Pro Reli? Pro Selbstverantwortung!
jo@chim, 17.01.2009
Nach derzeitiger Rechtslage steht es in Berlin allen frei, sich für einen religiös oder weltanschaulich gebundenen Unterricht zu entscheiden oder eben dagegen. Nach dem Gesetzentwurf des Volksbegehrens wären Schülerinnen und Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen wollen, gezwungen, stattdessen Ethik zu belegen. Dieser Ethik-Unterricht wäre dann nicht mehr ein allgemeinbildendes Fach für alle, sondern eine Art moralischer Ersatzdienst für Religionsunterrichtsverweigerer.
So die Humanistische Union in ihrer Pro-Reli in Berlin angestrengt hat. Sehr richtig!
Als bayrischer Bürger und Vater zweier ungetaufter Kinder weiss ich sehr genau, wovon ich spreche: mein sechsjähriger Sohn muss, um hier in der fränkischen Provinz am Ethikunterricht (als Ersatz für den konfessionellen Religionsunterricht als Regel) teilzunehmen, eine andere Schule besuchen – am Nachmittag. Wohl um berufstätigen Eltern die Entscheidung “pro Reli” zu erleichtern?
Das ist es, was die Verfechter von Pro-Reli wollen: den “sanften Druck der Verhältnisse” (wieder) etablieren, um dem Mitgliederschwund der christlichen Kirchen entgegenzuwirken. Von wegen “Wahlfreiheit”!
Umso unverständlicher ist es für mich, wenn die Berliner FDP, aber auch Sozialdemokraten, von denen ich das nun wirklich nicht erwartet hätte, auf die Desinformationspolitik der Pro-Reli-Initative – die direkt gegen den säkularen Staat gerichtet ist – hereinfallen. Gottlob (darf ich das als Agnostiker?) gibt es auch alternative Meinungen aus dem christlichen Spektrum.
Die religiöse Unterrichtung ihrer Kinder ist das gute Recht der Gläubigen – aber warum sollen die ungläubigen Staatsbürger hierfür “mit haftbar” gemacht werden?
Auf Logbuch | Libertäre Plattform habe ich in einem Kommentar einige Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt und nach “Liberalismus-Grad” skaliert. Es gibt verschiedene Alternativen – die am wenigsten liberale ist die, die “Pro-Reli” durchsetzen will:
Pro Reli? Pro Selbstverantwortung! Für Ungläubige und Gläubige.
antibuerokratieteam.net





[...] (Crosspost auf antibuerokratieteam.net) [...]
ich denke nicht, dass man Pro Reli beschuldigen sollte, gegen den (säkularen) Staat ausgerichtet zu sein. Schließlich ist die geforderte Form üblich in den meisten (allen?) anderen Bundesländern.
Meiner Meinung nach sollte man jeder Schülerin und jedem Schüler die Möglichkeit geben, mehr über die eigene Religion in einem vertrauten Umfeld zu lernen.
Das Angebot “freiwilliger Religionsunterricht” ist nett, bringt aber insofern nicht viel, da schon heute der Druck auf Schülerinnen und Schüler so groß ist, dass sie sich naturgemäß und nachvollziehbar gegen eine zusätzliche Stunde Unterricht entscheiden.
@Christian S.:
Die öffentlichen Schulen okkupieren inzwischen also soviel Lebenzeit der Schüler, dass sie keine Zeit mehr haben, sich um andere Themen zu kümmern, als die durch den Lehrplan vorgegebenen.
Es scheint mir, dass wir hier zum Kern des Problems vordringen.
Wenn man sich an den Staat wenden muss, um eine Stunde zu bekommen, in der man sich um ein Thema seines Interesses kümmern kann, dann geht es nicht mehr um diese Stunde, oder Religion oder Ethik.
Und das “vertraute Umfeld” ist also nicht mehr die Familie, die Kirche, sondern nur die Schule?
