Der atomare Mythos Nr. 8
Sieben atomare Mythen: In der Welt setzt sich Michael Miersch mit einigen gängigen Vorurteilen und bewusst geschürten Ängsten zur Nutzung der Atomtechnologie auseinander. Gegenüber hochsubventionierter “alternativer” Energieerzeugung und dem knapper werdenden Energieträger Öl erscheint auch mir aktuell eine Renaissance dieser zu Unrecht verteufelten Technologie angebracht. Nicht zuletzt, um die Abhängigkeit des Westens von den Erdöl- und Gas-Förderländern - oft genug instabile Regimes, die mit Freiheit und Demokratie wenig bis gar nichts am Hut haben - zu verringern.
Trotzdem hier ein Hinweis auf Mythos Nr. 8: auch Atomenergie ist nicht billig; der günstige Preis für Atomstrom ist kein Marktpreis, sondern ebenfalls hoch subventioniert.
Zum einen über Milliarden Euro Investitionsbeihilfen für die Betreiber in der Vergangenheit - mehr noch aber über eine versteckte Art der staatlichen Subventionierung, die in der Diskussion meist kaum ein Rolle spielt: während Kohlekraftwerke, Windenergie- oder Solaranlagen ebenso wie jeder andere Industriebetrieb voll haftpflichtversichert sein müssen, gilt bei AKW’s eine Haftungsobergrenze von 500 Mio.Euro, die maximale Deckungsvorsorge für die Betreiber liegt bei 2,5 Milliarden.
Ein IPPNW-Presseinfo zum Thema zitiert eine Broschüre des Bundesministeriums für Umwelt, nach der der Preis von Atomstrom deshalb bei Berücksichtigung aller “externen Faktoren” auf angeblich bis zu 2 €/KWh steigen würde.
Möglicherweise ist das übertrieben* - es ist aber naheliegend, dass der oft angeführte Preisvorteil der Atomenergie gegenüber anderen Formen der Energieerzeugung radikal dahinschmelzen würde, wenn für die haftpflichtigen Inhaber von Kernanlagen die dem sonstigen Haftungsrecht unbekannten Privilegien, die de facto eine staatliche Haftungsübernahme bedeuten, nicht gelten würden.
Die tatsächlichen Kosten für die verschiedenen Formen der Energieerzeugung könnten nur die Preise in einem nicht durch offene oder versteckte Subventionen verzerrten und deregulierten Energiemarkt signalisieren.
(*Sicher ist das stark übertrieben, da es in dem Papier um die Mittel-Akquise für die Solarlobby geht.)
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Update, 17.07.08: Mit dem Begriff “Haftungsobergrenze” oben war ich schlampig, wie die Diskussion zum Beitrag ergeben hat - “Vorgeschriebene Haftpflichtversicherung” wäre richtig(er)
Die aktuelle Atomdiskussion ist ein zweischneidiges Schwert:
Die Kernkraftbefuerworter akzeptieren derzeit die These vom antropogenen Klimawandel und dafuer gibt es, wie die Kollegen auf Oekologismus.de laufend berichten, keine wirklichen Anzeichen.
Wer eine Ruecknahme des Austiegsbeschluss befuerwortet (wofuer es viele Argumente gibt), laesst sich derzeit vor den Karren des Klimatismus spannen.
Leider konnte ich das bei Oekologismus.de verlinkte Paper (noch) nicht im Original lesen, in dem der verstaerkte Umweltschutz seit den 80er Jahren fuer die Erwaehrmung in Europa verantwortlich gemacht wird, sonst haette ich einen Blogeintrag dazu geschrieben, auch wenn ich sonst nicht wiederholen moechte, was oekologismus.de bereits berichtet.
http://www.oekologismus.de/?p=1014
@dagny
häufig findet man die preprints, working papers oder auch das Orginalpaper auf den persönlichen Seiten der beteiligten Wissenschaftler bzw der Institutionen, denen sie angehören. Das wird vielleicht im Laufe des Jahres der Fall sein.
Es ist nicht der erste Artikel des IAC der ETH zum Thema. Ein etwas älterer wäre z.B.
Impact of global dimming and brightening on global warming - https://www.iac.ethz.ch/people/mknut/2006GL028031.pdf
Eine Übersicht bietet:
Global indirect aerosol effects: a review - http://www.atmos-chem-phys.org/5/715/2005/acp-5-715-2005.pdf
Das die Aerosole in ihrem Einfluß auf die Temperatur der Erdatmosphäre Antagonisten der Gase wie CO2 und Methan sind, ist keine sonderlich neue Erkenntnis. Interessant wäre ein aktueller Vergleich mit anderen Weltregionen bzw anderen Zeitepochen. Ich denke da an die Dokumentation der Aerosole in zeitgenössischen Gemälden seit dem 17. Jahrhundert. Damals fand man das schick und modern. Wenn man nicht gerade hustete.
