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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Auf eine Zeitreise…

jo@chim, 20.12.2008

… begibt sich Paul XIII., rwd, fwd,

über das Jahr 2003, als die USA durch ein Veto im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in letzter Minute daran gehindert wurden, im Irak einzumarschieren: In der ersten Dezemberhälfte 2008 sind es zwischen 2.000 und 8.000 Tote, davon allerdings keine Soldaten westlicher Nationen. Keine westlichen Opfer? Und es herrscht Frieden? Na, dann ist ja alles gut.
Außer für den Journalisten, der so dumm war, Saddam auf einer Pressekonferenz seine Schuhe an den Kopf zu werfen. Der ist leider tot.

Der scheidende glücklose US-Präsident George W. Bush, dem vorgeworfen wird, den 2006′er Kurdenmassakern der Baath-Gardisten tatenlos zugesehen zu haben und sich nun darauf vorbereitet, die Amtsgeschäfte an seine Nachfolgerin Hillary Clinton zu übergeben, kondolierte den Angehörigen. Saddam Hussein bezeichnete dies nach Berichten der New York Times und der Jungen Welt als “Einmischung in die inneren Angelegenheiten des freien Irak”.



16 Kommentare zu “Auf eine Zeitreise…”

  1. Björn

    Das ist aber das Spiel, dass der Krieg plötzlich ganz neue Zielpfosten erhält. Der Krieg wurde zu einem großen Teil in der jetzigen Form damit begründet, dass man unbedingt schnellstmöglich im Irak einmarschieren müsse um die Saddam-al-Quaida-Connection zu sprengen (und es ging dezidiert um die al-Quaida, nicht um Gelder an die Hezbollah o.ä.) und dass Saddam Biowaffen besessen habe, die innerhalb kürzester Zeit auch Mitteleuropa treffen könnten (Broder hat beispielsweise damals mal einen Text fabriziert, wo die Friedensdemonstranten von seiner Biowaffe auf dem Demoplatz hingerafft wurden).

    Diese simple Herunterrechnung: “Kritik am Krieg ist illegitim, weil es unter Saddam ja auch schlimm war und ein fieser Diktator weg ist,” verkürzt die Debatte auf unstatthafte Weise. Weil es auch die Fragen ignoriert ob der Krieg in dieser Form hätte stattfinden müssen (keine klare Exit-Strategie, mit minimalem Kontigent rein wegen Rumsfelds Idee vom Krieg der Zukunft, in dem Bodentruppen sekundärrelevant sind) oder man Saddam hätte militärisch nicht anders hätte entgegen treten können.

    Und weil es die Frage ignoriert, ob sich die USA nicht einen Bärendienst mit dieser Form der Kriegsvorbereitung (Powell vor dem Weltsicherheitsrat) geleistet haben, weil sie dadurch international unglaublich stark an Ansehen und Glaubwürdigkeit verloren haben. Und weil es es ein Mittel ist um beispielsweise die Fragen nach Abu Ghraib und den Folterpraktiken (siehe den Senatsbericht dieser Woche) zu bagatellisieren, denn unter Saddam war es ja schlimmer.

    Will sagen: Das was Paul 13 da macht, ist im Kern auch nicht viel anders vom Gepöbel der Gegenseite (sprich: Der Krieg wurde nur wegen des Öls geführt). Den Gegenstand so weit wie möglich simplifizieren, alle Ecken und Kanten ignorieren und wenn der Gegenstand dann schön einfach und übersichtlich ist (wer den Krieg heute kritisiert, der will dass Saddam weiter Menschen umbringt), dann ist es auch leicht diese Position zu halten.

    Ob’s dem Erkenntnisgewinn nutzt ist ja egal…

  2. Klaus

    Es gibt immer alternative Zeitlinien ;-)

  3. jo@chim

    Der Zielpfosten war damals ganz klar, einen national-sozialistischen und aggressiven Diktator mit dem Drang zur effektiveren Massenvernichtungswaffe zu de-etablieren. Wenn der sich nur an eine einzige UNO-Resolution gehalten hätte, dürfte er heute noch sein Volk malträtieren, mit dem Segen der internationalen Gemeinschaft. Die Terror-Nummer hat doch niemand ernstgenommen. Du? Ob freilich der Krieg in dieser Form hätte stattfinden müssen – ganz andere Frage.

