstöcke besitzen. Ihre Kinna schicken sie aber trotzdem nicht in die Staatsschule. Nun bekommt die Leute, die sich selbst “Schulamt” nennen den totalen Schuss. Schließlich bestimmen die hier, wo’s langgeht, Gesetz ist Gesetz und da hat sich gefälligst jeder dran zu halten, ob der will oder nicht! Also Laufen die Menschen, die sich “Schulamt” nennen, wieder zu ihrem Kumpel, dem “Richter” und jammern, dass die Dudeks nicht gehorchen wollen. Der Typ, der sich Richter nennt, “lädt” die Dudeks nun wieder vor — wieder selbstverständlich unter der gesetzlich bestimmten Androhung von Gewalt. Nun reichts dem, denn die Dudeks zeigen sich “uneinsichtig”, ihre Kinder zur staatlich Normung rauszugeben. Deshalb heißt das “Urteil” des Typen, der sich “Richter” nennt: 3 Monate Haft!

Aber Staat hat natürlich mit Gewalt nichts zu tun, gar nichts. Ist klar. Ohne Gewalt, mein lieber Achim, gäbe es keinen Staat. “Staat” ist nichts anderes die Bezeichnung für Menschen, die gewohnheitsmäßig Gewalt gegen andere in einem abgegrenzten Gebiet ausüben bzw ausüben lassen (und manchmal darüber hinaus, was sich dann “Krieg” nennt) und dabei schicke Anzüge tragen und sich witzige Namen geben.

und dem aktuellen libertären Mainstream der BRD

Um den Begriff “libertär” in Verbindung mit dem BRD-Mainstream zu bringen, braucht es wohl an Maß an Phantasie und Kreativität, das selbst mir abgeht. Hm, dabei habe ich mich bisher eigentlich als kreativen und phantasievollen Menschen empfunden … *schnief*

jo@chim, 20.07.2008 17:42

Behalte die Fassung… und spar Dir Deine Belehrungsversuche. *kopfschüttel*

Hör ein wenig schöne Musik, anstatt Dich zu empören, auf Punk4Punks AAC+* z.B., und entspann Dich…

(*Streamlink: http://208.109.250.49:8002 – allererste Empfehlung für unausgelastete Sonntagnachmittage! Da läuft gerade Black Flag… passt ja ganz gut).

:D

P.S.: Nein ehrlich, Deine Tirade ist mir zu unstrukturiert, off topic, aufgeregt – und noch nicht mal den Sinngehalt dessen was ich geschrieben habe erfassend….

… schönen Sonntag noch.

Lina, 20.07.2008 18:10

Ist es denn gestattet, Deine Angebotspalette durch eine US-Klamotte zu erweitern? Zugegeben, ist reine Geschmackssache, entspannt aber ausserordentlich, finde ich ;-)!

http://youtube.com/watch?v=KmsOIjzQ1V8

 
Marco, 20.07.2008 19:03 Subscribed to comments via email

Wenn Du nicht diskutieren willst, dann kannst Du das doch direkt sagen und musst nicht bemüht süffisant dahersäuseln …

Zur Entspannung höre ich übrigens gerade das:

http://de.youtube.com/watch?v=golCPnUiKv4

Alles andere wäre jetzt ja zu viel für mich, mein Herz, mein Herz …

Lina, 21.07.2008 10:08

@ Marco

Schicksal: Antwort muss wegen mangelnder Geländegängigkeit verunfallt sein – but it shouldn’t take a fight outta you! I agree to A-Kismet.

(Da verträgt einer offenbar keine Aufregungen, macht auf herzkrank – and you don’t let it take a fight outta you, Na ja, kann ich auch wieder verstehen ;-).

 
 
 
 
Lina, 20.07.2008 15:33

Danke für’s Zurechtrücken samt Aufklärung, lieber , die ich lektüremässig solange “versäume”, wie ich von hier aus in die Materie hineinriechen kann ;-)….

