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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Dzień Dobry Jaruzelski

Daniel Fallenstein, 13.12.2008

Młodzi Polacy: UkaraÄ za stan wojennyHallo aus Warschau, wo ich gestern an einer Demonstration gegen Wojciech Jaruzelski teilnahm. Jaruzelski bekämpfte an der Seite der sowjetischen Besatzer die Freien Polen auch nach dem Krieg und seine Verhängung des Kriegsrechts 1981 kostete Hunderte Leben. Heute lebt Jaruzelski in einer Villa und bezieht eine Pension von mehreren Tausend Euro monatlich. Da liess man ihn zum 27 Jahrestag seiner Kriegserklärung gegen Solidarnosc nicht in Ruhe schlafen.

Ca. 300 größtenteils junge Menschen versammelten sich vor dem Wohnsitz des Generals und protestierten gegen das Vergessen seiner Verbrechen. Die 25 pro-kommunistischen Gegendemonstranten gaben eine eher traurige Figur ab. Sie wurden mit Sprechchören eingedeckt, die bei den etwas entschiedeneren Konservativ-Liberalen (deren Gast ich für die nächste Woche bin) teilweise in „Reagan, Thatcher, Pinochet“ gipfelten.

PS: Auf dem Bild ist meine Wenigkeit von einer gereckten Faust verdeckt.



18 Kommentare zu “Dzień Dobry Jaruzelski”

  1. Shin

    Reagan ist ok. Thatcher, naja. Pinochet *kotz* *würg*. Wer den toll findet, kann sich mE nicht liberal schimpfen. Leute “verschwinden” zu lassen ist nicht grad die feine liberale Art.

  2. Lina

    Ohne Polnischkenntnisse ist es schwer zu begreifen, was etwa polnische Journalisten unter ‘Liberal-Konservativen’ verstehen, noch weniger, wie diese sich selbst (im Zusammenhang mit Hochrufen auf Pinochet) als solche ausgeben können – und übrigens auch, warum das hier in einer so unkritischen Kolportage* ‘gipfelt’.

    Dass Pinochet einst eine Handvoll Wirtschaftsliberale die chilenische Volkswirtschaft umkrempeln liess, macht ihn zum ‘Helden’ und wäscht sein Regime von schwersten Menschenrechtsverletzungen rein – oder wie?

    *Da staunt der/die LeserIn …

  3. neocool

    @ Lina
    Ja das tut es

  4. Lina

    Ah. Um das zu behaupten, muss man zweifellos neocool sein …

  5. Björn

    @neocool:

    Weil’s da jetzt keinen Smiley hat und sowas im Internet nur schwer zu erkennen ist: Ist in der Aussage Ironie oder ist das ein Trollversuch?

  6. jo@chim

    “Liberale”, die Pinochet bejubeln, haben für mich eins an der Waffel. Das liberale “Rule of Law” ist dem Markt nicht nachzuordnen, sondern gleichwertig. Stefan Pfaffenzeller hat es vor ziemlich genau zwei Jahren in der ef mit seinem Beitrag Augusto Pinochet: Ein liberaler Diktator? auf den Punkt gebracht:

    Wer argumentiert, dass Pinochet aufgrund der erfolgreichen Wirtschaftspolitik seiner Regierung im Gesamturteil positiv bewertet werden müsse, begeht einen entscheidenden Fehler. Eine solche Argumentation beruht auf der Annahme, dass sich Unrecht in einem Bereich durch Erfolg in anderen Bereichen kompensieren lässt. Was aber heißt das in diesem konkreten Fall? Wie weit muss die Inflationsrate sinken, um Folterungen durch Elektroschocks zu rechtfertigen? Wie schnell muss das Bruttosozialprodukt wachsen, bevor die Polizei beim Verhör vergewaltigen darf?

    Ni Allende, ni Jaruzelski, ni Pinochet!

  7. jo@chim

    PS: Auf dem Bild ist meine Wenigkeit von einer gereckten Faust verdeckt.

    Hochgereckte Patschhändchen, ob zur Faust geballt oder nicht, sind mir unsympathisch.

