Über die Wurzeln des 68′er Antifaschismus
jo@chim, 30.07.2008
Sehnsucht nach den starken Opfern. Ein starkes Essay von Richard Herzinger in der Welt über die Wurzeln des 68′er Antifaschismus und dessen Wende in einen sich allzuoft antisemitischer Stereotypen bedienenden aggressiven “Antizionismus”:
Doch auch, wenn ihr idealistischer Rigorismus, der sie in die Affinität zum Totalitarismus brachte, in schlechter deutscher Tradition steht – die Erklärung, die Rebellen von 1968 hätten den von ihnen bekämpften nationalsozialistischen Ungeist schlicht reproduziert, reicht so wenig aus wie die, der “Antifaschismus” habe ihnen nur als Vorwand für die Propagierung von Welterlösungsfantasien gedient.
Lesenswert ist Herzingers Diskussionsbeitrag gerade auch deshalb, weil er differenziert urteilt und sich weder am – leider auch im liberalen Umfeld anzutreffenden – pauschalen “68er-Bashing” beteiligt noch an wohlfeiler Mythenbildung im Dienste der bei der Macht angekommenen Aktivisten.
antibuerokratieteam.net





Wie immer ein solider Text von Herziger. Aber dazu noch etwas:
“Der Mythos der Adenauer-Zeit, nach der die Verbrechen “im deutschen Namen” von wenigen NS-Tätern begangen worden seien, während die Mehrheit der Deutschen den Nationalsozialismus abgelehnt hätten, war damit nicht mehr zu halten.”
Es gab diesen Mythos m.E. nie, es handelt sich hier um ein Theorem und Strategem der 68er, das Bewusstsein um die Täter des Dritten Reichs war da, die Täter waren da und die Taten waren da.
Axel Springer bspw. hat die Kollektivschuld der Deutschen ohne wenn und aber anerkannt.
Vergangenheitsbewältigung a la 68er war leider ein Luxus, der erst durch Wohlstand erarbeitet werden konnte.
[NS-Einzeltäter-Mythos]
> Es gab diesen Mythos m.E. nie, es handelt sich hier um ein
> Theorem und Strategem der 68er, das Bewusstsein um die
> Täter des Dritten Reichs war da [...]
Halte ich für eine gewagte These. Die harmloseste Variante war vermutlich noch “wir haben doch von nichts gewusst”, und die war nun wirklich enorm verbreitet. Es stimmt eben auch, dass das Thema lange Zeit totgeschwiegen wurde. Es war lange Zeit opportun, ehemalige Gegner des Regimes zu missbilligen, wenn sie vom Ausland aus gegen selbiges gearbeitet haben. Bestes Beispiel war der Wahlkampf 1961, wo Willy Brandt als “Brandt alias Frahm” verhöhnt wurde. Ebenfalls schön ist dies hier: “Eines wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben.” Geäußert von Franz-Josef Strauß, der dies sicherlich so nicht geäußert hätte, wäre er nicht von weit verbreiteten Ressentiments ausgegangen, die sich ausnutzen ließen.
Hier also mal wieder nur die bösen, bösen 68er am Werk sehen zu wollen, halte ich angesichts der Faktenlage für ziemlich fragwürdig.
Anfang der Neunziger eine israelische TV-Reportage gesehen, bei der jüdische Soldaten eine Palästinenserfamilie ihre eigene Hütte zerlegen liessen, d. h. sie mittels der Äxte, die sie ihnen in die Hand gedrückt hatten, vor ihren Augen zu Kleinholz zu machen; mit Gewehren im Anschlag standen sie dabei, befehligten, lachten und unterhielten sich; es war eine quälend lange Einstellung und es war der Moment, als meine für unverbrüchlich geglaubte Treue zu Israel (vorübergehend) kippte. Was ich sah, glich austauschbar der Sequenz aus einer NS-Wochenschau, die deutsche Soldaten in einem litauischen Dorf zeigte, wo sie dasselbe eine jüdische Familie tun liessen.
Ich will damit sagen (obwohl es hier zu kurz greift): Ist es angesichts solcher Bilder verwunderlich (gewollte, gesuchte und erreichte Befreiung vom “Judenknax” inklusive – was übrigens auch Hannah Arendt den Deutschen nahegelegt hat), dass die Linke wieder kritische Töne gegenüber der Politik Israels anschlug? Dass diese Töne die Wirklichkeit ausblenden und einseitig pro-palästinensisch klingen, ist mir bewusst, wie aber die Linke ihre ursprünglich übergreifende (von Herzinger differenziert herausgearbeitete) Blauäugigkeit (quasi als eine Kränkung ihrer selbst) in neue Ressentiments umzuwandeln bereit ist, bleibt mir angesichts aktueller Bilder und Nachrichten unverständlich.
Mit Fernsehbildern kann man viel machen — aber wenn das in der israelischen Armee so vorgekommen ist, dann würde ich es als einen Ausnahmefall einordnen. Auch in der Bundeswehr sind schon Fälle vorgekommen, in denen zum Beispiel Rekruten erniedrigt und genötigt wurden. Aber das sind eben Ausnahmefälle, in denen die lokale Führung völlig versagt hat. Auch wenn Du ein Beispiel für Nötigung und Erniedrigung gesehen hast und auch wenn es nicht zu entschuldigen ist — der palästinensische Terror ist trotzdem um mehrere Größenordnungen schlimmer. Wer weiß schon, in welchem Kontext das damals geschehen ist und was von palästinensischer Seite vorausging?