Wer Leibrente bezieht, den muss man nicht mit dem Prügel zwingen, ein Loblied auf seinen Herrn zu singen…

Eben, da genügt es, alle vier Jahre der Wahlzettel hinzuhalten – weshalb das Ergebnis aus Leibrentnerkreisen plus Befürwortern von Leibrenten nicht wundert, dafür ärgert. Für die wirklich Schwachen – und ich erweitere den Kreis um diejenigen die tatsächlich keinen Job in der Wirtschaft finden können – sollte sich innerhalb dessen, was wir “Staat” nennen, eine Art öffentlicher Raum finden lassen, in dem sie sich für Geld betätigen können. (Die Leibrente – übrigens eine Begriffsprägung erster Wahl (!), zutreffend auf einen Grossteil deutscher Grundsicherungsbezieher.)

Btw: Ich hab’ da kürzlich von einem Rentner-Projekt in USA erfahren, halbstaatlich, bei dem ältere Leute ab etwa 60, auch darunter, die Meisten weit darüber, feinmechanischen Werkzeugen den letzten Schliff gaben und sie versandfertig machten. Die waren sowas von “happy”, überhaupt gefragt zu sein, dabei soziale Kontakte pflegen zu können, und nebenbei noch ordentlich Geld zu verdienen. Das hat mir schwer imponiert angesichts deutscher Leibrentner jeden Alters, die sich sogar der Leiharbeit des Spargelstechens verweigern wollen – und können!

Marco, 20.07.2008 15:42 Subscribed to comments via email

Lina, von dem “Projekt” in den USA hab ich auch gehört. Allerdings handelte es sich da um ein stinknormales Unternehmen, das am Markt agiert und mit der Arbeit seiner Angestellten Profit erwirtschaftet (Der Unternehmer sinngemäß: “Wenn’s kein Profit bringen würde, würde ich es ja nicht machen.”). Da war auch nichts “halbstaatliches” dabei.

Sky, 20.07.2008 16:14

Yo, ich seh schon, da ist Glauben und Religiösität im Spiel. Hoffe mal, dass sich sowas nicht auch bei den Bloggern hier eindeutig nachweisen lässt. Dann geh ich nämlich nach Hause! LOL

Sky, 20.07.2008 16:19

Upps, falsch platziert, gehört natürlich weiter nach oben, angehängt an den Beitrag des selben Kommentators.

 
 
Lina, 20.07.2008 16:48

Umso besser, Marco, wenn sich sowas sogar für in der freien Wirtschaft auszahlt! – (Ich meinte, von “subventioniertem Betrieb” gehört zu haben, hmm…)

 
 
 
 
Marco, 20.07.2008 14:37 Subscribed to comments via email

Lina, das ganze Problem scheint mir zu sein, dass Du (Problem linker Denkstrukturen) den Staat materialistisch begreifst. Der Staat existiert aber nicht. Wenn ich den Begriff Staat benutze, beschreibe ich damit Beziehungen und Verhaltensweisen von Menschen, die ich ihrem Wesen nach ablehne, weil diese Beziehungen auf gewaltsamen Verhalten oder dem Drohen mit Gewalt basieren.

Lina, 20.07.2008 16:50

Nein, Marco, das ganze Problem besteht darin, dass ich realisiere, wann ich in den Baumarkt zu gehen habe – wenn mir etwas (das da ist) erneuerungsbedürftig, bzw. reparabel erscheint; und dass ich mich in Denkstrukturen bewege, die mich direkt dorthin führen.

Vorher habe ich mir natürlich (dialektisch!) Gedanken gemacht, denn geeigneter Beratung ist dort nicht zu rechnen ;).

 
 
 
 
 
 
Libero, 21.07.2008 13:15

Der Nanny-State zerstört soziale Verantwortung

Richtig ist, das der Sozialstaat das soziale Miteinander beeinträchtigt. Die soziale Verantwortung wird also zerstört.

Nur durch den Sozialstaat? Sagt dir das deine doch vielschichtigere und positiv gemeint schillerndere Lebenserfahrung, lieber

Ich behaupte, die soziale Verantwortung geht vorallem darum zurück, weil das Miteinander nicht mehr notwendig sind. Weil wir wirtschaftlich voneinander nicht mehr so abhängig sind wie noch vor Generationen Der Sozialstaat schickt Finanzen oder staatlich bezahlte Kümmerer. Es gibt auch privatwirtschaftlich bezahlte Kümmerer. Das hat keinen Einfluß auf die soziale Verantwortung? Wenn anstelle des von Nachbar zu Nachbar das von Nachbar zu Kümmerer tritt?