PS: Natürlich führte die verbesserte Ausscheidung der Aerosole auch dazu, daß nicht wenige Kulturpflanzen inzwischen eine Schwefeldüngung brauchen. Schwefel ist nicht ohne Grund in den fossilen Brennstofflagern enthalten. Pflanzen benötigen Schwefel für ihr Wachstum. Es ist daher sinnvoll, die Entschwefelung der Rauchgase so zu gestalten, daß als Produkt ein Schwefeldünger entsteht.
grobe Abschätzung:
Lt. Wikipedia haben die Kernkraftwerke welteweit eine installierte Leistung von von 372.000 MW.
Sofern die Kraftwerke im Schnitt bei 70% Auslastung laufen, sind das 2,4 Billionen KWh pro Jahr.
Wie häufig kommt es zu einem GAU der Tschernobyl-Kategorie?
Keine Ahnung.
Aber da Tschernobyl bislang der einzige Vorfall dieser Größenordnung war (und schon über 20 Jahre zurück liegt), kann man vielleicht von einem Vorfall alle 40 Jahre ausgehen.
In dieser Zeit werden also rund 100 Billionen KWh produziert.
Wenn man nun jede KWh mit 2 Euro Versicherungskosten belastet, dann hat man 100 Billionen Euro eingesammelt, um die Schaden eines GAU zu beseitigen.
Zum Vergleich:
Das Welt-BIP liegt bei 40 Billionen Euro.
Ob es plausibel ist, dass die gesamte Welt ihre komplette Wirtschaftsleistung von 2,5 Jahren aufwenden muss um die Schäden eines GAU der Tschernobyl-Kategorie zu beseitigen?
Wohl kaum.
Die 2 Euro sind also auf jeden Fall lächerlich übertrieben.
Wie hoch waren denn die Kosten von Tschernobyl? Hast du da auch ne Abschaetzung parat?
Korrektur des Rechenfehlers:
200 Billionen Euro eingesammelt
= 5 Jahre Welt-BIP
Aus liberaler Sicht wuerde mich noch interessieren, ob in Achims Ansatz eine Versicherungspflicht eingeht? Was, wenn man als Kraftwerksbetreiber keine Versicherung abschliessen will?
Dann müsste der Betreiber eben eine realistische Deckungsvorsorge (2,5 Milliarden halte ich persönlich angesichts der Risiken für entschieden zuwenig) vorweisen können…
… aber liberales Utopia hin oder her: mir ging es mehr um die aktuelle Verzerrung der Marktpreise durch die Ungleichbehandlung der verschiedenen Formen der Energiewirtschaft.
Achim, ich kenn ja Deine Argumentation bezueglich der aktuellen Wettbewerbsverzerrung, aber die Haftungsfrage ist halt eine recht Zentrale im liberalen Utopia.
Wie erzwingt die Unsichtbare Hand die vorsorgende Haftpflichtversicherung des anderen, der so eine Anlage erstellt?
Rechtfertigt, von einer Eigentumsargumentation kommend, die Moeglichkeit der Gefahr eines Schaden an meinem Eigentum (als Nachbar) den Zwang den anderen zu einer Haftpflicht zu verpflichten?
Soweit ich weiß gibt es keine Haftungsobergrenzen für KKW. Begrenzte Einlagen gibt es auch für andere Technologien wie Chemiewerke oder Wasserkraftwerke. Die Graphik im verlinkten FAZ-Artikel zeigt, daß Kohle oder erneuerbare Energien innerhalb von drei Jahren mehr Subventionen bekommen als die Kernenergie je bekommen hat, und das bei (zumindest i.V. zu den erneuerbaren Energien) erheblich größeren Strommengen.
Woher weisst Du das?
z.B.: http://www.energie-fakten.de/html/recht__anworten.html
Man nehme eine Einlagensumme und behaupte, es sei eine Haftungsobergrenze. Die üblichen Lügenmärchen eben. Offenbar sehr effektiv.
http://www.utopia.de/wissen/bildungsluecken/atomkraft-ja-bitte
?
Mit Leuten, die sich hinter einer virtuellen Burka verstecken und Fake-Email-Adressen angeben ist nicht gut diskutieren…
!
Witzig ist, dass die Kommentare von Christian Küppers als Gegenexperte vom Ökoinstitut in keinem einzigen Satz Michael Mirsch widersprechen.
Laut Atomgesetz beträgt die notwendige Deckungsvorsorge 2,5 Mrd. EUR. Es gibt keine Deckelung der Haftpflicht, der Betreiber und dessen Muttergesellschaft(en) haften unbegrenzt.
Mit anderen Worten: an dieser Stelle wird die Kernenergie sicher nicht subventioniert, sondern vielmehr ähnlich wie alle anderen Industrieanlagen behandelt. Denn auch dort ist die geforderte Deckung nicht unbegrenzt.
