Die Aphorismen des Nicolás Gómez Dávila sind oft brilliant formuliert und immer nachdenkenswert. Bei manchen Libertären aus dem ef-Umfeld geniesst er geradezu Kultstatus. Ob dies der Fall ist, obwohl Dávila sich selbst ausdrücklich als Reaktionär und Anti-Aufklärer sah oder eben deswegen, wäre sicher im Einzelfall zu bewerten.

Rayson zitiert nun im B.L.O.G. zustimmend einen von Dávilas Gedanken:

Den Menschen befreien heißt, ihn unter das Joch von Habgier und Sex zu zwingen.

Ich will mich hier nicht weiter darüber mokieren, dass von der Terrasse des Familiengutes aus das Treiben all derjenigen, die da draussen rumwuseln und versuchen, die notwendigen Ressourcen für ihren Lebensunterhalt zu allokieren, durchaus etwas störend und in der Tat wohl manchmal gierig erscheinen mag. Als Liberaler würde ich es trotzdem vorziehen, von „Gewinnstreben“ zu sprechen. Aber darüber ist ja drüben schon diskutiert worden.

Was mich an der Aussage viel mehr stört, ist der anti-aufklärerische Taschenspielertrick, den sie beinhaltet: Befreiung – von staatlichen Anmassungen, von religiösen und kulturellen Bindungen, die als Konvention oder Tabu daherkommen, von patriarchal geprägten Familienverhältnissen – wird nicht im aufklärerischen Sinn als Aufstehen und Selbst-Gehen, als Rückeroberung von Selbst-Verantwortlichkeit und die Möglichkeit zum Eingehen freiwilliger Bindungen verstanden. Sondern, im Gegenteil, in Libertinage, Bindungs- und Verantwortungslosigkeit umgedeutet. Wenn man die Schäflein freiliesse, würden sie sich gegenseitig den Wolf machen, sich totfressen und/oder von morgens bis abends ficken. Weshalb Hirten unverzichtbar seien, der naheliegende Schluss.

Dávila und andere antietatistische Reaktionäre unterscheiden sich von staatsgläubigen Konservativen (oder auch autoritären Sozialisten) also vor allem darin, dass sie nicht dem Staat die Hütekompetenz zubilligen, sondern diese lieber dezentralisiert auf „natürliche“, althergebrachte Autoritäten zurückverlagern möchten. Die offene oder versteckte Geringschätzung des Individuums haben sie aber alle gemein.