Du bist doch so naiv,

Ich streiche den Sozialstaat. Jetzt.

kommt dann die soziale Verantwortung zurück? Ist soziale Verantwortung elastisch reversibe. Kehrt zurück, wenn der Sozialstaat geht. In den Ausgangszustand?

Was war der Ausgangszustand?

Hat es den soziale Verantwortung gegeben, bevor es den Sozialstaat gab. Die soziale Verantwortung von Nachbar zu Nachbar, nicht die innerhalb einer Familie? Und selbst die war nicht überall vorhanden. Gewiss, es gab positive Beispiele, angeregt durch Einzelne, die eine Bewegung schaffen. Raiffeisen wäre ein Beispiel. Auch einige Liberale.

Aber sonst. Herrschte im 19. Jahrhundert überall die soziale Verantwortung vor? Handelten alle Gutherren, alle Bauern mit Gesinde, alle Meister mit Gesellen oder Lehrlingen sozial verantwortlich? Es gibt Biographien, die soziale Verantwortung schildern und andere, die nur das Gegenteil schildern können.

Ich fürchte, so einfach, wie es sich einige liberale Romantiker vorstellen, ist das nicht. Das Wiedererstehen der soziale Verantwortung ist harte persönliche Arbeit über Jahrzehnte. Durch Vorbild und eine Art Mentorverhältnis. Mit Einfluss auf vielleicht drei, vier Menschen außerhalb der eigenen Familie.

Lina, 21.07.2008 18:24

Btw, Libero, es ging doch hier nicht um die soziale Verantwortung, wie sie jeder in seinem persönlichen Umkreis – vorbild- oder mentorenhaft oder auch ganz unauffällig – übernehmen dürfte, sondern um die nachteiligen Effekte staatlicher Wohlfahrt. Den Nanny-State und die Hängematte eben, aus der heraus soziale Verantwortung delegiert wird an Vater Staat. Und in der als Foge Selbstständigkeit und Eigeninitiative zu verteidigungsfähigen Untugenden verkommen können, für deren Kosten der verantwortliche Steuerzahler ungern aufkommt.

Ich behaupte, die soziale Verantwortung geht vorallem darum zurück, weil das Miteinander nicht mehr notwendig sind.

Da ist einiges dran, aber nicht mehr zu ändern; die von Dir immer wieder heraufbeschworenen Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Sollte aber dann automatisch die Folge sein, laut und immer lauter ersatzweise nach dem Staat als Rundumversorger zu rufen? Es tut niemandem gut, in der Hängematte sein Rückgrat zu vernachlässigen. IMHO darf allenfalls Hilfe zur Selbsthilfe staatliches Angebot sein, mehr nicht. – (So verantwortungslos wollen wir doch nicht sein, dass wir dem Mitbürger seine brachliegenden Optionen abkaufen ;-).

 
 
Joachim Griebe, 29.07.2008 17:23 Subscribed to comments via email

Ich betreibe seit vielen Jahren ein Forum zum Thema Künstlersozialkasse.

http://www.kskforum.de

Ich bin Musiker – über die KSK pflichtversichert und werde gerade als möglicher Verwerter übertprüft .

Vielleicht findet man auf meiner Webseite den ein oder anderen Beitrag zur weiteren Diskussion .

 
Apostolos Simeonakis, 30.07.2008 15:47 Subscribed to comments via email

Ist euch fleissigen Bloggern das Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG) bekannt?