    Abu Ghraib habe ich nie bagatellisiert (Guantanamo viel zu lange) – tut aber in dem direkten Zusammenhang hier nichts zur Sache

  4. Björn

    Ja, Ich habe zwar nicht die Al-Quaida-Connection gekauft, aber ich habe Powell abgenommen, dass es fahrende Biowaffenlabore gibt, dass die USA genau wissen wo diese sind und dass Saddam tatsächlich in der Lage gewesen wäre innerhalb einer Viertelstunde mit Biowaffen bestückte Raketen in Richtung Europa abzuschießen. Und deshalb habe ich damals die Position der USA für absolut korrekt gehalten.

    Was einer der Gründe ist, warum ich heute um so mehr das Gefühl habe, dass der Krieg in dieser Form nie hätte stattfinden dürfen und unter falschen Vorrausetuingen losgetreten wurde. Ob das Ziel alle Mittel rechtfertig, das sei dahingestellt, aber die Verbreitung der Panik bezüglich von Saddams Massenvernichtungswaffenpotential war ein zentrales Argument für den Krieg, und eben nicht das bloße Absetzen einer von mir ja in keiner Form als akzeptabel geltenden Diktatur.

    Ich habe dir auch nicht vorgeworfen Abu Ghraib zu bagatellisieren, aber die verkürzte Darstellungsform die du da von Paul 13 zitierst tendiert dazu sowas zu bagatellisieren. Weil auch Kritik an den Formen gerne damit weggewischt wird, dass es unter Saddam viel mehr Unschuldigen heute ja viel schlechter ginge.

    Und zu “tut in dem direkten Zusammenhang hier nichts zur Sache”: Doch tut es. Du kannst Abu Ghraib nicht aus dem Irakkrieg in der Form wie er legitimiert und geführt wurde nicht herauslösen. Abu Ghraib, die Reinwaschung und systematische Verharmlosung von Folter im Rahmen des Kriegs gegen den Terror, ist ja kein isoliertes Phänomen, sondern ein zentraler Trittstein (erneut: siehe den Senatsreport dieser Woche) und auch ein zentrales Element in der Art gewesen, wie man im Nachkriegs-Irak mit vermeintlichen oder realen Gefahren für die eigenen Truppen umging. Wenn du über den Irakkrieg sprichst, dann kannst du diesen Aspekt nicht einfach ausklammern.

  5. jo@chim

    Absatz 1 kann ich ganz genau so unterschreiben.

    Dass der Krieg so nicht hätte stattfinden dürfen, wurde mir schon klar, als GWB damals breitbeinig auf dem Flugzeugträger verkündete, dass selbiger beendet wäre.

    Aber der Schuhwerfer lebt und in Irak finden nächstens das zweite Mal (halbwegs) freie Wahlen statt. Ist das nicht die Hauptsache? Wenn Du verstehst, was ich meine.

  6. Björn

    @joachim:

    Ich verstehe was du meinst, ich akzeptiere deine Position auch… allein, ich teile sie nicht. Der Irak scheint mir in der jetzigen Form ein instabiler Clusterfuck zu sein, in dem alleine die US-Truppen zwischen einem Bürgerkrieg oder einem Genozid an der einen oder anderen Bevölkerungsgruppe stehen (weshalb ich auch kein Freund des totalen Truppenabzugs bin) und der sich tatsächlich langfristig als Brutstätte für Islamisten etablieren könnte, wenn man ihn nicht möglichst bald stabilisiert bekommt (siehe auch Afghanistan nach dem Ende des Kalten Kriegs).

