Der Unterschied zwischen Zivilcourage und Bürgerwehr?
jo@chim, 02.10.2008
“Soll man lieber einen Täter laufen lassen als ein paar mal daneben zu liegen?”
Doch genau das ist die Kardinalfrage, wenn Bürger per TV aufgefordert werden, exekutive Hoheitsaufgaben zu übernehmen – und ist zugleich der Kern der Debatte um einen ausufernden Sicherheitsstaat.
Zivilcourage braucht keine WiXYvorlagen.
antibuerokratieteam.net





Über dieses Thema hab ich mich vor einiger Zeit schon einmal gehörig aufgeregt (die Seite ist übrigens immer noch online). Genauso wie ich mich darüber aufrege, wenn in unseren Straßenbahnen sich plötzlich “die Leitstelle” über Lautsprecher meldet und polizeiliche Fahndungsmeldungen durchgibt, damit sich die Fahrgäste an der Verbrecherjagd beteiligen können.
Ich finde, der “Spiegel” widerspricht sich da ein bisschen. Gerade weil sich die Sendung, die ich im Übrigen seitdem ich in der Grundschule war nie mehr gesehen habe, auf wirklich schwere Straftaten beschränkt, fördert sie keine Denunziantenmentalität. Denn dass man hilft, zB einen Mord aufzuklären, ist doch wohl selbstverständlich und normal. Die Sendung dient gerade nicht dazu, bspw. “Schwarzseher” oder Kiffer zu überführen. Das analoge Argument wäre, dass jemand ein totalitäres Meinungsklima schafft, wer an einer Demonstration gegen Nazis oder Islamisten teilnimmt.
Es geht nicht um Fahndungsaufrufe an sich, sondern um die Art der Inszenierung: “Deutschland sucht den Superverbrecher”.
Sehe ich auch so. Da wird Blockwartmentalität gefördert, und da spielt halt eine Rolle, dass das in Deutschland passiert und nicht in den USA oder Schweden.
Aha, das spielt also eine Rolle. Soviel Nationalismus hätte ich Dir gar nicht zugetraut. Che ist eben ein echter Patriot. Den Schweden und Amerikanern gönnen wir ruhig ihre Blockwarte, die Erfahrung sollte jeder mal gemacht haben.
“Da wird Blockwartmentalität gefördert”
Hmm. Wie soll ich denn das finden? Warum denn immer so negativ? Könnte es nicht sein, dass man einfach nur die Sorge um die Mitmenschen fördert? Soetwas kommt doch bei Kollektivisten eigentlich immer gut an. Warum hier nicht?
Aber gut, lassen wir es mal dabei. Ein sehr schönes Argument übrigens um die Mittel im Kampf gegen Rechts zu streichen. Wir wollen schließlich keine Blockwartmentalität fördern, oder?
http://www.gruene-jugend-nrw.de/aktuelles/top-story/meldung/-abb0242e52.html
Oder doch? Wie jetzt? Gibt es gute und böse Blockwarte?
Oder ist es sinnvoller Demonstrationsteilnehmer zu behindern als Schwerverbrecher zu verfolgen? Ach? Die Art und Weise bei den Schwerverbrechern gefällt nicht? Sollte man es möglichst ineffizient machen, wie hier?
http://www.pi-news.net/2008/02/mann-mit-weissem-hemd-gesucht/
Was spricht dagegen, nach Tatverdächtigen zu schwersten Straftaten möglichst effizient zu fahnden? Nicht die Schuld soll durch das Publikum festgestellt werden, sondern es wird versucht Hinweise zu bekommen und diese Menschen in U-Haft zu nehmen. So richtig, mit Haftprüfungstermin, nicht wie damals, bei Stalin.
Ich hab ja versucht darzustellen, dass es mir nicht um Fahndungsaufrufe o.ä. an sich geht, sondern um die geil-sabbernde Inszenierung von Verbrechen und Verbrecherjagden. Dass das auch sachlicher geht, zeigen andere Sender, wie z.B. der rbb (Titel fällt mir gerade nicht ein).
Schweden kenne ich mich diesbezüglich nicht aus – aber in USA scheint sich das mit “Internetprangern” und derlei eher noch heftiger zu entwickeln, da würde ich che2001 durchaus widersprechen.
Eben das meinte ich auch mit meinem Beispiel: wenn im Osten der Stadt ein Bankraub verübt wird, was können da ÖPNV- Benutzer im Süden, Westen oder Norden der Stadt mit einem solchen “Fahndungsaufruf” anfangen, außer die eigene Sensationsgier zu befriedigen. Wozu das führt, demonstriert das andere Beispiel.
Was gefragt ist, ist Förderung sozialer Kompetenz: nicht Wegsehen, wenn etwas passiert (wie z.B. hier bei einer in aller Öffentlichkeit stattgefundenen Vergewaltigung), Möglichkeiten des Einschreitens bei Belästigungen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Da wären sogar Aufrufe der “Leitstelle” willkommen, wenn sie die Menschen dazu brächten, nachzudenken.
Ein typischer Fehlschluss. Diesen Fehler machen sogar Polizeibeamte und noch schlimmer: Sogar unter denen noch manche Experten für Fahndung.
Natürlich besteht die Möglichkeit, dass der Täter nach der Tat in Tatortnähe verbleibt. Das ist schon vorgekommen, ist aber der absolute Ausnahmefall, denn falls er in Tatortnähe bleibt droht Kommissar Zufall zuzuschlagen. Auch ist schon das Antreffen in Tatortnähe ein Indiz in einem späteren Prozess. Straftäter versuchen im Allgemeinen die räumliche und zeitliche Nähe zur Tat zu vermeiden.
In fast allen Fällen entfernt sich der Täter nach der Tat sofort vom Tatort. Von der Tat bis zur Meldung an die Funkstreifenwagen können im Notfall leicht drei Minuten vergangen sein. Macht doch mal selbst den Test, wie weit man in drei Minuten mit dem Fahrrad fahren kann oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt. Selbst zu Fuß sind in drei Minuten große Distanzen zurückzulegen. In Großstädten kann man davon ausgehen, dass ein Täter drei Minuten nach der Tat die halbe Innenstadt durchquert hat und schon in der U-Bahn sitzt.
Bei Fahdnungsaufrufen an die Öffentlichkeit z.B. über Radio vergeht noch mehr Zeit. Auf Tatortnähe begrenzte Aufrufe machen daher überhaupt keinen Sinn mehr; es ist viel sinnvoller dann in anderen Stadtteilen oder sogar Städten zu fahnden. Und ja: Natürlich kommt es dabei zu Verwechselungen. Das ist eine typische Folge einer Fahndung, selbst wenn sie nicht öffentlich durchgeführt wird. Mitunter ist sogar die Feststellung unverdächtiger Personen gewünscht, um nämlich diese Personen ausschließen zu können. In Brennpunktvierteln kann das Sinn machen.
Bei Banküberfällen werden gewöhnlich in bis zu 50 km Entfernung um den Tatort herum die Kennzeichen vorbeifahrender Pkw notiert, um Datenmaterial zu bekommen. Ein enormer Aufwand bei der Auswertung, aber sehr oft ergiebig.