Falls “JA”, ist euch dann auch bekannt:

- dass das Gesetz dazu führt, das viele selbständige Kreative durch ihre Kunden gezwungen werden, die Rechtsform einer Kapitalgesellschaft (z.B. GmbH) anzunehmen, da die Kunden NUR bei Beauftragung von Personengesellschaften die Künstlersozialabgabe zu verwalten und zu leisten haben?
–> Das ist eine Benachteiligung von Personengesellschaften, die existenzgefährdend ist

- dass die Künstlersozialabgabe auch dann von Auftraggebern zu leisten ist, wenn der beauftragte Künstler lt. KSVG definitif KEIN Künstler ist?
–> Es gibt viele Kreative, die von der Künstlersozialkasse (KSK) NICHT als Künstler anerkannt werden. Diese kommen dann nicht in den Leistungs-Genuss der KSK. Dennoch müssen die Auftraggeber der nicht-versicherbaren-Künstler die Künstlersozialabgabe leisten.

- dass Inhaber von Künstler-Kapitalgesellschaften (z.B. Werbeagentur GmbH) auf ihr Einkommen und ihren Gewinn die Künstlersozialabgabe zu leisten haben? Auch wenn die Inhaber nicht in der KSK versichert bzw. versicherbar sind?

- dass nahezu alle Unternehmen, die Eigenwerbung betreiben, regelmäßig Künstler beauftragen?
–> Werbeagenturen, Werbefotografen, Webdesigner sind nämlich lt. KSVG Künstler

———————————————————————-

Das KSVG ist nicht neu. Es existiert seit 1983. Leider ist es den meisten Künstlern und Kunden nicht bekannt, da keine Aufklärung betrieben wurde.
Die Künstlersozialabgabe beträgt im Schnitt ca. 5%. Auftraggeber müssen demnach auf alle von einem Künstler in Rechnung gestellten Leistungen zusätzlich die 5% an die KSK abführen. Bei einem Jahresbudget von z.B. EUR 50.000,- müssen demnach EUR 2.500,- an die Kasse bezahlt werden – auch wenn der beauftragte Künstler nicht in der KSK versichert ist bzw. NICHT VERSICHERBAR (da lt. KSVG kein Künstler).

Derzeit herrscht dicke Luft zwischen Künstlern und ihren Kunden, da die Kunden sich von den Künstlern hintergangen fühlen. Sie werfen den Künstlern vor, sie nicht zu Beginn der Zusammenarbeit über die Abgabe informiert zuhaben. Die Künstler erwidern, dass sie das selbst nicht wussten.

Zu den Künstlern zählen lt. KSVG nicht nur Maler, Bildhauer, Zauberer … usw.
Künstler sind lt. KSVG folgende Berufe:
Bildjournalist, Bildberichterstatter, Pressefotograf
Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit oder Werbung
Journalist, Redakteur
Korrespondent, Texter
PR-Fachmann
Übersetzer / Bearbeiter
Fotograf (künstlerischer), Lichtbildner, Fotodesigner
Grafik-, Mode-, Textil-, Industrie-Designer
Karikaturist, Trick-, Comiczeichner, Illustrator
Layouter
Maler, Zeichner, Grafiker
Werbefotograf, Stylist, Visagist
Webdesigner
Disc-Jockeys, Alleinunterhalter
Musiker
Sänger
Bühnen-, Film-, Kostüm-, Maskenbildner
Bühnenmaler
Kameramann
Quizmaster, Entertainer, Komiker
Schauspieler, Kabarettist
… usw…

Und übrigens: Die Künstlersozialabgabe ist nicht nachträglich bis 1991 zu leisten, sondern “nur” für 5 Jahre rückwirkend ab Feststellung.

T. Albert, 30.07.2008 19:12

Blödsinn. Es hat, solange ich in Deutschland gearbeitet habe, nie einer meiner Auftraggeber irgendeinen Pfennig gesondert in die KSK bezahlt.
Zweitens: natürlich bezahle ich als Künstler auch die Sozialkosten jedes meiner Auftragnehmer mit, auch vergünstigte Versicherungen bei irgendwelchen ständischen Versorgungseinrichtungen.
Drittens: in der Schweiz gibts – noch- keine KSK. Ich vermisse sie nicht, weil hier die Leute sich ihre Arbeit auch gegenseitig bezahlen.
In Deutschland ist das nicht so, deswegen hat mir die KSK trotz vielen Ärgers sehr geholfen, und deswegen bin ich weggegangen.
Wenn ich in Deutschland zu tun habe, mache ich immer dieselbe Erfahrung: gestalterische Arbeit, egal auf welchem Niveau, wird nach Möglichkeit nicht bezahlt. Bestellt wird so viel wie nie.

