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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Beipackzettel für Finanzprodukte

dagny t., 25.10.2008

Liebe Exverbraucherschutzministerin,
Liebe Frau Künast,

In der SZ geben sie im Interview ein paar bemerkenswerte Einsichten preis.

Erstens erklären Sie, dass sie von der Börsenkrise nicht betroffen sind, weil Sie keine Aktien haben. Als Politikerin brauchen Sie das natürlich auch nicht, denn Ihre Rente ist sicher. Sie wird aus den Gewinnen bezahlt, die ich mit meinen Aktien erziele.

Ab kommendem Jahr nicht nur aus jenen, die ich innerhalb eines Jahres realisiere, sondern auch aus all meinen Gewinnen, mit denen ich aus meinem Bereits versteuerten Geld für meine Rente Vorsorgen möchte. Denn, seien wir mal ehrlich, privat Vorsorgen ist nötig, aber zuerst 25% einbehalten und dann noch (politisch gewollte) Inflation: mit den 4%, die eine Bundesanleihe bietet, kommen Sie da nicht weit.

Hätten Sie ein Depot, dann wüssten Sie, dass sie den Empfang einer Broschüre – nein eines Buches – quittieren müssen, in dem Ihre Bank Sie, ja genau Sie, über die Risiken einer Finanzanlage aufklärt.

Neben dem Kursrisiko gibt es z.B. das Konkursrisiko. das Risiko bei Verkaufswunsch keinen Käufer zu finden oder das Währungsrisiko. Für Zertifikate und Optionsgeschäfte muss man sich gar eine Termingeschäftsfähigkeit beantragen und das Risiko eines vielfachen Verlustes des Eingesetzten zur Kenntnis nehmen.

Ein solches Risiko gehen Sie, liebe Frau Künast, natürlich nicht ein.

Zweitens, aber das ist nichts neues, sprechen Sie uns Verbrauchern, früher einmal Mündige Bürger genannt, die Fähigkeit zu eigenen Entscheidungen ab:

Unabhängig davon, ob er gierig ist, informiert genug, intelligent genug: Es ist Aufgabe des Staates, den Verbraucher zu schützen und für eine transparente und faire Rahmensetzung zu sorgen. Und sei es, den Verbraucher vor sich selbst zu schützen. (Hervorhebung durch den Autor)

Frau Künast, was soll der Sch***?



19 Kommentare zu “Beipackzettel für Finanzprodukte”

  1. Bodo Wünsch

    “We care for the well-being of our people, wether they like it or not.” – sagte einst dieser nette, freiheitsliebende Herr.

    Öhm, das _Volk_ gibt es noch…

  2. Tobias

    “I don’t believe in a government that protects us from ourselves.” – sagte einst ein freiheitsliebender Herr (den man hierzulande für einen wild gewordenen Kriegstreiber hält).

  3. jo@chim

    Hierzublogge hält man Ronald Reagan allerdings keineswegs für einen “wildgewordenen Kriegstreiber” ;-)

  4. Tobias

    Bin ich nie von ausgegangen.

    Irgendwie kommt mir die politische Kultur in Deutschland sehr infantil vor: “Liberals want the government to be your Mommy. Conservatives want government to be your Daddy. Libertarians want it to treat you like an adult.”

  5. drbuffo

    Es lohnt sich vielleicht dbzgl. ein Blick nach Island. Island ist eines der reichsten Länder der Erde, die Leute scheinen buchstäblich im Geld zu schwimmen und haben bekanntermassen einiges davon in den Sand gesetzt um noch reicher zu werden. Die drei größten Banken haben sich in die Illiquidität verabschiedet und wurden vom Staat übernommen, ganz offensichtlich um die (hohen) Einlagen der Bürger (ca. 300.000 an der Zahl).
    Nun bemüht sich Russland und die EU den sehr hohen Lebensstandard der Isländer durch Kredite in Milliardenhöhe zu schützen.
    In diesem Zusammenhang muss man nur noch wissen, dass die Isländer natürlich nur am Rande ihre eigenen Banken nutzten.
    U.a. dieser Vorgang ist m.E. geeignet die (populären) Staatshilfen in Frage zu stellen.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass durch das Unterstützen der spekulationsfreudigen isländischen Banken und der isländischen megareichen Bürger spätere neue Krisen auf den Plan gestellt werden.

  6. dmBart

    @drbuffo

    Wie wäre es mit dem durchaus probaten Mittel der Logik, um staatliche Hilfen in Frage zu stellen? In etwa so: Staatshilfen nähren den Konsum, dem Gegenstück zum Konsumverzicht, der nötig ist, um den Wohlstand zu mehren.
    Zu sachlich, um der politischen Meinungsschmiede zu dienen? Entschuldige. Lieber auf den hohen Lebensstandard der Isländer hinweisen. ;-)

  7. F.Alfonzo

    Hmm, das wirft einige Fragen auf.