Es gibt für deutsche Reaktoren kein glaubwürdiges Szenario (außer natürlich Angriff von außen), wie eine Schadenssumme von über 2,5 Mrd. EUR zustande kommen kann. IIRC hat die Risikostudie B der GRS für die unsichersten Reaktoren (Bauart Biblis A) eine Eintrittswahrscheinlichkeit von einmal in 30000 Betriebsjahren hochgerechnet für ein Ereignis mit signifikanter Strahlenbelastung für die Außenwelt. Wenn man solche extrem seltene Ereignisse als Basis für eine geforderte Deckung nimmt, würde es in Deutschland wohl keine Industrie geben.
Sehr schön nachgehackt und analysiert, leider muss man jedoch trotzdem sehen das Energie aus Atomkraft vergleichsweise (zu Öl, Kohle & Erdgas) in “unbegrenztem” Maße zur Verfügung stehen, insbesondere wenn der Einsatz von “Schnellen Brütern” kommt. Das dies mittelfristig so kommt, halte ich in Energie-gierenden Ländern wie den U.S.A. für durchaus realistisch. Demnach wird mittelfristig schon allein über Angebot & Nachfrage die Atomkraft aller Wahrscheinlichkeit deutlich billige sein/bleiben wie Energie aus fossilen Brennstoffen.
Insgesamt hat ihr, das antibuerokratieteam, einen sehr schönen Blog mit echt lesenswerten Beiträgen, werde ihn direkt mal in meine Blogroll aufnehmen. Wir neoliberalen müssen ja zusammenhalten ^^
Freiheitliche Grüße
Der Frei-Gen’er
P.S.: Auf euren Blog bin ich übrigens durch einen links-anarchistischen-was-weiß-denn-ich Blog gestoßen, wo Ihr unter “Liberale Laien” verlinkt seit. Ich selbst werde dort (zu unrecht) in Zusammenhang mit der NPD gebracht, wogegen ich vorgehen werde. Sollte Bedarf an der URL des Blogs und den Kontaktdaten des Betreibers da sein, lass ich euch die natürlich gern zukommen.
Danke für die Blumen Franz :-)
Wegen dem Mule mach Dir mal keine Sorgen Kollege - das “Gen” im Blogtitel und noch dazu Deine Unverschämtheit, auf die Verbindungen der Roten Hilfe zu gewaltbereiten Linksextremen und zur RAF hinzuweisen, hat den Jungen wahrscheinlich überfordert. Wir durften uns ja auch schon alles Mögliche aus dem Rotlichtviertel von Klein Bloggersdorf anhören… es lohnt nicht, sich da über Gebühr aufzuregen.
Ich hab Dich mal in unsere Linkliste unter “Liberale und Libertäre” aufgenommen, stell Dich schon mal drauf ein, dass der Server in die Knie geht ;-)
BTW: China will 100 Atomkraftwerke bauen. Gibt es da auch Haftungsgrenzen? ;-)
Die vergangenen Subventionen für die Atomkraft sind für die Debatte völlig irrelevant, weil es sich hierbei um versunkene Kosten handelt, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Man könnte eher noch argumentieren, dass die Atomkraft vielleicht heute ohne die Subventionen nicht so günstig produziert werden könnte und wir vielleicht andere Verhältnisse auf dem Energiemarkt hätten. Das Alles ist aber kein gutes Argument für den Atomausstieg. Niemand würde sagen, weil es falsch war ein damals gekauftes Auto mit dem geschenkten Geld der Tante zu bezahlen, sollte man das Auto wegwerfen. Weder der Tante noch dem Besitzer ist damit geholfen. Aber man kann daraus lernen und die Subventionen für die erneuerbaren Energieträger drastisch kürzen.
Bei meinen Frankfurter Grünen(Jugend) mache ich mit ein paar Menschen vielleicht mal eine Arbeitsgruppe dazu auf:
“Atomkraft, Umweltschutz und Pazifismus, der Zusammenhang!”
Ich bin sehr gespannt…..und nehm mir auf jedenfall etwas zur nervenstärkung mittel mit…; )
Ich hoffe nur Legales? ^ ^
“dieser zu Unrecht verteufelten Technologie”.schon etwas heikel diese formulierung. weil 1: wenn es knallt, dann aber richtig, musterbeispiel(von mir aus auch totschlagargument) ist natürlich tschernobyl ,aber ansonsten ist es ja auch unendlich heikel wenn mal reaktorwasser austritt oder ähnliches. die dauerhaftigkeit dieser schäden ist halt das krasse. 2 wäre das noch lange nicht gelöste entsorgungsproblem. alles in salzlager und hoffen das in den nächsten 500 jahren nüscht passiert? !
insofern find ich dein oben angeführtes zitat etwas zu kurz überlegt und vielleicht is es etwas ironisch gemeint, ich find es aber eher dem ernst der energielage und energieart nicht angebracht.
soviel dazu