Apostolos Simeonakis, 31.07.2008 09:56 Subscribed to comments via email

Ich verstehe kein Wort:

Worauf bezieht sich “Blödsinn”?
Der vorherige Artikel von mir enthält viele Informationen und Fakten.
Welche davon sind denn bitteschön “Blödsinn”?

Bitte drück Dich verständlicher und weniger polemisch aus. Du klingst ja fast wie ein Mitarbeiter der KSK:
- Tatsachen leugnen
- Argumente ignorieren und
- in unverständlichem Deutsch kommunizieren

T. Albert, 31.07.2008 23:50

@ Apostolos Simeonakis
Wieso verstehst Du kein Wort?
Was verstehst Du nicht?

Mit “Blödsinn” meinte ich nicht Dich, sondern Teile der Diskussion hier. Insofern habe ich meinen kurzen, generalisierenden Einwurf, der auf persönlicher Erfahrung als langjährigem KSK-Mitglied und Arbeit als freier Künstler in Deutschland und der Schweiz beruht, falsch plaziert.

Der wichtigste Satz meines Einwurfes ist dieser:

“in der Schweiz gibts – noch- keine KSK. Ich vermisse sie nicht, weil hier die Leute sich ihre Arbeit auch gegenseitig bezahlen.”

Apostolos Simeonakis, 01.08.2008 08:42 Subscribed to comments via email

OK. Nach Lesen Deines Folgekommentars (der erschöpfend Herkunft, Situation und gegenwärtiges Schaffen Deiner Person darlegt), habe ich es verstanden.

Da Du mal aus der KSK “geflogen bist”, kannst Du Dich gerne auch mal an Joachim Griebe wenden. Der ist auch mal von der KSK verabschiedet worden und stand ohne Versicherung da.
Nur mit anwaltlicher Hilfe konnte er seine Mitgliedschaft wieder erkämpfen…

 
 
 
Bodo Wünsch, 31.07.2008 15:03

Tja, _das_ ist Blödsinn.

Da hat Herr Albert es offensichtlich nicht geschafft, gestalterische Arbeit zu einem _wert_schöpfenden Gut zu machen? ;-)

stefanolix, 31.07.2008 15:51

Wenn ich T. Albert in früheren Diskussionen richtig verstanden habe, arbeitet er als Architekt oder in einem ähnlichen Beruf. Soweit ich weiß, haben die Architekten als Freiberufler ein eigenes Versorgungswerk und nichts mit der KSK zu tun.

 
 
 
Bodo Wünsch, 31.07.2008 15:01

Hallo Herr Simeonakis – herzlichen Dank für Ihre zusätzliche gute Aufklärung in dieser Sache; ich bin ja voll auf Ihrer Seite.

Es bleibt natürlich die Frage, was jenseits reiner Interessenvertretung _im System_ effektiv dagegen getan werden kann. Meiner Meinung ist das aussichtslos und eine großartige Energieverschwendung, Energie, die anderweitig besser eingesetzt wäre.

Meiner Ansicht nach geht es nur, in dem man das System verändert (natürlich gewaltfrei, dass wir uns hier recht verstehen) und _nicht_ etwa durch ein anderes ersetzt.

Es gilt – und ‘wir’ Blogger leisten gerade hier auf A’team einen bescheidenen Beitrag – es gilt, unsere Leser und Leserinnen auf die Idee zu bringen, dass alles Miteinander auf dem Planeten ein Freiheitsprozess sein muss, gelegentlich schmerzhaft, wer bezweiftelt das, aber insgesamt der Menschwerdung äußerst dienlich…

Ich halte es für legitim, erkannte Systemfehler (und die sind _immer_(staatlicher) Vorsatz – bewusst zu hintergehen, solange, bis sie an ihrem eignen Gewicht zusammenbrechen. Und das werden sie.