Und dann muss man noch sehr genau hinschauen, was die Kinder in Ethik lernen. Mein kleiner Sohn (7) hat in diesem Schuljahr bisher
- den heiligen Martin,
- die Schutzheilige Barbara,
- den Bischof Nikolaus von Myra,
- das Malen von Engeln,
- den Scherenschnitt von Engeln,
- die Weihnachtsgeschichte und
- die Geschichte der Heiligen Drei Könige
behandelt. Soviel zum Thema Ethik-Unterricht an einer sehr guten und nicht konfessionsgebundenen Dresdner Grundschule. Ich frage ihn nachher noch, ob ich etwas Nichtreligiöses vergessen habe.
Ergänzung: Wenn ein Christ glaubwürdig die Trennung von Staat und Kirche vertreten will, dann kann er nicht für staatlich eingetriebene Kirchensteuer und auch nicht für staatlich betriebenen Religionsunterricht sein. Ich erlaube mir, das so schwarz-weiß zu sehen, weil ich wirklich alle Aspekte des Problems Religionsunterricht am eigenen Leib kennengelernt habe.
Wozu überhaupt Ethikunterricht? Sollen da etwa Werte vermittelt werden? Weltanschaulich neutraler und sinnvoller wäre doch stattdessen Philosophieunterricht, der natürlich mit Logik beginnen müsste, aber irgendwann auch Religionen zu behandeln hätte.
Nicht Werte sollen vermittelt werden, sondern eigentlich Wissen. Ich meine, dass ein Schüler über die Weltreligionen grundsätzlich Bescheid wissen sollte, schließlich muss er ja religionsmündig werden. Philosophie wird hier in Sachsen im Fach Ethik in den späteren Schuljahren gelehrt.
Ich bin zu faul, mich selbst zu informieren:
Gibt es auch die Möglichkeit, sich sowohl gegen den religiös als auch gegen den weltanschaulich gebundenen Unterricht zu entscheiden? Dies wäre meines Erachtens die aus liberaler Sicht einzig erträgliche Situation.
Aus liberaler Sicht wäre doch nur erträglich, wenn es gar keinen Schulzwang gäbe. :P
Sehr richtig Christian – siehe Punkt 4) meiner Stellungnahme auf dem LP-Blog … aber das ist ja mit Euch Sozen nicht zu machen, dafür seid Ihr… äh… zu wenig progressiv ;-)
Wie Du das nennst ist egal Schmock – ich halte es (im Rahmen des real existierenden Staatsbildungswesens) durchaus für sinnvoll, wenn Moslemkinder lernen, dass Judenkinder kein Blut saufen, und wenn Christenkinder lernen, dass es zwischen den drei monotheistischen Religionen viel zu viele Gemeinsamkeiten gibt, um sich, erwachsen geworden, gegenseitig die Zivilisationsfähigkeit abzusprechen.
Und dass all diejenigen, die den Bullshit nicht glauben, nicht “schlecht” sind… sondern Menschen, BÜRGER!, wie Du und ich…
(Ohne wie auch immer geartete Finanzierungsverpflichtung für die guten Taten die die Religiösen uns antun wollen)
Berliner Hintergrund:Als Hatun Sürücü von ihrem Bruder ermordet wurde, weil sie seiner Meinung nach unislamisch lebte, und Berliner Schüler das gut fanden, hat der Senat ein Pflichtfach Ethik für alle ab der siebten eingeführt.
Die Frage ist, ob´s das bringt. Religionsunterricht unter staatlicher Aufsicht – das, was die christlichen Kirchen seit Jahren machen – wäre sinnvoller, um die Kinder ins Boot zu holen. Außerdem ist Ethik für Kinder, die von der ersten bis zur sechsten in Religion gehen, schlicht langweilig – haben sie alles schon mal gehört. (Vorausgesetzt, der Religionslehrer taugt was. aber das ist ja immer so die Frage – hier sind wohl einige, die diesbezüglich Pech hatten. ) Vergeudete Zeit. Wenn alle entweder Religion oder Ethik oder Lebenskunde besuchen, dann können sie wenigstens diskutieren! Nix anderes vertritt “PRo Reli”.
Gute Idee! Religionsunterricht und Ethikunterricht, gerade wenn die “falschen” Werte unterrichtet, was üblich zu sein scheint, es geht ja oft Richtung Betroffenheitslyrik und (oft indirekt) um das Lehren der Richtigkeit der Umverteilung, sind problematisch, die Philosophie befähigt (idealerweise, wenn die “falschen” Philosophen gelehrt werden natürlich nicht) zum Denken.