  8. neocool

    Eher Ironie.
    Wer als (Konservativ) – Liberaler im Mob … äh unter Demonstranten (ok, bleiben wir beim objektiven Begriff: Gruppe von Menschen) “Reagan” rumschreit, sich in seiner Laune auch noch steigert, für den ist Pinochet lediglich die Superlative, ein tolles Reizwort, um die andere (gegnerische) Gruppe von Menschen mehr aufzubringen.

    Gleiches bei moderaten Sozis, die bei Randale …. ääh bei Gruppierungen, je nach Aufmerksamkeitsdefiziten, “Chávez” rumbrüllen, obwohl es doch so harmlos mit “Willy Brandt” oder wem auch immer begonnen hat.

    Wer als “Liberaler” sich einer lautstarken Gruppierung von Menschen anschließt, die auch noch die Fäuste gen Himmel strecken, der muss unweigerlich in so ein Abgrund landen.
    Aus gleichen Grund werden wohl moderate Linke solche Spielchen nicht mehr mitmachen, um dann im Gleichschritt mit Leuten zu marschieren, die irgendwelche Schildchen mit Massenmördern gebastelt haben und die Internationale (was auch immer das bedeuten soll) hochhalten.

    Mit Konservativ-Liberalen kann es kein Liberalismus geben, auch wenn man sich solchen Leuten gerne mal hingibt, da es hier und da mehr Gemeinsamkeiten gibt, als mit den etablierten Parteien. Sie sind meines Erachtens aber genauso irrational und dumm wie “Linksliberale” und “Neoneoliberale” (ich verwende lieber diesen Begriff, da die heutige öfftl. Bedeutung des Neoliberalismus nix, rein gar NICHTS, mit ordnungspolitischen Vorstelllungen eines Hayek und co. zu tun hat)

    @ Lina
    Menschenrechtsverletzungen ist sicherlich die richtige Umschreibung. Es ist nur trotzdem interessant, wie du hier gleich von “schwersten” sprichst. Wie umschreibst du dann Menschenrechtsverletzung von anderes Regimes? “noch schwereren, superbrutalen”; “leichten, zarten” ? Es waren einfach Menschenrechtsverletzungen, Punkt.
    Ein vorangestelltes Adjektiv gibt dieser absoluten Tatsache ein subjektives Urteil, was ich in diesem Fall für unangebracht halte.
    Eine mengenmäßige Umschreibung wäre noch angebrachter.

    Die Alternative zu Pinochet, der damalige Gegenpart, der am liebsten alle “Besitzenden” nach Gutdünken abgemetzelt hätte, wäre wohl nicht so “schwerwiegend”? Chile war damals ein wirtschaftliches und politisches katastrophales Land, wo nun mal kein einfacher Machtwechsel stattfinden kann, wo man von Katastrophe gleich über Nacht zum freiheitlichen Wolkenkuckucksheim mutiert.
    Die Realität sollte man ruhig einbeziehen.
    Noch schlimmer ist die Tatsache, dass durch Pinochet M. Friedman in den Dreck gezogen wurde, genauso wie es heute noch als liberaler Faschismus von vielen Seiten etikettiert wird.

    Pinochet ist schrecklich, ein Verbrecher. Aber die liberalen Elemente “seiner” Politk haben positiv gewirkt und das noch nach seiner Zeit. Das kann man als Liberaler ruhig betonen, aber Pinochet zu schreien ist sicherlich absurd und schädlich. Er hat kein Verdienst daran.