Apostolos Simeonakis, 31.07.2008 15:54 Subscribed to comments via email

Hallo Herr Wünsch,

der “Kampf” gegen unsinnige Gesetze und Verordnungen gleicht immer dem Kampf gegen Windmühlen. Das gilt nicht nur für das KSVG – leider.

Ich war bisher kein politisch ambitionierter Mensch. Doch das KSVG lässt mir regelmäßig den Hals anschwellen. Aus diesem Grund wurde http://www.kskontra.de gegründet. Das Ziel: einen Verein zu gründen, um die Interessen der Leidtragenden zu vertreten.
Das KSVG ist – um es mit den Worten von Herrn Griebe zu beschreiben – „Gut gedacht, schlecht gemacht!“

Ich bin selbst Inhaber einer Werbeagentur und firmiere als Personengesellschaft. Noch im Laufe des Jahres 2008 werde ich in eine GmbH umfirmieren, da mir ansonsten die Kunden wegbrechen. Grund: die Kunden wollen von der Abgabe nichts wissen. Sie möchten diese nicht verwalten, nicht abführen und auch nicht den Hals für evtl. Falschberechnungen bei der Abgabehöhe in die Schlinge halten. Ich kann es Ihnen nicht verdenken.

Aber: Ich habe leider auch nicht gerade mal zufällig EUR 25.000,- in der Kasse liegen, um mal nebenbei die GmbH zu gründen…

Hinzu kommt, dass ich dann auf mein Gehalt und meinen Gewinn die Abgabe leisten muss. Bleibt die Frage “wozu?”
Ich bin nicht in der KSK versichert und wäre auch nicht versicherbar (selbst wenn ich es wollte), da meine Agentur ZU gewerbelastig ist. Also bin ich lt. KSVG KEIN Künstler. Aber dennoch fehlen mir in Zukunft in der Kasse 5% meines Gehalts und meines Gewinns. Klasse Gesetz.
Zusätzlich entstehen mehr Kosten mit Blick auf Steueerklärungen (Bilanz, Veröffentlichung, etc.) und der Gewinn ist ab dem 1,- EUR zu versteuern. Keine Steuerfreibeträge mehr in Zukunft bedeutet, dass in einem schlechten Wirtschaftsjahr auch die Steuerlast steigt…

Wer das KSVG in der jetzigen Fassung für gut befindet, hat es entweder nicht in Gänze verstanden – oder er ist ein Befürworter des Sozialschmarotzertums. Klingt hart, ist aber m.E. so.

Warum führen wir nicht gleich eine “Grundkrankenversicherung” und “Grundrentenversicherung” für alle bedürftigen Selbständigen ein? Da gibt es Landschaftsgärtner, Schneider, Friseure, Tätowierer, Konditoren … alles Kreative – aber keine Künstler… Und dann zahlen es einfach wieder alle über eine MwSt-erhöhung um ca. 1 %… Das wäre zwar eine Steuer-Sauerei, aber immer noch gerechter als das KSVG.

 
stefanolix, 31.07.2008 15:56

Meiner Meinung nach müsste das beim Bundesverfassungsgericht geklärt werden: die KSK kann doch nicht gleichzeitig Herrn X. als Mitglied ablehnen und für seine Arbeit Beiräge einziehen. Wenn sie für seine Arbeit Beiträge einzieht, muss er im Rahmen dieses Systems auch etwas davon haben. Kann da nicht mal ein Auftraggeber oder Auftragnehmer bis Karlsruhe gehen? Wegen vergleichsweise nebensächlichen Dingen wie einem Rauchverbot wird das doch auch durchexerziert ;-)

 
 