    1. Wen interessiert die Meinung einer Sozialarbeiterin zu Finanzmarkt-Themen? Wenn mein Auto nicht mehr funktioniert, liefere ich es beim Mechaniker ab, nicht bei einem Pizzabäcker, obwohl letzterer wohl auch ziemlich viel zu erzählen hätte…

    2. Depot. Ich verstehe nicht, warum immer so getan wird, als sei aktives Trading die einzige Alternative zur systembedingten Altersarmut. Im Gegenteil: Wer keine Ahnung hat, sollte kein Wertpapierdepot führen, das geht mit 100%iger Garantie in die Hose. Aber es gibt ja auch private Rentenversicherungen, die einen fixen Betrag oder eine fixe Rente auszahlen, nicht wahr?

    Hier wäre von offizieller Seite vielleicht mal etwas Aufklärung nötig; diese wird aber natürlich nicht angeboten, solange die “Rente sicher ist”. Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn Leute ihr gesamtes Erspartes in die “Volksaktie” stecken und das Geschrei am Ende groß ist.

    …ansonsten habe ich schon lange kein Interview mehr gelesen, in dem die Stereotypen derart exzessiv bedient wurden (gut, ich hab schon lang nicht mehr die SZ gelesen): Es sind natürlich alle Schuld, vor allem der Ackermann und die Hedge Fonds, nur die allwissende Regierung des Landes xy wusste schon immer, dass das nicht gut gehen kann… deswegen geht’s den Staatsbanken ja auch so gut und den Privatbanken so schlecht.

    …eines muss man der Künast lassen: Sie hält ihr Niveau. Ihre Finanzpolitischen Vorschläge sind qualitativ genauso gut wie die umweltpolitischen.

  8. F.Alfonzo

    Korrektur: …die Vorschläge zum Verbraucherschutz…
    …naja, macht wohl keinen Unterschied :-)

  9. F.Alfonzo

    dieser Beitrag gehört eigentlich UNTER den nächsten, sorry für das Chaos.

  10. Die Stimme aus dem Off

    Sehr schöner Artikel.

  11. drbuffo

    Ich dachte, dass mit dem Verweis auf den hohen Lebensstandard der Isländer (geschätzt dreifach reicher als die Deutschen) der eine oder andere Neidhammeltyp die Problematik der Staatshilfen eher annimmt.

    Wenn sich Island noch massiver verschuldet und die Schulden nicht auf die Bürger abwälzt, sondern vermehrt, kann es dort irgendwann richtig krachen. Es muss keiner glauben, dass das Steuervieh im Falle eines völligen Staatsbankrotts dort nicht einfach abreist (in die Staaten oder nach Skandinavien).

  12. Kuschel

    Solange wir eine parlamentarische Demokratie haben gibt’s diesbezüglich wahrlich geeignetere Kritikanflanschmöglichkeiten, als eine Grüne, die selber – aus welchen Gründen auch immer – keine Aktien hat und die jetzt ein bisschen bei denen auf Stimmenfang gehen möchte, die vielleicht ein paar Lehman-Euro-Stocks-Zertifikate hatten oder was Ähnliches.

    Und zum Thema Verbraucherschutz: Da lässt sich leicht drüber frotzeln, solange man ihn schon ein Leben lang genießt. Gelle.

  13. Kuschel

    Schätze, Russland kauft sich gerne ein, falls die Schafweiden, die Island so unbegreiflich reich gemacht haben, nicht mehr bewirtschaftet werden.

  14. drbuffo

    Island lebt von der Manpower und vom Fischfang. Das nur nebenbei. Russland kann sich hier um Prestige (man beachte das Fachwort) bemühen und ansonsten auflaufen.

  15. drbuffo

    Die Touries nicht zu vergessen. :)

  16. Spruance

    Touche!

  17. Kuschel

    “Die Touries nicht zu vergessen. :)”

    Manpower, Fischfang, Touris. Das klingt logisch.

    Russland kauft sich bestimmt gern ein, wenn die Isländer selber keine Lust mehr auf ihre Insel haben, wo man mit Manpower, Fischfang und Touris so unbegreiflich reich werden kann.

  18. drbuffo

    Offiziell ein BIP von $70k je Nase. Ich selbst war mal vor 10 Jahren zwei Wochen dort. War zum Glück eingeladen, vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Big-Mac-Index
    In Island sind sogar die Eskimos Millionäre.
    (Vermutlich ist deshalb auch HMB ist oft dort.)

  19. Kuschel

    Tja, die Isländer wären wirklich blöde, wenn sie dem Land, in dem Milch und Honig fließt, den Rücken kehren würden. Wenn sie es doch täten, würde sich bestimmt z. B. Russland gerne bereiterklären dem Staat für die eingebüßte Manpower mit assistierender Finanzkraft zur Seite zu stehen.

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