  9. Lemmy Caution

    Pin8, Ernesto “Che” Guevara, Fidel Castro, Hugo Chávez, Evo Morales, Daniel Ortega werden in solchen Diskussionen als reines Symbol eingesetzt. Nicht als komplexe historische Figuren in einer komplexen Geschichte:
    Pin8 als Symbol bedeutet meist, dass eine bis ans äußerste gehende Repression legitim ist, um in einer Gesellschaft ein effizienteres Wirtschaftssystem zu implementieren.
    Wer immer sich dafür ausspricht, sollte sich zumindest Rettig Report und Valech Report durchlesen (try google). Beide sollten zumindest teilweise ins Englische übersetzt sein. Es sind unter den demokratischen Regierungen in Auftrag gegebene Berichte über das Grauen.
    Ich denke, es gibt in der Geschichte Beispiele, in denen während einer Diktatur wichtige Grundlagen für ein effizienteres Wirtschaftssystem gelegt wurden (China, Südkorea, Chile), die dann in post-diktatorischen Epochen übernommen wurden. Ich halte das für beunruhigend.
    Das legitimiert natürlich nicht die Greueltaten und sonstige Schäden einer Diktatur.
    Ausserdem haben die weitest überwiegende Mehrheit von Diktaturen nicht zu einem effizienteren Wirtschaftssystem geführt.

    Mit der Aussage “Pinochet” drückt man für mein Verständnis aus: Wir sind im Zweifel auch zu möglicherweise widerwärtig drastischen Maßnahmen bereit, um unsere Agenda durchzusetzen.

  10. DrB

    Mit der Aussage “Pinochet” drückt man für mein Verständnis aus: Wir sind im Zweifel auch zu möglicherweise widerwärtig drastischen Maßnahmen bereit, um unsere Agenda durchzusetzen.

    Da sind dann aber schon nach meinen Erfahrungen Wünsche spürbar die “Zecken” gewaltsam anzugehen, kann mir vorstellen, dass Hr.Fallenstein dbzgl. Erfahrungen in Polen machen wird mit den “National-Liberalen”.

    Dennoch eine interessante und aktuelle Frage wie mit linksradikal motivierten Aufständischen umzugehen ist. Können Mobs überhaupt rechtstaatlich bearbeitet werden, wenn diese gefährlich werden?

  11. Lina

    @ neocool

    verlinkter ef-Artikel war hilfreich, nicht wahr ;-) ? Ich persönlich kann mich der Sicht des Autors nahtlos anschliessen, weshalb Dein Hinweis auf möglicherweise undifferenzierte Einschätzungen meinerseits ziemlich überflüssig gewesen ist – eine aus der Luft gegriffene, neo-uncoole Unterstellung eigentlich, findest Du nicht auch?

    Und wenn Du meinst, man könne nicht von ‘schwersten’ Menschenrechtsverletzungen sprechen, dann würde ich Dir empfehlen, an Vergleichsfällen des selben Delikts zu messen; demnach gehören Pinochets klar zu den schwersten der jüngeren Vergangenheit.

    Und noch was: wenn man als Liberaler ‘ruhig betonen kann’, dass seine Politik auch positiv gewirkt hat, ohne gleichzeitig auf die diktaktorischen Mittel zu verweisen, unter denen sie zustande kamen, so hat das für mich in diesem Zusammenhang einen ähnlichen Geruch wie der Hinweis auf Hitlers Autobahnen; ich glaube nicht, dass ich den an einem Liberalen riechen möchte …

  12. Lemmy Caution

    Die Revolution wird nie vom “Mob” gemacht. In sämtlichen linksradikalen Revolutionen (oder Robolutionen) gabs Unterstützung von einer enttäuschten oder (aus meiner Sicht) über-illusionierten Mittelschicht.
    Die meisten der geschlagenen, vergewaltigten, erniedrigten, ermordeten Opfer von Pin8 waren Akademiker, also nichts was man gemeinhin als “Mob” bezeichnen würde…
    Die meisten Wähler der LINKE im Osten scheinen ja nicht Arbeiter, sondern Mittelschichts-Personen zu sein, die sich bequeme “Leitungs-”Posten ohne viel lästige Konkurrenz zusammenträumen.
    http://che2001.blogger.de/stories/1287201/#1289624

  13. Lemmy Caution

    Chile war damals ein wirtschaftliches und politisches katastrophales Land, wo nun mal kein einfacher Machtwechsel stattfinden kann, wo man von Katastrophe gleich über Nacht zum freiheitlichen Wolkenkuckucksheim mutiert.