 
T. Albert, 01.08.2008 01:23

@Wünsch, stefanolix

Ich war, solange ich in Deutschland lebte und arbeitete, 8 oder 9 Jahre als freischaffender Künstler, nämlich Maler, in der KSK. Vor 10 Jahren ging ich zurück in die Schweiz, wo ich auch hergekommen war. Hier gibt es keine KSK, aber gute Zahlungsmoral.
(Deutsche Zahlungsmoral ist ja hier schon nachgerade ein Thema ganzer Abende. Auch ich kann darüber Geschichten erzählen, die mir hier einfach noch nie passiert sind.)
Der Eindruck aus früheren Diskussionen, ich sei Architekt, kommt daher, dass ich viel mit Architekten zusammenarbeite: in Kunst-am-Bau-Projekten, in landschaftsarchitektonischen Projekten, in beratender Funktion. Ausserdem war und bin ich Lehrbeauftragter und Gastprofessor und was da sonst noch so gibt an deutschen Universitäten im Fachbereich Architektur, weil ich so gut zeichnen kann und meine Arbeit auf Architektur und öffentlichen Raum beziehen kann. Das mache i ch zur Zeit sehr viel und fahre fast wöchentlich zwischen der Schweiz und dem Ruhrgebiet hin und her.
Wenn ich das nicht mache, dann zeichne und male ich sogenannte ungegenständliche Kunst, arbeite an gewissermassen theoretischen Architekturzeichnungen, mache manchmal Graphik, beteilige mich an Wettbewerben, stelle aus, verkaufe Arbeiten, arbeite mit einem Choreographen und Avantgarde-Komponisten an Tanztheaterstücken und Performances, im Herbst in Lateinamerika, ich bin ehrenamtliches Jurymitglied eines wichtigen deutschen Wettbewerbs für Studenten und Absolventen; bei Kunst-am-Bau-Aufträgen stehe ich immer noch selbst wochenlang auf dem Gerüst, bezahle dabei helfende Studenten und Praktikanten, wenn ich nicht selbst ausführe, weil ich etwas anderes entworfen habe, arbeite ich mit Handwerkern und Ingenieuren, mache Bauleitung und all die normalen Arbeiten nach Verdingungsordnung.

Was man als Künstler so machen muss, und ich mache alles als Künstler. Ich gehe nirgendwo hin ausser als Künstler.
Ich habe als Künstler, um leben zu können, auch als Bauarbeiter, Gärtnerei-Hilfsarbeiter, ungelernter Bauzeichner, Entwerfer für einen Designer und für Architekturbüros gearbeitet, ich habe für Architekten Präsentationsbilder gemalt, und so weiter, so lange bis ich meine eigene Arbeit tragfähig entwickelt hatte, um davon, mit den üblichen Rückschlägen, existieren zu können. Dann konnte ich in die KSK, nach ca. 7 Jahren.
Irgendwo festangstellt war ich in meinem Leben ca. drei Jahre.
Bei einem meiner Rückschläge flog auch ich aus der KSK raus und konnte einige Zeit auch die Krankenkasse nicht mehr bezahlen, die ich aber wegen meiner Nieren ziemlich brauche.

Alles klar jetzt?

Lina, 01.08.2008 09:27

Was man als Künstler so machen muss, und ich mache alles als Künstler. Ich gehe nirgendwo hin ausser als Künstler.

Und gehst auch hierher als Künstler, um das Bestehen der KSK zu verteidigen. Ich bin dafür, sie beizubehalten, aber im Bestand zu reformieren. Wenn ich Deine artypischen Klagen (aus einer Existenz als Künstler) richtig verstanden habe, dann kann es so verkehrt nicht sein, wenn ein sog. “Brotberuf ” eine solche Existenz von vornherein absichern sollte – für den Fall, dass die Wertschöpfung aus dem Produkt Kunst zum Leben nicht ausreicht – was nicht selten vorkommt…

Ich verstehe das Bedürfnis nach Absicherung, wie sie die KSK bietet. Aber kann man von der steuernzahlenden Gesellschaft wirklich erwarten, dass sie die Risiken aus gerade dieser Art des frei gewählten Erwerbs übernimmt, ohne dass sie nach realistischer Einschätzung der Erwerbschancen fragt? Dass sie zum Beispiel unbeschäftigte Schauspieler jahrelang als Arbeitslose “durchzieht”, wie ich es von den Abteilungen für Kunstschaffende der Arbeitsagenturen weiss? Oder von einem Regisseur, der seit Jahren auf Steuerzahlerkosten davon lebt, nicht mehr Regie führen zu können, weil ihm keine angeboten wird? Da stellt sich doch die Frage, warum der Mann – in Eigenregie sozusagen – nicht auch Artfremdes tun kann, um für sich selbst aufzukommen.