Die Sache mit den Weltreligionen könnte (und sollte) im Erdkunde- oder Politik oder Soziologie- oder Geschichtsunterricht oder in sowas wie “GWG” abgehandelt werden.
Sowas gibts ja bereits “noch und nöcher”.
Die Kirchensteuer wird vom Staat als Dienstleistung, die von den Kirchen bezahlt wird, eingetrieben. Das kostet den Staat nichts, im Gegenteil, er verdient daran.
Und einzelnen Gruppen pauschal geschäftliche Beziehungen zu untersagen, finde ich eher extrem unliberal.
Auch die Schwarz-Weiß-Sicht finde ich nicht gut begründet: Mit dem gleichen Argument könntest Du Dich ja auch für die Abschaffung der Demokratie einsetzen, weil Du so viel schlechte Erfahrungen mit Lügen in Wahlkämpfen gemacht hast.
Zum Thema Pro-Reli verlinke ich einfach mal meine Argumente aus einem älteren Artikel von mir: http://www.libertas-cara.de/?p=742
Von wegen “wenigstens diskutieren”… “Pro Reli” repräsentiert das Diskussionsverbot, nicht mehr Freiheit. – q.e.d.…
Mir gefällt einiges nicht an dieser “Pro Reli” Kampagne. Die Schüler sollen gezwungen werden sich zwischen Ethik und Religion entscheiden zu müssen. Die “Pro Reli” Kampagne ist ja sogar für einen Ausbau des Ethikunterrichts. Statt nur von der 7-10 Klasse möchte sie ihn ja für Klasse 1-10. Das hat auch seinen Grund! Der Ethikunterricht soll die Funktion eines Religionsersatzdienstes erfüllen. Wer nicht freiwillig in den Religionsunterricht kommt soll sich wenigstens mit Ethik rumschlagen.
“Pro Reli” ist dafür auch bereit Berlin Mehrkosten von 56.8 Millionen aufzubürden. Dass die Schüler der Klasse 1-6 zwei zusätzliche Wochenstunden machen müssen, ist ihnen auch egal.
Religionsunterricht ist in Berlin seit 1948 freiwillig, doch jetzt hoffen manche die Zeit wieder um 60 Jahre zurückdrehen zu können. Dabei besteht kein Grund sich zurückgesetzt zu fühlen. Der Religionsunterricht wird auch in Berlin fast komplett vom Staat bezahlt!
Der Ethikunterricht wird nur als Vorwand benutzt um den Religionsunterricht noch weiter zu stärken und zu einem regluären versetzungsrelevanten Fach zu machen. Den freiwilligen Religionsunterricht machen gerade mal 6 % der Berliner Schüler. Doch das soll geändert! Kommen sie nicht freiwillig, sollen sie mit der WahlPFLICHT unter Druck gesetzt werden.
Ich habe mich hier schon mal ausführlicher mit dem Thema auseinandergesetzt. http://freidenker.cc/?p=230
Nur so ein Gedanke…
Der Wahlkampf in Berlin tobt. Nein, nicht Europawahl. Am 26.4. gibt es eine Volksabstimmung zum Religionsunterricht in Berlin. Nun ist es bisher so, dass alle gemeinsam Ethik-Unterricht haben. Wer Religionsunterricht machen möchte kann das Freiwillig …
Meine Schulzeit ist gar nicht so lange her. Bei uns gab es auch Religionsunterricht, an dem ich nicht teilnahm. Hätte mich aber interessiert. Die dussligen Beamten waren aber der Meinung, als ordentliches Schulfach bräuchte es Noten und einen Ersatzunterricht für die anderen inkl. mir wurde eingerichtet: “Darstellendes Spiel”. – Vorher haben wir unter Aufsicht unseres Mathematiklehrers herumgegammelt. “Darstellendes Spiel” war die reinste Hölle. Die Lehrerin hat wohl in den Sommerferien einen Kurs besucht und uns dann aus ihren Unterlagen vorgelesen. Das Zwerchfell hieß bei ihr “Zwergfell”.