    Wirtschaftlich würd ich zustimmen. Aber politisch? Eine der frühesten niederschmetternden Kritiken an der Castro-Diktatur kam vom Gesandten der Unidad Popular (Jorge Edwards, Persona non Grata) auf der Insel.
    Chile besass 1973 eine fast 100 jährige irgendwie auch ernstzunehmende demokratische Tradition und eine noch längere rechtsstaatliche Tradition.
    Und vom “Abmetzeln der Besitzenden nach Gutdünken” redeten selbst die Radikalsten Kräfte der sehr breiten Unidad Popular nicht. Salvador Allende und nicht wenige Sympathisanten entstammten ja super-reichen Oberschichtsfamilien.
    Nein. Nein. Nein.
    Das ist alles viel komplizierter.

  14. DrB

    Es gibt den Mob (gesteuert) und die Menge (ungesteuert), gemeint ist der Mob.
    U.a. die Gwerkschaften und die linken Revolutionäre unter Pinochet waren Mob, ganz eindeutig. Du kriegst einen Staat nicht an den Abgrund nur mit “schlauen” Denkern. Alle Revolutionen werden vom Mob umgesetzt.

    Bzgl. D hast Du recht, die Mittelschicht, inkl. vieler Akademiker, ist links im Sinne von LINKE-Wähler.

    Hatte keinesfalls vor Pinochet zu stützen, ich denke das war klar, die Mob-Frage hat aber eine gewisse Aktualität.

    Bzgl. Input von “Che” bin ich etwas dünnhäutig geworden. ;–)

  15. Rayson

    Freiheit ist nicht teilbar.

  16. DrB

    Die nächste Ausgabe des Webmagazins ex pluribús unum wird sich mit dem Freiheitsbegriff beschäftigen, ich bin gespannt, ich verweise auch gerne auf den deutschen Philosophen Leo Allmann, der einiges dazu geschrieben hat (u.a. “Die reine Freiheit, also A-nomie, wäre schlechthinnige Unbestimmtheit.” LOL), als DrB frage ich auch immer gerne teilend “Frei wovon?”.

  17. NUB

    Viele sog. politische “Ansichten” verraten mehr über die Psychologie des Urhebers als über tatsächliche Politik. Es ist doch nichts Ungewöhnliches daran, seine Ansichten beim Ausbleiben der entsprechenden Erfolge soweit zu radikalisieren, dass es auch schon mal ein bisschen Diktatur sein darf. Hauptsache, das austauschbare Ziel des Ganzen wird ein bisschen vorangetrieben. Und wenn man schon sonst keine Mehrheiten für seine Absichten gewinnen kann, vielleicht klappt es ja mit einer kleinen Abkürzung, indem man politische Gegner ein bisschen abmurksen lässt. Ein kleinwenig.

  18. Lemmy Caution

    Du bist irgendwie den klassenkämpferischen Ansätzen der LINKE auf dem Leim gegangen.

    Im Gegensatz zu Venezuela heute waren die meisten Hochschulen Chiles links. Auch die technischen und wirtschaftlichen Fakultäten. Zumindest wurde mir das von Leuten erzählt, die da in der Zeit sehr nah dran waren.
    Ausserdem legte Salvador Allende schon starken Wert auf die Einhaltung der bestehenden institutionellen Spielregeln.
    Mob waren eher die Folterer. Oft Leute aus armen Verhältnissen, die sich leichter für das Grauen instrumentalisieren liessen.

    Bzgl. D hast Du recht, die Mittelschicht, inkl. vieler Akademiker, ist links im Sinne von LINKE-Wähler.

    … und warum sollte das in Chile anders gewesen sein? Ich sag dir: Es war anders. Ich hab mit einer Menge Leute gesprochen. Der Graben ging durch die Familien.
    Die Armee ist btw. ein traditioneller Aufstiegskanal für Leute aus ärmeren Verhältnissen.
    Pin8 selbst kam aus der Mittelschicht. Vom geerbten Status war Salvador Allende Pin8 unendlich überlegen.

    Natürlich mußte das gesamte gewaltig aufgeblasene Wirtschaftsprogramm der Unidad Popular in den Abgrund führen. Aber das ist ein anderes Thema.

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