    Dass Saddam weg ist, das wird sicher niemand als schlecht ansehen. Aber jenseits dieses Aspekts ist die Lage im Irak doch derzeit deutlich suboptimal. Und das liegt eben auch daran, dass man den Krieg scheinbar übereilt geführt hat und die WMD-Stories nutzte, um den Krieg möglichst eilig durchzutrommeln (auch im eigenen Abgeordnetenhaus). Sprich: Im Rahmen des Kriegs hat man außer der Absetzung Saddams wenig vorzuweisen. Der Irak ist geopolitisch nun auf andere Art zu enem Gefahrenherd geworden, die internationale Glaubwürdigkeit der USA hat durch die Art der Kriegsbegründung gelitten und mit der systematisch von oben akzeptierten oder sogar losgetretenen Folter hat die US-amerikanische Regierung die “moral high road” in einer Form verlassen, die wir als westliche Wertgemeinschaft bedenklich finden sollten. (Wobei ich den USA auch zutraue, sich davon zu erholen und den Fehler in der Praxis offen zu erkennen und dagegen vorzugehen…)

    Und wegen all dieser Dinge, bin ich der Meinung, dass die Reduktion der Ereignisse von 2003 bis heute auf die bloße Absetzung Saddams viel zu kurz greift. Das ist ja kein Spiel wo es nur schwarz-weiß, richtig-falsch, gut-böse gibt. Ich kann ja die Absetzung Saddams begrüßen und trotzdem finden, dass die Form in der sie stattfand inakzeptabel war und möglicherweise langfristig sogar kontraproduktiv für die Freiheit im Irak sein könnte.

    Insofern sind die freien Wahlen und das Überleben des Schuhewerfers mir zwar sehr willkommen, aber nicht die Hauptsache. Dafür gibt es dann doch zuviel, das kritischer Aufarbeitung bedarf…

  7. Lina

    DAS ÜBERLEBEN DES SCHUHEWERFERS —

    — kann auch mir nicht helfen, meinen Frieden mit diesem Krieg zu machen. Hier werden die selben Gründe genannt, die ich für mich angeben würde — weshalb ich das Bedürfnis habe, mich dranzuhängen. Danke.

  8. Rayson

    Das was Paul 13 da macht, ist im Kern auch nicht viel anders vom Gepöbel der Gegenseite (sprich: Der Krieg wurde nur wegen des Öls geführt). Den Gegenstand so weit wie möglich simplifizieren, alle Ecken und Kanten ignorieren und wenn der Gegenstand dann schön einfach und übersichtlich ist (wer den Krieg heute kritisiert, der will dass Saddam weiter Menschen umbringt), dann ist es auch leicht diese Position zu halten.

    Timing ist da auch ganz wichtig. Wer aus dem 14. Stock fällt, kann bis zum 1. Stock noch sagen, bis dahin sei doch alles gut gegangen. Die Frage ist doch vielmehr: Was passiert, wenn die alliierten Truppen raus sind? Nicht nur im Irak übrigens, sondern auch in Afghanistan? Oder darf man sich auf ein dauerhaftes Besatzungsregime in mehr oder weniger feindlicher Umgebung (jedenfalls nicht wie im Nachkriegsdeutschland bei Schutzsuchenden) einstellen? Und was bedeutet das dann eigentlich?

    Übrigens hätte man Bush mit einem Impeachment überziehen müssen, wenn er nur für die Absetzung eines einzigen von vielen Diktatoren da draußen all das ausgelöst hätte. Da ging es selbstverständlich auch noch um ganz andere Dinge, die in dieser Region unweigerlich eine erhebliche Rolle spielen. Aus meiner Sicht war z.B. Öl da schon eine Voraussetzung – als notwendige Begründung, aber nicht als hinreichende. Ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, dass die Verantwortlichen eine Woche nach Kriegsbeginn gesagt hätten: “Ach – da gibt es hohe Ölreserven? Da haben wir aber Glück gehabt!”

  9. David Harnasch

    Ich möchte Abu Ghraib bitte mal dringend bagatellisieren, indem ich Hitch zitiere: LET ME BEGIN WITH A simple sentence that, even as I write it, appears less than Swiftian in the modesty of its proposal: “Prison conditions at Abu Ghraib have improved markedly and dramatically since the arrival of Coalition troops in Baghdad.”