Zustimmung zu Christian der II.!
Weit mehr als das, nämlich: dass Gewalt auch bei “Opfern” die gleiche Form und Dimension annehmen kann, wie sie ein “Tätervolk” vorgemacht hat…
Die Gründe warum die Juden “verschwunden” sind waren den meisten zumindest gegen Ende des Kriegs klar, auch das es so etwas wie eine Sammelschuld gibt.
Nach dem Krieg ging es um den Aufbau, auch um den moralischen, da sind dann sicherlich auch einige Reden gehalten worden, die Schuldverdrängung zum Ziel hatten, auch um den Deutschen wieder etwas Hoffnung zu geben. Man ist ja – nach Broder – auf einen reingefallen, auf den es peinlich ist reinzufallen.
Das (oft auch stillschweigende) Schuldanerkennen war nach meiner Kenntnis da, kann auch klar belegt werden, die von Herziger der Adenauer-Zeit unterstellte Grundhaltung “Das waren andere.” mag zwar im einfachen Volk teilweise vorhanden gewesen sein ist aber ganz primär erst einmal die DDR-Haltung gewesen, die Haltung der “Antifaschisten”.
Man war also lange Zeit sehr schamhaft, was sich erst geändert hat als junge Leute kamen, die altersbedingt nichts mit der Sache zu tun hatten und über das Beschuldigen Ihrer Väter und Großväter den Sachverhalt bearbeiteten und dann die o.g. “antifaschistische” Haltung übernahmen.
Dann konnte man auch wieder beruhigt bspw. Antizionist sein. Zumindest war man in der moralischen Offensive, wieder Täter, was – wiederum nach Broder – angenehmer ist als Opfer zu sein.
Will das jetzt auch gar nicht klar verurteilen, immerhin haben sich die jungen Leute mal gefragt, was Papi oder Opi im Krieg so gemacht haben.
NA, Hohmann, Sie auch da? [1]
[1] Schon klar, Lina, so wars bestimmt nicht gemeint, LG
War der nationalsozialistische Vernichtungsapparat denn wirklich bereits beim Zerlegenlassen von von Juden bewohnten Häusern durch die sie bewohnenden Juden zu sich selbst gekommen? Das ist zwar schlimm, aber ja doch noch verdaulich, angesichts des sonstigen Elends auf der Welt.
Wie bitte?
Ob der NS-Vernichtungsapparat da bereits zu sich selbst gekommen war? Ja, Auschwitz war im Gange.
Meine lakonische Wortwahl (vom “Zerlegen”) hat die sadistischen Bilder verharmlost, wie ich an der Reaktion sehe; das tut mir Leid.
Es gibt sowieso nicht “die 68er”. Selbst mein damals BWL-studierender Vater, der den SDS als Bürgerkinder-Wirrköpfe wahrnahm, zählt sich irgendwie auch dazu.
Es gab eben wohl sehr vielfältige und z.T. auch widersprüchliche kulturelle Einflüße, wozu auch “Autorenfilm”, Entdeckung der Dritten Welt (nicht unbedingt mit Kommunismus verbunden), Feminismus, Psychologie, Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit, weniger hierarchisierte Arbeitsverhältnisse, etc. gehören.
Wir wollten uns ja auch nicht auf Junge Welt oder PI als starke Strömungen unserer Zeit verengen lassen.
Die oft blinde Identifikation mit einigen selbstdeklarierten Sprechern von unbekannten Völkern in den Meeren des Südens bleibt natürlich absolut lächerlich. Denk aber, dass nur eine Minderheit der politisch interessierten damals wirklich so drauf waren. Gleiches gilt für den Anti-Zionismus.
Die Ausdrucksweise der 68er war natürlich schon sehr ätzend. Da gab es Stalinisten, ML-Leute und natürlich Trotzkisten. Später kamen dann noch die RAF und die Sympathisanten hinzu. Tendenziell kann man da schon den Drecksack aufmachen und ein wenig verallgemeinern.
Ich empfehle zur Auffrischung das auf Youtube verfügbare Interview mit den Herren Cohn-Bendit und Dutschke aus dem Jahre 1979. Das sagt eigentlich alles über diese Burschen.
Na super Induktion, wir schliessen von zwei extremen Beispielen auf “die 68er”, sehr sachlich.
Zu den letzten beiden und ihresgleichen:
Auch wenn es sich jetzt natürlich total absurd anhört, damals war es
für viele Linke noch offen, wie die Welt geschichte weiter geht,
ausserdem war Anti-Stalinismus unter den progressiven linken gang und gebe, was den meisten, die nicht direkt aus dem linken Lager kommen, oft nicht bekannt ist, und dann war da noch der Euro-Kommunistische AUfbruch.
Subtile Einsichten und Details hin oder her, man kann nicht behaupten, dass die 68 INTENTIONAL totalitär o.ä. gewesen sind, egal wie sie sich genannt haben, und egal, auf dass, was sie sich darunter vorgestellt haben nicht das war/ist für das sie es hielten.