Im Beitrag von Bodo Wünsch ging es um die Zahlung bzw. Nachzahlung (!) von Auftraggeberanteilen an die KSK, die er aus mehreren Gründen in Frage stellte; ich betonte die Möglichkeit eines freien Ausgleichs mit dem Künstler selbst. Du beklagst fehlende Zahlungsmoral, die vertraglich gesehen einen erschwerenden Faktor darstellt. Dennoch bleibt die Frage, ob die hohen Erwerbsrisiken eines sich dezidiert als Künstler Bewegenden von der Gesellschaft in dem Mass abzusichern sind, wie es derzeit geschieht.

 
 
T. Albert, 01.08.2008 12:22

@Lina
nein, ich klage gar nicht. Ich wende mich eigentlich gegen das ganze Gejammer, hatte nur gestern abend keine Lust mehr.
Ich habe relativ wenig Verständnis für das Gejammer von Künstlern, die nicht in die KSK reinkommen, eben weil ich es als Künstler für selbstverständlich halte, meinen Lebenserwerb anderweitig zu bestreiten, das gehört dazu zum Künstler-Sein. Ist aber auch ein anderes Thema, das von Lebensauffassungen und Berufsstolz handelt.

Ich rede ja jetzt auch nicht für mich selbst, wenn ich die KSK für richtig halte, weil manche sie eben brauchen.

Es sollte Ziel sein, gar nicht erst in die KSK reinzugehen, bzw. wieder rauszugehen, wenn man genug verdient.
Und diesbezügl. habe ich mich immer wieder mal gewundert, wer so alles drin war, die sie nicht brauchten, ihre zu hohen Umsätze weggerechnet haben, um drin bleiben zu können. Naja, das waren nicht die Schauspieler, arbeitlosen Regisseure, selbständigen Maler und Bildhauer. Früher war man ja nur drin bis zu einem Jahresumsatz von 50.000 Mark, glaube ich.

Und die Verwerter: die wollten nie zahlen, das ist doch ein Dauerstreit seit 1983. Gleichzeitig ist der Markt für künstlerische und gestalterische Leistungen ins Unermessliche gewachsen, und es leben jede Menge Leute gut davon, weil andere Leute, und zwar immer mehr, immer mehr produzieren, das verwertbar ist.
Geh mal jährlich durch die diversen Kunstmessen, die ja auch expandieren, weil auch eine unglaubliche Nachfrage besteht.
Wenn Du in einer Galerie bist, zieh 50% vom Preis einer Arbeit ab, und Du weisst, wieviel der Produzent erhält.
Und ich habe ja schon gesagt, dass ich in meinem Fall mich nicht an einen einzigen Auftrag, ob von privater oder öffentlicher Seite, erinnern kann, wo eine Zahlung seitens des Auftraggebers in die KSK ein Thema gewesen wäre. Und in Deutschland sind die Budgets seitens der Auftraggeber z. T. so niedrig, dass man dafür nicht arbeiten kann, es sei denn, man verzichtet auf Honorar. Was auch gemacht wird.
Deshalb glaube ich nicht daran, dass die jetzt alle pleite gehen, weil die KSK Nachforderungen stellt.
Also, ich finde sowohl das Gejammer von Künstlern aller Art in der KSK, oder solcher, die nicht reinkönnen, überflüssig, wie auch das der Verwerter.
Man kann es nämlich tatsächlich ganz anders machen.

Und wieso wollte der Staatsfeind Bodo Wünsch nochmal in die KSK?

Zahlungsmoral:
ich meinte damit nicht nur die Zahlungsmoral im künstlerischen und gestalterischen Bereich, sondern überhaupt. In Deutschland wird seit 10 Jahren ständig versucht, Arbeit anderer Leute so billig wie möglich zu bekokmmen, auch an Universitäten übrigens.
Da gibts einige Methoden.
So sieht das Land mittlerweile auch aus.

 

Beitrag kommentieren

Name (erforderlich)
E-Mail (notwendig - wird nicht angezeigt)
URI