  10. daniel

    Der Klassiker. Aber es geht den Leuten dort nicht schlechter sondern scheiße!

  11. stefanolix

    Welchen Wert hat der Vergleich zwischen den Methoden der Schergen eines Verbrechers und den Methoden der Soldaten eines demokratischen Rechtsstaats? Es gibt hier überhaupt keinen Grund für Zynismus. Die Folterer von Abu Ghraib haben ihren Opfern Schaden zugefügt und den Prozess der Normalisierung verzögert. Sie haben den Terroristen und ihren Ideologen einen Grund zur Rache geliefert. Und dieser Schaden kann nicht durch witzige Vergleiche relativiert werden.

  12. Björn

    Wow: Wir sind nicht so schlimm wie Saddam…

    Wenn das natürlich der Standard ist, an dem man das eigene Verhalten messen lassen will, dann ist natürlich nach unten noch jede Menge Spielraum…

  13. Kuschel

    Irak ist ja noch nicht vorbei und die besatzungsfreien Zeiten des Irak stehen noch bevor. Nach den Russen haben sich in Afghanistan die Taliban eingenistet. Kein bisschen anders wird das im Irak laufen, nur dass sich die kampfbereiten, jungen muslimischen Männer weltweit vervielfacht haben. Unsere (des Westens) einzige Hoffnung könnte leider sein, dass sich die Schiiten, Sunniten und Kurden im Irak erst mal ein paar Jahre gegenseitig die Köpfe einschlagen und währenddessen aus dem Blick verlieren, wem ihr Groll “eigentlich” gilt.

  14. Christian S.

    Meine Meinung deckt sich in diesem Fall ziemlich mit der von Björn und Rayson. Ich möchte noch etwas ergänzen: einer meiner Dozenten ist/war bei der Schweizer Infanterie, und bei einem Gespräch hat er mich darauf gebracht, dass die totale Vernichtung der irakischen Armee in so unfassbar kurzer Zeit, ohne nennenswerte Verluste der anderen Seite, eine so unglaubliche Demütigung darstellte für das irakische Volk, dass ein Neuaufbau des Iraks allein schon dadurch erschwert wird.

    Die westliche Welt träumt ja immer von Kriegen ohne Opfern, Kriegen ohne Bodentruppen. Nur wenn da steht “Kriege ohne Opfer”, dann ist gemeint: Kriege ohne westliche Opfer. Aber so funktionierten Kriege in der Vergangenheit nicht, und sie funktionieren auch heute nicht so: denn statt der Soldaten sterben Zivilisten durch (Streu)Bomben, nach dem Sieg hingegen ist das besiegte Land nicht befriedet, sondern unruhig.

    Mir scheint die ganze Problematik von fast ausschließlich aus der Luft geführten Kriegen noch nicht von der breiten Öffentlichkeit debattiert oder gar erkannt zu sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine Kommission (des Senats, mMn) übrigens heraus, dass die massenhafte Bombardierung ziviler Ziele kriegstechnisch keinerlei Vorteile brachte, sondern eher Nachteile, da die Bevölkerung danach erhöhten Durchhaltewillen zeigte und Militär nicht nennenswert zerstört wurde.

    Trotzdem wurde die Air Force 1947 eine eigenständige Teilstreitkraft – obwohl die Fliegerangriffe keinen Sinn hatten. Ergo: ohne Bodentruppen und ohne Verluste kann man keinen Krieg gewinnen und ein Land nicht befrieden. Die Mär vom Krieg ohne Opfer gehört schnellstens vergessen.

  15. Christian S.

    Irgendwie klappt es nicht, einen längeren Eintrag einzustellen, oder ich lande im Spamfilter. Hier also ein Link zum Kommentar:
    http://blog.christian-soeder.de/2008/12/moderne-kriege-ohne-bodentruppen-am.html

  16. jo@chim

    Also 12 Minuten Moderationsfilter sind ja nun *wirklich* nicht lang, wenn sich der Cleaning Executive gerade auf Regen-Erlebnisurlaub im Bayrischen Wald befindet und mit GPRS-Speed ins Netz geht, oddrrrr? ;-)

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